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Donaueschinger Musiktage 2026 – trotz kognitiver Dissonanz Tiefe und Scheitern

Donaueschinger Musiktage 2026: Das Schönste waren die Uraufführungen von Rebecca Saunders und Natasha Barrett. Natürlich auch die virtuose Präzision in Simon Steen-Andersens Schwitters-Performance.

Donaueschinger Musiktage 2026: Die größte kognitive Dissonanz erzeugte der Film Dear Lara der kanadischen Geigerin Lara St. John, der Opfer von Missbrauch in den Orchestern, Veranstaltern und Ausbildungsstätten der Klassikwelt im angelsächsischen Raum und den Niederlanden zu Wort kommen läßt und sich die konsequente strafrechtliche Verfolgung auf die Fahnen schreibt und der Auftritt von Francois-Xavier Roth als Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters im Abschlusskonzert, der von vielen jungen Stimmen mit Äußerungen des Missfallens begrüßt wurde bzw. ebenso viele junge Journalist:innen, Musikwissenschaftler:innen und Komponist:innen das finale Konzert erst gar nicht besuchten, wenn man mit diesen zuvor nachmittags am Sonntag sprach.

Wie oben gesagt, war das Schönste unter anderem die Uraufführung The Disenchanted Tranquility of the Kingdom für Orchester und Elektronik von Natasha Barrett am Freitagabend mit dem SWR-Sinfonieorchesters und dem Dirigenten Brad Lubman. Die Elektronik ergänzte das Orchester auf eine Weise, dass man es wirklich als Erweiterung des Raumes erlebte. Erstaunlich waren dabei die Äste ins Abgründige. Allerdings traute Barrett sich nicht zu, genau da mal emotionaler tiefer einzutauchen. Stefan Prins Uraufführung Madness Machines für Orchester und Elektronik versprach das inhaltlich, trotz hoher Lautstärke stellte sich nicht mal die Wut eines Gitarren-Drones über die Krisen unserer Zeit ein. Igor C. SilvasTomorrow’s Next Bliss für improvisierende Solist:innen, Orchester und Elektronik, mit ihm am Turntable-Pult und seiner Frau Susana Santos Silva als Trompeterin wirkte im Zeitablauf gut kalkuliert bzw. als die Snare mit einem gleichmäßigen Pulstreiben einsetzte, ergab sich das einfach. Es wirkte cool, aber nicht besonders. Hannah Kendall gelang mit the unfleshed bells of the inaudible und gespielten Teekesseln und Walkie-Talkies ein softes Zischen, Pfeifen und Rauschen, als sei es eine heutige Ravel-Pavane. Alles technisch versierte Werke, aber war das ein Uni-Masterkonzert Orchesterkomposition oder ein Festival im Zeichen unserer Krisenzeit? Ich nehme explizit Natasha Barrett davon aus.

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Am Sonntagvormittag begann der Tag mit den Streicher:innen des Ensemble Resonanz mit Enno Poppe als Dirigent. Ann Cleares Uraufführung Dream Machine wirkte im Flirren und Vierteltonschwanken wie ein auskomponiertes, freundliches Vibrato. Rebecca Saunders thirst ging deutlich weiter und entwickelte trotz fast zu vieler Glissandi eine Expression und emotionale Tiefe, die in ihrer annähernd erweiterte Spieltechniken meidenden Art und Weise sehr überraschte. Und überzeugte. Die Harmonik wirkte manchmal etwas zufällig, wie man durch Cluster und Akkorde durchrutschte. Ein großes Retro-Quasi. In Intensität und Zeitgestaltung war es das beste Werk des Festivals.

Das Werk mit den meisten Fragen an Inhalt und Form war Brigitta Muntendorfs Last Show Q&A für Ensemble und Publikum – und man muß ergänzen: KI-Film, KI-Stimme. Es spielte das Ensemble Modern mit Xizi Wang als Dirigentin. Wenn man alles Drumherum weglässt und aus einer fernen Zeit darauf blickt: die „Ouvertüre“ und nach der ersten die zweite Instrumentalnummer sind für sich allein genommen schöne Musik, die vielleicht davon übrig bleibt. Doch manches war nicht wegen fehlender Komplexität fad, sondern wegen fehlender Lust am Spiel mit Komposition. Das Publikum sollte zudem einzelne Teile per Smartphone bewerten. Leider gelang das niemand meiner Nachbar:innen im Saal. So musste man Zuhören ausüben, genau das Zuhören, das wir angeblich gerade nach der Theorie des Werks verlieren. So gab es wohl Plan B und vorbereitete Abstimmungsergebnisse. Am Ende landete man in einer KI-Handtuch-Sanjassin-Welt in KI-Urwald-Betonarchitektur. Natürlich dachte man dann wegen der KI-Bilder über das Dsytopische nach. Aber nicht durch Musik dazu angeregt, sondern das Scheitern der Komponistin an ihrer Musikidee. Dennoch nicht daraus was Ableiten: Man darf auch Scheitern und so hatte der Abend auch was sehr humanes.

Am Nachmittag gab es die Uraufführung von UR. Das war eine Bühnen- und Videoperformance von Simon Steen-Andersen in Zusammenarbeit Uraufführung mit Michael Schmid, letzterer als Performer. Es geht um einen Rezitator, der sich in seiner Garderobe auf seinen Vortrag von Kurt Schwitters Ursonate vorbereitet. Dabei wird es ihm immer schwerer, die Bühne zu erreichen. Der Weg auf die Bühne war als Film zu sehen, die Aufführung der Ursonate in Teilen erfolgte solange, bis der Performer wieder mit dem Film abgetimet die Bühne verließ und in der Garderobe wie aus einem Alptraum erwachte. Das war ungemein präzis performt, auch in all den Seiten- und Rückenlagen, in die Michael Schmid versetzt wurde. Im Backstage verirrte er sich von mal zu mal in Ecken und Momenten, die an Kurt Schwitters als Autor und Person erinnerten. Das mündete im Auffinden der Skizzen von Schwitters zu einer musikalischen Vertonung der Ursonate zum zu rezitierenden Dada-Text. Eine präzise Hommage an persönliche Schicksalsschläge des Performers höchstselbst und Kurt Schwitters.

Die größte Begeisterung für das Spielerische löste Samstag Nacht Steven Kazuo Takasugi Uraufführung Museum Factory für Perkussionstrio, Skulpturinstrumente, Video und Elektronik aus. Das Schlagzeugtrio Speak Percussion mit Kaylie Melville, Alexander Meagher und Louise Devenish evozierte erst klanglich, dann mit ihren Gesichtern und zuletzt Klangskulpturen mit und nach den Materialien der Sammlung Pervy Grainger Bilder, die an die verzerrten Gesichter von Francis Bacon erinnerten. Oder an die Gesichter von Menschen im Bombenhagel unserer Tage. So wurde mit musealen Herangehen und ausziselieren von dessen klanglichen Möglichkeiten politische Musik.

Das Abschlusskonzert hörte und sah ich aufgrund der eingangs erwähnten kognitiven Dissonanz nur per Live-Stream. Zur Reaktion von Teilen des Publikums auf den Chefdirigenten ist alles gesagt… Hier beeindruckten mich besonders die Werke von Fabien Levy, Que reste-t-il? – Hindewhu Extinction, das den ganzen Orchesterapparat forderte und die Stimmen virtuos durchwirkte, und Clara Ianottas into a world that is pure blue, was einen dringlichen Sound auffuhr, so dass man wirklich an das blaue Auge des Eiskönigs in Game of Thrones denken mußte. Beide hätten wie Natasha Barrett den Orchesterpreis verdient, der an Mauro Lanza ging, dessen we’ve actually been in this place before ein sehr gutes Werk ist, doch jetzt auch nicht speziell auffiel. Noriko Baba setzte fröhliche Sounds mit Bestiarium Musicale VI frei, angesichts von Levy und Ianotta ein Leichtgewicht.

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