Isabels Formkunst und Andrés Formelspiele

Legendär wird der Abend vor allem deshalb sein: die Blogger Eggert, Hahn und Strauch unterm Hirschgeweih – ich warte noch auf das Foto, Moritz! Über die nachmittägliche Preisverleihung des „Happy-New-Ears-Preises“ an Isabel Mundry kann man sich kompetent bei Patrick informieren. Ich konzentriere mich auf die Klavierwerke des abendlichen musica-viva-Konzerts.

Das Hören sogenannter „Neuer Musik“ ist manchmal nichts anderes wie oberflächliches Querlesen eines Textes. Das Ergebnis kann im Besten Falle ein sehr grober Überblick über das Inhaltliche und das Formelhafte der Sprache sein. Ähnlich in der Musik, die Marc André zum sogenannten Hören anbietet: erprobte spieltechnisch erweiterte Klangtechniken und Gesten der Klaviermusik der letzten dreissig Jahre kompiliert André in „S 1 für zwei Klaviere“, was Yukiko Sugawara und Tomoko Hemmi im Konzert der Reihe musica viva letzten Freitag präsentierten. Die Show der beiden Damen war durchaus eindrucksvoll, besonders die eckigen Körperbewegungen, wenn sie offensichtlich zählten und sich die Einsätze zuwarfen. Am besten gelungen sind André die Übergänge von ewig wiederholtem Bassgrollen hin zu Reduktionen und mikrotonalen Schwebungen von Basssaitenflageoletts mit halbwegs normal gespielten Einzeltönen. Hier liest man zwar nicht Silbe für Silbe, aber doch Satz für Satz. Weniger gelungen sind allerdings die durch lange Pausen unterbrochene Cluster-, Zupf- oder Geräuschfelder. Da wird Bedeutung suggeriert, Pathos in Szene gesetzt. Das war mal „in“! Heute ist dies solch ein „common sense“, dass es einem Neuer Musik aufgeschlossenem Breitenpublikum ähnlich vorkommt wie dem Opernbesucher Schauer bei Siegfrieds Trauermarsch in Götterdämmerung über den Rücken laufen. Und mit den nicht zu langen Hörlöchern, damit niemand überanstrengt wird, ist es sogar noch leichter und topos-geschwängerter als eine Tonne Leitmotive aus Wagners Hand. Gegen Ende gab es überhaupt keine Übergänge mehr, quietschten die Pianistinnen a la Crumbscher Walgesänge mit Gummischlägeln über die Saiten und sangen dazu Quinten, die an altgewordene Nonnengesänglein erinnerten. Irgendwie fliegt die Form nicht vollends auseinander, so richtig erkennbar wurde sie auch nicht, beschränkt sie sich auf allgemeinverbindliches Formelraunen. Während des Applauses kam man sich wie als Teilnehmer einer Pauschalreise in die Tropen vor, wenn den falschen Medizinmännern und ihrem Trommeltingeltangel gedankt wird.

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Dieser Eindruck lag mitunter daran, dass sich im Herkulessaal jeder und jede blicken ließ, deren Gesichter man in den letzten 20 Jahren in Konzerten mit Neuer Musik in München habhaft werden konnte. Grund dafür war die Verleihung des „Happy-New-Ears“-Preises an Isabel Mundry, deren Stück „Non-Places, ein Klavierkonzert“ mit Nicolas Hodges zur Uraufführung kam. „Non-Places“ meint Un-ort, wie Bahnhof, Flughafen, Shopping Mall. Un-ort kann man ebenso mit Utopos, Utopie beschreiben, wie es wörtlich aus dem Griechischen kommt. Das Stück spannt einen Bogen zwischen Alltagsgeräusch und komplexer spektraler Harmonik, vereinzeltem Klavier und Orchestermasse, Atem und Wort sowie auch, laut Aussage Mundry zwischen „Du und ich“. Begonnen wird mit im Stück immer wieder auftretenden Zuspielungen von Menschengemurmel eines jener oben genannten Un-Orte, lauthals verstärkt durch stimmliches Aufraunen der Orchestermitglieder. Das schwingt sich auf zu einer ersten Phase des Abtastens zwischen Orchester- und Klaviersoloklängen, die die solistische Perspektive in feinen Momenten plötzlich auf einzelne Musiker schwenken läßt, wie im weiteren Verlaufe der Klavierklang auch Auslöser für Antworten von Cymbalon, Harfe und tonalem Schlagzeug ist. Plötzlich sitzt man dann in einem richtigen Solistenkonzert, was abrupt in dunkle, doch nicht überexpressionistische tiefere Klänge und Geräusche führt. Was bei André ins harmonisch Diffuse abgleitet, wird hier zur logischen, nicht-tonalen Harmonik. Dazu gesellen sich durch das Orchester gesprochene Zitate von Oswald Egger, derweil der Wechsel zwischen gefestigtem Konzert und offeneren Zuständen dichter wird. Ein wenig scheint es sich darin zu verfangen, als allmählich rhythmisch markante Pattern entstehen, die wohltuend ein wenig an Momente aus Differenz/Wiederholung-Stücken von Bernhard Lang erinnern, bis das Stück dann stracks zur Ruhe des Anfangs zurückfindet. Man könnte einwenden, dass dies genauso das Repertoire der letzten Jahrzehnte bemüht. Allerdings setzt Mundry im Umgang damit starke und selbstbewusste eigene Akzente, ist souverän die Meisterin von Form, Klang und Harmonik. Dass dies ebenso beim Publikum ankam, lässt hoffen, dass man sich nicht nur mit der Anbetung des Bewährten wie bei Mark André zufrieden gibt, sondern auch Gestalten und nicht nur Erwähnen, gebanntes Lesen statt schnelles Hirnscrollen zu ihrem Recht kommen. Dem folgte nach der Pause die rauschende 7. Sinfonie des musica-viva-Gründers K.A. Hartmann. Man dachte bei sich, dass letztlich das Klavierkonzert Mundrys vollkommen ausreichend gewesen wäre und erinnerte sich an ein ähnlich dichtes Erlebnis vor 18 Jahren: Hans Jürgen von Boses Klavierkonzert „Salut für Billy Pilgrim“, ganz anders in Ansatz und Harmonik, dennoch ähnlich offen im Applaus des Publikums beginnend, die Perspektive aus Musik und Gesprochenem, Orchester und Solo genauso drehend wie in „Non-Places“, die Form souverän im Griff. Mehr von solcher Orchestermusik!!

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Komponist*in

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Eine Antwort

  1. 18. März 2013

    […] allerlei Dinge anstellen, die man ansonsten in zum Beispiel dem letzten Stück von Mark André (Kollege Strauch berichtete) auch sehen […]