Donaueschingen 2014, erster Abend

Ob ich live von den diesjährigen Musiktagen bloggen würde? Leider nein, lieber Johannes. Mein E-Plus-Zugang versagte an der Betonschale der Baarsporthalle. Da wäre tatsächlich aufzurüsten. Auch für die Donaueschinger Musiktage selbst: freies WLAN in allen Konzerten. Das Eröffnungskonzert fuhr ialte Tonzuspielungen und Videoleinwand auf, wie man es so häufig seit drei Jahrzehnten erlebt. WLAN im Konzert wäre dagegen ein richtiger Trendsetter. Das Aufregendste war tatsächlich der Live-Einbezug der SWR-20-Uhr-Nachrichten als nicht mehr enden wollende Übertragung selbst chinesischer Fahrradnachrichten im ersten „Mistelstück“ von Manos Tsangaris. Zu den aktuellen Nachrichten fing das Orchester zu spielen an. Im Kontext des Live-Konzerts fand man zuvor bereits selbst Stuttgart-21-Nachrichten richtig lustig,. Der halbe Saal kringelte sich vor Lachen über die eigentliche Banalität des Tagesaktuellen. Das flachte zwar nach Auftritt des Dirigenten ein bisschen ab, hielt aber bis zum Ende an. Es verneigte sich sogar die Nachrichtensprecherin. Natürlich auch Tsangaris. Mit der entlarvenden Lachnummer war ihm ein echter Coup geglückt, nur an die Musik erinnert sich keiner mehr. Ähnlich erinnerungslos hinterließ „Ibant obscuri“ von Hanspeter Kyburz. Ja, es gab Kontrabasspizzikati am Anfang und am Ende, dazwischen delikate Streicher-Schlagzeug-Sahne, Düsternis a la Henzes Barcarola, Wellenbewegungen. Insgesamt war es genauso gesichtslos im Verweilen im Sub-Morphologischen wie leere Streicherfloskeln einer spannungsanregenden Filmmusiksequenz. Ist also Kyburz der Zimmer der Neuen Musik? Ehrlich gesagt scheint das Gros seiner Studierenden spannender zu sein als der Lehrende selbst, denkt man z.B. an Johannes Borowski oder Eres Holz.

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Tsangaris zweite Mistelmusik war erfrischend kurz, ließ den Dirigenten kurz expressiv a la Schnebel das stumme Orchester dirigieren. Dazu ein paar Brummer, Schwirrhölzer und Gongs. Als Gag irgendwie nett, aber auch gleich wieder vergessen. Eindringlicher war Zenders „Oh Cristalina“. Schroff und spröde einerseits. Andererseits tat sich eine asketische, einstimmige Choralhaftigkeit auf, die in ihrer zurückhaltender Faszination die mikrotonalen Abschattierungen gleicher Töne vergessen ließ. Einzig die Ringmodulator-Elektronik wirkte ein wenig verstaubt. In ihrem Retro-Gewande aber irgendwie auch wieder mutig direkt und cool. Da hat jemand eine Klangsprache erreicht, die durchaus hermetisch ist, aber weit souveräner als das Gewese der beiden jüngeren Kollegen ist. Eben wohl auch eine Altersfrage.

Vor Zender drückte Emilio Pomarico seine Hoffnung aus, dass der schwer kranke Armin Köhler bitte wieder genesen möge. Seinem Zorn über die Orchesterfusion verlieh er auch seine Stimme, selbst dabei ein ungemein höflicher Cavaliere: „I am upset and very angry….!“ Was es bedeutet, der Klangkörper der ARD-Rundfunksinfonieorchester für Neue Musik seit seiner Gründung zu sein, bewies das SWR-Sinfonieorchester Freiburg/Baden-Baden mit dem gnadenlos virtuos und grandios zeitlich gestalteten Stück „Nacht“ des uralten Friedrich Cerha. Natürlich schimmerte da Alban Berg durch. Aber in einer entschlackten, konzis zwischen Ruhe und Anspannung geführten Sprache, die eine eigenständige Weiterentwicklung dieses Astes der Neuen Musik repräsentierte.

Bleibt die Frage, wie es weitergehen soll! Höchstwahrscheinlich bot das Next Generation Konzert einige Antworten, vor dessen späten Termin ich leider kapitulierte. Aber couldntfindabomb wird da hoffentlich berichten. So weitermachen wie Zender und Cerha wird man nicht mehr können, so wie Kyburz und Tsangaris an das Orchester heranzugehen lohnt sich nicht wirklich. Zwar hantieren beide mit Technik und Tsangaris mit Gehalt. Die Schärfe eines Martin Schüttlers, der Esprit eines Johannes Kreidlers oder der Spirit einer Brigitta Muntendorf oder die Coolness eines Moritz Eggerts fehlt ihnen allerdings. Es ist höchste Eisenbahn, dass diese endlich mal hier auf den Musiktagen ein Forum erhalten, Johannes ja immerhin bereits nächstes Jahr, zum Ende der Ära Köhler. Wird aber die neue Leitung, man sagt, Björn Gottstein, diese Schärfe wirklich wollen? Oder wird es noch mehr französische Fülle des Wohllauts geben wie bereits all zu oft in den Abschlusskonzerten der letzten Jahre? Rein persönlich eröffnete ich am Hallenparkplatz als Badblogger zwar nicht die noch ausstehende „Speakers Corner“, aber eine „Eaters Corner“ und fügte mich so in den Reigen der seltsamen Gestalten mit Mundschutz, am Netzwerkbus, den gläsernen auftragssüchtigen Dreinblickenden und den verkrampft Philharmonie-Contenance aufrechterhaltenden ein. Beim Gratulationsparcour gegenüber meinem alten Lehrer Zender führte das zum Ausspruch: „Sie sind aber dünner geworden!“ Obwohl ich doch mehr als 20 Kilo in den letzten 10 Jahren zulegte… Wunderlich, dieses 2014!

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Komponist*in

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Eine Antwort

  1. 20. Oktober 2014

    […] Zenders Kompositionsleistung muss man hier nicht eigens referieren, siehe Badblogger Alexander Strauch. Da war schon mal mehr. […]