Vorbereitung der Atopie. Ein Text in 6 Teilen. Vierter Teil: Die kleine Schwester.

DIE KLEINE SCHWESTER

Ich habe gerade von der pickligen kleinen Schwester der klassischen Musik gesprochen. Willkommen, Neue Musik mit großem „N“. Willkommen, E-Musik. Willkommen, Avantgarde.

Ich kenne diese picklige kleine Schwester sehr gut, denn ich gehöre zu ihr, habe brav an Kompositionswettbewerben teilgenommen, mich um Stipendien beworben, mich im Deutschen Komponistenverband und in der GEMA engagiert, mein Diplom gemacht, mein Meisterklassenpodium. Ich bin nach Donaueschingen gepilgert, nach Darmstadt, habe Kompositionskurse in aller Welt besucht, mich mit jungen pickligen Komponisten aus aller Welt ausgetauscht, war selber einer.

Ich hasse diese Welt der kleinen Schwester nicht. Tatsächlich ist die kleine Schwester viel hübscher, als sie auf den ersten Blick aussieht. Auch sie kennt Schönheit, Grazie und Charme. Aber es ist ein bisschen ein versteckter Zauber, der von ihr ausgeht. Sie hat eine dicke Hornbrille (so wie ich). Manchmal ist sie ein bisschen blass, weil sie nicht so viel rauskommt auf die Straße. Beim Tanzen steht sie an der Wand, die Arme verschränkt, ein Schmollmündchen ziehend. Sie will aufgefordert werden, würde aber nie von selber tanzen. Sie ist ein Nerd, oder ein Geek, um zwei neusprachliche Begriffe zu verwenden. Sie weiß sehr viel, ist aber auch extrem konservativ in ihren Ansichten. Die Dinge müssen so sein, wie sie schon immer waren. Bestimmte Dinge können nicht mehr gemacht werden, andere müssen gemacht werden, sonst gehört man nicht dazu.

Leider ist meine kleine Schwester Neue Musik manchmal sehr spießig, obwohl ich sie wirklich lieb hab. Sie fordert beständig Neues, zieht aber genau dieselben Kleider an, die vor 50 Jahren oder mehr in Mode waren. Vielleicht mit einem neuen Muster, mehr nicht.

Irgendwann wurde mir klar, dass es nicht nur die Welt meiner kleinen Schwester gibt, ja, dass diese Welt sogar wahnsinnig klein und eng ist. Und in dieser Enge wird selbst das Gute irgendwann zum Gefängnis.

Dies war der Moment, als ich ihr auf Wiedersehen sagte.

Es war kein leichter und auch kein schneller Schritt. Er vollzog sich schleichend, quasi allmählich. Irgendwann stellte ich fest: ich bin mehr woanders als bei meiner kleinen Schwester. Vielleicht gehört dies zum Erwachsenwerden, dass man sich der Heimatlosigkeit radikal aussetzt und das Freie, Unbekannte sucht.
Ich mag meine kleine Schwester Neue Musik nach wie vor. Manchmal lädt sie mich ein, und ich freue mich, wenn wir uns wiedersehen. Wir trinken dann Kaffee oder stoßen auf die alten Zeiten an. Aber ich weiß, dass andere Herausforderungen warten, andere Dinge möglich sind.

Das Problem meiner kleinen Schwester ist, dass sie eigentlich so viel könnte. Sie müsste einfach nur ein bisschen mehr raus aus ihren vier Wänden.

So lange dies aber nicht so ist, ist sie nichts weiter als die kleine Schwester der Klassischen Musik. Man bemerkt sie kaum, weil sie so klein ist. Manche sagen, dass die kleine Schwester eigentlich schon gar nicht mehr richtig dazu gehört, zur alten fahlen großen Schwester Klassische Musik. Dass sie eigentlich auf eigenen zwei Beinen stehen sollte. Aber sie funktioniert nach wie vor nach den Gesetzen, die auch die große Schwester geprägt haben. Und das ist das Problem.
Kleine Schwester, ich sage Dir, gehe ein bisschen hinaus. Geh Spielen, spiel in einer anderen Welt. Verlasse den Ort, an dem Du Dich aufhältst.
Und jetzt spreche ich zum ersten Mal von dem Wort, aus dem sich der Titel dieses Vortrags bildet.

Atopisch.

Atopisch heißt: ortlos, ohne Ort.

Man kann daraus auch das Wort „außerordentlich“ ableiten.

Sei atopisch, Sister.

Moritz Eggert

(FORTSETZUNG FOLGT)

sister

Moritz Eggert

Komponist

3 Antworten

  1. Sehr schön und schüchtern poetisch, lieber Moritz, kommt Dein Nachruf daher, der nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sich alle möglichen Leute, die sich von der Kleinen Schwester abgenabelt haben, ihrer bedient und sich ein Stückchen von ihr mitgenommen haben.

    Ich drücke das mal nicht ganz so schüchtern aus:

    An Schwester N. M.

    Ach, Schwester, du Geliebte mein,
    ich nag’ an deinem Fersenbein,
    ich nag’ mich hoch bis an den Mund,
    der macht mich glücklich und gesund.

    In deinem Bauch das runde Loch
    klafft auf und ist ganz blutig noch.
    Ich reiß dir auf die schmale Brust.
    Dein Herz verschafft mir Himmelslust.

    Du gibst mir roten Lebenssaft
    für die entschwundne Lendenkraft.
    Ich schwebe selig über dir,
    ein Gott ganz gnädig gab dich mir.

    Ich hab’ dich so bis morgen Früh,
    dann kommt der Tag voll Prüderie.
    Ach, Schwester, du Geliebte mein,
    werd’ ohne dich ich einsam sein?

  2. Eberhard Klotz sagt:

    Zukunft

    Moderne – Postmoderne –
    2. Moderne – 2. Postmoderne –
    3. Moderne – 3. Postmoderne –
    4. Moderne – 4. Postmoderne –
    5. Moderne – 5. Postmoderne –
    6. Moderne – 6. Postmoderne –

    NORBERT HUNDT, Komponist (2709 – 2793)

    7. Moderne – 7. Postmoderne –
    8. Moderne – 8. Postmoderne –
    9. Moderne – 9. Postmoderne –
    10. Moderne – 10. Postmoderne –
    11. Moderne – 11. Postmoderne –
    12. Moderne – 12. Postmoderne –
    etc…………Supernova unserer Sonne.

  3. Max Nyffeler sagt:

    Atopie oder Utopie? Atopie scheint eher etwas mit Allergien zu tun zu haben. Passt natürlich auch irgendwie zu neuen Musik.

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