Reisen in Deutschland

(Foto: Moritz Eggert)

Wanderer, kommst Du nach Deutschland, suche Dir einen schönen Ort, ein schattiges Plätzchen vielleicht, trinke ein kühles Bier in netter Gesellschaft, schlage Dein Lager bei netten Menschen auf…aber versuche auf keinen Fall…zu reisen!
Denn Reisen in Deutschland ist inzwischen – im Jahre 2018 – eine Unmöglichkeit. Freunde erzählen mir, dass das Bussystem in Thailand hervorragend funktioniert, die Busse sind pünktlich und klimatisiert, und nur ab und zu stürzt einer von den Bussen von der Brücke oder so. In Japan fahren die Züge auf die Hundertstelsekunde genau, halten immer exakt in den nummerierten Bereichen, sodass man seinen Platz immer sofort findet, und die Schaffner verbeugen sich vor den Fahrgästen. Jedes Mal, wenn sie das Abteil betreten!
Aber in Deutschland…

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Vielleicht waren wir einfach leichtsinnig, unsere Reise nach Ahrenshoop (Mecklenburg-Vorpommern/Ostsee) am ersten bayerischen Ferientag zu beginnen. Als wir (meine Familie und ich) am Flughafen München ankamen, kam es uns erst einmal ein wenig seltsam vor, dass da schon ungefähr tausend Leute vor der Sicherheitskontrolle warteten, aber bei den Flügen waren noch keine Verspätungen angezeigt. Die Lufthansa-Dame am Schalter beruhigte uns: sie habe zwar so etwas selber noch nicht erlebt, aber es könnte sein, dass der ganze Spuk bald vorbei sei. Leichtsinnig (wie sich später herausstellte) gaben wir also unsere Koffer auf. Wie konnten wir wissen, dass Sicherheitsleute eine Frau einfach durchgelassen hatten, dann aber zu verschämt waren, ihre Vorgesetzten darüber zu informieren, es dann aber doch herauskam und dann der gesamte Terminal 2 gesperrt werden musste um auch sicherzugehen, dass diese Frau (die da schon längst im Flieger saß) nichts Böses angestellt hatte? Wobei man eigentlich schon von Anfang an wusste, dass sie nichts Böses angestellt hatte, denn welcher Terrorist würde absichtlich durch eine unbesetzte Sperre gehen, um auf sich aufmerksam zu machen? Beziehungsweise auf den unglaublichen Zufall spekulieren, dass er zufällig an einer solchen unbewachten Sperre vorbeikommt, auf dem Weg zu seinem Attentat? Und natürlich hätte der Terrorist auch ganz gewiss keine Flüssigkeiten in seinem Gepäck, denn das erregt ja auch Aufmerksamkeit. Aber ich schweife ab…

Richtig, wir konnten es NICHT wissen, was da bei der Sicherheitskontrolle falsch gelaufen war. Denn die Informationspolitik am Flughafen hätte Nordkorea alle Ehre gemacht. Mühsam musste man sich seine Informationen über diverse Twitterkanäle heraussuchen – dort erfuhren wir, es hätte wohl irgendein “Sicherheitsproblem” gegeben. Währenddessen war zu beobachten wie der verschlossene Sicherheitsbereich langsam einen gigantischen menschlichen Pfropfen bildete – minütlich kamen hunderte Menschen hinzu und gaben ihre Koffer ab, aber niemand verschwand wieder – wohin auch? Der Terminal glich immer mehr einem überlaufenen Ameisenhaufen, niemand konnte mehr vor und zurück, die wenigen Sitzplätze wurden immer umkämpfter. Spätestens als Ohnmächtige wegtransponiert wurden, die Feuerwehr anrückte um den inzwischen brütend heißen und stickigen Raum mit zusätzlichem Sauerstoff zu fluten wurde klar, dass sich hier doch ein größeres Problem anbahnte. Informationen blieben weiterhin spärlich, ab und zu stieg irgendjemand auf einen Schalter und erzählte etwas über ein Megaphon, aber auch dies war wegen der Überfüllung und dem natürlichen Dämmmaterial der Menschenmassen schon wenige Meter weiter nicht mehr zu verstehen.

Mehrere Stunden vergingen und irgendwann wurde uns klar, dass hier weder etwas vorangehen, noch dass wir unsere Koffer in absehbarer Zeit wiederhaben würden, obwohl sie ja wahrscheinlich nur wenige hundert Meter entfernt waren, in irgendeinem Container mit der Aufschrift “nach Berlin”. Ein Lufthansa-Mitarbeiter beruhigte uns: die Koffer würden uns sicherlich “umgehend“ nachgeschickt. Online empfahl man uns, unsere Koffer als “vermisst” einzugeben und unser Flug- in ein Zugticket einzutauschen, was natürlich ungefähr so viel bedeutet, wie die Pest gegen Cholera einzutauschen. Aber nun gut, ich verbrachte einige Zeit damit, kleinste Details unserer 4 Koffer in eine Datenbank einzugeben und lernte, dass es ungefähr 27 Arten von verschiedenen Koffern gibt, die wiederum in 123 Untergruppen aufgeteilt sind. Ich hielt mich für besonders schlau, keineswegs unsere Heimatadresse zu nennen, sondern allein unsere Urlaubsadresse, damit nicht etwa irgendjemand auf die Idee käme, unsere Koffer nach Hause anstatt an den Urlaubsort zu schicken.

Von der fast 10-stündigen Zugreise in komplett von frustrierten bayerischen Urlaubern überfüllten Zügen will ich hier gar nicht erzählen. Auch nicht von der zweistündigen Verspätung, denn das erwartet man ja heute geradezu.

Dass der nun folgende “Urlaub” als solcher kaum zu bezeichnen werden konnte, ist vielleicht verständlich. Wir hatten 2 Unterhosen und ein T-Shirt dabei – für 2 Erwachsene und 2 Kinder keineswegs eine ausreichende Ausstattung. Vor allem das Fehlen jeglicher Spielsachen nagte beharrlich an der schon ohnehin immer anspruchsvollen Familienkommunikation zwischen Eltern und Kindern. Der eigentliche Horror aber waren die Hotlines, denn obwohl man uns versprochen hatte, dass der Transport der Koffer nur wenige Tage dauern sollte, verging erst einmal eine Woche, in der man weder jemanden erreichen konnte noch überhaupt irgendetwas geschah. Stattdessen war ich bald in der Lage, die Warteschleifenmelodien von sowohl der Lufthansa, dem Münchener wie auch dem Berliner Flughafen auswendig nachzupfeifen. Noch auf meinem Sterbebett werde ich diese Melodien stets parat haben, denn ich durfte sie jedem einzelnen Tag 4-6 Stunden hören. Natürlich hob nie jemand ab, das wäre ja Spielverderberei gewesen.

Endlich Nachricht nach einer Woche: die Koffer seien in Berlin angekommen (wahrscheinlich waren von der Lufthansa angeheuerte Träger zu Fuß von München aufgebrochen, so lange hätte es dann ungefähr gedauert) und würden nun baldmöglichst geliefert von einer Firma namens “Baggage Express”! Liebe Leser, ich warne euch, wenn ihr diesem Namen irgendwo begegnet, wechselt bitte die Straßenseite, versteckt euch in einem tiefen Loch, holt Weihwasser und Knoblauch heraus, denn wer sich mit dieser Gepäckauslieferungsfirma mit dem fast schon höhnischen Namen „Baggage EXPRESS“ einlässt, wird seines Lebens nicht mehr froh.

Das fängt schon einmal damit an, dass die Firma überhaupt nicht zu existieren scheint. Mythischen Legenden zufolge soll sie an einem der Berliner Flughäfen ein Büro haben, aber diese Berichte sind unbestätigt. Die Webseite ist zumindest seit Ewigkeiten “under construction” und keine der angegebenen Telefonnummern ergab etwas anderes als ein Besetztzeichen. Nun denn, solange sie unser Gepäck abliefern, soll es mir recht sein, dachte ich mir, aber genauso gut hätte ich darauf vertrauen können, dass Gandalf persönlich mir die Koffer herbeizaubert.

Denn schon am Tag darauf eröffnete mir meine Schwiegermutter (die praktischerweise über uns wohnt), dass zwei der Koffer gerade eben in München angekommen seien. Was natürlich besonders erstaunlich war, angesichts der Tatsache, dass ich a) die Münchener Adresse gar nicht angegeben hatte und b) man offensichtlich davon ausgegangen war, dass wir zuerst nach Berlin fliegen wollten, um dann doch lieber zuhause Urlaub zu machen. Dass wegen dem Transport nach Berlin und dann wieder nach München die globale Erwärmung um ein besonders sinnloses Quentchen zugenommen hatte, darüber schweigen wir lieber.

Inzwischen hatte ich tatsächlich – Wunder über Wunder – die Lufthansa-Hotline erreicht, nach 7 Tagen und gefühlt 100 Stunden Warteschleifenmusik erklärte mir eine Mitarbeiterin, dass sie auch nicht verstünde, wie die Firma “Baggage Express” an meine Privatadresse gekommen sei, und dass es sich hier wohl um ein schweres Datenschutzproblem handele. “Ach”, sagte ich. Ich bat sie zu recherchieren, wie man diese Firma erreichen könne, sie verschwand eine halbe Stunde in der Warteschleife nur um mir dann freundlich zu erklären, dass sie auch nicht wisse, wie man Baggage Express erreicht, und mir daher auch nicht sagen könne, wann die restlichen Koffer ankämen, und ob diese nach München oder vielleicht überraschenderweise an die von mir korrekt angegebene Urlaubsadresse unterwegs seien. Ohne Trackingnummer bei der DHL sei ja auch nicht viel zu machen. Ich fragte ungläubig: “Sie wollen mir also sagen, dass die Lufthansa einer Firma meine Koffer aushändigt, von der sie weder weiß, wie man sie erreichen kann noch wo genau sie sich befindet, noch ob es sie überhaupt gibt?”. Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Ich empfand es inzwischen als eine heilige Aufgabe, irgendetwas über diese Firma herauszubekommen. Auf den üblichen Portalen wie “yelp” war sie zwar eingetragen, die ungefähr hundert Einsternbewertungen unter dem Eintrag steigerten das Vertrauen ihr gegenüber allerdings nicht, auch nicht die kecke einzige Fünfsternbewertung von „anonym“. Bei “google” dasselbe. Am Berliner Flughafen erreichte ich einen Mitarbeiter, der schlicht und einfach nur lachte, als ich ihn nach “Baggage Express” fragte. “Haha, wir wüssten auch gerne, wo die sind”. Ich überlegte mir mehrere Szenarien – eines davon bestand darin, mit einer Kalaschnikow unterm Arm die bei “yelp” angegebene Adresse aufzusuchen und die Herausgabe der Koffer zu fordern, das scheiterte aber an meiner tiefen Abneigung gegenüber jeglicher Gewalt. Obwohl mir der Gedanke zugegebenermaßen gefiel. Stattdessen schrieb ich dutzende Emails an “Baggage Express”, die wahrscheinlich jeweils von einem gelangweilten Mitarbeiter in einer Hängematte auf den Bahamas liegend gelöscht wurden, dabei an einem Cocktail nippend und in jedem Arm eine Bahama-Schönheit.

Weitere Tage vergingen, ohne dass etwas geschah. Sehnsüchtig erwarteten wir jeden Morgen in unserer Ferienwohnung die Post. Ich würde jetzt gerne erzählen, dass es uns inzwischen gelungen war, uns neue Kleidung aus dem Fell selbstgejagter Tiere zu erstellen, aber in Wirklichkeit hatten wir natürlich inzwischen tief ins Portemonnaie gegriffen, um uns mit dem nötigsten zu versorgen. Als ein DHL-Bote vorbeikam wollte ich ihm schon fast vor lauter Dankbarkeit die Füße küssen, aber tatsächlich hatte er nur ein kleines Paket für den Nachbarn dabei.

Schließlich kam wieder Nachricht aus München: die beiden anderen Koffer waren nun endlich auch sicher am falschen Ort angekommen. Also bei uns zuhause, 1000 Kilometer entfernt.

Von der Rückreise will ich gar nicht erzählen. Nicht vom Taxi, dass trotz genauester Vorbestellung zu klein für die Familie ausgefallen war. Nicht von der aufregenden Jagd in nun zwei Taxis durch den Mecklenburg-Vorpommernschen Landstraßenstau, um den Zug zu erreichen, nur um zu erfahren, dass dieser wegen eines Selbstmordes auf der Strecke komplett ausgefallen war. Nicht von dem folgenden Zug, der mit 2 Stunden Verspätung in Berlin ankam. Nicht von dem Zug von Berlin nach München, der wegen des kompletten Ausfalls eines vorhergehenden Zuges nach München so überfüllt war, dass es selbst in der ersten Klasse nicht mehr möglich war, irgendeinen Platz zu bekommen. Nicht von den vielen, vielen Menschen, die sich im Zug wie Sardinen stapelten, nicht von den netten Menschen, die großzügig unseren Kindern jeweils eine Sitzlehne anboten, sodass sie die 7 Stunden Fahrt im Gegensatz zu uns Eltern nicht die ganze Zeit stehen mussten (natürlich hatte auch dieser Zug 3 Stunden Verspätung, ich vermute wegen Überfüllung).

Völlig erschöpft kamen wir spät in der Nacht zu Hause an. Die Wohnung begrüßte uns mit äußerst seltsamen Gerüchen. Dies lag zum einen daran, dass in unserer Abwesenheit eine Sicherung durchgebrannt war, sodass der Inhalt unseres Kühlschrankes durch die nun für Bakterien besonders freundlichem tropischen Binnenbedingungen eine Art Bewusstsein entwickelt hatte. Zum anderen war auch die Kleiderkommode meines Sohnes zu einem Biotop geworden, nachdem die Schwiegermutter die darauf stehende Pflanze so enthusiastisch begossen hatte, dass sich die überlaufende Flüssigkeit in einen besonders aparten weißlichen Holz-und Kleiderschimmel in allen Regalen verwandelt hatte.

Aber ich will nicht jammern, denn immerhin waren wir ja überhaupt angekommen und hatten nach über zwei Wochen unsere Koffer wieder.
Mehr kann man ja in Deutschland auch nun wirklich nicht verlangen, wo kämen wir denn da hin!

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