Ein Brief….und seine Antwort

EIN BRIEF…..

Not in Our Name
Sehr geehrter Herr Boudgoust,
am 28. September 2012 hat der Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) auf Ihren
Antrag hin die Fusion des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (SO)
mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) beschlossen. Eine Umsetzung
dieser von Ihnen initiierten und trotz erheblichen, auf triftigen Argumenten
gründenden Widerstands unbeirrt vorangetriebenen Entscheidung würde das Ende
der Selbständigkeit eines weltweit einmaligen Orchesters mit unverwechselbarem
Profil bedeuten, und dies ausgerechnet 2016, im siebzigsten Jahr seines Bestehens.

Seit der Gründung im Jahre 1946 ist das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und
Freiburg mit inzwischen weit mehr als 400 Uraufführungen wie kein zweiter Klangkörper
zur Stimme der Neuen und Neuesten Musik geworden. Seinen institutionellen
Niederschlag hat dieses beispiellose Engagement für die zeitgenössische Musik bei
den Donaueschinger Musiktagen gefunden, mit denen das Orchester von ihrer Neugründung
im Jahre 1950 an untrennbar verbunden ist. Indem es dort Werke von
Hans Werner Henze, Bernd Alois Zimmermann, Luigi Nono, Olivier Messiaen und
zahllosen Anderen, zu denen sämtlich auch die Unterzeichnenden dieses offenen
Briefes gehören, aus der Taufe hob, schrieb es Musikgeschichte.

Aber nicht nur in Donaueschingen, auf der ganzen Welt hat dieses Orchester uns,
den Komponisten der Gegenwart, ein Forum geboten, hat unsere Werke ins Programm
genommen, ihnen so Gehör und nicht selten einen Platz im Repertoire verschafft,
hat Hören als Herausforderung und die Auseinandersetzung mit dem Neuen
als existentielle Notwendigkeit begriffen in einem Konzertbetrieb, der durch eine Wiederholung
des Immergleichen zu veröden drohte und an ihr bis heute krankt.

Ohne das klassisch-romantische Standardrepertoire und die Gipfelwerke der frühen
Moderne zu vernachlässigen, begegnen sich in den Konzertprogrammen des SO seit
jeher Klassiker und Zeitgenossen, Bekanntes und (noch) Unbekanntes auf Augenhöhe.
Entstanden ist damit eine von jeder pädagogischen Überfrachtung freie, sinnlich
erfahrbare Schule des Hörens: Traditionslinien treten hier klar hervor, ohne die
Brüche zu verdecken, von denen auch die Geschichte der Musik nicht frei ist. Maßstäbe
können endlich aus dem unmittelbaren Vergleich entstehen, genauso jedoch
vermeintliche Gewissheiten erschüttert, Berührungsängste abgebaut und so manche
Vorurteile hörend über Bord geworfen werden.

Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg hat durch seinen unermüdlichen
Einsatz und dank programmatisch so profilierter Chefdirigenten wie Hans
Rosbaud, Ernest Bour, Michael Gielen, Sylvain Cambreling und aktuell François-
Xavier Roth nichts Geringeres erreicht, als der Moderne im Konzertalltag eine Heimstatt
zu erspielen. Das war für das Publikum gewiss nicht immer ‚bequem‘, was die
Konzerte aber auch nie sein wollten, und fordert durch die Konfrontation mit der
Musik unserer Zeit bis heute gelegentlich viel von den Zuhörern, doch wusste das
Orchester sich bei alledem stets im Einklang mit dem Bildungsauftrag des öffentlichrechtlichen
Rundfunksenders, dessen Teil es ist.

Fassungslos mussten wir mit ansehen, wie in einem Land, das so gerne und voll
Stolz für sich in Anspruch nimmt, eine Kulturnation zu sein, und dessen Kanzlerin
noch unlängst die „Bildungsrepublik Deutschland“ ausgerufen hat, eine gebührenfinanzierte
Rundfunkanstalt den Wert ihrer Orchester in barer Münze messen zu können glaubt und sich so dem
Diktat einer Kommerzialisierung von Bildung, Kunst und Kultur beugt, gegen die als Bollwerk
aufzutreten doch eigentlich ein Staatsvertrag die öffentlich-rechtlichen Sender verpflichtet.

Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg ist kein Klangkörper wie
jeder andere, es ist ein Orchester für Zeitgenossen, das, mit wachem Blick für die
Avantgarde aller Epochen, stets aufs Neue anspielt gegen die allenthalben betriebene
Musealisierung einer vermeintlich Klassischen Musik. Möglich macht dies nicht
zuletzt die überragende stilistische und spieltechnische Kompetenz seiner Instrumentalisten
für die Musik der Moderne insgesamt und die Klangexperimente der Gegenwart
im Besonderen. Solche Fertigkeiten lassen sich nicht umstandslos in ein
fusioniertes Riesenorchester implementieren, sie wären vielmehr unwiederbringlich
verloren.

Wir fordern Sie, als Intendanten des Senders, sowie Gerold Hug, den Hörfunkdirektor
des SWR, und den Rundfunkrat des Südwestrundfunks hiermit eindringlich auf, sich
nicht länger im Dienste eines vorgeblich alternativlosen Subventionsabbaus als Totengräber
einer Kulturinstitution von internationalem Rang zu verdingen, sondern die
Fusionsentscheidung zurückzunehmen und es fortan als Ihre Aufgabe zu erkennen,
den Erhalt eines künstlerisch eigenständigen SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden
und Freiburg dauerhaft zu gewährleisten.

Hochachtungsvoll,

Michel van der Aa
Peter Ablinger
Carlos Roqué Alsina
Gilbert Amy
Mark Andre
Theodore Antoniou
Richard Ayres
Nikolai Badinski
Vykintas Baltakas
Klarenz Barlow
Franck Bedrossian
Peter Benary
Xavier Benguerel i Godó
Sir Harrison Birtwistle
Philippe Boesmans
Hans-Jürgen von Bose
Pierre Boulez
Nikolaus Brass
Peter Michael Braun
Sylvano Bussotti
Aureliano Cattaneo
Friedrich Cerha
David Robert Coleman
Chaya Czernowin
Luis de Pablo
James Dillon
Paul-Heinz Dittrich
Andreas Dohmen
Pascal Dusapin
Dietrich Eichmann
Moritz Eggert
Jean-Claude Eloy
Peter Eötvös
Julio Estrada
Reinhard Febel
Dror Feiler
Brian Ferneyhough
Lorenzo Ferrero
Peter Förtig
Clemens Gadenstätter
Bernhard Gander
Ulrich Gasser
Rolf Gehlhaar
Frank Gerhardt
Sofia Gubaidulina
Georg Friedrich Haas
Saed Haddad
Peter Michael Hamel
Johannes Harneit
Werner Heider
Jörg Herchet
Franz Jochen Herfert
Arnulf Herrmann
Kenneth Hesketh
Hans-Joachim Hespos
Volker Heyn
Manuel Hidalgo
Anders Hillborg
Heinz Holliger
Josef Maria Horvath
Klaus Huber
Nicolaus A. Huber
Klaus K. Hübler
Karel Husa
James Ingram
Michael Jarrell
Ben Johnston
Betsy Jolas
Johannes Kalitzke
Gija Kantscheli
Dieter Kaufmann
Thomas Kessler
Wilhelm Killmayer
Marek Kopelent
Dmitri Kourliandski
Georg Kröll
György Kurtág
Hanspeter Kyburz
Helmut Lachenmann
Bernhard Lang
Michaël Levinas
Liza Lim
Jonathan Lloyd
Jorge E. López
Dieter Mack
Mesias Maiguashca
Philippe Manoury
Bruno Mantovani
Yan Maresz
Laurent Mettraux
Wolfgang Mitterer
Marc Monnet
Wolfgang Motz
Detlev Müller-Siemens
Tristan Murail
Olga Neuwirth
Makiko Nishikaze
Michael Obst
Helmut Oehring
Klaus Ospald
Younghi Pagh-Paan
Brice Pauset
Krzysztof Penderecki
Robert HP Platz
Enno Poppe
Alberto Posadas
Martin Christoph Redel
Nicolaus Richter de Vroe
Rolf Riehm
Wolfgang Rihm
Yann Robin
Uroš Rojko
Peter Ruzicka
Frederic Anthony Rzewski
Kaija Saariaho
James Saunders
Rebecca Saunders
Raymond Murray Schafer
Dieter Schnebel
Tobias PM Schneid
Klaus Schweizer
Kurt Schwertsik
Martin Smolka
Daniel Smutny
Gerhard Stäbler
Manfred Stahnke
Johannes Maria Staud
Walter Steffens
Günter Steinke
Marco Stroppa
Hubert Stuppner
Paweł Szymański
Iris ter Schiphorst
Dimitri Terzakis
Hans Thomalla
Manfred Trojahn
Manos Tsangaris
Jakob Ullmann
Paul Usher
Caspar Johannes Walter
Jörg Widmann
Gerhard Wimberger
Heinz Winbeck
Róbert Wittinger
Hans Wüthrich
Jürg Wyttenbach
Franck Christoph Yeznikian
Fredrik Zeller
Hans Zender
Walter Zimmermann
Gérard Zinsstag

….UND SEINE ANTWORT:

boudgoust

Moritz Eggert

Komponist

2 Antworten

  1. Janosch Korell sagt:

    Führt man die Machenschaften der Politiker, die zur Vernichtung von kulturellen Einrichtungen führen, logisch weiter, so wird in absehbarer Zeit nicht mehr viel von diesem Kulturland übrig sein. Sicher dann das neoliberale Paradies der einseitig ökonomisch indoktrinierten Politiker.

    Somit sollte man nicht nur ein Bollwerk gegen die dummen Entscheidungen errichten, sondern ein Bollwerk gegen die Dummheit der Herrschenden überhaupt.

    Die Antwort von Boudgoust ist mal kurz ausgedrückt: Fi… euch selber, mir doch egal!

  2. Die Wahl des ARD-Intendanten war von jeher eine Veranstaltung von Parteigängern. Jetzt ist es eine Veranstaltung stramm stehender Parteisoldaten. Anders kann man sich so eine Person wie Boudgoust nicht erklären.

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