Appell des Komponistenverbandes gegen die SWR-Orchesterfusion

Bald tagt wieder der Rundfunkrat des SWR, das einzige Gremium, das die SWR-SO/RSO-Fusion innerhalb des SWR zurücknehmen kann. Nach den Briefen der Dirigenten und Komponisten, die das SWR-SO dirigierten oder einen Kompositionsauftrag erhielten, meldet sich nun der mehr als 1200 KomponistInnen umfassende Deutsche Komponistenverband zu Wort, versucht es mit ruhigeren Worten. Auf alle Fälle melden sich somit neben den Komponisten Neuer Musik oder vereinfacht sogenannter E-Musik endlich auch Stimmen der Popmusik, der Songschreiber, der Werbemusik und der Filmmusik!

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Prof. Dr. Enjott Schneider (Präsident)
Dr. Ralf Weigand (Vizepräsident)
Deutscher Komponistenverband e.V.
Kadettenweg 80b
12205 Berlin

An

Herrn Dr. Harald Augter
Vorsitzender des Rundfunkrates des SWR
sowie an die Mitglieder des
Rundfunkrats in namentlichem Anschreiben

ferner zur Kenntnisnahme an

Ministerpräsident Winfried Kretschmann
Staatsministerium Baden-Württemberg
Richard-Wagner-Straße 15
70184 Stuttgart

sowie an den
Intendanten des Südwestrundfunks
Herrn Peter Boudgoust
Neckarstrasse 230
70190 Stuttgart

28. November 2013 – OFFENER BRIEF

Sehr geehrter Herr Dr. Augter, sehr geehrte Mitglieder des Rundfunkrates,

der Deutsche Komponistenverband DKV, der über 1100 Musikautoren in Deutschland vertritt, ist in der Sache der „Orchesterzusammenlegung SWR“ besorgt und zutiefst irritiert: aus unserer Sicht werden bürgerschaftliches Engagement wie das Modell einer Orchesterstiftung (nach dem bewährten Modus etwa der Berliner Philharmoniker oder der Bamberger Symphoniker) und der massive Protest von Kulturschaffenden (u.a. namhafte Dirigenten und Komponisten in ZEIT und FAZ) ohne erkennbares Eingehen auf die schwerwiegenden Argumente abgewiesen und mit Worthülsen und formalisierten Hinweisen seitens der SWR-Intendanz abgespeist. Es geht hier um eine kulturelle Weichenstellung ohnegleichen, – nämlich um den Erhalt von qualitativem Denken gegenüber dem quantitativen Zeitgeist (Kostenaspekte als ausschließliches Kriterium, Quotendenken, Kommerzialisierung von Kultur).
Wir bitten daher den Rundfunkrat, in seiner kommenden Sitzung am 6. Dezember 2013, den Beschluss einer Orchesterzusammenlegung vom Vorjahr nochmals im Grundsatz zu überdenken, die inzwischen vielfach und kompetent geäußerten Argumente ergebnisoffen zu prüfen und dann den Beschluss zu modifizieren oder zurückzunehmen. Der Rundfunkrat vertritt ja satzungsmäßig die Interessen der Allgemeinheit und ist gerade in dieser Konfliktsituation aufs Deutlichste gefordert. Das öffentlich-rechtliche System des Rundfunks könnte hier zeigen, dass es auf direkte Demokratie und Bürgerwillen zu reagieren vermag: es kann nicht sein, dass Einzelpersonen – und seien es auch Intendanten – ohne jegliche Berücksichtigung einer vielfach mit besten Argumenten hinterlegten öffentlichen Meinung so maßgeblich unsere kulturelle Zukunft definieren können.

Erlauben Sie, dass wir thesenartig einige uns zentral erscheinende Aspekte zusammenfassen:

1) Der ökonomische Druck (Sparzwang), auf den sich die Verantwortlichen im SWR immer wieder berufen, existiert in dieser Form nicht. Nach der Neugestaltung der Gebührenabgabe sind die Zuweisungen der KEF eher erhöht. Das wurde an anderer Stelle von Experten detailliert abgeleitet. Erforderlich wäre der Mut, als kultureller Visionär nicht „Millionen Sportbegeisterte“ mit völlig aus der Proportion gelaufenen Millionenbeträgen zu subventionieren, sondern qualitative und sensible Kultur (die noch nie ein Massenprodukt war) zu unterstützen. Sportveranstaltungen würden auch von Pay-TV (siehe SKY) getragen und weiterleben. Hochwertige Kulturveranstaltungen sind von der Obhut des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags abhängig.

2) Kulturelle Grundversorgung muss flächendeckend sein. Durch die geplante Orchesterzusammenlegung mit Standort Stuttgart bleibt der badische Teil des Landes extrem unterversorgt. Ein Beispiel: Aus bislang 120-180 Tagen Orchesteranwesenheit im Freiburger Raum wird eine Reduktion auf nur noch 30 Tage…“zunächst allerdings noch weniger“. Im Vergleich zu Nachbarländern wie z.B. Bayern (wo es allein in München 5 international hochwertige Orchester gibt, und im Umkreis von wenigen Kilometern in Nürnberg, Augsburg, Regensburg dann weitere sinfonische Klangkörper) muss für den Westen Baden-Württembergs eine klare Unterversorgung konstatiert werden.

3) Kulturelle Vielfalt ist ein im Urheberwahrnehmungsgesetz niedergelegtes Grundrecht. Mit der Reduktion von zwei profilierten historisch gewachsenen Orchestern auf ein neues synthetisch generiertes Allround-Orchester geht kulturelle Vielfalt verloren. Speziell das Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg gilt weltweit (siehe Donaueschinger Musiktage u.a.) als international renommiertester Klangkörper für zeitgenössische Musik, – ein Profil, das nunmehr eingehen wird. Gerade eben (Badische Zeitung vom 4.11.2013) wurde im Rahmen eines Freiburger Symposiums (Ltg.: Prof. Günther Schnitzler) unter dem Schirm der Weltkulturorganisation UNESCO das weltweit einzigartige Profil „für Neue Musik“ dieses Orchesters symbolisch als Weltkulturerbe dargestellt.

4) Wer nur aus vermeintlichen Kosten- und Effizienzgründen ein so renommiertes Orchester schließt, scheint aus unserer Sicht die Singularität und einzigartige Bedeutung eines „Sinfonieorchesters“ nicht ausreichend begriffen zu haben. Von allen anderen Musikrichtungen neidlos anerkannt, ist sinfonische Musik die höchste Form des Musizierens: Hundert Musiker synchronisieren sich millisekundengenau im Bereich von Nanoschwingungen und erzeugen bereits dadurch ein Klima der feinstofflichen Verdichtung, das seinesgleichen sucht. Es gibt – zusammen mit dem Phänomen Oper – keine Musikform, die solche Komplexität gepaart mit unmittelbarer Emotionalität aufweist: weltweit wird sinfonisches Repertoire musikgeschichtlich als Höhepunkt musikalischer Leistung angesehen. International erfährt man auf jeder Reise, welche kulturelle Wertschätzung Deutschland und seine Musik im Ausland genießt: in Asien und Südamerika beispielsweise boomt der Run auf deutsche Musikkultur; man baut riesige Konzertsäle und Philharmonien (worin jedes Konzert auch mit Jugendlichen übervoll ist); da reißt man uns die Informationen, Konzerte, Noten, CDs sozusagen aus den Händen! Es ist die Kultur einer Musik von Bach-Händel- Beethoven-Mozart-Haydn-Schumann-Brahms-Bruckner-Mahler-Wagner…bis hin zu Karlheinz Stockhausen, Hans-Werner Henze und Wolfgang Rihm, um die man uns beneidet… Und wie gesagt, – unser „Tafelsilber“ sind die großen Klangapparate und Orchester.

5) Ein Rundfunkrat muss nicht nur aktuell Aufsicht führen und Kosten kontrollieren, sondern strategisch in die Zukunft denken. Diese sieht für das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem nicht rosig aus (was wir als Aufsichtsrat und Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA aus internationalen Quellen bestens wissen): Internet als Lieferant von Audio und Video boomt ohne Ende. Täglich wachsen Streamingdienste aus dem Boden. In manchen Altersklassen nutzen Jugendliche schon zu 60% nichtlinearen Kulturkonsum aus den internationalen Mediatheken. Google-TV, Apple-TV und vergleichbare Angebote der Datenkonzerne (von Simfy, Spotify bis Deezer oder Pandora wären mehr als 20 Anbieter jetzt schon zu nennen) ersetzen die traditionellen Angebote unserer Rundfunkanstalten. Kurzum: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss mit all diesen kommerziellen „Abspielplattformen“ von Audio und Video konkurrieren und sich in schwierigen Zeiten einer kulturellen wie finanziellen Abwärtsspirale mit klaren Alleinstellungsmerkmalen abgrenzen und damit behaupten. Da könnte es für den Erhalt des Rundfunks hier überlebensnotwendig sein, auf die nachhaltige kulturelle Funktion hinzuweisen. Hinzuweisen, dass man – was alle Datenkonzerne/Abspielplattformen nicht tun! – eigene teure Klangkörper unterhält, dass man musikalische Eigenproduktionen herstellt, die sinfonische Tradition in die Zukunft trägt. Sportrechte kaufen oder industrielle Bild/Ton-Träger abspielen kann jeder…. das förderungswürdige Alleinstellungsmerkmal der Zukunft der Rundfunkanstalten wird die weiterhin umsichtige und verantwortungsvolle Erfüllung ihres kulturellen Auftrags sein.

Diesen Kulturauftrag bitten wir nicht zu vergessen und fordern daher nochmals dringlichst, den eingeschlagenen Weg einer Reduktion der Orchesterlandschaft zu verlassen und – im eigenen Interesse des Erhalts eines im Bewusstsein der Öffentlichkeit als wichtiger Baustein kulturellen Lebens verankerten öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Zukunft – nochmals alles neu zu überdenken.

Mit freundlichen Grüßen

Im Namen des gesamten Deutschen Komponistenverbandes und seines Präsidiums Prof. Dr. Enjott Schneider und Dr. Ralf Weigand (Präsident und Vizepräsident)

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