GEMA-MV 2018: Chems und Stahlrohr, Heldenleben und Filibuster

Meine Erinnerung kehrt langsam zurück. Mein chems-gesättigtes Hirn lichtet sich. Wo bin ich eigentlich? Mir dämmert, dass ich irgendwann, es muss Mitte Mai gewesen sein, in… B… Bh… Berlin gewesen sein muss. Es hatte wohl was mit Urschrei, nein, Urheberrecht zu tun. Ah, es war die GEMA-Mitgliederversammlung. Und davor die des Komponistenverbands. Wo, wer, was sagte, wozu. Ich versuche mal Ordnung in meine Poppersbirne zu bekommen. Irgendwer redete vom Müllhaufen der Geschichte, jemand anderes über Pauschalverträge für Imamgesänge. Und ein halbwichtiger oder darin ganz wichtliger E-Musik-Verleger glaubte, dass die Flüchtlinge – wirklich, mein Thomapyrin wirkt heute langsamer, nein – genauer die Flüchtlingspolitik mehr Wertschätzung als die Kulturpolitik fände. Eueujoijoijoi. Brrr. Jetzt sticht’s aber arg in der Birne!

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Jetzt wird es etwas klarer: Nachdem ein werter Kollege sich in der ausserordentlichen-angeschlossenen GEMA-MV sehr fundiert, aber ohne Ende über die Vernachlässigung der Sparte M der U-Musik bei der anstehenden Abstimmung zur Youtube-Verteilung beklagte, begannen erste Auftragskomponisten – das sind nicht massgebliche mit Orchester- und Opernaufträgen versorgte E-Komponisten, sondern Werbemusikkomponisten – sich aus ihrer Warte über die Youtube-Verteilung zu beklagen, intervenierte schließlich ein Kirchenmusiker, der sich über den von den Katholiken gekündigten Pauschalvertrag aufregte, und verwurstelte sich eben in GEMA und Imamgesänge. Endlich kam es zur Wahl der Delegierten: der Imamgesangverrechner wurde wohl nicht mehr gwählt. Wer allerdings mal wieder von zukunftsträchtigen Abrechnungsmodellen fantasierte, bekam die meisten Stimmen. Ich redete irgendwas vom Musikfrieden und landete im Mittelfeld. Na, dann gratulier‘ ich mal mir selbst dazu. Ja… und was noch. Migräneattacke. Ach ja, den anderen Gewählten natürlich auch. Abends dann GEMA-Mitgliederfest, wo mir Münchner zu einem interessanten Spiegelartikel Fragen gestellt wurden und die darin erwähnte Musikhochschule gegenüber dem Berghain doch den Kürzeren zog – die Berliner und ihr schräger Lokalpatriotismus!

Am nächsten Tag wurde es dann ernster. Es stand die Neuwahl des Aufsichtsrates an. Mit Charlotte Seither ist nur noch eine E-Komponistin im Aufsichtsrat, Matthias Hornschuh kam neu dazu. Eigentlich lief die Wahl sehr flott ab. Wo es dann zäh wurde, waren weitere Invektive der bereits o.g. Auftragskomponisten gegen die Youtube-Verteilung. Laienhaft zusammengefasst, au, wieder ein Kopfschmerz, mit nicht jugendfreien Bildern, wollten sie die Summ von …. Mio. Euro durch 60 Tausend GEMA-Mitglieder teilen und doch alles für sich behalten. Irgendwann war man nach zwei Stunden Werbemusik-Filibuster mit so kruden Sentenzen „Make GEMA great again“ fast soweit genötigt, hypnotisch allen Wünschen der Auftragskollegen nachzugeben. Doch da sprang eine nette Dame des Deutschen Patent- und Markenamtes auf und verwies auf die Ungesetzlichkeit der Auftragskollegen. Mit einer kleinen Modifikation wurde der Antrag dann endlich angenommen.

Kloselfie zur GEMA-MV: „Wie viele Klicks hast Du auf Youtube?“ „Ey, 20 Millionen“ – ob seit Bestehen oder pro Monat übertönte die Spülung….

Das Problem bei der Youtube-Verteilung: vertraglich kann die GEMA nicht einmal ihren Mitgliedern die genaue Summe nennen, geschweige denn bekam sie von Google/Youtube die genaue „Watchtimes“ pro GEMA-Mitglied-Werken genannt. Und die oft vorgeschalteten Werbespots, um deren Abrechnung es den Werbekollegen auch ging, werden laut Youtube aber gar nicht auf den Youtube-Servern abgespielt, sondern sind extern gehostet. So betrachtet kann ich die Unzufriedenheit schon nachvollziehen. Da liegt der „schwarze Peter“ aber bei Google/Youtube. Da die hohe Summe aber doch nicht so hoch ist, hätten die Werbekomponisten dann eben fast Alles eingestrichen. Jetzt substituiert man vereinfacht gesagt die fehlenden Watchtime-Daten mit den Abrechnungen aus allen Sparten und ihrem Anteil quasi am GEMA-Brutto. Auch damit stehen die Werbekollegen aber noch gut da. Zudem ist es ein Anfang, die Einführung einer eigenen Sparte für Portale wie Youtube und Co. Und neben neuen Verhandlungen mit Google/Youtube wird auch daran weitergearbeitet werden. Denen, die das überhaupt entwickelten, sollte man solange danken, wie die Anti-Reden der Kollegen dauerten. Gemütlich gesagt: vor allem in der GEMA-MV werben die Werbekomponisten indirekt für ihren Werbekomponistenverband. Eine Aspirin hilft mir aktuell, ggf. auch diesen.

Wobei es schon mehr Aspirin waren. Denn es fielen auch die E-Musik-Pauschalvertragsmodifikationen sang- und klanglos, da die Katholiken ihren gekündigt hatten. Also war jetzt dringend eine unheilige Nacht für mich angesagt! Nachdem in der unterirdischen Konferenzgarage der GEMA-MV gar die Lüftung winterlich kalt wurde, benötigte ich dringend Wärme. Was macht die Konferenztunte: sie will sich ins Berliner Nachtleben stürzen. Also umgezogen, den Magen und Hintern ausgepumpt und ins Taxi zum Berghain. Doch da wollte man mich mit meiner Babo-Frisur nicht reinlassen. So pilgerte ich zum Kitkat-Club und freute mich bereits auf fröhliches Versinken in Armen, Männern und Alkohol und traditionellen, von Berlinern mitgführten Substanzen – als Münchner wählt man ja immer 110, wenn es am Flaucher nach sowas riecht! Aber auch daraus wurde nichts. Ein Gin-Tonic und Tschüss. Als ich Ende der 90er bei Kyburz durchfiel, verbrachte ich in der damaligen Sommerwoche einige Sessions im Stahlrohr. Nur, wo es mal war, stand nicht mehr Stahlrohr an der Türe.

Dank Google-Maps, ja, Du Google, Du Komponistenauger, dank Dir fand ich den neuen Standort auf der anderen Seite der Schönhauser Allee. Man ließ mich ein. Es sassen nur halb- bis gänzlich nackte Männer vereinzelt am Tresen. Auf einer Matraze im Keller lag ein Lederberingter. Ich auf dem Weg zur Umkleide, denn dort heisst es unten oder oben oder ganz ohne – ein wenig wie in Gulda-Jazzsessions mit Perkussionsfrau, er meist unten … Doch auf der Treppe erscheint mir… Alexander Zukowski, nein nicht er, sondern sein Song mit Conchita Wurst: Rise like a Phoenix. Ich hatte ihn vormittags ja erst gewählt. Und nun rettet mich mein Aufsichtsratmitglied vor Oben/Unten-Entscheidungen und traditionellen, Berliner Substanzen. Hose und T-Shirt wieder angezogen, innerlich ein Kerzlein angezündet und aus der Google-gewiesenen Stahlrohrkaschemme geflohen.

Doch, ich musste aber endlich was erleben, hier in Krapfen-City (Kennedy sagte: ich bin kein Berliner, aber ein Krapfen!). Hurtig, ohne Hurt, erinnerte ich mich an die Greifbar. Juchhe, ganz ohne Google-Maps fand ich die Bar, noch genauso eingerichtet, wie zur Kyburzfahrt, meine damals mislungene Kyffhäuserreise. Nachdem ich aus der aus dem Spiegel nun so bekannten Kompositionsklasse ausgeschieden war, heute worden war, wollte ich nach dieser Kyburzreise nicht mehr komponieren. Doch Zender rettete mich – eine andere Story. Mich rettete damals wie heute die Greifbar. Und zögerlich, wie man zuerst ist, ertönte urplötzlich eine doppelt geile Mucke: Christian Bruhns Intro zur Comicserie „Cäptn Future“. Mit den Synthie-Klängen ging’s endlich zur Sache, total substanzfrei, aber doch substantiell.

Cafe und Börek hier um die Ecke an der U-Bahn-Station Eberswalder Straße

Als der Morgen um 5 Uhr dämmerte, die Bäcker am Prenzlauerberg mich mit Cafe und Börek stärkten, flitzte ich ins Hotel zurück und… verschlief den Anfang der Abschlusssession der GEMA-MV. Auch da wollte man wieder mit der Youtube-Verteilung filibustern. Ich schlief ein, erwachte nur kurz zu den beiden schönen Radiopreisen. Und als unter Sonstiges ein sehr rüstiger Herr den Antrag einbrachte, dass die GEMA ihre Telefonmusik ändert. Denn mancher hängt aktuell wegen seinen Abrechnungsbeschwerden da in Dauerschleife. Es gäbe doch ein tolles, riesiges Repertoire der GEMA dafür. Die Situation rettete, wie mir nachts, nun uns Allen Kollege Bruhn, der Strauss‘ Heldenleben vorschlug und das gleich mit seiner extrem eigenen Stimme intonierte: ja, exakt mit dieser Stimme singe man das ein, denke ich! Denn der wahre Komponist wird das mit Freude hören und dann hoffentlich glückselig seine Abrechnungstrouble klären können. Der Geschäfstmodeller ruft dann ob jener Telfonmucke nie wieder an und verzichtet auf sein unredliches Gemecker und Absahnen.

Ach ja – nun erinnere ich mich wirklich: das Kopfweh hat wohl mit den heissen Nächten in Maspalomas zu tun… Doch das erzähle ich Euch nicht!

Alexander Strauch.
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