Originalität

Tagebuch der Wörter (25)

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Originalität

Lord Byron, wikimedia commons

Wir sind so an Konzepte wie „Urheberrecht“ und „Plagiat“ gewöhnt, dass wir manchmal vergessen, dass es sich um relativ neue Konzepte handelt. Auch das was wir unter „Originalität“ verstehen, sowie unsere ganze Vorstellung eines „kreativen Genies“ sind sehr stark von der Romantik geprägt. Wenn wir diese Schablonen rückwirkend auf Künstler wie Mozart oder Haydn anwenden, stimmen sie nicht ganz. Beide genannten Komponisten sind zweifellos hochgradig originell, aber diese Originalität entstand eher zufällig aus dem musikalisch reichhaltigen und vielfältigen Umfeld, in dem sie neugierig und aufmerksam agierten. Ziel ihrer Kompositionen war gar nicht bedingungslose Eigenwilligkeit, aber da sie zahlreiche unterschiedliche Einflüsse aufnahmen, die durch den Filter ihrer eigenen Persönlichkeit und Begabung gingen, wurde ihre Musik genuin „individuell“.

Originalität entsteht also nie aus dem Nichts heraus – die Idee einer vollkommen autarken und abstrakten Musik, die aus dem Nichts heraus erschaffen wird und keiner anderen Musik gleicht, geistert zwar immer wieder durch die Ästhetik der Neuen Musik und wird als Ideal eine „Neuen Klangs“ als der Gipfel der Originalität postuliert. Aber gibt es diese Musik wirklich? Immer wieder arbeiten sich Komponistinnen und Komponisten an diesem Ideal ab, versuchen verzweifelt mittels komplexer Methoden und Systeme einen vollkommen „originellen“ Klang zu erzeugen, der ohne Vorbild ist, merken aber nicht, dass allein schon die Methoden, die sie benutzen, klare Vorbilder haben, und dass ihr Denken wesentlich unorigineller ist, als sie ahnen, sondern vielmehr ein Amalgamat unterschiedlichster Einflüsse darstellt.

Wenn wir an beeindruckende Stücke wie „Mouvement – vor der Erstarrung“ (Lachenmann), „Coptic Light“ (Feldman) oder auch „De Tijd“ von Andriessen denken, so wirken sie auf den ersten Blick wie absolute Unikate. Wenn man aber genauer hinschaut, kann man in all diesen Stücken die Spuren der Musiken, Ideen und Konzepte entdecken, die die jeweiligen Komponisten bei der Niederschrift beschäftigten. Zum Teil können das biografische Details sein (wie die Teppichherstellung in der Familie von Feldman), philosophische Ideen amalgamiert mit einer Liebe zu Jazz und Popularmusik (Andriessen) oder eine konsequente Anwendung bestimmter Ideen von Adorno gekoppelt mit einer echten Ehrfurcht vor dem klassischen musikalischen Erbe vermischt mit einer Neugier gegenüber dem von Absicht befreiten Klangereignis (Lachenmann) – keiner dieser Komponisten ist und war eine Insel, sie entspringen alle einem komplexen kulturellen Diskurs, in dem auch viele außereuropäische Ideen miteinflossen (Lachenmann ist geprägt von Cage, der wiederum vom asiatischen Zen-Buddhismus beeinflusst ist, Feldman war kosmopolitischer Jude aus New York, Andriessen beschäftigte sich sowohl mit Glenn Miller als auch mit Athanasius Kircher, usw.).

Allein schon beim Aufschreiben dieser Querverbindungen (und sie sind nur ein Ausschnitt aus dem vielfältigen und neugierigen Schaffen dieser Komponisten) fällt auf, wie interessant manche dieser Gedankenkombinationen sind. Ist also die Beschäftigung mit möglichst unterschiedlichen Dingen Voraussetzung für interessante kreative Arbeit? Ich bin sicher, dass es so ist.

Aber es kommt auch auf das Umfeld an – musikhistorisch fällt auf, dass die Städte, in denen sich musikalisch am meisten tat, in diesem Moment auch eine besondere Vielfalt von kulturellen Einflüssen kannten. Sie waren allesamt Schmelztiegel unterschiedlicher Einflüsse, und daher besonders fruchtbar für die Kunst und auch Wissenschaft. Das Venedig der Renaissance, das Wien des 18. Und 19. Jahrhunderts, das Paris, London und Berlin des 20. Jahrhunderts – das sind alles Orte, an denen genau das Gegenteil der faden Monokultur herrschte, die sich viele Populisten von heute immer wieder lauthals herbeisehnen, weil sie angeblich heilsbringend für die Bevölkerung sei.

Genau das Gegenteil ist der Fall – kreative Impulse der Kunst oder Wissenschaft sind aus dem heutigen Nordkorea oder Turkmenistan ganz sicher nicht zu erwarten, zu abgekoppelt sind diese Länder vom Weltgeschehen. Aber auch die öden Regionen in den Ländern wie nicht nur bei uns, in denen populistische Kräfte alles vertreiben und vergraulen, was irgendwie „anders“ und „fremd“ ist, werden ganz sicher nicht in absehbarer Zeit irgendetwas Interessantes zustande bringen, denn ohne Vielfalt gibt es einfach keinen fruchtbaren Boden für Ideen. Ohne Ideen aber gibt es wenig Hoffnung für die junge Generation, die genau diese Ideen braucht, um Engagement und Initiative zu entwickeln.

Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt werden immer automatisch von den Orten angezogen, die das kreativste und vielfältigste Umfeld anbieten, denn nur dort können sie „originell“ sein. Es liegt auch an uns, dafür zu sorgen, dass es so bleibt, indem wir die Gesellschaft so gestalten, dass diese Offenheit grundsätzlich existiert. Dass dies nicht immer ohne Reibungen vonstattengeht, ist klar, aber immer noch besser als die Alternative: das Leben in einer toten Zone, in der sich ein paar Spacken auf „ihre“ Kultur berufen, die sie dann noch nicht einmal selbst mehr kennen.

Es gibt schon einen Grund dafür, warum gerade die rechtesten Populisten erstaunlich rechtschreibschwach sind und die „Kultur“, die sie ständig propagieren, am wenigsten kennen. Denn wenn ihnen wirklich an ihrer eigenen Kultur gelegen wäre, würden sie ganz anders handeln.

Hinter dem Hass auf das Fremde steht die Furcht vor dem originellen und eigenwilligen Gedanken, der nur dann entsteht, wenn man sich dem Fremden und Neuen aussetzt.

Und vor nichts haben menschenverachtende Diktaturen mehr Angst als vor guten Ideen.

25.9.2021 München/Prien am Chiemsee

Auf dem Weg zum Chiemsee, bei wunderschönem Wetter, Halbmarathon ist angesagt. Meine liebe Frau begleitet mich als „Glücksbringer“. Erinnerungen an Wilhelm Killmayer werden wach, den ich früher oft in Prien, bzw. Wildenwart besucht habe, für mich als Studenten damals eine Weltreise. Erinnerung an die vielen Wanderungen mit Killmayer – er liebte den Wald und durchquerte ihn auf seine ganz eigene Art. Ob Killmayer gerne schnell gerannt wäre? Ich glaube nicht. Er liebte das Verweilen, das Nachdenken und das Abschweifen ins Gehölz.

Der Halbmarathon selbst lief sehr gut, bei wunderschönem Wetter. Genaue Zeit habe ich noch nicht, irgendwas um die 1:46

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1 Antwort

  1. 25. September 2021

    […] September 24, 2021 September 25, 2021 „Dass dies nicht immer ohne Reibungen vonstattengeht, ist klar, aber immer noch besser als die Alternative: das Leben in einer toten Zone, in der sich ein paar Spacken auf „ihre“ Kultur berufen, die sie dann noch nicht einmal selbst mehr kennen.“https://blogs.nmz.de/badblog/2021/09/25/originalitaet/ […]

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