Kleines Quiz für die Weihnachtsfeiertage

"zeitgenössische Komponisten" bei der Arbeit

Haben Sie….

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1) schon mal ein 9 1/2 Minuten langes Stück auf 10 1/2 Minuten gestreckt, um in die nächste GEMA-Verrechnungskategorie zu kommen? (Alternativ: ein 9 1/2 minütiges Stück als 10 Minuten lang angemeldet – merkt ja eh keiner…)*

2) einen Des-Dur-Akkord als des, eis und gis notiert, damit er nicht als Des-Dur mißverstanden werden kann, denn das wäre ja irgendwie peinlich?

3) eine eigentlich simple Partitur so aufwändig notiert, dass sie möglichst komplex aussieht (um Kollegen, Juroren und Kritiker zu beeindrucken)?

4) einen Programmhefttext mit Zitaten, Fremdwörtern und intellektuellem Gebaren angereichert, um sich nach allen Richtungen hin abzusichern und möglichst schlau und überlegen zu wirken?

5) ein extrem langweiliges und quälendes Neue-Musik-Konzert allein aus dem Grund besucht, um präsent zu sein und eventuell einen Auftrag fürs nächste Jahr zu ergattern?

6) in einem Lebenslauf die generische Floskel „zahlreiche Aufführungen und Rundfunkproduktionen im In-und Ausland“ verwendet?

7) in eine normale musikalische Linie Vierteltonvorzeichen eingefügt allein aus dem Grund, dass es dann mehr nach „Neuer Musik“ klingt und aussieht?

8) ein Stück nachträglich „Fragment“ oder „Bruchstück“ genannt, weil dann etwas nicht wirklich zu Ende Komponiertes plötzlich bedeutungsschwanger und genial erratisch wirkt?

9) gigantische Porto- und Kopierausgaben sowie einen Spiralbinder zuhause, da ständig hunderte von Partituren zu Stipendienbewerbungen und Wettbewerben sowie Call for Scores in die ganze Welt geschickt werden müssen, von Demopartituren an Festivals und Verlage ganz zu schweigen?

10) sich immer wieder der Illusion hingegeben, dass einen ja erst die Nachwelt richtig verstehen und würdigen wird, vor allem dann, wenn gerade mal wieder 2 Leute im eigenen Konzert sitzen?

Wenn Sie auch nur eine dieser Fragen mit „ja“ beantwortet haben:

Herzlichen Glückwunsch! Sie sind ein typischer Vertreter eines heutigen Komponisten zeitgenössischer Musik!

Allen Kollegen und Lesern dieses Blogs ein frohes Weihnachten und schöne Feiertage!

Und ja, auch ich habe mich mindestens einer der obigen Dinge schuldig gemacht.

Euer

Moritz Eggert

PS: Osvaldo Golijov schreibt für die Met eine Oper über Stephen Hawking (wahr). Der Hauptdarsteller (=Hawking) singt das ganze Stück über ausdruckslos auf einem einzigen Ton (unwahr).

*: Einstufungskategorien bei der GEMA:

1-5 Minuten

6-10 Minuten

11-15 Minuten

usw.

4-minütige, 9-minütige und 14-minütige Stücke gelten quasi als ausgestorben heutzutage.

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6 Antworten

  1. lieber eggy,

    hast du jemals einen führenden Landespolitiker eines europäischen Landes einen „Halbseidensozialisten, rosaroten Beschwichtigungsonkel, Höhensonnenkönig im Pensionisten-Look und selbstgefälliger Staatsclown“
    genannt?

    So bezeichnet von Thomas Bernhard an die Adresse von Bruno Kreisky und in Reaktion auf die Eloge zusammengestellt in Buchform von Gerhard Roth und Peter Turrini zum 70. Geburtstag des Östereichischen Bundeskanzlers 1981.

    Das künstlerische Credo Thomas Bernhards:
    „Ausstrahlen – und zwar nicht nur weltweit, sondern universell. Jedes Wort ein Treffer. Jedes Kapitel eine Weltanklage. Und alles zusammen eine totale Weltrevolution bis zur totalen Auslöschung“

    Könnte ein Anfag für 2011 sein, oder?

    Programmhinweis:
    „Reply Mozart“ 28. Dez. 2010, 20.10h, Deutschlandfunk

    Frohes Fest wünscht

    – wechselstrom –

  2. @ Lieber Moritz,

    Deine 10 Punkte oben sind ein witziger Jahresausklangsblog (oder vielleicht doch nicht der letzte vor Silvester?) Die Dinge, die Du anführst, da gibt es wohl kaum einen Komponinsten von uns auf den mal nicht der ein oder andere Punkt zugetroffen hätte.

    Und doch sind es immer wieder lustige Klischees und Dinge,
    mit denen wir in Verbindung gebracht werden oder uns selbst in Verbindung bringen.

    Man könnte aber sicher auch einen witzigen Erkennungs-Katalog für Retro-Komponisten und/oder Komponisten sich ausdenken, die sich partout und bewusst NICHT der zeitgenössischen oder „Neuen Musik“ zugehörig fühlen, die sich davon expressis verbis abgrenzen:

    z.B.
    1) Haben Sie sich schon mal dabei ertappt, dass sie eigentlich mal gerne einen dissonanten oder atonalen Akkord komponieren wollten und Ihr „Bauchgefühl“ hat Ihnen gesagt: Besser nicht, denn das kommt beim Abonementpublikum dann gar nicht gut an und dann kriegst Du weniger Folgeaufträge…“

    etc. pepe…

    Dir ein frohes Weihnachtsfest, ich freu mich schon auf die Spiele- und Gamers-Einführung in München(aber bitte keine mich als „Doch-nicht-so-schlimm“ entlarvenden Fotos wie damals beim Arno-Treffen in Berlin… ;-)
    Und wenn bei der Geräteabgabe für die E-Komponisten rückwirkend 2002-09 mehr als nur Symbolisches raus springt, dann gibt es vielleicht auch bald wieder statistisch mehr Werkeanmeldungen mit 9 Minuten 59-Werken
    für 9,9 ausführende Musiker … :-) bei den geschundenen
    E-Komponisten.

    @Christoph: Freue mich schon auf „Reply“, das ist genau das Richtige, um mich und manche in lustige aber auch optimistisch-kämpferische Silvesterstimmung für 2011 zu versetzen.

    Ich wünsche allen Bloggern ein gesegnetes Weihnachtsfest,
    falls ich es durchhalte, in den Feiertagen nicht zu bloggen…

  3. hufi sagt:

    1) Bin nicht in der GEMA, habe keine Probleme
    2) Nein, denn dann würde ich nicht mehr erkennen, dass es Des-Dur sein könnte. Als Geiger vermeide ich sowieso bs so gut es geht und würde ein glattes Cis-Dur immer vorziehen.
    3) Nein, das ist zu aufwendig. Vielleicht mal bei einem Ton, so zum Spaß.
    4) Auja, das kann ich immer noch am besten und am allerbesten bei anderen.
    5) Nö.
    6) Nö. Weil es stimmte auch nicht.
    7) Drei Mal mit 17 oder 16; da war das auch wesentlich cooler – heute neige ich eber einem Fünfton-System zu und der Laienmusik. Da ergibt sich so etwas von selbst.
    8) Nein, es hieß zuerst Fragment und dann kamen die Noten. Es gab auch nur dies eine Fragment, was aber sehr fertig wurde. Hingegen einige Fragmente, die nie so hießen.
    9) Um Gottes Willen. Es ist alles auf dem Weg zu Public Domain. Lade sich herunter, wer es mag.
    10) Ganz gewiss. Aber leider weiß ich, dass es niemanden interessieren wird. Außer dieses eine Lied da. Das habe ich auch gut vergraben. Die Nachwelt muss dann schon aus dem Weltall kommen. Meine Hoffnung sind da Bakterien!

    Trotzdem gehöre ich wohl zur von dir genannten Kategorie und überlege, meine Visitenkarte um diese Bezeichnung zu erweitern.

    Frohes Neues!

  4. Herzlichen Glückwunsch,
    ehrlich geantwortet und volle Punktzahl. Ich bin dafür,
    dass Hufi demnächst einen Auftrag für Donaueschingen bekommt. Jetzt aber: allen ein frohes Neues.

  5. hufi sagt:

    Danke Erik. Alt genug wäre ich ja und mit dem Spätwerk kann man nie früh genug anfangen. (Oder, vielleicht bin ich ja damit auch schon durch.)

    Orchester hätte ich da auch schon eine fiese Idee, es dürfte aber kein so ein Spezialorchester sein, sondern ein ganz Gewöhnliches.

  6. GEMA Reim (Krise der Tonkunst?) im H. Zille-Jargon

    In München und Berlin
    da treffen sich die Tonsetzer,
    um jährlich dort Bilanz zu zieh´n.

    Dort jibt et einje Großverdiener,
    schreiben Opern, ham´dort immer
    wat zu tratschen.
    Doch dies Jahr jeht der Rotstift um,
    da jibt´s für sie ´ne Watschen.

    Die Leut´, die wolln wat Neuet sehn,
    die ham´auch schon den Charles Gounod
    mal rauf, mal runter anjehört.
    Die jehn jetz´nur ins Ki-hi-no
    mit einem Kissen, drin ´nen Floh,
    woll´n sich nur köstlich amüsier´n,
    um draußen nich´ zu frier´n.
    Der neue Opernsingesang,
    det strengt die Ohren zu sehr an.

    Ham´ nur det Knutschen noch im Kopp,
    den Song und Trinchen nebenan
    im Arm, die Beene brav jekreuzt.
    Mensch, haste det noch nie jesehn?

    Die Leinwand flirrt, det Herz steht still.
    Und dazu leis´die Musi spielt,
    wenn unsereins det haben will,
    is ooch der Saal janz oft mit Publikum
    bis hin zur letzten Reihe anjefüllt.

    (AO. Simon, 12/10)