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Deutschland im Herbst ( V ) : Onkel Schorschi, Werner und der Verlust

Meine erste Frau, die wunderbare Schauspielerin Stefani Jarke, deren Todestag sich in diesen Tagen am 18. Oktober zum dreißigsten Mal  jährt, hatte eine geliebte Großmutter Lieselotte, die von ihr immer zärtlich „Buba“ genannt wurde. Buba wiederum  hatte zwei Brüder, den Onkel Schorschi und den Werner. Genauer gesagt: sie hatte sie gehabt. Denn Onkel Schorschi kam als Soldat nach Belgien, heiratete dort und blieb für immer weg nach dem Krieg; Werner hingegen verschwand bereits einige Jahre zuvor in der Nazizeit . Erst kam er in die Irrenanstalt in Hamburg-Ochsenzoll, von dort verschwand er dann irgendwann in ein Krankenhaus und von dort ins Nirgendwo. Die Familie bekam die Nachricht: verstorben. Er wurde umgebracht, wie wir heute vermuten müssen.

Auch in dieser Familie gab es also diesen Verlust, über den man nicht sprach. Wenn, dann wurde herumgedruckst, ja, der Werner sei eine gespannte Persönlichkeit gewesen, letztlich irgendwo krank, ja er habe es schwer gehabt, nein, man kann nicht sagen, wie es passiert ist.

Das schwebte drohend über allem. Meine Ehefrau, die als Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen mit Gisela Stein, Bruno Ganz  oder Jens Harzer auf der Bühne stand – auf dieser Ebene spielte sich das bei ihr ab, diese Bühnentiere erkannten sich gegenseitig, als wenn sie den Braten in der Küche riechen würden – dachte in den verzweifelten Zuständen, in die sie aus psychischer Gespanntheit bei der Rollenerarbeitung mitunter geriet, häufig an ihren Großonkel . Wie, wenn sie auch dabei wäre, verrückt zu werden? Wie, wenn sie auch dabei sei , durchzudrehen? Sie sei sich ihrer selbst nicht mehr ganz sicher. Wie Werner. Oder wie Schorschi, die seien im Grunde alle verrückt gewesen.

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Also auch hier: bis ins dritte und vierte Glied.

Karlheinz Stockhausen verlor 1941 seine Mutter auf diese Weise. Gerhard Richter bereits 1938 seine Tante. Die Personen wurden abgeholt, in Zwangsjacken, in kleinen Kastenwägen, wie in dem Kinofilm über Richter eindrucksvoll nachgespielt. Und dann waren sie weg, an einem Ort, wohin man lieber nicht ging, von dem man wenig hörte. Und die Frauen, die zu Besuch gegangen waren, jammerten  danach zuhause und schrieen ihren Kummer lauthals heraus, wie Gerhard Richter eindrucksvoll erzählt hat in einem Interview. Bis irgendwann die Nachricht eintraf: verstorben.

Mein damaliger Schwiegervater erzählte von diesem Onkel Werner, der sei immer so ein bunter Vogel gewesen, habe sich bunt gekleidet und immer mit den Frauen herumgescherzt. Auf die Nachfrage, wie er im Krankenhaus verstorben ist, gab es nur die ratlose Antwort, er sei eigentlich ganz gesund gewesen immer.

Und Onkel Schorschi? Der lebte in Belgien, damals war das fernab, ohne die belgische Sprache zu können, ging niemals einer regulären Arbeit nach, sondern schrieb sein ganzes Leben lang an einem Roman.

Die Leere oder Die Leerstelle, so hätte er ihn vielleicht nennen sollen. Der Verlust.

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