Vernunft

Tagebuch der Wörter (24)

Vernunft

Von den deutschen Medien eher unbemerkt spielte sich im vergangenen halben Jahr ein kleines Theaterstück in den Vereinigten Staaten ab, für das nun heute hoffentlich eine Art Schlussvorhang fällt. Ich spreche natürlich vom „Arizona Audit“, vielmehr der Neuauszählung der Stimmen in Maricopa County, wo Biden knapp vor Trump gewann.

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Bis heute rufen treue Trump-Anhänger den Slogan „Stop the Steal“ und eine große Anzahl von Amerikanern glaubt nach wie vor an einen riesigen Wahlbetrug. Daher ruhten die Hoffnungen vieler QAnon-Anhänger (nicht wenige davon in Deutschland) auf dieser Neuauszählung, die nun endlich Gewissheit bringen sollte. Seit Wochen steigerten sich auch die Prophezeiungen, dass Trump bald wieder im Amt sein werde, in einen neuen Furor hinein.

Die ganze Sache wirkte von Anfang an wie ein Schmierenkomödie. Nachdem der Staat Arizona selbst schon mehrmals die Wahl überprüft hatte, ohne zu einem anderen Ergebnis als einem Sieg Bidens zu kommen, wurde er nun gezwungen, das Ganze durch eine vollkommen unbekannte und unerfahrene Firma namens „Cyber Ninjas“ noch mal überprüfen zu lassen und dafür sogar Geld bereit zu stellen. Dieses Geld reichte aber nicht – Trumps Anhänger sammelten also fleißig und von irgendwoher flossen Millionen dafür, in einer dafür angemieteten Halle alle Stimmen noch einmal zu zählen und nach „Bambusspuren“ zu untersuchen, um eine eventuelle chinesische Einmischung zu beweisen. Das ging dann monatelang, mit immer neuen Unterbrechungen. Erst gab es Missverständnisse, weil „Cyber Ninjas“ die Wahlformalien nicht richtig verstanden und falsche Verdächtigungen aussprachen, dann gab es Sicherheitsprobleme mit dem vollkommen untrainierten Personal. Irgendwann war die Chose fertig und es wurde still, während die Spannung stieg, was denn nun eigentlich bei diesem teuren Unternehmen nun herausgekommen sein könnte.

Mehrmals wurde eine Veröffentlichung angekündigt, dann wieder verschoben, aus immer verrückteren Gründen. Am Ende bekamen die „Cyber Ninja“-Chefs auch noch Covid-19, eine fast schon lustige Pointe in der ganzen Geschichte (sie überlebten es wohl, daher kann man darüber lachen).

Heute also ist es nun so weit. Natürlich wurden die Ergebnisse vorher geleakt, wie es sich gehört. Und natürlich kam dann das heraus, was das ganze Zaudern und Zögern vorher natürlich erklärt, denn welcher Republikaner, der im Auftrag von Trump den großen Wahlbetrug aufdecken soll, überbringt schon gerne die Nachricht, dass es gar keinen Wahlbetrug gab. Biden hat natürlich tatsächlich gewonnen, sogar mit ein paar mehr Stimmen als gedacht, wer hätte es gedacht.

Jetzt ist man als Anhänger der Vernunft dazu geneigt, die ganze Sache als endlich gegessen zu erklären und ist vielleicht amüsiert über den ganzen Affenzirkus, aber wir wissen alle, dass es nicht so sein wird. Diejenigen, die unbelehrbar sind, werden sofort neue Theorien entwickeln, was da schon wieder los war. Dann ist das Ganze plötzlich wieder eine „false flag“ – Operation, die Cyber Ninjas wurden von Demokraten bestochen, sie bekamen schon von vornherein gefälschte Unterlagen usw. Die Möglichkeiten an etwas nicht glauben zu wollen sind unbegrenzt.

Genauso ist es mit den Flatearthern. Würde man Millionen von Dollar ausgeben und die führenden Flatearther auf eine Reise ins All mitnehmen, ihnen einen Raumanzug anziehen und die kugelförmige Erde direkt zeigen und mit ihnen darum herum fliegen…es wäre im Nachhinein alles nur ein „Traum“ oder ein gigantischer „Fake“, man hätte sie mit Drogen benebelt oder sie in eine virtuelle Simulation verfrachtet. Die meisten würden Flatearther bleiben.

Wahrscheinlich muss man solche Menschen ab irgendeinem Punkt einfach aufgeben. Nicht aufgeben im Sinne des Menschseins, sondern aufgeben, sie jemals überzeugen zu können.

Die Natur bringt eine unglaubliche Vielfalt hervor, und dazu gehört es wohl auch, dass selbst im Angesicht unerschütterlicher Tatsachen es irgendjemanden geben wird, der sagt, dass ein Apfel in Wirklichkeit eine Orange ist, auch wenn man ihm den Apfel vor die Nase hält. Es wird immer ewige Zweifler geben, die hinter allem eine böse Verschwörung vermuten, was vor allem daran liegt, dass man die Nichtexistenz von etwas nicht Existierendem nicht beweisen kann (und umgekehrt).

Wenn man an Gott glaubt, kann man nicht hundertprozentig beweisen, dass es ihn gibt, denn würde Gott irgendwo an der Ecke stehen, müsste man nicht an ihn glauben. Umgekehrt kann auch ein Atheist nie hundertprozentig beweisen, dass es Gott NICHT gibt, denn das Göttliche kann sich auch auf göttliche Weise unnahbar machen. Daher kann man über vollkommen erfundene Themen wie angebliche jüdische Weltverschwörungen oder angebliche Mikrochips in Impfungen auch nie seriös diskutieren, das wäre so, als müsste man den lückenlosen Beweis führen, dass sich gerade kein unsichtbares rosa Kaninchen im Raum befindet. Wie soll man das beweisen, wenn es unsichtbar ist?

Es gibt in uns allen also ein Talent zur absoluten Unvernunft, auch im Angesicht knallharter Tatsachen. Im kreativen Bereich bewundern wir eine solche „Unvernunft“ sogar – hat eine Künstlerin besonders verrückte und unkonventionelle Ideen, gilt sie als originell. Aber deswegen gibt es die Kunst ja auch – denn dort kann diese Unvernunft gefahrlos ausgelebt werden, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Im wirklichen Leben ist das ganz anders.

Im Grunde wäre es daher am schönsten, wenn wir in der Kunst noch unvernünftiger und im Leben dagegen so vernünftig wie möglich sein könnten. Vernunft im wirklichen Leben ist meistens weder sexy, noch laut noch in irgendeiner Form spektakulär. Aber gerade deswegen nennt man es auch „Vernunft“ und nicht „Wahnsinn“.

 

München/Marktoberdorf, 24.6.2001

Auf dem Weg nach Marktoberdorf zur Bayerischen Musikakademie, wo man mein neues Stück für Cimbalom und Bläserquartett probt, in dem es in gewisser Weise auch um „Verschwörungen“ geht, nämlich die „Numbers Stations“, die rund um die Uhr mysteriöse Zahlenreihen senden ohne dass man genau weiß, warum. Dass ich morgen und übermorgen einen Halbmarathon am Chiemsee rennen muss, verdränge ich jetzt mal, so richtig Lust dazu habe ich gerade gar nicht, aber das Ganze ist jetzt so oft wegen Corona verschoben worden, dass man es jetzt auch mal hinter sich bringen muss. Am Ende wird es mir wahrscheinlich doch Spaß machen.

Der Sommer zeigt noch mal, was er drauf hat, wahrscheinlich hat er nicht bemerkt, dass es schon Herbst ist.

Wieder neue Band entdeckt: Cynic. Wirklich beeindruckendes Album von 2008: Traces in the Air.

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