Affront

Tagebuch der Wörter (19)

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Im Kultfilm „Blues Brothers“ gibt es eine berühmte Szene, in der die Band um Jake und Elwood in einer Country-Bar im tiefsten amerikanischen Hinterland schwarze Bluesmusik spielen und fast gelyncht werden. In einem Film voller unterhaltsamer Übertreibungen ist diese Szene tatsächlich eine der realistischsten. Denn wir alle wissen: Musik am falschen Ort kann die Emotionen erhitzen wie kaum eine andere Kunstform, wahrscheinlich weil sie direkt unser Innerstes erreicht und man ihr nur schwer ausweichen kann.

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Gewalt gegen Kunstwerke aller Arten. Statuen wurden beschädigt, Bücher verbrannt und Gemälde geschändet. Das ist Gewalt gegen Objekte. Gewalt gegen Musik richtet sich dagegen meistens direkt an die Ausübenden. Und das unabhängig davon, ob die Musik aggressiv oder friedlich und lieblich ist. Es reicht, wenn sie im falschen Kontext erklingt.

Dass sich zutiefst religiöse russisch-orthodoxe Menschen über eine laut schrammelnde weibliche Punkband in einer Kirche aufregen (wie damals beim „Pussy Riot“-Eklat) ist wenig verwunderlich. Wenn sich aber im jetzigen Kabul ein weiblich besetztes Streichquartett an eine Ecke setzen und leise und zart schönsten Schubert spielen würde, wäre dies ein noch wesentlich größerer Affront und würde vermutlich noch wesentlich schlimmere Konsequenzen für die Musikerinnen nach sich ziehen, als es die „Pussy Riot“-Mitglieder erlebten.

Die Angst vor der „falschen“ Musik muss uralt sein, denn schon Platon entwarf strenge Regeln zu ihrer Verwendung in einem idealen Staatsgebilde. In einem Nichtbeachten dieser Regeln sah er große Gefahr für die geistige Gesundheit der Bürger.

Ich finde es zutiefst faszinierend, dass wir anscheinend die „richtige“ Musik am „richtigen Ort“ platzieren müssen, damit sie funktioniert, obwohl die Musik an sich ja dieselbe ist, egal an welchem Ort wir sie spielen. Warum würde Jürgen Drews beim Heavy-Metal-Festival in Wacken bei einem Auftritt vermutlich in Stücke gerissen werden, wogegen er am Ballermann als absolut passend empfunden wird? Es ist übrigens nicht unmöglich, dass ein Ballermann-Besucher auch das Festival in Wacken besucht, und dennoch diese ablehnende Reaktion teilen würde – denn an einem Ort erwartet er dies, am anderen das andere. An einem Ort ist Jürgen Drews falsch, am anderen Ort richtig, mit exakt der gleichen Musik. Die Musik hat also einen Wert, der ganz unabhängig vom tatsächlichen Klang vom Kontext bestimmt ist.

Wenn wir in ein Restaurant gehen und ein Schnitzel bestellen, man aber stattdessen eine Wurst serviert, ist Aufregung verständlich, denn wir haben eine bestimmte Dienstleistung bestellt, aber etwas anderes bekommen. Musik kann also eigentlich nur dann dieselbe Reaktion hervorrufen, wenn sie als Dienstleistung verstanden wird. Und das oben beschriebene Drews-Konzert in Wacken wäre vermutlich deswegen ein Skandal, weil die dort erwartete „Dienstleistung“ eines Heavy-Metal-Sounds nicht erfüllt würde. Aber ist Musik wirklich nur Dienstleistung?

Ich persönlich finde es sehr spannend, Musik außerhalb des erwarteten Kontexts wahrzunehmen. Je unpassender eine Musik zum Beispiel beim Eröffnungskonzert der Salzburger Festspiele wäre, desto spannender wäre sie von einer künstlerischen Perspektive aus. Eklats und Affronts haben enormes künstlerisches Potenzial, wenn sie nicht Selbstzweck sind, sondern aus einer künstlerischen Notwendigkeit heraus entstehen.

Niemand kann z.B. Stravinsky den Vorwurf machen, dass er mit „Sacre“ künstlich schocken wollte, denn die Musik folgt unglaublich konsequent einer eigenen Ästhetik, die uns inzwischen sehr vertraut ist. Aber für ein nach unterhaltsam-leichter Ballettuntermalung gierendes Pariser Publikum war diese maximale Fremdheit und Nichterfüllung der Erwartungshaltung wie ein Schlag ins Gesicht.

Es ist schon seltsam mit uns Menschen – in einer spannenden Geschichte erwarten wir ständig Überraschungen und verrückte Wendungen, um unterhalten zu werden, Liebhaber von klar definierten Musikstilen dagegen wollen, dass immer alles so ist „wie man es kennt“ und es keinerlei Überraschungen gibt.

Dabei wäre doch die überraschende und unerwartete Musik die tollste Dienstleistung überhaupt, indem sie uns mit etwas Neuem und Aufregendem konfrontiert, was wir so nicht erwartet hätten. Ein Staunen und Wundern darf nicht nur auf Bestellung kommen, es muss sich auch aus dem Ausbrechen und Transzendieren eines bestimmten Kontextes ergeben können, ansonsten ist das Staunen nicht viel wert.

 

19.9.2021

Ruhiges Wochenende, von großer Trägheit geprägt. Muss auch mal sein. Vorfreude auf ein Rum-Tasting mit dem genialen Pit Krause und – wenn es zeitlich noch hinhaut – den neuen „Dune“-Film. Bericht folgt!

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