Jetzt ist der Moment zu sprechen

Wir erleben einen sehr wichtigen aber auch heiklen Moment in der #metoo-Debatte über sexuellen Machtmissbrauch an deutschen Musikhochschulen.
Wichtig deswegen, weil wir an einer Schwelle sind, dass sich zum ersten mal überhaupt etwas ändern könnte an der Situation von Studierenden, die  nach wie vor viel zu oft Opfer von Übergriffen werden und wurden. Das öffentliche Bewusstsein hat sich gewandelt und es gibt die Chance für ein grundsätzliches Umdenken und ein Verbessern der vorhandenen Strukturen. Wir waren noch nie so nahe an einem Punkt, an dem potentielle Täter vielleicht beginnen, umzudenken. Wir waren noch nie so nahe an einem Punkt, an dem Ängste so überwunden werden könnten, dass Studentinnen und Studenten den Mut bekommen, ihre Stimme schon viel früher zu erheben – nämlich direkt dann, wenn etwas geschieht.
Heikel ist der Moment deswegen, weil Abstumpfung sich in einer zunehmenden Ignoranz der Thematik gegenüber niederschlagen könnte, oder umgekehrt – was genau so schlimm ist – eine überbordende Hysterie darin resultiert, dass niemand niemandem mehr traut. Beides wäre fatal. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass das Argument der „Hysterie“ sehr oft von Tätern benutzt wird, um ihre Taten kleinzureden oder sich selber als Opfer zu stilisieren.
Um einen kühlen Kopf zu bewahren, müssen die individuellen Geschichten von Opfern mehr in den Mittelpunkt rücken. Es ist eine Sache, eine Prozentzahl oder Statistiken zu betrachten (nach Untersuchungen erlebt jede dritte Hochschul-Studentin) sexuelle Belästigung in der einen oder anderen Form, eine andere ist es, ein persönliches Schicksal kennenzulernen. Dies muss aber dezidiert mehr geschehen. Warum gehen zum Beispiel so viele Vergewaltigungsopfer nicht sofort zur Polizei? Warum brechen manche ihr Schweigen erst viele Jahre später? Viele Beobachter – besonders Männer – tendieren dazu, dies automatisch als Argument dafür zu benutzen, die Glaubwürdigkeit der Opfer in Frage zu stellen. Dabei gibt es Myriaden von Gründen, die eine solche Entscheidung verständlich machen, man muss sich nur ein wenig in andere Menschen hineinversetzen, um dies zu verstehen. Scham, Angst, das Gefühl des Alleinseins und Sorge um den eigenen Ruf sind nur einige von vielen verständlichen Gründen, die zu einer verspäteten Anzeige führen.
Um ein umfassenderes Bild zu bekommen und zukünftig effizienter Missbrauch zu verhindern wird es immer wichtiger, Geschichten von Musikstudentinnen und Musikstudenten zu sammeln, die solchen Missbrauch erfahren haben. Dieser Missbrauch kann ganz unterschiedliche Formen angenommen haben, es geht nicht darum, wie strafrechtlich relevant ein individuelles Erlebnis war, es geht nur um die Formen des Missbrauchs an sich und dass er stattfand. Es geht keineswegs darum, neue Gerichtsverfahren anzustrengen oder die Arbeit der Organisationen und Menschen zu ersetzen, die in einem solchen Fall Hilfe leisten könnten (bei einem aktuellen Missbrauchsfall wären sie die erste und beste Anlaufstelle).
Nein, es interessieren vor allem die Geschichten, die bisher nicht erzählt wurden. Vielleicht weil sie verjährt sind, weil man es bisher nicht wagte, sie zu erzählen, weil man sie bisher nicht erzählen konnte.
Auf ihrem Blog hat das „Harfenduo“ Laura Oetzel und Daniel Mattelé eine Eingabemaske eingerichtet, in der es auch anonym möglich ist, eine eigene Geschichte zu erzählen https://www.dasharfenduo.de/wordpress/kontaktformularmetoo/. Auch an den Bad Blog of Musick kann man sich jederzeit wenden. Alle Geschichten werden höchst vertraulich behandelt. Wir fragen deswegen nach diesen Geschichten, weil wir wissen, dass es sie gibt. Uns interessieren Geschichten aus dem Umfeld von Musikhochschulen, da dies das Umfeld ist, mit dem alle klassischen Musiker zu tun haben. Uns interessieren Geschichten aus der klassischen Musik.
Ich kann alle Opfer nur ermutigen, sich zu melden. Je zahlreicher diese Geschichten sind, desto mehr müssen sie gehört werden, desto weniger wird man die Thematik wieder kleinreden können und desto mehr besteht eine Chance auf Verbesserung der Studienumstände für alle. Vor einigen Jahren entstand die Initiative art but fair, die auf unfaire Gagen und schlechte Behandlung von Künstlern aufmerksam machte. Auch hier wurden vor allem erst einmal Erfahrungsberichte gesammelt, und die daraus entstandene Solidarität hat schon vieles für Künstler verbessert. Das wäre auch durch #metoo an den Musikhochschulen möglich.
Wer besser informiert ist, wie es anderen ergangen ist, fasst mehr Mut, und das wäre eigentlich das Schönste, was ich mir als Erfolg dieser Initiative wünschen könnte.
Daher: erzählt bitte! Wir werden zuhören.
PS: Auf dem Blog des „Harfenduos“ ist auch folgendes Interview erschienen, in dem ich die Thematik etwas mehr ausführe:

Kontaktformular Harfenduo sexueller Machtmissbrauch an Musikhochschulen
Kontaktaufnahme Moritz Eggert
verschlüsselte Kontaktaufnahme (sicherer) verfügbar hier (gnupg.net) (Öffentlicher Schlüssel)

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Moritz Eggert

Komponist

4 Antworten

  1. k. sagt:

    Wie wichtig die individuellen Geschichten sind, habe ich vor paar Tagen verstanden.

    Ich habe eine Veranstaltung besucht – philosophisches Podiumgespräch als Rahmenprogramm zur Konzertreihe eines Kammerorchesters. Das Thema: die Stimme erheben. Nun, ich schätze dieses Orchester sehr, nicht nur wegen der künstlerischen Qualität und der innovativen Konzertprogramme, sondern weil es einen sehr kreativen Umgang mit der Schnittstelle zwischen der Musik und der Gesellschaft gibt. Progressiver geht es kaum in der Mainstream-Musikbetrieb-Landschaft. Umso mehr hatte ich mich gewundert, warum ausgerechnet bei diesem Thema eine ausgewiesene #metoo Kritikerin als Podiumsgast eingeladen wurde. Die philosophische Abhandlung über die Stimme war interessant, bei der geäußerten #metoo-Kritik hatte ich so meine Schwierigkeiten.

    Nach der Veranstaltung bin ich noch mit der Referentin und dem Management ins Gespräch gekommen. Vorweg: das sind garantiert keine Menschen, die sexuelle Gewalt gutheißen würden, dieses Orchester würde auch niemals seine Musikerinnen oder Gastsolistinnen nach dem Motto „Hauptsache jung, hübsch und sexy“ auswählen. Ich will damit sagen: hier geht es nicht um Sexisten oder Täterschützer.

    Und trotzdem gehen die Argumente in die Richtung: Ein Mensch ist erst dann schuldig, wenn er rechtskräftig verurteilt wurde. Man dürfe kein neues Unrecht schaffen. Man müsse differenzieren. Diese Argumente sind natürlich 100% richtig. Die abstrakt-theoretische Diskussion wäre hier zu Ende.

    Und dennoch muss ich sagen: „Ja, und? “

    Die Realität ist vielschichtiger und komplexer.

    Auch wer öffentlich und abstrakt den Standpunkt vertritt, dass ein Mensch erst dann schuldig ist, wenn er verurteilt wurde, und dass Karrieren nicht aufgrund von bloßen Vorwürfen zerstört werden dürfen, würde man sein Kind zum Klavierlehrer schicken, der übergriffig ist aber noch nicht verurteilt werden konnte? Würde er sogar lieber von den Vorwürfen nichts wissen wollen, bis der Lehrer verurteilt wurde?

    Wenn man von Übergriffen in seinem eigenen Umfeld hört, wenn man gar die Personen persönlich kennt, wie würde man reagieren?

    Auch wenn man den Standpunkt vertritt, dass man zwischen verbalen Belästigungen und körperlicher sexueller Gewalt differenzieren müsste, wäre man nach einer Gewalttat nicht doch dankbar, wenn andere, die „nur“ Belästigung durch dieselbe Person erfahren haben, auch von ihren Erlebnissen berichten würden?

    Wenn es konkret wird, steckt man plötzlich in einem Dilemma und beginnt nachzudenken.

    Mein Eindruck aus dem Austausch nach dieser Veranstaltung war, dass bisher eher Menschen nachgedacht hatten, die bereits in irgendeiner Form mit Übergriffen im eigenen Umfeld konfrontiert worden waren. Die anderen hatten nur diskutiert, ohne sich mit der Situation der Betroffenen näher zu beschäftigen. So kommt es vielleicht zu Debatten aber nicht wirklich zum Austausch.

    Daher sind individuelle Geschichten wichtig. Dabei geht es nicht darum, konkrete Personen öffentlich an den Pranger zu stellen, sondern dass man realisiert, wie es zu solchen Übergriffen kommt, wie es den Betroffenen dabei und danach ergeht, welche Schwierigkeiten es im Umgang mit der Situation gibt. Es geht nicht um voyeuristische Details über die übergriffigen Handlungen, sondern um Dynamiken, Gedanken, Gefühle.

    Es dient der Verständigung.

    In diesem Sinne, viele Grüße!

  2. Vielen Dank für diesen Kommentar!

  3. k. sagt:

    Die Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung in der Medien- & Kulturbranche hat ihre Arbeit aufgenommen.

    https://themis-vertrauensstelle.de/

    Zwar sind Hochschulstudenten, freiberufliche Musiker usw. hier noch nicht gemeint, weil die Stelle nur in Bereichen hilft, wo die Arbeitgeberseite sich auch für das Thema interessiert (und zwar so weit, dass sie die Beratungsstelle mitfinanziert).

    Solche Stellen führen aber meist auch Statistiken über Anfragen. Um den Bedarf und den Ausmaß deutlich zu machen, hilft es, sich dort zu melden, auch wenn die Stelle (noch) nicht zuständig ist.

  1. 30. Oktober 2018

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