Werbung

Warum tue ich mir das eigentlich an?

Warum tue ich mir das an?

 

Nach langer Zeit hier ist hier mal wieder ein Report über meine immer fragwürdiger werdenden Sporterlebnisse fällig. Und ja, es wird ein schonungslos ehrlicher Bericht über nicht nur Erfolg, sondern eben auch Scheitern. Und das ist wichtig, denn bei Wettkämpfen über lange Distanzen gibt es keinerlei Sicherheiten. Das Ganze läuft auch bei den Profis nicht immer rund und Rennabbrüche sind in der Elite (zu der ich mich ganz sicher nicht zähle) an der Tagesordnung.

Werbung

Dennoch fasziniert mich weiterhin das Absurde und Exzessive an dem Sport, natürlich auch das Erlebnishafte. Jenseits von ständiger Erreichbarkeit und Social Media – Bombardement gibt es ja nach wie vor eine zu erlebende Welt da draußen, das vergessen wir zu oft. Und wenn man so allein auf sich gestellt die Kilometer sammelt, wird einem das wieder bewusst, und das wirkt lange nach.

In der letzten Zeit war ich läuferisch nicht sehr aktiv, was einen sehr simplen Grund hat: Durch Belastungsarthrose (Grund: zu spät zu viel Sport) ist mein linkes Knie ziemlich ruiniert und ich kann nicht mehr normal rennen, da es sich dann sofort entzündet und ich wochenlang außer Gefecht gesetzt bin. Was aber geht ist „Race Walking“, auch als „Olympisches Gehen“ bekannt und gerne auch verspottet. Hier rollt man über den Fuß ab, was keine Erschütterung im Knie bedeutet – für mich also die einzige Möglichkeit, mich noch einigermaßen schnell fortzubewegen.

Seit einem Dreivierteljahr trainiere ich also als neues Mitglied der Bayerischen Leichtathletik das Olympische Gehen mit einem richtigen Trainer und meistens 3-4 weiteren wackeren Jugendlichen, die natürlich viel besser als ich sind. Gehen ist ungeheuer technisch, und ich brauchte Monate, bis der Bewegungsablauf einigermaßen zufriedenstellend war (und ich muss immer noch dran arbeiten). Aber immerhin habe ich eine gewisse Grundbegabung dafür und kann stetig Fortschritte vermelden.

Nun kann man zwar mit dem Gehen erstaunlich schnell sein und sogar Läufer überholen, aber der Kraftaufwand gegenüber dem Effekt ist dann doch insgesamt ungünstiger als beim Laufen. Dies wird wiederum dadurch aufgewogen, dass Gehen wesentlich schonender für die Gelenke ist und man im Zweifelsfall zwar langsam, aber dafür auch sehr ausdauernd ist.

Daher sind interessanterweise die Streckenrekorde für wirkliche Langstrecken (zum Beispiel Appalachen-Durchquerung in den USA) gar nicht von Läufern, sondern von sehr schnellen „Thru-Hikern“ aufgestellt worden. Für mich bedeutet das: bei „kurzen“ Distanzen wie Halbmarathons oder Marathons habe ich als Geher keinerlei Chance mehr, je länger die Strecke wird, desto mehr gleicht sich aber der Unterschied aus.

Darum hatte ich schon lange ein Auge auf eines der extremen Rennen dieses Planeten geworfen, das sogenannte „Spine Race“ in England, ein 268 Meilen (ca. 420 Kilometer) langes Rennen von ungefähr Manchester nach Schottland entlang des historischen „Pennine Way“, also entlang der Bergkette in der Mitte Englands. „Britain’s Most Brutal“ ist hier der Werbespruch, und bei einer Abbruchrate von um die 40% (in der Winterversion noch mehr) ist das nicht übertrieben.

Mein Couch Doug Stewart hatte dieses Rennen schon einige Male gemacht (und auch nicht immer beendet) und bereitete mich daher mit viel Expertise über das letzte Jahr darauf vor. Hierzu gehörte regelmäßiges Training auf dem Laufband mit schwerem Rucksack und Steigung, lange Märsche am Wochenende und natürlich auch diverses Krafttraining.

Als letzten Test hatte ich mir dann den „Megamarsch“ München vorgenommen, über 100 Kilometer von München nach Garmisch-Partenkirchen. Diese Strecke lief ich mit „Handicap“, nämlich mit dem vollgepackten Spine-Race-Rucksack und der gesamten Pflichtausrüstung, darunter Schlafsack, doppelte Kleidung und komplettes Toilettenkit inklusive Schaufel. 5-6kg, wenn die Wasserflaschen voll sind.

Ich startete als einer der Letzten und hatte dann ein gewisses Vergnügen daran, mit Race-Walking-Technik Tausende von Wanderern (tatsächlich Tausende – es gab über 4000 Teilnehmer beim Marsch) zu überholen, mein Ziel war natürlich, als einer der Ersten anzukommen. Das geling mir auch, allerdings hatte ich sehr wohl unterschätzt, welche Auswirkungen meine vom Orthopäden vorgeschriebenen Einlagen sowie eine leichte Erkältung zusammen mit der nicht ratsamen Aufnahme von Ibuprofen auf meine Recovery haben würde. Kaum war ich wieder zuhause, wand ich mich vor Schmerzen – die linke Körperseite war eine einzige entzündete Zone und ich konnte mich kaum noch bewegen. Auch war ich erschrocken, welchen Schaden die eigentlich nicht zu engen Schuhe bei meinen Füßen angerichtet hatten – diese waren komplett hinüber. Tatsächlich brauchte ich fast eine Woche, um mich wieder zu regenerieren, obwohl ich mit meiner Zeit (17 Stunden 40 Minuten für 106 Kilometer mit einigen Höhenmetern) eigentlich durchaus zufrieden sein konnte. Aber immerhin, ich hatte mir bewiesen, dass mein Knie diese Distanz aushielt, denn ausgerechnet das machte in diesem Fall keine Probleme.

Einen Monat später ging es also noch Edale in der Nähe von Manchester, ein kleines Dorf und der offizielle Beginn des „Pennine Way“. Ich kam zwei Tage früher an und bezog eine wirklich schöne Unterkunft, um mich zu entspannen und mental vorzubereiten, das war also ideal. Die Ausrüstungskontrolle bei der Registrierung war beängstigend, immerhin gab es eine lange Liste vorgeschriebener Artikel, die in einem 50 Seiten langen Dokument genau beschrieben waren. Darunter nicht nur das schon genannte Toilettenkit, sondern auch viele weitere Dinge, die man nicht nur dabei haben, sondern die man auf Aufruf auch sofort finden musste. Fast wäre mein Rennstart an fehlenden Elektrolytpäckchen gescheitert, aber die konnte man nachkaufen.

noch hoffnungsvoll – das Startfoto

Am Sonntagmorgen um 8 Uhr ging es dann los. Natürlich ließ ich es am Start sehr ruhig angehen, blieb in der niedrigsten Herzfrequenzzone und machte mir keinen Stress wegen meiner Position. Ich war erstaunt, dass ich selbst in diesem Modus in einer großen Läufergruppe blieb, die genau dasselbe tat, sodass ich zunehmend entspannter und selbstbewusster wurde.

Der Anfang des Rennens verlief recht gleichmäßig und ist relativ einfach; ich genoss die wunderschönen Ausblicke der Landschaft der südlichen Pennines. Doch schon bald patschte ich mit meinem Fuß in überraschend auftauchende Wasserlöcher und es kamen die Moore ins Spiel, die mir noch viele Probleme bereiten sollten, denn es hatte die letzten Tage geregnet und regnete immer noch (wir waren in England!) und daher hatten sich die „Bogs“ so richtig schön vollsaugen können und waren voll im Saft. Schon steckte mein ganzes Bein im Wasser; ein paar weitere Fehltritte hier und da, und beide Schuhe waren pitschnass. Das schien zunächst kein großes Problem zu sein, da meine Schuhe schnell trockneten – die Socken blieben aber natürlich nass und rieben sich im Biotop der Laufschuhe beständig.

Erst einmal hatte ich aber viel Spaß und genoss immer wieder die Momente, in denen ich im Schnellgang racewalken konnte, ganz besonders gut ging das über die Trittsteine des Pennine Way, die einige der Sumpfgebiete durchqueren und das Fortkommen einfacher machten.

Am ersten Tag benutzte ich meine Laufstöcke nicht und hatte beim Bergaufgehen absolut keine Probleme, indem ich die Hände auf die Knie stützte. Bald wurde mir klar, dass das Vorankommen aufgrund der ständigen Schafgitter und des teilweise sehr unwegsamen Geländes viel langsamer war, als ich gedacht hatte, aber ich machte mir keine Sorgen, da ich nie allein war und mich in einer fähigen Läufergruppe zu befinden schien. Ein erster inoffizieller Verpflegungsstand war sehr willkommen, und ich tankte so viele Kalorien wie möglich (darunter heiße Schokolade mit Marshmallows!). Auf den ganzen 420 Kilometern gab es nämlich nur 5 offizielle „Checkpoints“, also nur alle 80-90 Kilometer! Dazwischen musste man selbst zurechtkommen oder auf die Wasser-Gnade der Mountain Rescue Teams hoffen, die ab und zu mal kleine Zwischenstopps bemannten. Daher sind Pub- und Supermarktbesuche bei diesem Lauf Pflicht und gehören dazu. Man muss nehmen, was kommt, denn einen Großteil der Strecke befindet man sich fernab von menschlichen Wohnorten.

Der Fotograf sagte tatsächlich: „BItte die Hand auf den Stein legen, damit es dramatischer aussieht“ – man musste hier nicht klettern!

Irgendwann am Abend erreichten wir das große Kriegerdenkmal, das die Annäherung an den ersten Checkpoint ankündigte. Ich wurde von anderen Läufern gottseidank gewarnt, dass vor dem Checkpoint noch ein langer Anstieg von 5 Kilometern bevorstand, also vermied ich Frust und kämpfte mich einfach weiter voran. Dies war das erste Anzeichen für ein Phänomen, dem ich oft begegnete – man glaubt, man sei fast da, aber dann dauert es noch Stunden, bis man tatsächlich ankommt. Und die Kilometer beim Spine-Race können unglaublich lang werden.

Ich erreichte den Checkpoint und wusste sofort, dass ich etwas gegen meine Fußprobleme unternehmen musste, es fühlte sich da unten keineswegs gut an. Nach Tipps aus dem Ultraläufer-Klassiker – der Fußbibel „Fixing your Feet“ – hatte ich meine Füße an den Problemstellen mit K-Tape abgeklebt, was wahrscheinlich grundsätzlich gut war, aber aufgrund der nassen Bedingungen waren sowohl Tapes als auch Fußsohlen schon komplett aufgeweicht. Außerdem hatte ich bereits einige Blasen, die ich mit Nadeln öffnen musste, bevor mich eine Blutvergiftung dahinraffte. Jemand half mir mit einem heißen Fußbad, und ich versuchte, meine Füße so gut wie möglich zu pflegen, da ich wusste, dass mein Weiterkommen davon abhing. Das dauerte eine Weile, also verzichtete ich auf eine Dusche, aß etwas und begab mich zu einem Etagenbett für den geplanten einstündigen Schlaf, von dem ich wegen des Schnarchens und der ständigen Aktivität anderer Läufer tatsächlich nur 10 Minuten schlief.

Als ich wieder loslief, war es schon der Morgen des ersten Tages. Ich zückte zwei „Geheimwaffen“ – einerseits meine Stöcke, die mir nun tatsächlich vermehrt bei sowohl Up- als auch Downhills halfen, und ich probierte zum ersten Mal bei einem Lauf die gute alte „Scho-ka-kola“ aus (die berüchtigte „Fliegerschokolade“ aus dem Zweiten Weltkrieg), was sofort wirkte. Ich kann tatsächlich diese koffeinhaltige Schokolade wärmstens empfehlen, sie hat mich oft gerettet, da schon ein kleines Stück so viel Koffein wie ein Espresso hat. Wie ich es als Kind überlebt habe, mehrmals eine Packung „Scho-ka-kola“ komplett auf einen Schlag gegessen zu haben, weiß ich bis heute nicht, denn als Erwachsener erschien mir die Wirkung unglaublich stark!

Es folgte eine sehr einsame Strecke, auf der ich mich ein paar Mal verlief, aber nie wirklich schlimm. Verlaufen gehört bei Ultras zum Alltag – es passiert selbst den Profis. Trotz moderner GPS-Technik auf der Uhr können manche Abzweigungen sehr verwirrend sein, und plötzlich läuft man zum Beispiel auf der falschen Seite des Flusses und muss wieder zurück an den Anfang.

Smile, or you’re doing it wrong!

Ich trank und aß ständig, war aber nicht gerade bester Laune – die Füße taten wieder weh, und nun fing auch mein Knie an, richtig zu schmerzen, obwohl ich am Vortag sehr vorsichtig gewesen war und eine Kniestütze trug. Es wurde immer schlimmer, und ich dachte plötzlich, ich könnte nicht mehr weiterlaufen. Das war der erste echte Tiefpunkt im Rennen, und als ich einen kleinen Checkpoint mit zwei Bergrettern erreichte, verkündete ich, dass ich eventuell aufgeben müsse.

Sie schauten mich streng an und sagten, ich solle erst einmal etwas essen und vielleicht ein Schmerzmittel nehmen, bevor ich diese Entscheidung treffe. Also ruhte ich mich ein wenig aus und beschloss, meine Kniestütze abzunehmen – nur um festzustellen, dass nicht das Knie, sondern die Stütze selbst die Schmerzen verursacht hatte, durch Scheuern und Behinderung der Durchblutung. Als ich wieder loslief, stellte ich fest, dass die Knieschmerzen plötzlich wie durch ein Wunder verschwunden waren, und das hob meine Stimmung ungemein. So kam ich stetig voran auf dem Weg zum Checkpoint 1.5, einem nicht „kompletten“ Checkpoint zwischen 1 und 2.

Bald lernte ich, stets nach Pubs und anderen Gelegenheiten Ausschau zu halten, um meine Vorräte aufzufüllen und manchmal auch etwas zu essen. Aber es gab auch Irrtümer, vor allem in der Gegend um Gargrave, wo ich ewig nach einem Checkpoint suchte, der gar nicht existierte, und dadurch die Gelegenheit verpasste, zum dortigen „Coop“ (Supermarkt) zu gehen, und mich mit Kohlehydrat-Fertignahrung zu versorgen.

Verlaufen in Gargrave

Schließlich erreichte ich Malham. Ich überlegte, mich im offenen Pub zu stärken, doch dann sagte mir ein anderer Läufer, der Check Point liege gleich den Hügel hinauf, also lief ich weiter. Der „Hügel“ zog sich endlos hin, ich rechnete ständig damit, den Check Point um die Ecke zu sehen, aber diese Hoffnung wurde immer wieder enttäuscht. Dann erreichte ich eine riesige Felsformation, eine Art antiken Marmorsteinbruch – aber auch diese war kein Kontrollpunkt. Zu diesem Zeitpunkt gingen mir sowohl die Wasser- als auch die Proviantvorräte zur Neige, und ich sehnte mich nach einer richtigen Mahlzeit.  Ich traf auf einen anderen Läufer, der seltsamerweise aus der entgegengesetzten Richtung kam und mir sagte, der Checkpoint sei ganz in der Nähe, gleich oben bei der Treppe am Steinbruch.

Ich weiß nicht, ob dieser Typ mich auf den Arm nehmen wollte oder ob es ein grausamer Scherz war, denn natürlich stimmte das nicht. Oben angekommen gab es überhaupt keinen Weg mehr, sondern nur noch ein endloses Gelände aus riesigen, zerklüfteten Steinblöcken – mein GPS funktionierte nicht mehr richtig, und es war wirklich unklar, wohin ich laufen sollte. Immer müder und hungriger kletterte ich völlig ahnungslos über die Steine und verschwendete dabei wahrscheinlich etwa eine Stunde. Eine weitere Läuferin kam vorbei und sagte, sie könne mir den Weg zeigen. Sie zeigte auf eine Mauer in der Ferne, was ich so verstand, dass sich dort der Checkpoint verstecken könnte. Also folgte ich ihr. Wir kletterten über die Mauer – immer noch kein Checkpoint, stattdessen Geröll und Steine bis zum Horizont, gesäumt von einer unendlich langen Steinmauer, die bis in die Unendlichkeit zu reichen schien. Ich ließ meiner Frustration freien Lauf – sie verteidigte sich, sie habe den WEG zum Checkpoint gemeint, nicht den Checkpoint selbst. Der Checkpoint war „mindestens 5 Meilen“ entfernt, vielleicht sogar noch weiter! Und diese Route führte durch das unwegsamste Gelände, das man sich vorstellen kann, mit viel Klettern und ständigem Anstieg.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir eine Hochebene, kein Checkpoint in Sicht, aber dafür ein beeindruckender Blick auf eine öde Landschaft wie aus Dantes „Inferno“. Die Läuferin zeigte auf ein gruselig aussehendes Haus, das sehr, sehr weit in der Ferne lag, hinter einem riesigen Wasserreservoir. Das war also der Checkpoint! Wir machten uns auf den mühsamen Weg durch die Höllenlandschaft; zu diesem Zeitpunkt waren meine Reserven völlig aufgebraucht und ich sehnte mich verzweifelt nach Essen und Trinken. Es dauerte ewig, bis wir uns dem Haus näherten, wo wir von einem Mitglied des Spine-Race-Teams begrüßt wurden, das uns einen weiteren Kilometer durch die hereinbrechende Dunkelheit führte.

Die ganze schreckliche Strecke

Anstelle eines großen Checkpoints betraten wir einen winzigen Raum, in dem zwei müde Läufer saßen, mit einer Tasse Tee in der Hand. Und dann die Enttäuschung: kein richtiges Essen, nur Chips! Und keine Möglichkeit, meine Füße zu versorgen, da der CP winzig und überfüllt war.

Nach 10 Chipstüten wurde mir gesagt, dass nun schlechtes Wetter aufziehen würde und insbesondere der zweite bevorstehende Anstieg schwierig und gefährlich sei, da er in völliger Dunkelheit bei Sturm und Regen stattfinden würde; daher wurde uns dringend geraten, in einem Vogelbeobachtungshaus auf dem Gelände zu übernachten.

Das stellte sich jedoch als schlechte Entscheidung heraus – zunächst vergeudete ich eine Stunde, um das verdammte Häuschen in der Dunkelheit überhaupt zu finden. Schließlich musste ich wieder zurück und mich hinführen lassen, wobei die Mitarbeiterin des Spine Race auch erst einmal nicht wusste, wo sich das Häuschen befand (das gut abseits des Weges versteckt war). Das Vogelbeobachtungshäuschen war schnell mit Läufern überfüllt, es war bitterkalt und Schnarchen sowie der allgemeine ständige Trubel (unter anderem das Piepsen mehrerer Tracker, die aufgrund unserer Bewegungslosigkeit in den Alarmmodus übergingen) machten es unmöglich, zur Ruhe zu kommen. Nach einer Stunde vergeblicher Schlafversuche beschloss ich, wieder aufzubrechen, auch wenn ich noch nicht ganz fit war.

Es folgte ein langer Anstieg und Abstieg durch weitere Moore, meine Füße wurden wieder klatschnass und ich war nicht gerade glücklich. Ich kann mich nur an endlose Mauern, Schafkoppeln und unheimliche Formen in der Dunkelheit erinnern, die sich durch meine halluzinierende Müdigkeit in entweder höllische Fratzen oder andere Läufer verwandelten. Wenn man dann näherkam, war es einfach nur ein Stein.

Die nächste Kletterpartie genoss ich tatsächlich – die Sonne ging langsam auf und ich kraxelte allein einen zerklüfteten Berg hoch.  Es fühlte sich existenziell an, wie auf einem anderen Planeten. Technisch meisterte ich die Anstiege gut, aber der lange Abstieg über steinige Abschnitte machte mir keinen Spaß – nicht wegen meines Knies, sondern weil mittlerweile jeder Schritt höllisch wehtat, besonders auf unebenem Untergrund. Nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, erreichte ich endlich wieder die Ebene und einen einladenden Pub, dessen Besitzer ihn für die Läufer rund um die Uhr offen hielten. Dort brannte ein Feuer, und ich konnte endlich meine Füße trocknen; ich tat mein Bestes, sie zu tapen und für die nächsten Abschnitte vorzubereiten. Ich beschloss, mich zwei Stunden auszuruhen, von denen eine Stunde der einzige richtige Schlaf war, den ich während des Rennens hatte, die weitere Stunde wurde ich von den plappernden anderen Läufern wachgehalten.

Am nächsten Morgen startete ich voller Energie und kam gut voran, wobei ich viele Läufer überholte. Doch die Abwärtspassagen wurden aufgrund der Schmerzen immer schlimmer, sodass alles, was ich bei den Anstiegen gewonnen hatte (wo ich normalerweise der Schnellste unter den Läufern in meiner Gruppe war), wieder verloren ging, wenn ich einen Hang hinunterkroch. Immerhin erreichte ich das Dorf Hardraw ohne Probleme, hier befand sich der Checkpoint auch tatsächlich nicht mehr so weit vom Dorfeingang. Dort angekommen verbrachte ich eine weitere Stunde damit, meine Füße zu versorgen, die mittlerweile schon ziemlich schlimm aussahen. Ich beschloss, zwei Stunden zu schlafen, nur um sie vollständig zu trocknen, auch dieser Schlaf wurde durch einen laut brummenden Generator eher kurz gehalten.

Zu diesem Zeitpunkt war die Pflege meiner Füße zu einem verzweifelten Kampf ums Überleben geworden – mit jeder Stunde liegen konnte ich sie wieder ein bisschen regenerieren, aber es war nun wichtig, dass sie auf jeden Fall trocken blieben.

Hinter Hardraw folgte ein langer Abschnitt, auf dem man einem schmalen Pfad entlang lief, der sich an einen Berg schmiegte. Das begann harmlos und schön, aber hinter jedem Schafstor wurde das Gelände schlechter und weniger gepflegt, als hätten die Besitzer es aus Boshaftigkeit so gemacht. Ich begegnete einem anderen Läufer, der in die entgegengesetzte Richtung lief und wegen des gefürchteten „Lean“ aufgab, der es für ihn zu gefährlich machte, weiterzulaufen. Beim „Lean“ verliert der Körper jeglichen Gleichgewichtssinn und man läuft komplett schief, ohne es selbst zu merken – ein typisches Symptom bei Übermüdung oder totaler Verausgabung.

Nun geriet ich selbst in Panik und bildete mir ein (?) dass auch ich anfing, mich zur Seite zu neigen. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, und irgendwann beschloss ich, dass eine kurze Pause gut tun würde. Als ich versuchte, mich auf einen Stein zu setzen, verlor ich plötzlich das Gleichgewicht und fiel rückwärts in Richtung Abhang, wobei ich quasi einen Salto machte. Zuerst dachte ich, es wäre einfach, wieder aufzustehen, doch stattdessen klammerte ich mich nun um mein Leben mit meinen zwei Händen am Stein fest, während meine Beine über einem Abgrund baumelten, von dem ich nicht sehen konnte, wie tief er war. Ich kann mich noch an den letzten Gedanken erinnern, dass ich erstaunt war, wie schwer es schien, mich wieder nach oben zu ziehen. Dann weiß ich nichts mehr, kompletter Blackout.

Plötzlich war ich wieder auf dem Pfad und lief weiter. Ich habe keine Ahnung, wie ich wieder hinaufgekommen bin. Ich kann nur vermuten, dass mich ein plötzlicher Adrenalinschub dazu ermächtigte, erinnern kann ich mich nicht daran. Vielleicht war es auch ein Schutzengel.

Das sind so die Momente in denen man sich dringend fragt, was man da eigentlich für einen Quatsch macht. Mühsam kämpfte ich mich weiter voran, nun vorsichtiger geworden.

Endlich erreichte ich das Ende dieser qualvollen Strecke – ich ahnte noch nicht, dass das Schlimmste erst noch bevorstand. Der Weg hinauf zum nächsten „kleinen“ Checkpoint – Tan Hill – führte durch endlose Moore und Schafgatter; mittlerweile war es völlig dunkel, und ich kam nur sehr langsam voran. Anders als in Malham hatte ich die genaue Entfernung zum Kontrollpunkt auf meiner Uhr, sodass ich psychisch darauf vorbereitet war, wie schrecklich lang die Strecke werden würde. Seltsamerweise beflügelte mich die Anstrengung nun, und ich fühlte mich von Minute zu Minute besser, gestärkt durch Scho-ka-kola und regelmäßige Verpflegungspausen. Auf dem Weg begegnete ich sogar einigen Läufern, die sich einfach irgendwo ins Moor gelegt hatten, weil sie nicht mehr weiter konnten. Ich konnte mir gemütlichere Orte zum Schlafen vorstellen. Hatten die keine Angst zu versinken?

Als ich endlich Tan Hill erreichte, war ich tatsächlich noch recht fit und beschloss, nur eine kurze Pause einzulegen. Also machte ich mich gleich wieder in die Nacht auf, so optimistisch man nur sein konnte.

Was auf der Karte wie eine kurze Strecke ausgesehen hatte, entpuppte sich als endloses extremes Labyrinth aus Sumpfgebiet, das in völliger Dunkelheit besonders schwer zu durchqueren war, denn es gab keinen Pfad und nur alle paar 100 Meter mysteriöse Markierungen, deren Sinn sich nie ganz erschloss. Trotz aller Bemühungen verlor ich oft die Richtung aus den Augen, und natürlich stapfte ich wieder einmal in ein unerwartetes Loch und versank bis zur Hüfte im Sumpfwasser. Ich spürte sofort, dass sich die Situation in meinen Schuhen wieder verschlimmerte – die Moore waren doppelt schlimm, da sie einerseits meine Füße durchnässten, andererseits aber auch jeder Schritt dort wegen des unebenen Bodens schmerzhaft für die Blasen war. Jedes Mal, wenn man den Fuß aufsetzte, brach man nach links oder rechts weg, und manchmal konnte man so auch in einem Wasserloch landen.

Als wohnhafter Bayer ist man alpine Landschaften gewohnt – da gibt es alles Mögliche in den Bergen, kleine Bäche, Gletscher, Geröllhänge…aber nie und nimmer ein Moor hoch oben am Berg! Was suchen die da überhaupt? Welchen Sinn haben sie? Das Ganze schien zunehmend wie ein schlechter Scherz.

Das Moor schien endlos, und irgendwann gab ich den Versuch, schnell voranzukommen, einfach auf, da jeder Versuch, das Tempo zu erhöhen, in Frustration und noch mehr Wasser in meinen Schuhen endete. Dennoch überholte mich unerbittlich ein weiterer Läufer, dem ich quasi den Weg bereitete – mit meiner Kopflampe war ich ja von hinten gut sichtbar, und er war mir einfach nur gefolgt, ohne seine Zeit mit Navigation zu vergeuden, wie ich es getan hatte.

Schließlich – nach vielen Stunden! –  änderte sich die Landschaft, und ich erreichte die relativ öde und hässliche Gegend, die der „Gottesbrücke“ (God’s Bridge, eine natürliche Steinformation) vorausgeht. Diese markierte auch praktischerweise ungefähr die Hälfte der ganzen Strecke.

Zu diesem Zeitpunkt war ich todmüde und begann, immer wieder während des Laufens kurz einzuschlafen, was nicht wirklich gut war. Also hielt ich es für sinnvoll, ein kurzes Nickerchen zu machen. Aber wo? Ich versuchte, mich neben der Strecke hinzulegen, doch der Platz erwies sich als sehr windausgesetzt und eiskalt, sodass ich sofort wieder aufstand. Ich unternahm einen weiteren Versuch im Tunnel vor der „God’s Bridge“ – kein Wind, aber der Boden war eiskalt, roch nach Urin und war nicht zum Liegen geeignet, also wieder weiter…Schließlich erreichte ich eine Schutzhütte, die man für verlorene Wanderer errichtet hatte. Ohne Heizung, aber vorm Wind geschützt und damit deutlich wärmer. Die Schutzhütte war vollkommen leer und hatte lokalen Jugendlichen wohl auch als Partyhaus gedient, wenn man die herumliegenden Bierflaschen und Zigarettenstummel richtig interpretierte, aber immerhin fand ich einen großen Tisch, auf dem ich es schaffte, 10 Minuten in der unbequemsten Position zu schlafen, die ich jemals zum Schlaf eingenommen habe. Dieser „Schlaf“ gab mir dennoch neue Energie, kaum wieder unterwegs, überholte ich auf den folgenden Hügeln einige andere Läufer.

Schließlich erreichte ich die berüchtigte „Freddy-Krueger-Farm“. Ja, wirklich „Freddy Krueger“. Eine exzentrische Farmbesitzerin hat ihre Scheune in eine Art Zufluchtsort für Läufer verwandelt – auf mehreren Tischen stellte sie Essen, Kaffee, Tee und viele kleine Snacks umsonst zur Verfügung, daneben eine Freddy Krueger-Puppe, deren Sinn sich mir zwar nicht ganz erschloss, die dem Ganzen aber eine skurrile Atmosphäre gab, die zu meinem Zustand vollkommen passte.

Anstatt mich um Essen zu kümmern, setzte ich mich sofort hin, um meine Füße wieder zu versorgen: Ich nutzte die gesamte verfügbare medizinische Ausrüstung, entleerte weitere Blasen und bandagierte meine Füße neu, da ich mir sicher war, dass die Zeit im Moor nun endlich vorbei sein sollte. Ich bedankte mich bei der netten Dame und machte mich wieder auf den Weg … und sofort landete mein Fuß in einem neuen Moorloch. Alles umsonst! Meine Füße hatten sich gerade erst erholt, und nun watete ich schon wieder durch Brackwasser, wobei jeder Schritt höllisch wehtat.

Das war der Moment, in dem etwas in mir zerbrach – ich wusste, dass ich so nur im Schneckentempo weiterkommen würde und dass sich meine Füße bis zum nächsten Checkpoint niemals erholen würden, was es möglicherweise zu schmerzhaft machen würde, weiterzulaufen. Es war jetzt schon zu qualvoll – Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber mit offenen und blasenübersäten Fußsohlen fühlt sich jeder Schritt an, als würde man auf Nadeln laufen, egal ob bergauf oder bergab. Und es wird nie besser, sondern nur immer schlimmer.

Die blaue Linie bin ich, der die offizielle Route verlässt

Also traf ich die schwierige Entscheidung – nach nun inzwischen 230 Kilometern am Stück – aufzugeben, obwohl ich mich nach dem Power-Nap wieder relativ fit und wach fühlte. Aber meine Motivation war komplett weg, ich hoffe, ihr könnt das nachempfinden.

Ich versuchte, per Handy die Rennleitung zu erreichen, aber es gab keinen Empfang. Ich sah einige Häuser am Horizont und machte mich (sehr langsam) auf den Weg dorthin, doch es stellte sich heraus, dass es verlassene Bauernhöfe waren – immer noch kein Empfang. Schließlich erreichte ich einen tristen Stausee, an dem zwei Männer aus Yorkshire angelten. Auch sie hatten keinen Mobilfunkempfang, aber einer von ihnen war so nett, mich sofort zu einem Café/Anglergeschäft in der Nähe zu fahren, wo es einen Festnetzanschluss gab. Der Wirt dort rief beim Spine Race an und beschrieb ihnen, wo sie mich finden könnten. Doch so einfach war es nicht – die Helfer waren verwirrt, da mein Signal von einem anderen Ort kam (das GPS schien in dieser Gegend überhaupt nicht zu funktionieren). Nach zwei Stunden fanden sie mich endlich und fuhren mich zum dritten Checkpoint. Da ich nun aufgehört hatte, mich anzustrengen, verließ das Adrenalin meinen Körper und die Schmerzen wurden viel, viel schlimmer; ich konnte mich kaum noch bewegen, da sich jeder Schritt anfühlte, als würde ich auf Feuer laufen.

Am Kontrollpunkt kümmerte sich das Spine-Race-Team sehr gut um mich und zwei weitere Läufer, die mit genau denselben Problemen wie ich aufgegeben hatten. Eine Ärztin in der Ausbildung sah sich meine Füße an und sagte, meine Entscheidung, aufzuhören, sei richtig gewesen, da sich meine Fußsohlen irgendwann abgelöst hätten, was zu einer blutigen Wunde mit Infektionsgefahr geführt hätte. Sie machte sogar ein paar Fotos, da sie gerade an einer Arbeit über Fußverletzungen schrieb und meine Füße als perfektes Beispiel dafür ansah, dass Blasen allein durch Feuchtigkeit entstehen können – ganz ohne Scheuern oder falsche Schuhe (sie war selbst Läuferin).

Ich unterhielt mich ein wenig mit ihr über die neuesten Forschungsergebnisse, und sie erzählte mir, dass man derzeit davon ausgeht, dass ein gewisser Prozentsatz von Läufern mit weicherer Haut wie ich immer wieder diese Probleme haben wird, egal was sie tun, um dem vorzubeugen. Sie meinte, dass ich das Spine-Race unter diesen Bedingungen im Grunde genommen niemals beenden könne (interessanterweise könnte das Winter-Spine theoretisch besser für mich sein, da die Moore dann gefroren sein können). Es konnte auch sein, dass die Bedingungen in den Mooren durch vorhergehenden Dauerregen dieses Jahr besonders schlecht gewesen waren, da so viele Läufer frühzeitig aufgegeben hatten.

Das Team stellte mir ein Zelt für die Nacht zur Verfügung (es war eine sehr kalte Nacht, daher schlief ich angezogen) und setzte mich dann nach Schließung des Checkpoints in der nahen Stadt Darlington ab.

Über Darlington könnte ich hier viel schreiben, aber so viel sei gesagt: wer wissen will, welche Auswirkungen der Brexit und viele Jahrzehnte wirtschaftlicher Fehlentscheidungen in England haben, der muss ganz normale Kleinstädte wie Darlington besuchen. Das normale England ist ein anderes als das Touristen-England in z.B. London. Viel Hoffnung herrscht da nicht, ehrlich gesagt. Ich verließ den ganzen Tag das Hotelzimmer nicht und ernährte mich von Chips und Süßigkeiten, etwas anderes gab es nicht.

Und das war’s, mein Spine-Erlebnis. Ich bereue es nicht, daran teilgenommen zu haben (es war ein unvergessliches Abenteuer, und ich bin noch nie 230 km unter solch extremen Bedingungen und vier Tage quasi ohne Pause gelaufen), aber meine Hoffnung, meine Fähigkeiten im Gehen positiv einsetzen zu können, wurde zunichte gemacht, da mir meine kaputten Füße im Weg standen. Und dagegen konnte ich absolut nichts tun. Als einzige Option für ein „trockenes“ Rennen bleibt mir nun vielleicht nur noch der Marathon des Sables, aber dort wird Gehen fürchte ich überhaupt nicht ausreichen.

Die 143 bezeichnet die gottverlassenste Gegend Englands

Schade, denn vieles hat wirklich gut funktioniert:

– Ich komme gut mit Schlafmangel zurecht – ich habe in diesen vier Tagen eigentlich nur etwa zwei Stunden „geschlafen“, den Rest der Zeit, in der ich mich nicht bewegt habe, lag ich wach oder habe mich um meine Füße gekümmert. Und trotzdem konnte ich ganz gute Leistungen erbringen.

  • Mit der Ernährung komme ich mittlerweile sehr gut zurecht – ich hatte nie Probleme beim Essen oder mit Verdauungsstörungen, war nie magenkrank und konnte immer etwas zu mir nehmen. Ich glaube, ich habe auch gut hinbekommen, genau zum richtigen Zeitpunkt zu essen und zu trinken.
  • Bergauf und beim Gehen habe ich mich definitiv verbessert; sobald ich ab dem zweiten Tag meine Armkraft mit den Stöcken einsetzte, machte mir kein Anstieg mehr Angst und ich konnte in der Regel alle Läufer um mich herum ohne Ermüdung überholen

  • Ich habe das Gefühl, dass ich über die Ausdauer und die mentale Stärke verfüge, die für ein Rennen dieser Länge notwendig sind. Ich war erstaunt, dass es zum Beispiel am dritten Tag lange Momente gab, in denen ich mich besser fühlte als zu Beginn des Rennens – wahrscheinlich, weil mein Körper akzeptiert hatte, dass dies eine lang andauernde Anstrengung sein würde, mit Veränderungen im Stoffwechsel.

  • Was die Ausrüstung angeht, habe ich es auch ganz gut hinbekommen – es gab Kleinigkeiten, die ich verbessern würde (zum Beispiel eine größere Dropbag mit mehr Platz), aber ich hatte mich gut vorbereitet, und das hat sich bei jedem Ausrüstungscheck ausgezahlt. Ich wusste immer, wo alles war, und habe es im richtigen Moment eingesetzt.

  • Die Muskelanpassung muss enorm zugenommen haben – drei Tage nach dem Event hatte ich immer noch keine nennenswerten Muskelkater, die einzigen Schmerzen hatte ich im Knie (bei den Abwärtspassagen lässt sich eine Belastung unmöglich ganz vermeiden) und natürlich in den Füßen.

Leider waren meine Garmin-Dateien unvollständig und wiesen eine große Lücke auf, in der meine Uhr keine Batterie mehr hatte und ich auf die Navigation per Handy zurückgreifen musste. Der Grund war dumm: Ich hatte meine Uhr natürlich am CP 1 aufgeladen, aber irgendwie muss ein anderer Läufer versehentlich mein Kabel gelöst haben, während ich mich ausruhte, sodass der Ladevorgang nicht funktionierte. Das war der Grund, warum ich am CP 1.5 besonders lange bleiben musste; das Spine-Team zwang mich, zu warten, bis meine Uhr zu mindestens 50 % aufgeladen war, bevor ich in die Nacht hinausgehen durfte. Solche Unfälle passieren natürlich, das lag außerhalb meiner Kontrolle.

(in diesem Video kann man mich ab Minute 1:00 im Interview hören, danach laufe ich humpelnd weiter…)

Noch ein paar Gedanken:

– Vertraue nie der offiziellen GPX-Datei. Ich wollte dem Rat meines Coaches folgen und die Datei in Abschnitte aufteilen, aber als ich die vollständige Spine-Datei vor dem Rennen testete, schien es mir, als würde sie die korrekte Entfernung zu jedem CP anzeigen. Das stellte sich als falsch heraus – manchmal stimmte es, manchmal nicht. Außerdem gab es verwirrende Signale – irgendwann wurde ich eine Stunde lang alle 5 Sekunden darauf hingewiesen, dass ich mich nun in den Yorkshire Dales befand. Was sollte ich mit dieser Information anfangen?

  • Das Training für das Spine Race sollte das Laufen durch einen Parcours mit Schafstoren beinhalten. Ich habe mindestens 20 verschiedene Systeme zum Öffnen der Tore gezählt, und an mindestens einem davon bin ich komplett gescheitert, also bin ich einfach über den Zaun geklettert (peinlich, ich weiß). Manchmal fühlt man sich beim Lauf wie in einem Escape-Room.

– Schafe sind unglaublich gruselig! Sie sehen aus wie Säugetiere, verhalten sich aber wie ein Insektenkollektiv, mit exakt wiederholten Bewegungsmustern, sobald sich ein Läufer nähert. Und schlafen die eigentlich jemals? Sie sind IMMER wach, Tag und Nacht. Mir waren die Kühe viel lieber – sie versperrten zwar manchmal den Weg, aber zumindest hatten sie sehr individuelle Reaktionen.

  • Es hätte sich tatsächlich gelohnt, die Lage der Kneipen und Geschäfte entlang der Strecke zu prüfen und einen genauen Plan zu erstellen, wann ich sie nutzen wollte. Später habe ich es manchmal bereut, sie nicht genutzt zu haben, als ich die Gelegenheit dazu hatte – selbst wenn ich gut versorgt war.
  • Ich sollte das Schlafen unter schwierigen Bedingungen mehr üben und mir dabei ein paar Tricks von Soldaten abschauen.

  • Direkt nach dem Rennen hatte ich keinerlei Lust mehr, je wieder in meinem Leben einen Ultra zu laufen. Dann gehen wieder ein paar Tage ins Land, und man macht sich schon wieder Gedanken darüber, was man als nächstes laufen könnte.

    Warum tue ich mir das eigentlich an?

     

    Moritz Eggert

     

    Dieses Bild symbolisiert die grundsätzliche Qualität englischen Essens

     

     

    Liste(n) auswählen:
    Unsere Newsletter informieren Sie über Neuigkeiten im Badblog Of Musick. Informationen zum Anmeldeverfahren, Versanddienstleister, statistischer Auswertung und Widerruf finden Sie in unserer Datenschutzbestimmungen.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert