Geteilter Petrenko, geeinte Philharmoniker?

Gratulation, Berlin! Gut habt’s g’wählt, frech uns Münchnern den Kirill wegg’schnappt. So war in der heimlichen Hauptstadt nicht die Wahl Kirill Petrenkos zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker das Stadtgespräch, sondern dass der Bachler Nikolaus als erster seinem GMD zur Wahl gratulierte und, als sei nix g’wes’n, gleich Gesprächen mit dem Petrenko Kirill über eine Vertragsverlängerung in München aufnahm. Irgendwo stand aber, dass ein Berliner Chefdirigent kein andres Orchester neben der Spreeperle als Chef leiten darf. Was kümmert’s uns! Schneid’s Euch was von der Liberalitas Bavaria ab und lasst vom Kirill das royale Kir in Kir-Royal-City. Ein um B oder W ergänzter ill tut’s für Euch allemal. Es geht ja sowieso bei Dirigenten und Sängern nur um den Celi, den Kleiber, den Jansons oder eben den Petrenko. Ähh. Also, umgedreht, verbessert: Uns den Petrenko, Euch den Kirill.

Um aber bei der Liberalitätata zu bleiben: vögelte das Netz im Mai noch von den Failharmonikern, nachdem Presse und wohl auch die unterschiedlichen Meinungen im Orchester Namen zwischen Liverpool und Dresden hochpeitschten, so dass es nach einem ewig langen Orchesterkonklave keine Einigung gab, kann man rückblickend die ausgefallene Auswahl im Frühjahr nur vernünftig nennen. Denn was taugt eine schnelle Wahl, mit einer knappesten Mehrheit, mit einem Hypehappen für die Pressemeldungen, wenn es doch vor allem um künstlerische Zusammenarbeit, musikalisches Vertrauen, wenn es sowas überhaupt gibt, geht.

Als die Dresdner Staatskapelle Luisi kürte, wurde dieser mit eben solch einer hauchdünnen Mehrheit gegen Thielemann Chefdirigent, dass seine Stellung immer mehr ins Wackeln geriet, bis nun eben Thielmann seinen Harfenjob, ne, Zauberharfenposten erhielt. Nicht auszumalen, wie sich das in Berlin mit einer knappen Mehrheit für Andris Nelsons vielleicht gegen Thielemann wiederholt hätte, bis dieser ein paar Jahre später dann doch Chef der Philharmoniker geworden wäre. Was für eine Zerrissenheit hätte dies befördern können. So bewährt sich eines der ältesten demokratischen Wahlsysteme auf deutschen Boden, dass es Uneinigkeit zuliess, die man einfach so stehen liess, um nun schnell, unbemerkt und diszipliniert einem Kandidaten den Vorzug zu geben, von dem es zuletzt hieß, er hätte sich durch seine letzte ungeschickte Absage für immer und ewig aus dem Dunstkreis der Philharmoniker verabschiedet. Sollte dem so gewesen sein, wurde ihm kollektiv verziehen und der Letzte zum Ersten.

Ob nun als Premiere einer Ausnahme von der Exklusivchefmanier auch in München oder doch ganz ungeteilt nur den Berlinern gehörend: statt PR-Hype nun der in der Öffentlichkeit sich zurückhaltende Durch-und-Durch-Musiker. Besorgte Stimmen fragen allen Ernstes, ob sich z.B. die Publikums zugewandte konservative und virtuelle Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Philharmoniker noch möglich sei, wenn sie solch einen menschenscheuen Chef sich ausgesucht haben würde. Ja, warum denn nicht? Hat den Rattle je höchstpersönlich auf Facebook gepostet oder den Stab in der Digital Concerthall spontan beiseitegelegt um den Zehntausendsten Abonnenten zu begrüssen? Nein, er hat dort nichts gepostet oder gelikt und in der Concerthall vor allem eines getan: dirigiert! So tat’s und wird’s der Petrenko Kirill auch tun.

Und: was für eine Aufgabe an all die Master-Musikvermittler, eben nun einen weniger kamerabewussten zu vermarkten. Denn Werbemaschine hin oder her: selbst unter Rattle wird ja doch sein musikalisches und weniger sein mediales Wirken verkauft. Selbst im Showbiz liebt man ja vor allem die Popsternchen, die doch auch singen können und nicht nur hübsch Phrasen hauchen. Und seien wir mal ehrlich: jenseits aller musikalischer Höchstbegabung ist Kirill Petrenko, gerade wenn er dirigiert, doch der beste Spiegel seiner eigenen Dirigier-Agogik. Und nebenbei einfach grundauf liebenswürdig. Also keine Angst: die heimliche Wahl war vernünftig, die Zukunft ist super! Und wenn der Tag der Tage kommt, wo sich Orchester und Dirigent nicht mehr gegenseitig knuddeln? Der ist von heute aus betrachtet noch weit entfernt, auch wenn er morgen schon eintreten mag.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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