»Zum Preis von zwei kleinen Kreuzberger Theatern«

Oder: Neue Musik? Gerne – aber nicht von unserem Geld!

Für Nicht-Berliner muss man es vielleicht erklären. In Berlin gibt es die – große, kreative, unglaublich wichtige, brodelnde – „freie Szene“. Freischaffende Künstler aus allen Sparten, die auf einzelne Projektförderungen angewiesen sind. Dazu gehören aber auch Zusammenschlüsse von mehreren Künstlern unter demselben Label – Ensembles, Projekte, die eben nicht vom Senat basisgefördert werden, sondern jeweils neue Projektgelder beantragen müssen.

Hier hilft der immens wichtige Hauptstadtkulturfonds. Die Zweckbestimmung der Gelder aus dem Hauptstadtkulturfonds (HKF) wird im Allgemeinen so verstanden, dass sie der freien Szene (auch, wenn die Formulierung nicht in dieser Weise in den Förderkriterien auftaucht) erlauben sollen, in einem größeren, professionellen Kontext an die Öffentlichkeit zu treten. Das geschieht am besten in Kooperation mit großen, prominenten Häusern und/oder ungewöhnlichen, verlockenden, alternativen Spielstätten (bis hin zu ehemaligen Luftschutzbunkern).

Die freien Künstler (natürlich auch die aus der Neuen Musik) profitieren, weil sie von den Strukturen, die die großen Häuser bieten (Pressearbeit, Marketing, Verkauf, Technik), unterstützt werden und zugleich mit deren Publikum rechnen können (zumindest zu einem Teil). Und die großen Häuser profitieren, weil sie ihr Programm inhaltlich bereichern und bunter machen. Manchmal zahlen die großen Häuser noch etwas dazu, manchmal nicht. Ich hatte da bisher oft das Vertrauen: Wenn noch Geld da ist, werden die freien Projekte durchaus unterstützt. Manchmal aber müssen allein die Gelder aus dem HKF ausreichen. (Das geschieht leider häufig zu Ungunsten der Künstler, für die dann unter Umständen keinerlei Honorar mehr übrig bleibt. Und zwar „freiwillig“, weil die Künstler zuerst ihre eigenen Honorare streichen. Denn das ist bei Angleichung einer Kalkulation der Kostenpunkt, den man am meisten selbst im Griff hat. Bei den vielen hoch verschuldeten freien Berliner Künstlern ist das Projekt an sich wichtiger als der eigene Geldbeutel. Denn der war ja seit jeher löchrig- und wird es wohl immer bleiben…)

Der im Grunde von allen für moralisch und künstlerisch akzeptabel befundene „Hauptstadtkulturfonds-Normalfall“ also ist: Freie Projekte kooperieren mit großen, festen Häusern. Beide profitieren. Eine gute Sache.

Was aber, wenn ein festes, ohnehin subventioniertes großes Haus die Hauptstadtkulturfonds-Gelder zugesprochen bekommt – ohne, dass man mit der freien Szene kooperiert?

In Berlin ist dieser Fall jetzt in großem Stil eintreten.

Heute Abend hat Luigi Nonos Musiktheaterwerk »Al gran sole carico d’amore« in einer Staatsopern-Produktion im Kraftwerk Mitte Premiere. In einem am 28.02.12 in der Berliner Zeitung erschienenen Artikel von Peter Uehling heißt es: Laut [Staatsopern-Intendant] Flimm belaste diese Koproduktion mit den Salzburger Festspielen den mit 42 Millionen Euro subventionierten Staatsopernetat nicht stärker als eine große Verdi-Oper. Den Umbau des Kraftwerks bezahlen der Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper (250000 Euro) und der Hauptstadtkulturfonds (215000 Euro). Den kulturellen Kollateralschaden aus dem Anzapfen des Hauptstadtkulturfonds – gegen die Empfehlung seiner Jury bewilligt von Staatskulturminister Neumann und Kultursenator Wowereit – beziffert Flimm jovial und vage mit „zwei kleinen Kreuzberger Theatern“, denen die Förderung nun fehlt. Dass das Werk eines bekennenden Kommunisten auf derart asoziale Weise zustande kommt, ist pikant; angemessen wäre wohl eher feudale Barockoper.

215.000 Euro also aus dem Hauptstadtkulturfonds! Gelder, die eigentlich der freien Szene gehören! Bewilligt aufgrund einer Entscheidung von Bürgermeister Wowereit – gegen die Empfehlung der Jury des Hauptstadtkulturfonds. Wozu eine Experten-Jury, wenn man doch selbst – zu Gunsten seiner Duz-Freunde – entscheiden kann?

War die Reaktion von Flimm nun ein Fall von »spontaner Ehrlichkeit« – oder blanker Zynismus?

Ich befürchte Letzteres. Ein Fall von Subventionsdiebstahl. Und das zum Preis von »zwei kleinen Kreuzberger Theatern«! Und tatsächlich: Mit 215.000 Euro könnten zwei kleine Kreuzberger Theater in der Tat gleich mehrere wertvolle Produktionen auf die Beine stellen. Und zwar ohne Basisförderung zusätzlich!

In den Bedingungen für eine Förderung durch Gelder aus dem Hauptstadtkulturfonds heißt es: Ausgeschlossen sind kommerziell realisierbare Vorhaben und solche, die sich im Rahmen der normalen Arbeit der kulturellen Institutionen Berlins mit deren Mitteln realisieren lassen.

»Kommerziell realisierbar« – d. h.: mehr Einnahmen als Ausgaben – sind beispielsweise zeitgenössische Musiktheater-Werke, aber auch Verdi-Opern nie. Sie sind immer auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Was »im Rahmen der normalen Arbeit der kulturellen Institutionen Berlins« realisierbar ist, ist Interpretationssache. Merkwürdig nur, dass es vor allem die zeitgenössischen Musiktheaterwerke sind, für die dann plötzlich kein Geld mehr da ist…

Das Motto scheint zu sein: »Neue Musik? Gerne – aber nicht von unserem Geld!«. So gibt die Webseite des Hauptstadtkulturfonds Aufschluss darüber, dass auch die Deutsche Oper für die Produktion des Musiktheaterwerkes »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« von Helmut Lachenmann (Saison 2012/2013) freie Gelder – nämlich 50.000 Euro – aus dem Hauptstadtkulturfonds in Anspruch nehmen wird.

Doppelt zynisch: Subventionsraub an der »freien Szene« – für die Realisierung von Werken Nonos und Lachenmanns. Der eine Kommunist ging einst in italienische Stahl-Fabriken, um mit den Arbeitern dort über die tägliche Lärmbelastung zu sprechen, der andere lässt Gudrun Ensslin hinter dem Mädchen mit den Schwefelhölzern hervorschimmern…

Stoppt den Subventionsraub!

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

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