Der Preis der Macht – Gedanken zur Situation der Künste während des Ukrainekrieges

Der Preis der Macht

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Während das ukrainische Volk einem Angriffskrieg ausgesetzt ist, der jeden Tag schrecklichste Opfer fordert, tobt in unseren sozialen Medien und Feuilletons ein Luxuskrieg darüber, wie am besten mit der Situation umgegangen werden soll.

Es ist eine typische Zeithysterie, dass hier in allen Richtungen übertrieben wird. So trifft sich zum Beispiel manche linke Position überraschend mit Positionen der populistischen Rechten, wenn plötzlich um Verständnis für Putin geworben wird und man dem Westen die Alleinschuld an der ganzen Misere gibt. Diese scheinbar gut gemeinte Selbstgeißelung ist in Wirklichkeit nur eine Fortsetzung eines Überheblichkeitsgefühl des Westens. Wenn man jemanden wie Putin zu einem zornigen kleinen Despoten degradiert, dem man angeblich durch zu viele NATO-Beitritte „gereizt“ hätte und der ja jetzt „einfach nicht anders konnte“, unterschätzt man die fortdauernde Gefahr, die von ihm ausgeht. Und natürlich verleugnet diese Argumentation vollends den eigenen Entscheidungswillen von Ländern wie der Ukraine, die damit zu einem bloßen Spielball westlicher Interessen heruntergeredet werden. Als hätte die nicht gerade kleine ukrainische Bevölkerung keinerlei Recht auf Souveränität und Freiheit nach ihren eigenen Vorstellungen. Wenn die sogenannten Putinversteher – oft war der Weg von der vorherigen Coronaleugnung nicht sehr weit – nun von der Ukraine einen „neutralen Status“ fordern, vergessen sie, dass dies immer eine eigene Entscheidung eines Landes sein muss, keine von wem auch immer aufgezwungene Doktrin. Psychologisch kann man hier auch von einer Art Unterwerfungskomplex sprechen, der schon so manchem Schulhoftyrannen seine Macht verliehen hat. Genau in dieser Angst blüht jemand wie Putin auf, deswegen schürt er sie auch bewusst mit seinen Desinformationskampagnen. Und dass das Opfer (hier die Ukraine) plötzlich angeblich „mitschuldig“ ist, hören wir auch von Menschen, die Vergewaltiger verteidigen.

Der Krieg, den wir erleben, ist einer der ungerechtesten und sinnlosesten, die es je gab. Und das heißt etwas, denn Kriege sind eigentlich nie „gerecht“ oder „sinnvoll“. Aber oft kann man die Ressentiments zumindest historisch nachvollziehen, die zu einem Krieg geführt haben. In diesem Fall gibt es aber keinerlei Hass des russischen Volks auf die Ukrainer, keine sich langsam aufbauende Bedrohung, keine Attentate, keine echten geopolitischen Interessen außer irgendwelchem wirren Gefasel alter russischer Größe eines alternden Despoten. Deswegen ist es auch kein russischer Krieg, sondern allein Putins Krieg, das ist wichtig zu verstehen. Sowohl Russen als auch Ukrainer sind Geiseln eines Konfliktes, den niemand gebraucht hat, der niemandem etwas nützt und der schon mit dem ersten Schuss verloren wurde – ein schwacher Trost für die Ukrainer, die für dieses nie von ihnen provozierte Scheitern Putins nun auch noch einen schrecklichen Preis zahlen müssen.

Wäre es Putin um ein neues blühendes Russland gegangen, hätte er alle Möglichkeiten gehabt, dies friedlich zu erzeugen. Viele der alten Sowjetrepubliken wären ihm gerne freiwillig in eine gemeinsame Zukunft ohne Korruption und Kleptokratie gefolgt. Bei einem an geistigen und natürlichen Ressourcen reichen Land wie Russland wäre das immer eine Option gewesen. Stattdessen wurde ein Weg beschritten, der nachweislich auf Angst und Repressalien aufgebaut ist. Wir Europäer sowie die USA sind wahrlich keine Unschuldslämmer, aber bei uns ist es wenigstens möglich, diese Selbstkritik frei und ohne Angst vor Repressalien zu formulieren. Und wir können im Gegensatz zu einem diktatorischen Regime immer wieder auf demokratischem Weg echte gesellschaftliche Veränderungen in Gang setzen. Daher nützt in einer Situation, in der momentan nichts so nötig ist wie Einigkeit und Geschlossenheit, der „whataboutism“ des Aufzählens westlicher Verfehlungen nur einem: Putin.

Doch wie geht nun die Kulturszene mit dieser Situation um? In der Palette der Sanktionen sind Kultursanktionen wie die Aufkündigung von Zusammenarbeiten mit russischen staatlichen Institutionen oder prominenten Putinunterstützern nur ein kleiner Teil des Puzzles. Aber man darf die Wirkung dieser Aktionen nicht unterschätzen – auch sie tragen dazu bei, den Druck zu erhöhen. Solange wir nicht selbst zu den Waffen greifen wollen – was die schreckliche Gefahr einer Eskalation ungeahnten Ausmaßes mit sich brächte – sind diese Sanktionen der einzige friedliche Weg, etwas zu erreichen. Gar nichts zu tun, wäre angesichts des Leids der ukrainischen Bevölkerung unerträglich. Und auch die Opposition in Russland braucht dringend den momentanen Druck, um Veränderungen bewirken zu können.

All dies resultiert auch in lauter werdender Kritik an Künstlerinnen und Künstlern, die die Nähe Putins suchten und damit auch nie hinter dem Berg hielten.  Die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit z.B. Gergiev oder Netrebko (die prominentesten Beispiele) werden heiß und kontrovers diskutiert in einer ohnehin schon von Angst vor einer „Cancel Culture“ aufgeheizten Atmosphäre.

Ein beliebtes Argument ist hierbei die „Souveranität“ der Kunst (als wäre sie mit einem Staat oder einem Land vergleichbar), gerne werden auch kitschige Bilder wie das der „völkerverständigenden“ Kraft der Musik bemüht. Als ob es vollkommen egal sei, wer da vorne spielt oder dirigiert, Hauptsache man liegt sich danach rührselig in den Armen und kann alles vergessen, am besten mit ein paar Häppchen und einem Glas Sekt.

Diese Argumentation macht die Musik dümmer als sie eigentlich ist. Und vor allem macht sie die Protagonisten der Musikszene dümmer, als sie es in Wirklichkeit sind.

Kultur braucht immer einen Kontext. Ein Ton, ein Akkord, ein Farbklecks auf einer Leinwand – das alles sind allein noch keine politischen Statements wie es vielleicht Worte sein können. Sie finden aber in einem Kontext statt, der sehr wohl politisch ist. Und die Kunst wird von lebendigen Personen gemacht, die in einer politischen Situation agieren und darin auch eine Stimme haben, selbst wenn sie sich entscheiden, diese nicht zu erheben (auch unpolitisch zu sein ist politisch). Diese Personen machen Karrieren und treffen Entscheidungen, die mit einer politischen Situation zu tun haben, selbst wenn sie dies gar nicht wollen.

In den langen Jahren des europäischen Friedens haben viele von uns vergessen, wie gefährlich es eigentlich sein kann, Kunst zu machen. Wir haben hierzulande schon lange nicht mehr erlebt, wie Kunst wegen Staatsrepressalien oder religiösem Fundamentalismus unterdrückt wird. Aber auch unsere hiesige Kunst war die letzten Jahrzehnte sehr „politisch“, ohne dass wir es merkten, denn die Idee einer freien und vom Staat zwar geförderten, von seinem Einfluss aber unabhängigen Kunst ist an sich schon ein Statement, das nicht jeder Ideologie passt und konträr zu dem steht, was in vielen Ländern (darunter auch Russland und China) praktiziert wird. Wir schmunzelten über die Karikaturen von Charlie Hebdo, anderswo galten sie als politisches Statement, dem man mit Gewalt begegnen muss.

Sind Künstler und Musiker harmlose Naivlinge, die von all dem nichts wissen? Wenn Anna Netrebko in ihren Tweets vorgibt, „unpolitisch“ zu sein, macht sie sich dümmer als sie in ihrer ganzen stets kalkuliert und gezielt vorangetriebenen Karriere je war. Ihre ganze Laufbahn ist Resultat politischen Agierens, daher kann sie nicht in einem Moment, in dem sie Farbe bekennen muss, so tun, als sei ihr dies plötzlich nicht möglich, als sei sie plötzlich nichts weiter als ein armes kleines unschuldiges Mädchen, das nur singen will.

Wer wie Netrebko oder Gergiev proaktiv, ohne Zwang und bei völliger geistiger Gesundheit einen Weg beschritten hat, der ganz bewusst die opportune Nähe zur Macht gesucht hat, muss in Kauf nehmen, dass dies in dem Moment kritisch werden kann, wenn diese Macht unmenschlich und verachtungswürdig agiert. Dass solche Menschen im aktuellen Moment nach ihrer Positionierung gefragt werden, ist nicht Ausdruck einer übertriebenen „Cancel Culture“, sondern direktes Resultat ihres vorherigen Agierens. Die öffentliche Positionierung war Teil ihrer Karrierestrategie.

Müßig die Frage, ob diese Frage – wie zum Beispiel bei Gergiev – viel zu spät kam. Denn man kann endlos darüber debattieren, wann exakt der „richtige“ Moment gekommen ist. Was viele der Gergiev-Verteidiger aber gerne vergessen, ist die Tatsache, dass es nicht nur für die vielen Ukrainer in München (Kiew ist die Partnerstadt Münchens) unerträglich gewesen wäre, einen bekennenden Unterstützer und Vertreter der Putin-Politik weiterhin dirigieren zu sehen. Denn auch ohne Worte macht Gergievs Taktstock indirekt Putin-Propaganda, denn er schlägt nur an diesem Ort, weil eine politische Karriere ihn dahin geführt hat. Die Kündigung gegen Gergiev richtet sich weniger gegen ihn selbst, sie ist eine Rücksichtnahme auf das Publikum, dem man seine Person und die dahinterstehende Ideologie nicht mehr zumuten kann und möchte. Das hat nichts mit seinem Dirigat zu tun, allein mit seiner Person. Man kann Kunst von ihren Schöpfern trennen, das ist leichter, wenn diese nicht mehr unter uns sind. Aber manchmal agieren die lebenden Schöpfer so unerträglich, dass sie ihre eigene Kunst überschatten. Auch ein Schweigen – wie im Fall Gergievs – kann als unerträglich empfunden werden, das Schweigen in Deutschland zwischen 1933-1945 angesichts der eigenen Naziverbrechen war es auch.

Da Netrebko und Gergiev diesen Weg der Macht gegangen sind – anders als zum Beispiel die vielen russischen Künstlerinnen und Künstler, deren große internationale Karrieren ohne Nähe zu Putin zustande kamen – mussten sie auch immer das mögliche Risiko einkalkulieren, „unerträglich“ zu werden. Das Mitleid mit ihnen sollte sich daher in Grenzen halten, zu dieser Lebensentscheidung hat sie niemand gezwungen, genauso wie auch ein Karajan nie dazu gezwungen wurde, eines der ersten NSDAP-Mitglieder zu werden.

Anders liegt der Fall, wenn es um Künstlerinnen und Künstler geht, die nicht im Rampenlicht stehen, die keine öffentliche Rolle einnehmen. Es ist völlig absurd, von jedem Russen und jeder Russin eine öffentliche Positionierung zu verlangen, wenn sie keinerlei öffentliche Rolle einnehmen und dem System auch nicht öffentlich dienen. Wenn Menschen ihre politische Gesinnung zur Privatsache machen und sie nicht hinausposaunen, gebührt es der grundsätzliche Respekt, diese nicht zu erzwingen. Russische Orchestermusiker und Musikstudenten repräsentieren nicht automatisch das „System Putin“, zum größten Teil sind sie gerade wegen des Systems Putin hier und nicht in Russland. Noch ist keine allgemeine „Russenhetze“ zu spüren, sollte es diese je geben, müssen wir ihr aber dringend Einhalt bieten, denn sie wäre unmenschlich und ungerecht.

Wer sich aber – Russe oder nicht – bewusst zum opportunistischen Sprachrohr der Mächtigen macht, muss einkalkulieren, dass der Preis der Macht sehr hoch sein kann. Nämlich dann, wenn sich diese Macht als etwas erweist, dem man lieber nicht hätte dienen sollen.

 

 

Moritz Eggert

 

Foto: Mara Eggert, aus dem Buch „Theater der Bilder“

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Eine Antwort

  1. Karola sagt:

    DANKE lieber Moritz, so ein guter Kommentar. Liebe Grüße von Karola

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