Kontext

Tagebuch der Wörter (22)

Kontext

Hitchcocks „Frenzy“ (Filmplakat)

Immer wieder wird darüber gestritten, ob man die Kunst von den Künstlerinnen und Künstlern trennen kann. Die Debatte entzündet sich immer dann, wenn die Urheber eines Kunstwerkes nicht so die Allersympathischsten sind oder waren. Paradebeispiel ist Wagner, aber beliebt in solchen Diskussionen sind auch der Frauenmörder Gesualdo oder der Nazi Pfitzner. Auf der einen Seite haben wir dann immer diejenigen, die der Kunst einen Absolutheitsanspruch ausstellen, der vollkommen unabhängig von ihrem Schöpfer oder ihrer Schöpferin existiert. Die Kunst ist also ein neutrales Objekt der Bewunderung, der dahinterstehende Mensch ist davon getrennt zu betrachten.

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Aber geht das wirklich? Es ist sehr selten, dass das Kunstwerk keinerlei Querverweise auf seine Schöpfer kennt – das geht vielleicht nur in extrem abstrakter Kunst, aber noch nicht einmal da, denn ein Bild von Jackson Pollock sagt auch sehr viel über den Menschen Pollock aus, ebenso wie ein Bild von Mondrian. Alfred Hitchcock hat tolle Filme gedreht, war aber bekannt dafür, die Hauptdarstellerinnen seiner Filme auf eine Weise zu bedrängen, die man heute als absolut inakzeptabel bezeichnen würde. Die dahinterstehenden Obsessionen kann man sehr wohl in seinen Filmen sehen, und vielleicht kann man die Filme sogar besser verstehen, wenn man die Obsessionen kennt. Man muss sie ja nicht teilen.

Wir müssen also trennen zwischen „Bewertung“ und „Wahrnehmung“, beides fließt aber in die Betrachtung eines Kunstwerks mit ein. Die Verfechter der These, dass Kunst unabhängig von den Autoren zu bewerten ist, konzentrieren sich allein auf die Bewertung, vernachlässigen aber die Umstände der Wahrnehmung, die sie genauso beeinflussen wie jede andere Person auch.

Klar, ich kann ein Bild von Caravaggio anschauen und nicht wissen, was der Herr sonst so getrieben hat. Das wird aber nie wirklich der Fall sein – spätestens dann, wenn ich im Museum die Biografie lese, wird die Wahrnehmung des Werkes für immer davon beeinflusst sein. Genauso ist es, wenn ich ein Werk wie „Naked Lunch“ von William S. Burroughs lese – Leben und Werk verschmelzen. Späten Beethoven hören wir mit dem Wissen seiner Taubheit, Mozarts Requiem hören wir mit dem Wissen um sein Dahinscheiden während der Niederschrift, Van Goghs Werke schauen wir nicht an, ohne an sein abgeschnittenes Ohr denken zu müssen usw.

Klar, nicht in jedem Takt zum Beispiel eines musikalischen Werkes scheinen diese Umstände auf, aber sobald sie in unserem Kopf mit dem Gesamtwerk verknüpft sind, schaffen sie einen Kontext, den wir nicht mehr loswerden können, selbst wenn wir uns sehr anstrengen. Und dieser Kontext wird unsere Wahrnehmung beeinflussen. Das ist auch zutiefst menschlich, denn unser ganzes Gehirn ist daraufhin perfektioniert, Sinneswahrnehmungen so zu verknüpfen, dass sie einen Kontext bilden. Es ist uns unmöglich, Wahrnehmungen komplett voneinander zu trennen – Gerüche, visuelle Reize, akustische Signale sind keine Einzelerlebnisse, sondern evozieren sofort Verknüpfungen. Daher „sehen“ wir Hörspiele auch in unserem Kopf, daher erinnern wir uns an bestimmte Situationen, wenn wir etwas riechen. Der Mensch ist vielleicht kein Beilagenesser, aber auf jeden Fall ein Kontextfresser.

Wagner und Gesualdo sind schon länger tot, daher ist ihr Wirken zu Lebzeiten nicht mehr präsent und man kann es eher ausblenden. Wie ist es aber mit Künstlern, die in diesem Moment leben und wirken? Kann man komplett ausblenden, wenn sie Verbrechen begehen oder sich schrecklich verhalten? Kann ihre Kunst als Entschuldigung dafür gelten? Aber wenn ihre Kunst sie quasi für ihre Verbrechen entschuldigt, ist das dann gerecht gegenüber denjenigen, die keine Künstler sind, aber vielleicht ganz unspektakulär sehr gute Steuerberater? Ist allein der Status des Künstlerseins dann etwas, was einen über alle anderen erhebt?

Wir müssen diese Frage hier nicht näher erörtern, aber es hilft, wenn man sich immer wieder Beispiele hernimmt, die mit Kunst nichts zu tun haben. In der 2. Staffel der großartigen Comedyserie „Jerks“ gibt es eine schöne Folge, in der die beiden Protagonisten unerwartet Hilfe durch einen Mann erfahren, der im ganzen Dorf von Christian Ulmens Heimatstadt aus unerklärlichen Gründen gemieden wird. Christian und „Fahri“ überschlagen sich geradezu in Lobeshymnen und Danksagungen diesem Mann gegenüber, bis er ihnen ganz plötzlich eröffnet, auf Kinder zu stehen und diese auch gerne nackt sieht.

Wir lachen als Zuschauer über die darauffolgende peinliche Stille und wie sich die beiden innerhalb von Sekunden unter allen möglichen Vorwänden aus dem Staub machen, aber es kann mir wirklich keiner erzählen, dass man in dem Moment nicht ähnliche Beklemmung empfinden und exakt gleich handeln würde.

Nun muss man sich in so einer Situation jetzt mal einen berühmten Dirigenten als Gegenüber vorstellen (Beispiele gibt es ja einige). Kommt man dann direkt nach einer solchen Begegnung nach Hause und sagt: „hey, jetzt lege ich mal die CD vom Kinderschänder auf, denn seine Kunst ist ja davon vollkommen unberührt, wie der sonst so drauf ist“. Das wird glaube ich nicht funktionieren.

Kunst-Erleben ohne Beeinflussung durch Kontext ist also eine Fiktion – das Kunstwerk ist nicht wirklich von seiner Autorenschaft oder einem Kontext zu trennen, wer anderes vorgibt, macht sich selbst etwas vor, es ist Bullshit. Nur bleibt natürlich jedem überlassen, wie er oder sie damit umgeht und wie die Waage der Beurteilung ausschlagen wird.

Nur eines ist sicher: auf beiden Waagschalen liegt etwas.

 

München 22.9.2021

Die letzten Korrekturen am Libretto meiner neuen Oper sind durch, jetzt muss ich mich langsam in die innere Haltung begeben, die ein tägliches Komponieren an einem langen Stück wieder möglich macht. Hierzu braucht es fast ein bisschen innere Vorbereitung, die man durchaus mit der Vorbereitung auf einen Marathonlauf vergleichen kann. Da läuft auch keiner einfach mal so los, außer das Ergebnis ist einem egal.

Bei meinem Schwedenbesuch habe ich am Flughafen spontan ein paar Magazine gekauft, in denen ich seit Tagen blättere, darunter ein Magazin mit Namen „Prog“, in dem es um heutige und vergangene Prog-Rock-Musik geht, einem Genre, dem gegenüber ich durchaus aufgeschlossen bin, auch wenn mein Wissen um aktuelle Bands sehr begrenzt ist. Tatsächlich höre ich mir nun einige der Bands an, die gefeaturet werden – gerade eben „TesseracT“, eine Art progressive Metalband mit „djent“-Touch (schaut mal nach, was das ist, die Erklärung ist lustig). Erstaunlich, wie komplex deren Musik teilweise ist – es gibt rhythmisch vertrackte Passagen, bei denen selbst die Topkräfte vom Ensemble Modern ihre Schwierigkeiten hätten, wir sprechen hier z.B. von schnellen 17/16-Takten, die in jedem Takt anders unterteilt werden, weitere irreguläre Takte zuhauf, einen Sänger, der darüber in einer anderen Taktart singt, usw. Wirklich nicht schlecht und hervorragend gespielt. Es zeigt einem doch immer wieder, dass anspruchsvolle Musik, bei der man wirklich zuhören muss, auch in anderen Genres sehr wohl existiert und genau denselben Level erreicht, wie in der sogenannten „Neuen Musik“. Warum sich die ganzen Subgenres (auch „progressive metal“ ist ein Subgenre) dann aber ständig immer säuberlich voneinander abgrenzen müssen, verstehe ich nicht wirklich, aber nun denn – interessante Musik kann einem überall begegnen.

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1 Antwort

  1. 22. September 2021

    […] September 21, 2021 September 22, 2021 „Daher „sehen“ wir Hörspiele auch in unserem Kopf, daher erinnern wir uns an bestimmte Situationen, wenn wir etwas riechen. Der Mensch ist vielleicht kein Beilagenesser, aber auf jeden Fall ein Kontextfresser.“ https://blogs.nmz.de/badblog/2021/09/22/kontext/ […]

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