Mit Fussballschal 2019 in die Philharmonie – Eindrücke von Moritz Eggerts Fussballoratorium „Die Tiefe des Raums“

„Aus. Aus. Das Spiel ist aus.“ – mit der berühmten Abmoderation des Fussballreporters Herbert Zimmermanns endete nach knapp 2 Stunden das Fussballoratorium „Die Tiefe des Raums“ in der Philharmonie des Münchner Gasteigs, das vor 14 Jahren auf der Ruhrtriennale 2005 seine Uraufführung erlebt hatte. Moritz Eggert hatte damals mit seinem Librettisten Michael Klaus ein Kompendium der Fussballleidenschaft kreiert, das das Phänomen Fussball vom kindlichen Bolzplatz, über Sehnsüchte der Fans bis zum heroischen WM-entscheidenden Tor unter die Lupe nahm.

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Das Besondere der Münchner Aufführung war die Zusammenarbeit der Musikakademie der Deutschen Studienstiftung und Eggert als Dirigent. Die Musikakademie der Studienstiftung ist selbst ein Hybrid von hochtalentierten Musikprofis und Musikstudierenden sowie musikalischen Laien, die als z.B. hochbegabte Juristinnen und Juristen oder Naturwissenschaftlerinnen oder Geisteswissenschaftler von der Studienstiftung gefördert werden und hier als Studierende oder Alumni ihrer Lust und Freude am Musizieren anhand von herausfordernden Konzertprojekten nachgehen.

Seit vielen Jahren treffen sich die Akademiemitglieder im südtirolerischen Toblach und studieren dort unter Anleitung des Akademieleiters Martin Wettges mithilfe von Stimm- und Instrumentalcoaches, die selbst als Solisten und Konzertmeister mitwirken, anspruchsvolle Musikwerke ein. 2018 stand Gustav Mahlers 8. Sinfonie auf dem Programm, heuer das Fussballoratorium.

Ist Mahler ein quasi automatischer Kassenmagnet, mit dem man letztes Jahr die Philharmonie 1,5-mal hätte füllen können, so war der Gasteig immerhin gut zur Hälfte besucht, was angesichts der Sommerferien und des Biergartenwetters sowie der zeitgenössischen Musik eine schönes Bekenntnis des Münchner Klassikpublikums zum Experimentellen war. Die ehemaligen Orchesterkonzerte der Musiktheaterbiennale in der Philharmonie waren früher trotz vieler Ehren- und Steuerkarten erheblich leerer als diese frei verkaufte Veranstaltung.

Apropos Münchner Biennale – das Oratorium Eggerts kennt keine Scheu vor U- und E-Musik. Es war so, als reichten sich Robert Schumanns „Das Paradies und die Peri“ und des Biennalegründers Hans Werner Henze „Musen Siziliens“ die Hand. Wie Henze scheut die Musik nicht das Polystilistische und verbindet das Gegensätzliche doch immer in eigenen Eggertschen Klängen. Wie in barocken Kantaten gibt es eine um Synthesizer, Harfe, E-Gitarre, Akkordeon und Mandoline erweiterte Continuogruppe mit Cembalo und Solocello. Für vollen Sound sorgen 6 Schlagzeuger, 2-3fach besetzte Holzbläser, 5 Hörner und 4 Trompeten sowie schlank besetzte 2 Posaunen mit Basstuba und eine 30 bis 40-köpfige Streicherbesetzung. Vor allem die Bläser waren mehr als vorzüglich, die Streicher wirkten Spiel erfahren und grundsolide.

Dass es anders zugehen wird als im konventionellen Konzert ließ bereits der Auftritt des Chores erahnen: jede Sängerin und jeder Sänger hatte mindestens einen Fussballschal um oder trat gleich im vollen Soccer-Gear auf. Genauso das Orchester. Im zweiten Teil, nein, in der zweiten Halbzeit brachte man sogar Bierflaschen mit auf die Bühne und nippte immer wieder daran. Hier war der Clou, dass die Gesangs- und Sprechsolisten bereits mit der Continuogruppe anfingen, derweil Chor und Orchester erst peu à peu wieder ihre Plätze aus der Pause kommend einnahmen.

Wie seine Ensembles so trat auch Moritz Eggert im Sportlerdress mit Shorts und T-Shirt auf. Wer sich im Zuschauerraum umsah, fand auch den Orchesterassistenten und Dirigenten Maximilian Leinekugel im Fussballeroutfit am Mischpult wieder, von wo aus er die Audiozuspielungen koordinierte. Dagegen fand man man den Chordirigenten Christian Jeub, der seinen Chor mit dem Chorassistenten Sebastian Heindl auf bestes Niveau gebracht hatte, formal in schwarz-weiß vor.

In zwei Halbzeiten und 28 Nummern erzählt das Stück wie aus einem kindlichen Spieler, hier von der geschmeidigen und sympathischen Tenorstimme von Simon Bode verkörpert, mit seinen inneren Zweifeln und physischen Verletzungen wie emotionalen Höhenfliegen ein Fussballheroe wird, in dem sich zudem die Hoffnungen der Chorherren und Chordamen als Fans widerspiegeln. Statt eines Evangelisten kommentiert das Auf und Ab der Journalisten-Bariton Hans Christoph Begemann, der als Ersatz eingesprungen war – wie auf dem Fussballfeld ein eingewechselter Spieler gab der dem Geschehen erhöhte Leidenschaft.

Um das Wohl und Wehe streiten sich ein Tugend-Sopran – hier Anja Vegry, unvergessen ihre Strunz-Trappatoni-Arie – und ein Laster-Alt, hier in Person der kernigen und ausdrucksvollen Ruth-Maria Nicolay. Kontrastiert werden die Sänger mit drei Sprechern: Wowo Habdank als an sich wie seinen Spielern verzweifelnder Trainer, Ulf Peter Schmitt als sogenannter Alt-Internationaler, der das Geschehen meta-politisch kommentiert mit Ausflügen zum DDR-Fussball sowie ein echter Sportreporter in der Person von Daniel Herzog.

Kaleidoskophaft streift das Oratorium fast alle Seinslagen eines Fussballspiels: den Unparteiischen, das parteiische Publikum, das Abseits, die Niederlage, die Spielwende und den Sieg. Die Klischees der vollkommen der Faszination des Spiels ergebenen männlichen Fans sowie die anderen Qualitäten der Spieler schätzenden weiblichen Fans – was man 2019 vielleicht ein wenig geschlechtergerechter texten und komponieren würde. Neben diesen und all den weiteren Schmerzen und Sehnsüchten aller Beteiligten wirkte vor allem das Pier Paolo Pasolini Intermezzo erzählerisch wie musikalisch nach: der baritonale Journalist berichtet die Anekdote von den gleichnamigen beiden Personen, dem von Pasolini abgöttisch geliebten Torhüter Riccetto und dem späteren Pasolini-Mörder Riccetto.

Wie immer bei Eggert kennt der Facettenreichtum von Inhalt und Musik keine Grenzen, so dass man das Oratorium eigentlich unbedingt noch ein zweites Mal hören müsste, um es vollumfänglich zu erfassen. Es wird vielmehr angerissen und musikalisch sowie emotional auf die Bühne gebracht, als hier in die Zeilen passen würde. Der Hardcore-Spezialist für Neue Musik wird vielleicht zu sehr das Experimentelle vermissen. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um einen Brückenschlag zwischen, eine Hommage an die Welten von Musik und Sport, den Austausch von Spezialpublikum mit neugierigen Hörern und Zusehern.

Somit ist es im Endeffekt eine Überhöhung, eine lockere und doch quasi-religiöse Feier: gelang Deutschland im Folgejahr der Uraufführung noch kein WM-Sieg, so gewann es 2014 wie im Oratorium in Brasilien gegen Argentinien. Was im richtigen Leben nach einer zähen Partie mit einem glückhaften 1:0 endete, wird durch Eggert und Klaus mit einem 3:2 seherisch vorweggenommen und künstlerisch überhöht, wobei der deutsche Sieg über Brasilien als Final-Wunschgegner im Oratorium in der Realität noch Zukunftsmusik bleibt.

Moritz Eggert als Dirigent, Orchester und Solisten seines Fussballoratoriums

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1 Antwort

  1. Andreas H sagt:

    Ich war dabei :D und es war ein Fest das Stück zu spielen! Danke für den schönen Artikel.

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