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Pop wird Klassik: Instrumentals

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  • eine sentimentale Erinnerung von Jobst Liebrecht

Die Helden der Popgeschichte kamen häufig aus Aufsteigerfamilien . Sie erlebten dort, was heute  „Klassismus“  benannt wird, eine aggressive Haltung der Hochkultur gegen die unteren Schichten. Häufig hatten sie sich in schwierigem Umfeld alles selbst beigebracht – Sinnbild für viele Paul McCartney, der mit 14 allein in seinem Zimmer an der Gitarre herumwerkelte und Songs erfand . Vor diesem Hintergrund hatten diese Popstars immer, wie ich vermute, zugleich Scheu vor wie auch versteckte Sehnsucht nach der klassischen Musiktradition.

Am deutlichsten tritt dieses hervor bei Nummern, die die Künstler erfanden, indem sie ihren eigentlichen Wirkungskreis, den spontanen Popsong, das populär zu allen sprechende Lied verließen und sich in den Dunstkreis dessen begaben, was früher mal „reine“ oder „absolute“ Musik betitelt wurde: Musik ohne Worte, ohne explizite Inhalte also, mit Einschränkung auch ohne menschliche Stimme. Sie näherten sich damit am vehementesten und mit vollem Willen der „Klassik“.

Dieses geschah in den sogenannten „Instrumentals“. Da ich selbst früher in einer Band gespielt habe, erinnere ich mich gut, was für eine tiefgreifende Entscheidung es war, eine Nummer allein instrumental zu konzipieren, keinen Song zum Ziel zu machen. Ich erinnere ebenfalls gut aus meiner Jugend, dass meine Klassenkameraden mit diesen Instrumentals immer voller Begeisterung zu mir kamen, das müsse ich mir unbedingt einmal anhören, das sei doch genauso gut wie klassische Musik. Ich fand das zwar nicht unbedingt immer, aber etwas blieb hängen von ihrer Begeisterung, und zwar nachhaltig, und beschäftigt mich bis heute.

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Ich habe deswegen vier Instrumental-Kompositionen von vier berühmten Popbands herausgesucht und wieder gehört. Ich beziehe mich explizit auf Kompositionen, und durchaus nicht auf Aneignungen klassischer Musik oder Bearbeitungen wie die legendäre „Nutrocker“-Performance von Emerson, Lake and Palmer oder ihre Bach-Improvisationen, die uns damals landauf landab in der Schule vorgespielt wurden.

Wir befinden uns da popgeschichtlich im Zeitraum zwischen den 60er und den 70er Jahren. Es findet in Produktion, Gebrauch und Kaufverhalten der Übergang von der Single-Schallplatte zur Langspielplatte (LP) statt. Das bedingt, dass die Nummern der Popbands generell immer länger werden können. Das bedingt auch eine Verschiebung der künstlerischen Arbeit von dem einzelnen perfekten Song hin zu einem manchmal fast sinfonischen Konzept eines ganzen künstlerisch gestalteten Albums.

Supertramp war, so die Geschichtsschreibung, eine der ersten Bands, die mehr LPs verkauften als einzelne Singles ihrer einzelnen Hits .

Ebenfalls die geschilderte Neigung zu Instrumentals wurde also immer ausgedehnter bei den gänzlich ausufernden  Sparten wie Art Rock, Prog Rock, Psychedelic Rock, Classic Rock mit mäandernden Improvisationen, endlosen Nummern usw.usf.

Hier vier komponierte und prägnant gestaltete Instrumental-Nummern aus dieser Zeit:

1. Beach Boys „Let´s Go Away For Awhile“ ( 1966 )

Mit „Pet Sounds“ hatte Brian Wilson die Tür aufgestoßen für die dann folgenden Ausflüge der Popmusik in die klassische Komposition hinein. Seine Instrumentals auf den Platten der 60er Jahre zeichnen sich durch die für ihn so typische lyrische Verdichtung in allen musikalischen Parametern wie auch eine generelle Nähe zur jazzgefärbten Filmmusik aus. Es sind kurze Juwelen, kostbar und mit Bedeutung aufgeladen. Wie der Titel dieser ersten von ihnen, begibt sich Brian Wilson auch wörtlich verstanden, damit ein Stück weit weg von der Menge, ihnen haftet immer auch etwas Eskapismus und etwas Verdrehtheit an.

 

2. Beatles „Revolution 9“ ( 1968 )

Voll staunender Bewunderung hörten wir als Jugendliche diese über 8 minütige experimentelle Klangorgie von John Lennon, Yoko Ono und George Harrison auf dem „Weißen Album“ der Beatles. Es handelt sich um instrumentale Musik mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts, mit Tape Loops, der Elektronik und allem, was sonst im Tonstudio zur Verfügung stand. Es markiert auch die Überlegenheit an Witz und künstlerischer Reflektiertheit, die die Beatles sich mit Unterstützung von George Martin im Vergleich zu anderen Bands innerhalb weniger Jahre erarbeitet hatten. Sie waren damals wirklich auf der Höhe des zeitgenössischen Kunstschaffens.

 

3. Abba „Intermezzo No. 1“ ( 1975 )

Viel bodenständiger, direkt in der Barockmusik verwurzelt ( das Stück hatte zwischenzeitlich den Arbeitstitel „Bach-tune“ ) und mit Anklängen an die Ballettmusik von Tschaikowski ( oder gar ans Kabarett , wie es dann auch Queen in „Bohemian Rhapsody“ zelebrierten ) , handelt es sich hier um eine tanzbar-fröhliche, im Grunde klassische Komposition, die lediglich mit modernem Instrumentarium ( am prominentesten Lasse Welanders E-Gitarre und der Moog Synthesizer ) dargeboten wird. Abba-Sound mit Ohrwurmqualität ohne die ikonischen Stimmen von Agnetha und Annafrid.

 

4. Supertramp „ Fool´s Overture“ ( 1977 )                                                                                                                                       

Von Beginn an ausufernd und in Rodger Hodgsons dann plötzlich bei Minute 5 doch noch einsetzendem Gesang mitunter das Weinerliche streifend versucht die „Fool´s Overture“ irgendwie das Große Ganze zu fassen – mit Einspielungen von Churchill-Reden, Barock-Chören, minimal-artigen Floskeln. Obwohl sie als Komposition meiner Meinung nach nicht an die vorangehenden Beispiele heranreicht, verfehlt sie insgesamt ihre Wirkung nicht. Dieses liegt maßgeblich am Sound – bei Supertramp stilprägend gemischt aus Wurlitzer-Orgel, Synthesizer und dem prominentem Saxophon von Anthony Hellywell.

 

Mittlerweile sind  diese vier Beispiele wie andere auch ikonisches Erbe der Popkultur geworden. Dieses wird  selbst zur „Klassik“. Es wird hervorgeholt, gecovert, bearbeitet,  häufig auch mit einem ganzen Sinfonieorchester gespielt. Besonders in England und in den Benelux-Ländern gibt es eine ganze Sparte dieses Klassik-Pop-Mix mit großem Orchester. In  London etwa gestaltet Jules Buckley in der Royal Albert Hall aufwändige Konzertabende mit exzellenten Popstars wie St. Vincent  in Orchesterarrangements, die er extra dafür geschrieben ha t/ hat schreiben lassen. Jetzt am 8. September, also übermorgen, tritt er dort mit der von mir sehr verehrten Natalie Mering aka Weyes Blood auf.

Werden die Stücke dabei besser? Die Kompaktheit, Griffigkeit, Komprimiertheit und auch Durchsichtigkeit des Studioklangs, der immer von hervorragenden Toningenieuren mit den KomponistInnen selbst daneben am Mischpult erschaffen wurde, ist er nicht das bessere Vehikel? Ich muss dabei immer an Karlheinz Stockhausen denken, der bei dem einzigen persönlichen Treffen, das ich mit ihm erleben durfte, vehement dafür eintrat, dass man Dirigenten, Orchester usw. alles überhaupt nicht mehr brauchen würde, das könne man heute alles vom Mischpult aus regeln, nur dort noch die wirklichen Abenteuer gestalten, ich solle mir ein schönes Mischpult anschaffen, da gäbe es heute doch schon für etwa 3000 Euro.

Vielleicht ist es der hartnäckige Wunsch nach dem Live-Erlebnis, nach diesem magischen, schamanenhaften Erschaffen des Klanges aus  gemeinsamen Bewegungen einer Menschenmenge heraus, der immer wieder zu Orchesterarrangements von Popklassikern führt. Ich selbst habe kürzlich eine Fassung von Brian Wilsons „Add some music to your day“ geschrieben und mit  großer Freude mit Orchester und Chor aufgeführt. Das klassische Orchester bekommt dabei eine Frischezufuhr. Zunächst mal natürlich durch den Beat der Band. Dann öffnet es sich auch für abseits liegende Instrumente wie zB. eine Ukulele oder ein Akkordion. Auch die Spieltechnik der klassisch ausgebildeten MusikerInnen wird aufgelockert. Was mich persönlich aber am meisten daran interessiert und affiziert, ist die Wiedergewinnung der Harmonik aus dem  Geiste der Popmusik. Es brauchen nur wenige gemeinsame Akkorde sein, auch im ganzen großen Orchester, die einen Seelenort bilden können, aus dem Melodien hervorsteigen und zu anderen Menschen sprechen können. Dieser Seelenort tritt dann meistens hervor als Stimme. Aber manchmal, selten, wird auf sie eben auch verzichtet und es gibt ein „Instrumental“, in dem die Komponisten des Pop zeigen wollen, was sie sonst so drauf haben.

Wenn ich benennen soll, was hängen blieb von dem Hinweis meiner Klassenkameraden, das, was man in diesen Instrumentals höre, sei ja reines Wegs „Klassik“, dann lande ich bei der Formgestaltung. Obwohl die Popkomponisten in der Regel keine ausführliche Ausbildung erhalten hatten, und sowohl ihre Formabläufe manchmal die Gefahr des Schablonenhaften mit sich führen, als auch ihre 4/4-Taktgruppen in Symmetrie  und Wiederholung häufig hängenbleiben ( …ich spreche jetzt nicht von Revolution 9…) – so kann doch ihr intuitiv auf spontane Verständlichkeit gerichtetes Zusammenbauen verschiedener Formteile eine Art Königsweg darstellen, um Langeweile in Kompositionen zu vermeiden. Die aus der Werbung, letztlich also aus einem kommerziellen Impuls empfangene prägnante Fasslichkeit  der Gestaltung hatte  ja bereits viele Jahrzehnte zuvor in der klassischen Musik im 20. Jahrhundert Einfluß  etwa bei Anton von Webern oder Igor Strawinsky. Mein Freund Moritz Eggert sagte mal zu mir, Mozart sei da für ihn das größte Vorbild, wenn bei ihm die Ideen immer so Richtung einer Minute tragen, dann wechsele er die Baustelle.

Ich bin als Kind der Popkultur stark gefährdet, dass mich Langeweile von geduldigem Aufnehmen einer Komposition abhält. Vor einigen Tagen etwa musste ich im Auto die Radioübertragung aus Bayreuth, so großartig sie mit Thielemann, einem fulminanten Orchester und wunderbaren Sängern daherkam, abschalten und eine Beach Boys-CD eingelegen. Nicht nur, weil ich von Jugend auf an dieses Song-Format, diese Fasslichkeit im engen Kasten gewöhnt bin, nein, auch der Klang, das Instrumentale daran, erfunden aus dem  Ohr von Brian Wilson, spricht mich an, erfreut mich immer wieder beim Hören, macht mir das Leben insgesamt leichter.

( Jobst Liebrecht, 6.9.2026 )

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