Belgisches Videotagebuch: The Tragedy Of A Friendship (1)

Castings und Katzen. Der Himmel über Belgien.

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Vor über einem Jahr rief mich der Intendant der Antwerpener Oper (Aviel Cahn) an und schickte mich nach Polen, um Jan Fabre wegen eines möglichen Projektes zu treffen. Der Name Fabre war mir natürlich ein Begriff. Ich hatte schon einige Sachen von ihm gesehen und sehr spannend gefunden, daher sagte ich natürlich nicht nein. Ich traf Fabre in Posen, wir sprachen ein bisschen über das Projekt „Tragedy Of A Friendship“ über Wagner und Nietzsche. Ich sagte ihm, dass mir Wagner eigentlich gar nicht so läge, ich aber seltsamerweise ständig Wagnerprojekte angeboten bekäme. Er gab mir ein Buch, ich ihm ein paar CD’s, ich schaute seine Aufführung an, die mir gut gefiel. Dann schüttelte er mir die Hand und sagte „Wunderbar, jetzt treffe ich noch die 20 nächsten Komponisten und dann entscheide ich, wer es machen wird“. Völlig ohne es zu wissen hatte ich gerade etwas hinter mich gebracht, was man als „Casting“ bezeichnen würde. Ob ich nach Polen gefahren wäre, wenn ich das vorher gewusst hatte? Wahrscheinlich nicht.

Einige Monate später rief mich die Assistentin und gute Seele Jan Fabres – Miet Martens – an und sagte mir, dass der Meister nun also gerne mit mir arbeiten würde, aber es würde natürlich ein anstrengendes Projekt werden und man müsste ganz viele Castings machen, zu denen ich natürlich als Komponist immer kommen sollte. In den folgenden Monaten besuchte ich ein Casting nach dem anderen, in Antwerpen, in Berlin und an vielen anderen Orten. Jedes dieser Castings dauerte einen ganzen Tag, hunderte von Sängern und Musikern sprachen vor, zum Teil empfahl ich auch Freunde, die weite Reisen auf sich nahmen und dann deprimiert wieder abreisten, was mir sehr unangenehm war. Wir suchten 3 Sänger und 3 Musiker, zusätzlich noch Schauspieler und Performer.

In der zweiten Jahreshälfte von 2012 arbeitete Fabre – der ja auch als bildender Künstler und Autor arbeitet –an einem Kunstprojekt, das auch einen Film beinhalten sollte. Für diesen Film warf er unter kontrollierten Bedingungen Katzen in die Luft, um deren Drehbewegungen in Zeitlupe zu filmen. Heimlich wurde er dabei von einem Mitglied der rechten Partei in Belgien gefilmt, der die Bilder sofort zu Propagandazwecken ins Internet stellte und Fabre als Tierquäler denunzierte. Dies entfachte einen Aufruhr ohnegleichen – Fabre musste durch eine Talkshow nach der anderen um dort seine Aktion zu verteidigen und zu beteuern (und zu beweisen), dass es den Katzen gut gehe. Doch die öffentliche Meinung war schon festgemauert. In der Folge wurden seiner Produktionskompanie „Troubleyn“ größere Geldbeträge gekürzt, da massiv Stimmung von rechts gegen seine „dekadente“ Kunst gemacht wurde.

Eines Abends wurde Fabre auf dem Heimweg von seinem Atelier von Unbekannten auf der Straße überfallen und auf brutalste Weise zusammengeschlagen. Die Angreifer schrien: „Katzenmörder, Katzenmörder!“. Die Polizei sagte ihm später, dass die Täter für diese Straftat voraussichtlich 2 Tage Gefängnis bekommen würden. Um weitere Schlägerattacken zu vermeiden, verzichtete Fabre auf eine Anzeige. Die Täter gingen danach wahrscheinlich in ein Schnellrestaurant um Fleisch von Tieren zu essen, die unter entsetzlichen Bedingungen in viel zu engen Käfigen ein grauenhaftes Schicksal erleiden. Das ist die seltsame Intelligenz des Pöbels.

Darauf folgte eine finanzielle wie künstlerische Krise des Projekts. Nachdem ich monatelang von Fabre nichts gehört hatte rief er mich an um mir zu sagen, dass er sich nun entschieden hatte, keine Livemusiker zu verwenden, da dies auf der geplanten Folgetournee nach der Uraufführung unseres Stückes in Antwerpen und Gent zu viel kosten würde. Auch wollte er nicht mehr, dass ich Texte von Stefan Hertmans – dem dritten im Bunde – direkt vertone, sondern den Sängern die Freiheit lasse, frei mit Wagner-Gesangspassagen zu arbeiten. Ob ich unter diesen Umständen überhaupt noch bereit sei, an dem Projekt mitzuarbeiten, fragte er mich. Ich sagte ja, denn ich freute mich nach wie vor auf die Arbeit.

In den letzten Wochen hat sich viel getan. Wie besessen schreibe ich an der Musik (die momentan vom Band kommen wird), für Orchester und ein Trio aus drei meiner Lieblingsinstrumente Theremin, Cello und Harmonium, obwohl ich bisher noch gar nicht weiß, was Fabre auf der Bühne anstellen wird.

Bei der ersten Aufnahmesession mit dem Antwerpener Opernorchester (eigentlich dem Genter Orchester, komplizierte Geschichte) versuchte ich einen Witz zu machen und sagte: „Seien Sie versichert: In dieser Fabre-Produktion werden keine Katzen in die Luft geworfen. Sofort herrschte eisiges Schweigen im Orchester, eine Bratschistin sprang erregt auf und rief: „Das will ich auch hoffen!“. Die Aufnahme lief dann übrigens sehr gut. Das hier ist übrigens die Tür des Opernhauses in Gent, wo die Aufnahme stattfand.

Währenddessen geht das Casting weiter. Momentan proben 10 Tänzerinnen mit Fabre, von denen nur zwei bei der Produktion dabei sein werden. Entschieden wird das nächste Woche. Die Stimmung ist freundlich und nett, aber verständlicherweise auch ein wenig angespannt. Jeden Morgen trainieren die Performer Kendo, eine japanische Kampfkunst mit Stöcken – Die Arbeit von Fabre ist sehr physisch und geht an Grenzen. Dafür gibt es Mittags und Abends hervorragendes Essen, meistens organisch und sehr gesund.

Als Sänger hat sich Fabre jedoch schon für zwei in Antwerpen wohnende Künstler entschieden: Beide wohnen quasi um die Ecke der Troubleyn-Studios. So kann es manchmal gehen mit Castings.

Etwas Seltsames in Belgien ist mir schon aufgefallen: Der Himmel ist immer verhangen und bewölkt. Nie sieht man die Sonne. Es ist vollkommen egal, ob es Sommer oder Winter ist, immer ist es ein wenig grau und desolat (Antwerpen ist trotzdem sehr schön). Meine belgischen Freunde versichern mir, dass ich nur einfach immer das tolle Wetter die Woche vorher verpasst habe.

Ich hoffe wirklich, dass sie Recht haben.

Moritz Eggert

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2 Antworten

  1. Hervorragend. Hab’s auf meinem Blog geteilt. Der YouTube-Link hier funktioniert allerdings z. Zt. nicht.

  2. @Moritz: Eigentlich wär’s jetzt mal an der Zeit für Teil 2 :-)