Die schlechtesten Kunstlied-Interpretationen aller Zeiten (Eine Liebeserklärung) – Folge 2

Nach dem großen Erfolg der ersten Folge folgt heute die zweite Folge mit weiteren Preziosen von weniger begabten aber dafür umso mutigeren Kunst-Lied-Interpretinnen- und Interpreten. Wir bedanken uns bei dem Internet da draußen und bei den Künstlerinnen und Künstlern. Und zwar mit dem großen Schubert-Special zur Fußball-WM in Russland!

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Franz Schubert: Schwanengesang D 957, Nr. 4: Ständchen

(Anmerkung: Das Video wurde entfernt. Wir bitten um Rücksicht.)

Was für ein Glücksfund! Erst heute hochgeladen – und doch schon gleichsam so „klassisch“ in der Qualität ihrer Darbietung: Victoria K.. Da steht sie also, inmitten einer diffus-violetten Lichtsituation, greift in ihre Extensions – und gibt, richtig: alles. Doch da! Nach etwa eineinhalb Minuten ändert sich die Farbgebung! Das „Mondes Licht“ wird gleichsam in ein tristes syphilitisches Schwarz-Weiß („typisch Schubert“) getaucht. Ja, da geht das kleine puckernde „Cherz“ des Hörers auf!

Doch ach! Bei Minute 2:34 ein plötzlicher Schnitt! Wieder das alte „gute“ Violett, welches wir doch schon so sehr vermisst hatten. Da nähert sich die Darbietung auch schon ihrem Höhepunkt, selbst die Tonqualität besticht in ihrer Digital-Concert-Hall-ähnlichen Brillanz.

Die Schlussgestaltung gelingt ebenfalls berückend schön – und vor allem rhythmisch präzise. Das wirkliche Ende des Liedes jedoch: LOST! Möchte die Künstlerin hier andeuten, dass die Klangschönheit unseres kleinen Franzerls gar nie endet, dass jedes einzelne Lied des tapferen aber erfolglosen Wiener Meisters doch immer nur der Anfang eines neuen Liedes ist, ja, dass das Universum des Schubertschen Gesangs gar unendlich tönt?

Wir jedenfalls wünschen dieser mutigen Frau alles Gute. Bei was auch immer…

Franz Schubert: Ave Maria D 839

Wie fein, wie geschmackvoll! Da durchlebt das kleine Jesuskind quasi schon im von allerlei fürchtemachendem Getier umgebenen Krippchen bei der Geburt das Martyrium seines Kreuzestodes wenige Jahre später. Da platzt die Frömmigkeit des Gläubigen förmlich heraus – als ob es kein Morgen (aber auch kein Übermorgen) gäbe. Die arme Jungfrau Maria! Kein „Verkehr“ mit Josef, aber trotzdem die Schmerzen des Abkalbens!

All diese Implikationen des Lebens und Leidens Mariens schlagen sich hier nieder. Eine Interpretation, welche eine Klavierbegleitung nicht braucht. Nein! Da reichen wenige fragile Töne eines unsichtbaren Pianofortes!

Diese Art des Musizierens scheint von etwas Höherem musikalisch illuminiert worden zu sein: von tiefem, tiefem Glauben – gepaart mit einer gewaltigen Portion Menschenverachtung.

Franz Schubert: Heidenröslein D 257

„Im Pornokino gewesen. Geweint.“ (Franz Kafka)

Schlussbemerkung: Niemand der hier genannten Künstlerinnen und Künstler soll mit diesem Artikel beleidigt werden. Im Gegenteil. Der Autor liebt (fast) alle Künstlerinnen und Künstler, zumal, wenn sie sich vollen Mutes dort raus in die Welt begeben. Also: Nicht böse sein, sondern sich geehrt fühlen! Love.

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Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester und Chöre (so für den Rundfunkchor Berlin) sowie für die sexiesten Zeitschriften und für die Musikstreaming-App IDAGIO.

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Arno Lücker

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitet von Berlin aus für das Brucknerhaus Linz, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester und Chöre (so für den Rundfunkchor Berlin) sowie für die sexiesten Zeitschriften und für die Musikstreaming-App IDAGIO.