Der Stand der Dinge (5): Im Dschungel der Medien

Manchmal ist es ganz gut, kurz innezuhalten und etwas möglichst nüchtern zu betrachten, ohne einen von Ideologien, falschen Erwartungen oder eigenen Hoffnungen verstellten Blick. Vielleicht ist das neue Design des Bad Blogs ein guter Anlass dazu.
Natürlich gibt es nie einen endgültigen „Stand der Dinge“, alles ist im Fluss. Aber gerade diese Tatsache lässt uns vielleicht manchmal Dinge erwarten, die nicht möglich sind, oder andersherum Dinge übersehen, die durchaus möglich wären.
Hier also ein möglichst emotionsloser Blick auf die Neue Musik, wie sie sich heute, am Ende des Jahres 2016, darstellt. Man möge mir massiv oder zaghaft widersprechen oder zustimmen, nichts an dieser Diskussion ist abgeschlossen oder der Weisheit letzter Schluss, es ist allein ein Versuch einer unsentimentalen Bestandsaufnahme, bei der ich natürlich von eigenen Erfahrungen geprägt bin. Wo diese von Lesern ergänzt, kommentiert oder erweitert würden, begänne es spannend zu werden.

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Im Dschungel der Medien

Um die heutige Situation zu verstehen, muss man zuerst in die Vergangenheit schauen, denn die Entstehung unseres heutigen Konzeptes von „klassischer Musik“ ist untrennbar mit dem Aufkommen des Verlagswesens verbunden. Die Notenschrift entstand in Europa zwar wesentlich früher, aber man war allein auf handschriftliche Kopien angewiesen, um zum Beispiel ältere Musik zu studieren. Auch nach Erfindung des Buchdrucks dauerte es noch lange, bis ein zuverlässiges überregionales Distributionssystem von gedruckten Noten auf eine Weise funktionieren konnte, die Musik europa- und später auch weltweit verbreiten konnte. Dieses System erreichte Mitte des 19. Jahrhunderts eine später nie wieder erlangte Bedeutung: Klavierauszüge von aktuellen Opern verkauften sich wie heute Bestseller, Notensatz und Notendruck waren hoch entwickelt und beschäftigten zahllose Menschen, die für zahllose miteinander konkurrierende Verlage arbeiteten.

Der Erfolg dieses Systems beruhte auf seiner Einzigartigkeit – es gab keinerlei andere Möglichkeit (außer der mühsameren und langsameren mündlichen Überlieferung) an „neue“ Musik zu kommen, man musste die Noten kaufen und selber spielen oder lesen. Einen ersten Einschnitt stellte dann das Aufkommen von Medien dar, die den Klang von Musik selber reproduzieren konnten: Schallplatten und später Radio machten die Musik für jedermann „wiederholbar“, ohne dafür etwas tun zu müssen, als einen Knopf zu drücken. Bald entstand das erste „totale“ Medium, das sowohl Bild als auch Ton präsentieren konnte (Tonfilm, später Fernsehen), und damit auch die Wiedergabe eines Konzerterlebnisses samt visueller Anteile ermöglichte. Gleichzeitig veränderte sich aber auch der Alltag der Menschen, sodass das Hören von Musik oder Sprache immer verbreiteterwurde: mittels Radio beim Autofahren oder Bügeln, später auch mittels tragbarer Geräte beim Joggen oder U-Bahnfahren.

Damit wuchs auch der Anteil der „alltäglichen“ Musik . War vorher das Anhören einer Beethovensymphonie eine vollends einnehmende „Beschäftigung“, wollte man sich nun bei vollkommen kunstfremden, vielleicht sogar langweiligen Beschäftigungen mit Musik „unterhalten“. Die Musik selber wurde damit zunehmend zu einer „Dienstleistung“, die sich nicht unbedingt in den Vordergrund drängen will, sondern einen Hintergrund klingend ausgestaltet, eine Entwicklung, die Erik Satie schon früh mit seiner „musique d’ameublement“ voraussah.

Durch die immer größere Verbreitung der Möglichkeiten der Möglichkeiten von Medienwahrnehmung wuchs zuerst die Bedeutung der Rundfunk-und Fernsehanstalten. Als besonders günstig für die Kultur erwiesen sich hierbei die „öffentlich-rechtlichen“ Anstalten, die in den meisten europäischen Ländern durch ihre finanzielle Unabhängigkeit eine Art „Platzhirsch“-Rolle erlangten. Was dort gesendet wurde, fand fast automatisch eine große Verbreitung, da es quasi das EINZIGE war, was gesendet wurde. Im Fernsehen liefen anspruchsvolle Kultursendungen zu bester Sendezeit wie „Aspekte“ oder „Titel, Thesen, Temperamente“, in denen auch Neue Musik ausführlich vorkam. Noch größer war das Kulturangebot in den regionalen „Dritten Programmen“. Zusätzlich übernahmen die öffentlich-rechtlichen Sender gerade in Deutschland eine herausragende Rolle: dem gesetzlich vorgeschriebenen „Kulturauftrag“ verpflichtet, förderten sie Neue Musik gerade hier bei uns auf anderswo unvorstellbare Weise, mit zahllosen Aufträgen für Kammer- und Orchestermusik und sogar Rundfunkopern (die vor allem in den 50er und 60er Jahren in Mode waren).

Durch die Medienreform der 80er Jahre änderte sich die Landschaft. Nun konkurrierte eine bald unüberschaubare Anzahl von Privatsendern um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Wollte man nun leichte Unterhaltung anstatt einer Bildungssendung schaltete man einfach um. Das „Zappen“ – in den USA schon lange Standard – hielt in Europa Einzug und bedeutete auch, dass nun viele Menschen nicht mehr zufällig mit Hochkultur konfrontiert wurden, sondern ihr eigenes Programm gestalteten.

Mit dem Aufkommen des Internets veränderte sich die ohnehin schon komplex gewordene Medienlandschaft noch einmal grundlegend. Das Besondere hierbei war, dass das Internet nicht nur ein neues Medium war, sondern das neueste „totale“ Medium. Anders als das Fernsehen verbreitet das Internet nicht nur Bild und Ton, sondern auch Daten und Inhalte. Die völlige Reproduzierbarkeit aller vorher individuell existierender Medien (Print, CD’s, DVD’s etc.) schafft diese gleichsam auch ab – sie gehen in der „Cloud“ der weltweiten totalen Verfügbarkeit auf, es gibt zunehmend nur noch ein einziges Medium, das Internet, und dieses ist überall und an jedem Ort so flächendeckend verfügbar, dass man ihm bewusst an entlegene Orte entfliehen muss, wenn man es nicht nutzen will.

Wir erleben im Moment eine Art Übergangsphase dieser Entwicklung – je schneller das Internet wird (und ein Limit der technischen Entwicklung ist nicht abzusehen) desto mehr werden vormalige „Leitmedien“ wie zum Beispiel Zeitungen oder individuelle Medien wie zum Beispiel CD’s erodiert. Sie verschwinden nicht vollständig, werden aber zu „Luxusgütern“. Der Filmfan möchte die Filme auch physisch „besitzen“ und nicht nur bei Netflix anschauen, der Büchernarr möchte weiterhin in Büchern blättern anstatt seinen Kindle zu benutzen, dennoch bleiben dies zunehmend Einzelerscheinungen, die auch nur bestimmten wohlhabenderen Schichten zur Verfügung stehen. Für die sozial Schwächeren dagegen gibt es vornehmlich „Flatrates“ und ein zunehmend genormtes internationales Angebot, den sogenannten „Mainstream“.

Schon jetzt wächst eine Generation heran, die das Konzept eines „Leitmediums“ wie vormals Fernsehen oder Radio überhaupt nicht mehr kennt und wünscht, sondern allein durch individuelle Onlinenutzung Inhalte wahrnimmt. Der Vorteil ist die Befriedigung der eigenen Neugier, die Lustgewinn verspricht. Der Internetnutzer ist wie ein steinzeitlicher „Jäger“, der im Dschungel der Informationen Daten „fängt“ und sich individuell fortbilden kann, wenn er es wünscht. Andere „Sammler“ finden Vergnügen daran, Informationen verfügbar zu machen und für andere sorgfältig aufzubereiten, zu jedem nur erdenklichen Thema.

Der Nachteil ist, dass es neue versteckte „Leitmedien“ gibt, die Informationen nach rein kommerziellen Gesichtspunkten verbreiten, sortieren und damit auch für die Masse verfügbar machen. Oder anders gesagt: „google ads“ kennen keinen Bildungsauftrag sondern allein knallharte geschäftliche Interessen. Intelligente Internetnutzung ist also sehr viel Arbeit – man muss einiges über die Funktionsweise von Browsern und Cookies wissen, um sich einigermaßen unbeeinflusst über irgend etwas zu informieren. Hierzu braucht es Zeit und vor allem einen bestimmten Bildungsstand – viel mehr als jedes andere bisherige Medium macht also das Internet „Dumme“ noch „dümmer“, verstärkt also soziale Unterschiede des Standes und der Bildung anstatt diese – wie es immer noch zumindest in der Theorie Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender ist – im Sinne eines humanistischen Gedankens der „Allgemeinbildung“ zu überwinden.

Für die Neue Musik ist die Situation daher unübersichtlich wie noch nie geworden. Gerade durch die zunehmende Bedeutungslosigkeit der vormaligen Leitmedien ist sie tatsächlich in den Grundfesten ihrer Existenz gefährdet. Da der Erosionsprozess langsam ist und immer wieder von engagierten Individuen wie Rundfunkredakteuren und Programmgestaltern Widerstand geleistet wird, wird er in seiner letzten Konsequenz nach wie vor nicht genug in der Szene wahrgenommen, obwohl Rundfunkorchester zunehmend fusionieren oder ganz abgeschafft werden (in ganz Europa). Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die schon vorhandene Katastrophenstimmung zur Panik wird.

Als ebenso fatal für die Neue Musik ist der Niedergang des Printmediums zu bewerten, vor allem der damit einhergehende schleichende Niedergang des Feuilletons, vormals das „Leitmedium“ in der Verbreitung und Bewertung neuer musikalischer Trends, nun zunehmend ersetzt durch Internetmedien wie zum Beispiel diesen Blog, die trotz Erfolges vornehmlich von „Kennern“ aufgesucht werden, also nicht mehr „überall“ gelesen werden wie ehemals das Feuilleton großer Zeitungen.

Gleichzeitig tun sich aber auch ungeahnte Möglichkeiten der Kommunikation und Verbreitung auf, die einem Individuum vorher nicht möglich waren. Jeder Komponist kann ohne größere Mühen sein Gesamtwerk weltweit verfügbar machen (durch .wav, mp3, .pdf-files etc.), die Frage ist allerdings nur, ob sich jemand dafür interessiert, da es kein Leitmedium mehr gibt, dass den Namen dieses Komponisten zu einer Art „Household-Name“ machen kann, wie es vormals für Komponisten wie Stockhausen möglich war. Es entstehen also zahllose Expertenkulturen (oder auch „geek cultures“), die sich für den Substil der „Neuen Musik“ ebenso interessieren wie andere für den Substil „Death Metal“ zum Beispiel. Man tauscht sich schnell und effizient über soziale Medien aus, bleibt aber weitestgehend unter sich. Da es in Kunstmusik kaum kommerziell verwertbare Inhalte gibt, funktioniert auch die Verbreitung über Cookies und google ads nicht.

Tatsächlich sind wir trotz des technischen Fortschritts wieder in einem Stadium angelangt, in dem mündliche Überlieferung (wie vormals in den europäischen Klöstern als frühen Orten der Bildung) wieder eine größere Rolle spielt. Wie begegnet man heute Neuer Musik? Durch einen tollen Musiklehrer, der sie einem in der Schule erfolgreich nahebringt. Durch den interessierten Freund, der einen zu einem spannenden Konzert mitschleppt. Durch den Tipp eines Bekannten in einem sozialen Netzwerk. Durch Prägung in der kulturaffinen eigenen Familie. Diese Wege funktionieren und haben Erfolg, insofern man auch gewillt ist, ein Jäger oder Sammler zu sein, also Energie aufbringt, um den aktuellen Trends von „besonderer“ Musik zu folgen. Den zufälligen „Konsumenten“ von Bildung, wie es ihn noch bis in die 80er Jahren gab, gibt es aber schon jetzt quasi nicht mehr.

Wie virtuos die Neue Musik die Chancen des Internets nutzt, ohne in dessen Fallen der „15 Minutes of Fame“ zu tappen, wird die Zukunft dieser Musik bestimmen. Aber es könnte damit einhergehen, dass Neue Musik sich einreiht in den großen Pool generell künstlerisch avancierter Musik (z.B. Independent Pop, elektronische Musik, etc.) und damit ihren vor allem durch „Leitmedien“ ermöglichten Sonderstatus endgültig verliert. Dies hätte auch weitreichende Konsequenzen für sowohl Ausbildung als auch Finanzierung Neuer Musik, die jetzt noch nicht komplett abzusehen sind. Sicher ist nur: Das Internet hat die Neue Musik grundlegend verändert, und wird dies auch weiterhin tun.

Der Stand der Dinge:

– Noch nie standen Komponisten so viele Möglichkeiten medialer Verbreitung mittels des „totalen“ Mediums Internet zur Verfügung

– Die traditionellen „Einzelmedien“ verlieren zunehmend an Bedeutung

– die kommerzielle Kontrolle von Medien nimmt zu, das „öffentliche Interesse“ an Bildung ab

– Der Verlust von „Leitmedien“ als „Überträger“ Neuer Musik-Inhalte wird unumkehrbare Konsequenzen haben, da damit das bisher tragende Fundament zusammenbricht

Harry Lehmanns Theorie der „Medienverschachtelungen“ und „Medienentschachtelungen“ gehört zum Thema und wird hier ausdrücklich empfohlen, zu finden hier:

Moritz Eggert

Komponist

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