Die Angst des Lesers vorm Violinschlüssel

Immer wieder habe ich mal mit Printmedien zu tun, die sich an den ominösen „Durschschnittsleser“ wenden, oder vielmehr den Durchschnittsleser der in Wirklichkeit gar nicht durchschnittlich sondern ein wahnsinnig kluger Kopf ist (wie bei der FAZ).

Einige von euch mögen sich zum Beispiel erinnern, wie ich zusammen mit dem großartigen Simon Borowiak „Neue Volkslieder“ für die TITANIC verfasste, die alle noch hier zu finden sind. Dies ging so: Simon verfasste schöne Gedichte, ich setzte das Ganze als möglichst einfaches und auch für den Laien spielbares Klavierlied um, das dann im Heft abgedruckt werden sollte. So dachte ich zumindest – schnell stellte sich heraus, dass das Klavierlied komplett abgedruckt keinen Platz mehr für Karikaturen auf der selben Seite ließ, und diese wiederum hielt man für essentiell um die Leser die keine Noten lesen können bei der Stange zu halten.

Daraufhin versuchte ich aus der Not eine Tugend zu machen und dampfte die Lieder auf allein die Melodie ein, mit hinzugefügten Akkordsymbolen, die dem gitarrespielenden TITANIC-Fan zumindest ein Spielen am Lagerfeuer ermöglichten. Zusätzlich produzierte ich youtube-Videos und die pdf’s der Klaviernoten wurden auf der TITANIC-Website angeboten. Dieses Unternehmen kam bei den Lesern auch hervorragend an, nach fünf Liedern war man sich aber dann doch unsicher, ob das Lesen von Noten die Leser nicht überfordere. Schweren Herzens wurden wir nach einer Redaktionskonferenz informiert, dass man es jetzt doch lieber sein lasse (wer diese Projekt – ursprünglich waren mal 12 Lieder geplant – zu Ende geführt sehen möchte, wende sich bitte übrigens vertrauensvoll an Simon und mich, wir würden uns darüber freuen, denn das deutsche Volkslied darbt wieiterhin!).

Vor einigen Wochen nun wurde ich von der ZEIT gefragt, mir etwas zum Thema „Twitter“ und Musik zu überlegen. Ich schlug sofort eine schon lange mit mir herumgetragene Idee vor, nämlich Lieder nach dem Muster von „Twitter“ zu verfassen, also aus exakt 140 Tönen bestehend. Begeistert verfasste ich 5 kurze Klavierlieder nach eigenen Tweets (natürlich auch aus 140 Zeichen bestehend) und schlug vor, das Ganze als Noten abzudrucken.

Doch auch hier kamen schnell Einwände – obwohl die Seiten der ZEIT nun wirklich nicht klein sind und sicherlich auch sehr viele ZEIT-Leser sehr wohl Instrumente spielen können, war doch schnell die Sorge groß, dass man das doch nicht machen könne. Als Vorschlag wurde mir dann eine Version geschickt, in der ein des Notenlesens unkundiger Grafiker einfach die Gesangsstimme abgeschrieben hatte (mit vielen Fehlern natürlich), als Banner am oberen Rand der Seite. In einer Notaktion schrieb ich die Notenlinien selber neu und schlug dann vor, die pdf-Noten der ganzen Lieder auf der Website der ZEIT verfügbar zu machen. Klar – die Gesangslinie allein hat natürlich deutlich weniger als 140 Töne, erst mit dem Klavierpart zusammen sind die Stücke also wirklich komplett….

Letzte Woche wurde das Ganze – schön aufbereitet – gedruckt, und ein mp3 der 5 kurzen Lieder wurde den Lesern verfügbar gemacht, zu finden hier:. Die Noten hat man wohl nicht hochgeladen.

Woher kommt sie, die Angst der Redakteure vor Noten? Ist es der momentan grassierenden Kulturängstlichkeit geschuldet, die von einer ganzen Generation von eher ungebildeten und Doktorarbeiten fälschenden Politikern getragen wird, die lieber im „Big Brother“- Haus einziehen als mal ein Opernhaus zu besuchen? Der Populismus im Moment scheint zu fordern, dass man sich möglichst volksnah nur dann gibt, wenn man auf Distanz zur Hochkultur geht (von wenigen Ausnmahmen abgesehen). Aber damit einher geht natürlich auch, dass man das Volk für dumm hält. Ist es das wirklich?

Das Argument „Man entfremdet diejenigen, die keine Noten lesen können“ zieht bei mir überhaupt nicht. Eine durchschnittliche Zeitung ist voll von Information, die nur für einige Menschen relevant sind. Liest zum Beispiel jeder die endlosen Wirtschaftsseiten mit Aktienkursen, die in einer höchst komplexen Fachsprache verfasst sind, in die man sich erst wochenlang einarbeiten muss? Versteht jeder die Geheimschrift von Immobilienanzeigen (von Kontaktanzeigen ganz zu schweigen – darüber werden inzwischen schon Doktorarbeiten geschrieben)? Auch der Sportteil ist sicherlich nicht für „jedermann“ – da gibt es endlose Tabellen, Auflistungen und Statistiken, die nur für Kenner der jeweiligen Sportarten verständlich sind. Warum also nicht auch mal Notenschrift? Ist es wirklich schlimm, wenn nicht absolut jeder das lesen kann? EIne Zeitung ist groß genug, berichtet über genug verschiedene Dinge, da muss man keine Angst davor haben, Noten zu drucken, vor allem, da doch eigentlich recht viele Menschen der Notenschrift mächtig sind.

Aber klar: Wenn der Musikunterricht weiterhin abgebaut wird, Politiker der Grünen nicht mehr wissen, was die „Mannheimer Schule“ war und das Volk immer mehr zu willenlosen itunes-Zombies erzogen wird, dann wird man auch irgendwann keine Noten mehr brauchen.

Ray Bradbury ging in seinem berühmten „Fahrenheit 451“ noch einen Schritt weiter – da bestehen Zeitungen nur noch aus Bildergeschichten ohne Text, damit auch der Dümmste versteht, was los ist. Wer noch Bücher mit Schrift besitzt, wird dann verbrannt, passenderweise die Bücher gleich mit.

In Japan ist dagegen der „Durchschnittsleser“ problemlos in der Lage, nicht nur die vielen, vielen grundverschiedenen Arten der japanischen Schrift sowie alte chinesische Schriftzeichen zu lesen, die nicht mal mehr in China verstanden werden – nein, jeder Japaner beherrscht auch lateinische Schrift, sowie – wie soll es auch anders sein – sowohl japanische als auch arabische Zahlenschrift. Und Notenlesen können die meisten Japaner auch, und zwar ziemlich gut!

Glückliches Japan – dort hat man zumindest Respekt vor der Intelligenz des eigenen Volkes. Eine Eigenschaft, die uns verlorengegangen ist.

Für die, die noch keine Angst vor Noten haben: Ode an Twitter – Partitur
Un hören kann man es wie gesagt hier!

Und hier die 5 „Tweets“:

1. Als Twitter erfunden wurde, entschied man sich für eine Begrenzung auf 140 Zeichen. Alles Geschriebene sollte auf den Punkt gebracht werden.

2. Jetzt stellt man allerdings fest, dass dadurch mit großer Präzision vor allem Überflüssiges und Schwachsinniges auf den Punkt gebracht wird.

3. Knappheit ist auch nicht unbedingt erstrebenswert, zum Beispiel wenn man einem Menschen auf poetische Weise mitteilen möchte, dass man ihn l(die Gesamtlänge von 140 Zeichen wurde überschritten)

4. Bei Musik würde ich aber eine strenge Limitierung auf 140 Töne pro Stück gutheißen. An diese Regel habe ich mich in diesen Liedern gehalten

5.Dann hätte ich als Komponist sehr viel weniger Arbeit – und ich könnte endlich all das tun, was ich schon immer dringend tun wollte, nämlich… (die Gesamtlänge von 140 Zeichen wurde überschritten)

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

6 Antworten

  1. Janosch Korell sagt:

    Da ich auch mit PopMusik sozialisiert wurde, kam bei mir eine große Angst vor Noten auf. In meinem Umfeld wurde dies noch bestätigt, dass man dies natürlich nicht bräuchte und es XYZ gibt, der hat auch ohne Notenlesen großen Erfolg gehabt.
    Das ist natürlich so logisch, als würde man immer Helmut Schmidt als Beispiel nehmen, dass Rauchen nicht schädlich ist.

    Ich denke, dass die Menschen von Anfang an mit Belanglosem bombadiert werden und Belanglosigkeit zur Maxime wird. Dadurch erscheinen einem komplexe Inhalte und komplexe Zusammenhänge kompliziert, obwohl sie es nicht sind.

    Und dadurch wiederum stellt man sich diesen anstrengenden, unschönen Dingen nicht. Ist ja in anderen Bereichen der Bildung nicht anders.

  2. Gerade weil Dinge anstrengend sind, macht es sie schön. Selbst das angeblicherweise TV Programm ist in Bezug auf andere Medien, Künste u. Musiksparten anspruchsvoll. Geht es um Neue Musik, Klassik, Oper wird’s entweder infantiler als Mainzer Fassnacht oder man hat Angst vor ihr. Weist man darauf Profis des Bildungsmanagements hin, gilt man als elitär. Dabei liegt es ggf. an deren Unkenntnissen und Lernkomplexen? Was ist an klass. Musik schwerer als an Analysis o. Grundzügen des Grundgesetzes, gar BGB in Sozialkunde, Wirtschaft&Recht?

  3. Janosch Korell sagt:

    Nun, nichts ist „schwer“…diese ganze Problematik wird ja durch das Verbildungssystem „Schule“ erst gesetzt und Leute nicht nur ein falsches Bild von Bildung vermittelt, sondern jeden Sinn für Bildung völlig zerstört.
    Dadurch ergeben sich ja solche Aussagen wie „es ist etwas schwer“ und das Kuschen der Medien vor einer „Überforderung“ der Leser durch Noten, oder der Gesellschaft von guter Musik. Die Debatte gabs ja beim „Hans Zimmer“ ja auch schon, wo verblödete BWLer bestimmen, was die Masse „will“.

  4. Ich habe noch nie getwittert und verfolge dieses Medium auch nicht. Nur eine Frage: 140 Zeichen heißt doch wirklich 140 Zeichen, also nicht nur die Buchstaben, sondern auch Interpunktion, Leerzeichen etc., nicht wahr?
    Warum dann in den musikalischen Tweets 140 Noten? Und daneben jede Menge Gesangstext, Pausen, Legatobögen, Crescendogabeln, Metronomangaben, Tempobezeichnungen, Vortragsbezeichnungen etc.
    Wie spannend wäre es, die auch noch mit in die Zählung einzubeziehen und zu schauen, wieviel man dann tatsächlich noch sagen darf!? Nur so ne Idee…

  5. @Franz: Richtig, man könnte das auch noch extremer interpretieren. Das Problem dabei: Pausen können sehr verschieden dargestellt werden – punktiert oder anders zusammengefasst. Dann würde das Ganze noch mehr ein Puzzlespiel und das wäre der Lesbarkeit nicht zuträglich (wer liest schon gerne 3fach punktierte 16tel-Pausen um Zeichen zu sparen? Das wollte ich den ZEIT-Lesern nicht zumuten). Crescendogabeln, Dynamik und Legatobögen wiederum sind ja keine zusätzlichen Ereignisse sondern eher Variationen der bestehenden Ereignisse, d.h. sie entsprechen zum Beispiel Großbuchstaben, unterstrichen, kursiv oder fett gedruckt (was bei Twitter NICHT einem zusätzlichen Zeichen entspricht).
    Aber natürlich steht jedem frei, eine noch extremere Variante auszuprobieren – ich fand die Begrenzung auf 140 Töne aber schon beschränkend genug :-)

  6. Willi Vogl sagt:

    @Moritz Eggert:
    Ode an Twitter: Schöne Textprovokation – stimmiger Tonsatz – starke Lieder! Sicher gibt es nicht nur die vermeintlich technischen Hürden für die Wahrnehmung, Würdigung und das Nachmusizieren ihrer Lieder… Den meisten „Durchschnittshörer“ wird ihre Art der politischen Musikpoesie immer fremd bleiben. Aber ist nicht gerade auch die Beschäftigung mit brennenden Themen unserer Zeit, eine glaubwürdige Möglichkeit, sich als Komponist lebendig und „heutig“ zu fühlen? Lebendig und heutig auch jenseits aller bisweilen oberflächlichen Forderungen nach der Aktualität des rein klingenden Materials?
    @ Franz Kaern
    Kreativität und methodische Unangepasstheit sind wirksame Mittel im Theorie- und Kompositionsunterricht. Gern denke ich da auch an die selbst genossenen „Begrenzungsmethoden“ des verehrten Musikpoeten Diether de la Motte. Mit einer Begrenzung auf 140 Zeichen hinsichtlich des Gesamtgewebes wird möglicherweise kein Textsinn mehr transportiert, aber vielleicht etwas anderes, derzeit noch nicht beschreibbares. .. Wer weiß?
    Auf alle Fälle beste Wünsche bei den eigenen Umsetzungen und liebe Grüße in die spezielle pädagogische Kreativschmiede nach Halle!

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