Wahlgedanken 2013 (Sommerlochtagebuch 5)

Es stehen ja bald wieder Wahlen an, und so langsam muss sich jeder Künstler wieder voller Schrecken die Frage stellen: „Wen kann man eigentlich wählen, wenn man danach noch in den Spiegel schauen will?“.

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Tatsächlich ist es diesmal so schwer wie noch nie.

Fangen wir mal damit an, was ich gut fände:

Den Wunsch nach dauerhaftem Frieden in Europa und auch sonstwo auf der Welt und der starken Hoffnung, dass man doch bitte die Meinungsfreiheit belassen, Menschenleben achten und keine schrecklichen menschenverachtenden Technologien unterstützen solle teile ich sicherlich mit so gut wie jedem Bewohner Deutschlands. Und die, die diesen Wunsch nicht teilen, würde ich ehrlich gesagt auch nicht kennenlernen wollen.

Abgesehen von obigem interessiert mich natürlich aus nachvollziehbaren Gründen der Erhalt dessen, was wir Kultur und Bildung nennen – das fängt schonmal damit an, dass man überhaupt eine Umgebung schafft, in der man gerne Kinder in die Welt setzt und ein Krippen- oder Kindergartenplatz nicht einem 6er im Lotto gleich kommt, was ja schon mal nicht so ganz leicht zu sein scheint, zumindest bei uns. Neulich keifte mich eine verbitterte alte Frau im Bus so bös an, als meine 1 jährige-Tochter einen Kieks von der Lautstärke eines Mückenrülpsens von sich ließ, dass ich sie sofort in das perverse Frauengefängnis wünschte, als dessen Wärterin sie sicherlich ihr ganzes Leben gearbeitet hat.

Wenn man die Kinder also irgendwie gezeugt und aufgezogen hat, wünchst man ihnen natürlich auch, dass ihnen genügend Bildung und Kultur zur Verfügung steht, dass sie sich an den wohlfeilen Taten unserer Dichter und Denker erfreuen können, dass ihnen – egal welcher Herkunft – die Universitäten, Hochschulen, Museen, Bibliotheken, Theater und Konzertsäle unseres Landes offenstehen, dass diese mit genügend Mitteln ausgestattet sind und der Eintritt deutlich weniger kostet als ein Ticket für den FC Bayern. So weit so gut. Aber welche Partei unterstützt das überhaupt?

Wenn ich die Grünen wähle, wähle ich Abbau von Theatern, Opernhäusern, Orchestern und Musikhochschulen zugunsten irgendeines diffusen Multikultibegriffes der letztlich nur ignorant ist. Und einen Haufen von Typen, die sich an meinen Kindern aufgeilen. Ok, letzteres war jetzt vielleicht ein bisschen ungerecht, aber es bot sich halt aus aktuellem Anlass an.

Wenn ich die SPD wähle, wähle ich ebenfalls den Abbau von Theatern, Opernhäusern, Orchestern und Musikhochschulen zugunsten irgendeines diffusen Multikultibegriffes der letztlich nur ignorant ist. Und einen ganz seltsamen Kanzlerkandidaten.

Wenn ich die Linke wähle, wähle ich ebenfalls den Abbau von Theatern, Opernhäusern, Orchestern und Musikhochschulen zugunsten irgendeines diffusen Multikultibegriffes der letztlich nur ignorant ist. Und die es am liebsten hätten wie früher in der DDR. Was mich jetzt ehrlich gesagt nicht so wahnsinnig heiß macht.

Wenn ich die Piraten wähle, wähle ebenfalls ich den Abbau von Theatern, Opernhäusern, Orchestern und Musikhochschulen zugunsten irgendeines diffusen Multikultibegriffes der letztlich nur ignorant ist. Und Typen, die es überhaupt doof finden, dass man von Musik leben will, ist doch ein Hobby!

Wenn ich die FDP wähle, wähle ich eine Partei, die zu all dem eine sehr diffuse Meinung hat, es aber total super findet, wenn die Banken mehr Freiraum bekommen, weil wir haben ja noch nicht genug Finanzkrisen gehabt, warum nicht gleich noch eine?

Wenn ich die Tierschutzpartei wähle, wähle ich Menschen, die Tiere sehr lieb haben und sonst nicht so viel.

Wenn ich die NPD wähle, bin ich ein Arschloch.

Wenn ich die Republikaner wähle, ebenfalls.

Wenn ich die RECHTE wähle, ebenfalls.

Wenn ich die ÖDP wähle, wähle ich quasi die Grünen in grün.

Wenn ich die RENTNER wähle, bin ich zu jung dafür.

Wenn ich die Bayernpartei wähle, bin ich für Bayern als eigenes unabhängiges Land, was aber unglaublich langweilig wäre.

Wenn ich die Partei bibeltreuer Christen wähle, muss ich bald den „Wachtturm“ verkaufen, um noch über die Runden zu kommen.

Wenn ich die Bürgerrechtsbewegung Solidarität wähle, muss ich mich mit etwas solidarisch erklären, was ich vielleicht gar nicht will.

Wenn ich die VIOLETTEN wähle, müsste ich das erst auspendeln.

Wenn ich die FRAUEN wähle, darf ich alles, aber nur wenn ich ein Mä-hä-hä-hä-hä-hädchen bin.

Wenn ich die FREIEN WÄHLER wähle, frage ich mich, ob das meine freie Entscheidung war.

Wenn ich die PARTEI DER VERNUNFT wähle, bin ich unvernünftig.

Wenn ich die PARTEI wähle, wähle ich die Titanic-Redaktion, die meine schöne Volksliedserie mit Simon Borowiak auf Eis gelegt hat, weil keiner mehr Noten lesen kann in Deutschland.

Wenn ich die Marxistisch-Leninistische Partei wähle, habe ich nicht nur ein sondern gleich zwei Räder ab.

Wenn ich Bündnis 21/RRP wähle, habe ich keine Ahnung was das ist.

Wenn ich BIG (Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit) wähle, habe ich keine Ahnung, was diese beiden Begriffe miteinander zu tun haben sollen.

Wenn ich Bürgerbewegung pro Deutschland wähle, bin ich pro Deutschland, aber was ist mit dem ganzen Rest der Welt?

Wenn ich die VOLKSABSTIMMUNG wähle, begehe ich einen Akt unverzeihlicher Redundanzförderung, denn ich wähle ja auch keine Partei, die BUNDETSTAGSWAHL heißt.

Wenn ich die PSG wähle, muss ich auch an die „VIERTE INTERNATIONALE“ glauben, und so weit bin ich momentan noch nicht.

Wenn ich die ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND wähle, ist mein IQ nach wie vor auf dem Niveau der Sesamstraße.

Wenn ich die CDU/CSU wähle….ok, die sind die einzigen, die keinen Kulturabbau betreiben. Aber sind die auch progressiv genug? Passt das überhaupt zu meinem mühsam gepflegten Künstlerimage?

Bleibt also nur als Wahlempfehlung:

DIE FAMILIENPARTEI!

Die Familien-Partei Deutschlands hat das Ziel, allen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland eine selbstbestimmte und friedliche Zukunft zu sichern. Die Partei tritt jederzeit für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sowie für die Aufrechterhaltung der Demokratie ein. Sie ist bestrebt, den Wohlstand des Volkes auf gerechter und sozialer Basis zu erhalten und zu festigen.

Klingt doch gut! Aber dann….

(Wir sind für die) Umsetzung des Wahlrechts minderjähriger Kinder über eine stellvertretende Stimmabgabe durch die Erziehungsberechtigten

Wie bitte? Das heißt irgendein fieser Nazi kann ein Dutzend Kinder in die Welt setzen, und die wählen dann alle NPD bevor sie lesen und schreiben können?

Nee, lieber nicht, nein Danke.

Ich glaube ich wähle einfach mich selbst.

Ach scheiße, hatten wir auch schon.

In diesem Sinne,

Moritz Eggert

Das hat mit dem Artikel jetzt zwar nichts zu tun, ist aber trotzdem ganz lustig.

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1 Antwort

  1. Viel schlimmer ist es, daß nicht die Parteien die ersten sind, die Kulturabbau treiben, sondern die Kulturinstitutionen selbst. Die Parteien bestehen dann aus Mitgleidern, die schon Opfer des Kulturabbaus geworden sind. Daß die Konservativen die das Selbstverständnis der Mächtigen konservierenden Künste nicht abbauen (und dabei die paar kritischen als kreative Mahner und Hofnarren) in Kauf nehmen, ist wohl selbstverständlich. Es gab seit jeher übelste Politgrößen, die sich als Schöngeister profilierten, um ihrem Treiben das Mäntelchen des Edlen und Erhabenen umzuhängen. Vorsicht also bei der Beurteilung von Politik mit der Messlatte des Bauchbepinselungsgrades von Kunst.