Donaueschingen, zweiter Tag

Heute war’s ordentlicher. Es gab zum Abschluss ein fettes Cordon Bleu. Statt der gestrigen Wiener Würschtel auf dem Stromkasten. Von wegen „wunderliches“ Donaueschingen: die Kastenwiener wurden elektrolytisch ins Klangforum Wien verwandelt. In meinem Kopf. Mit den Restwürsten im Bauch und Müsli im Magen um 11 Uhr brav in den Mozart-Saal, eben zu Klangforum und drei neuen Stücken.
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Der erste Schock stellte sich noch vor den ersten Klangaktionen ein: das Programm wurde getauscht. Statt sanft mit Chiyoko Szlavnics „Inner Voicings“ aufzuwachen, durch das Trompetenconcertino „Sound as Will“ von Wolfgang Rihm aufgerissen zu werden, zuerst 40 Minuten Sciarrino anstatt damit ein wenig vom mittäglichen Hunger abgehalten zu werden und sich nicht wieder den Bauch vollzuschlagen. So wurde Salvatore Sciarrinos „Carnaval“ (Gesang: Stuttgarter Vokalsolisten) zur Geduldsprobe. Nun, „Quaderno de la strada“, die Opern-De/Rekompositionen, alles wirklich geniale Zinngießerkunst, richtig schön, im spielerischen angehaltenem Atem atemlos im Hinhören, immer neue Gesten, die manisch wiederholt durchgewalkt werden, immer anders. Im neuen Stück drehte sich vor allem der Uhrzeiger kaum weiter, wurde das redundante Material von Satz zu Satz leicht verändert, aber eigentlich nicht spürbar. Auf einen lang gehaltenen Ton ein kurzer abfallender Schleifer, Flageolett-Tremoli ohne Ende. Das war es meistens! Einzig hoch quieckende Sopranquinten, durchgeloopt, machten plötzlich Spass. Ansonsten schnell hingeworfen, ohne Inspiration.

Nach der Pause gab es nach Zenders Retro-Elektronik des Vorabends glissandierende Streicher mit Flöten und Klarinetten in Chiyoko Szlavnics „Inner Voicings“, in drei Sätzen verfolgt von Sinustondifferenztönen. Ein wenig ähnlich und gleich langsam hatte es eine wabernde Tendenz, war es trotzdem ungemein charmant. Zur dicken Sinfonietta aufgerüstet wurde das von Ilan Volkov dirigierte Klangforum Wien zuletzt in Wolfgang Rihms „Sound as Will“ zum souveränen Begleiter in diesem erstaunlich durchgearbeiteten, kurzweiligen Trompetenconcertino mit Marco Blaauw als Solisten. Es sollte wohl so sein, als suche man nach der Formel Ferneyhough geteilt durch Carl Maria von Weber, zumal der strausssche Karlsruher in Donaueschingen viel mehr Unruhe an den Tag legte als sonst in den letzten Jahren. Bedenkt man die erst kürzlich uraufgeführten Konzerte für Horn und Klavier, will man kaum glauben, dass Rihm jetzt noch ein weiteres Konzert hervorzauberte. Mir bleibt nur zu sagen, dass mir die letzte „In-Schrift“ irgendwie besser gefiel. Rihm ist nun langsamer als Mensch, da ist seine langsamere Musik irgendwie persönlicher als dieses quasi von fremder Hand komponierte Konzert.

Wie befreiend wirkte nach den beiden Konzerten des Vorabends und des Vormittags die Performance von Francois Sarhan mit seinem „Zentral Park“ in einer Tenne des Reitturniergeländes! Man musste schon ein wenig durch Matsch waten, um die Heuluft dieses Schuppens zu atmen. Richtig herrlich war es, den Jugendlichen des NRW-Landesjugendensembles „Studio Musikfabrik“ zuzusehen und zuzuhören. Besonders neugierig machte das Streichinstrument Rotissoire: ein mit verschiedenen Saiten bespanntes Holzrohr, das per Kurbel drehleierartig an einem Streicherbogen vorbeibewegt wird. Nach einem manchmal leicht zu kanonisch imitierenden Intro werden auf drei Projektionsflächen, zum Teil die nackte Schuppenwand, die schnellen Zungenbrecher US-amerikanischer Pferdeauktionatoren durch die Musik direkt nachgemalt, übernehmen die nun auch performenden wie der selbst rezitierende Komponist stumm deren Handgesten die später mit den mahnend zeigenden Händen von Grabesstatuten auf projizierten Friedhofsimpressionen assoziativ verbunden werden. Zwar wurde die Musik nun weniger quirliger, konsequenter, die Szenerie wirkte dagegen ein wenig zu nostalgisch. Man wünschte sich irgendwie sehnsüchtig zeitgenössische anonyme Urnenfelder, was ja eher unser heutiges Endstadium sein wird als staubige Familiengrüfte.

Gruftiges und nicht groovende Erwartungen hatte man in Hinblick auf die Uraufführung des alten „Josef Anton Riedls: „Schweigewatte mit Anspielung“ auf vierzig Gedicht-Collagen von Herta Müller. Dank der trockenen Interpretation der Lentz und Hirsch Michaels, einigen höchstpersönlichen Einstreuungen der unüberbietbaren Charakterstimme von Herta Müller knarzte und knurzte die Melancholie und der Zorn eines alten Mannes, wunderbar im Strawinskysaal durch den Schlagzeuger Stefan Blum bekräftigt. Ganz am Ende dann die Performance „The total mountain“ von Jennifer Walshe. Liebe Chinakuschelhunde und virtuelle Bildcollagen aus dem Kopf der selbst performenden Walshe sowie einer Art Conchita-Wurst-Schaf und einem Babylon-5-Alientiger sinnierten leicht belämmert über sinnlose 90 Prozent Fremdeinwirkungen auf die minimale Eigendenkleistung eines Tages. Zu weiteren Bildern wie zum Beispiel nun reale Filme von Menschen mit Tiermasken die sich allmählich gegenseitig mit zu Pistolen geformten Fingern gegenseitig erschiessen, hüpfte, operte und soul-röhrte Walsh als ein Mittelding von Alice im Wunderland, Birgit Nilsson (die Wagnersängerin!) und Kylie Minogue über die Bühne. Sehr körperlich, sehr virtuos, gerade am Ende mit atemlosen Rezitationen. Fremdmaterialien werden durch den personalen Selbstauftritt einfach in die Komponistin hineingeschrieben, schleudert sie die Informationsflut zwischen Historischem, Entertainment und privat Banalem des Internets in den Saal. Letztlich unglaublich rätselhaft. So schieden sich endlich auf den Musiktagen 2014 die Geister zwischen jung und alt, gab es erste zaghafte Buhrufe, schnell herausrennende Schweigsame gar mitten im Stück wie kurz und heftig Applaudierende.

Spiritueller Höhepunkt war davor aber Michael Lentz‘ „Hotel zur Ewigen Lampe – operative Vorgänge, Eine Sprechplastik“. Bis auf die irgendwie selten eingestreuten Jazztütenklänge von Klarinette und Saxofon war das Zusammenspiel der klaren Liveelektronik von Gunnar Geisse und dem Sprecherchor von Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig eine glasklar starke Aktion. Es wurde nichts anderes poetisch durch Lautumstellungen verdreht als die letzte Volkskammerrede von Erich Mielke. Als der die von anderen geschriebene Rede in seiner Wendeaufwühlung immer mehr verquasselte, brüllte er irgendwann sein berühmtes „ich liebe Euch doch Alle“, was zu sarkastischen Gelächter der „Blockflöten“-Abgeordneten führte. Ultimativ die Verarbeitung des „Prost, Prösterchen“ singenden Tierjägers und Menschenfängers Mielke, bezaubernd, in der 15-Uhr-Vorstellung perfekt und nicht verhustet wie um 18 Uhr, das Frauensolo aus dem Chor mit „dem kreisendem (oder greisen) Eros im Eis“. Fantastisch wie Polit-Historie einfach und holzschnittartig doch zu einer eigenen Poesie taugt.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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