Werbung

Du machst keine Kunst

Du machst keine Kunst

Ich muss Dir etwas Unangenehmes sagen.

Es ist nicht so, dass alle Menschen Künstlerinnen oder Künstler sind.

Werbung

Beuys hat das nämlich so nicht gemeint. Er sah in jedem Menschen kreatives Potenzial, aber für ihn war nicht jeder Mensch ein guter Maler. Kreatives Potenzial kann alle möglichen Formen annehmen und wir alle können eine Gesellschaft positiv mitgestalten. Aber wir sind deswegen noch lange nicht alle Komponisten, Schriftstellerinnen oder bildende Künstlerinnen.

Man kann niemandem vorschreiben, für was er oder sie sich hält. Aber man kann dem sehr wohl widersprechen. Selbstverwirklichung darf nicht auf Lüge aufbauen.

Man nennt sich nicht einfach „Koch“, wenn es einem einmal gelungen ist, Spaghetti Bolognese nach Rezept hinzukriegen. Eine echte Köchin hat tausende von Stunden in einer Küche verbracht, malocht, das Handwerk von der Pike gelernt. Sie kennt Tricks und Kniffe, die kein Amateur kennt. Sie kann Dinge, die kein Amateur kann. Sie darf sich „Köchin“ nennen. Du nicht und ich nicht, selbst wenn wir gerne privat kochen und ein gewisses Händchen dafür haben.

WIR SIND KEINE KÖCHE, NUR WEIL WIR ETWAS AUF DEN TISCH GESTELLT HABEN, DAS MAN ESSEN KANN.

Ein Bergsteiger, der den Berg selbst erklommen hat und dabei all seine Fähigkeiten eingesetzt hat, die auf jahrelanger Klettererfahrung beruhen, ist tatsächlich ein Bergsteiger. Das leuchtet allen ein. Schwieriger wird es aber, wenn es um die Beurteilung geistiger Leistungen geht, zumindest heutzutage. Denn am Ende ist da ein Produkt, an dem man nicht immer ablesen kann, wie genau es entstanden ist. Man ist nicht dabei, wenn im Studio ein neuer Song entsteht oder eine Komponistin monatelang über einer Partitur brütet. Vielleicht wurde nur ein Knopf gedrückt? Wenn man Musik z.B. als „Produkt“ begreift (eine der Perversionen unserer Zeit) verschwimmen diese Unterschiede. Der Weg zum Kunstwerk ist aber mindestens genauso entscheidend wie das Kunstwerk selbst. Ohne zurückgelegten Weg verliert es seine Bedeutung.

Wer mit der Bahn zur Zugspitze fährt ist kein Bergsteiger, das leuchtet schnell ein. Aber unglaublich viele Menschen halten sich für „künstlerisch“, weil sie sich von einer KI schnell etwas zusammenschustern lassen, am besten auch noch den Prompt, damit nun auch wirklich nicht mehr die geringste Eigenleistung dabei ist.

Je mehr KI Einzug hält, desto mehr Menschen halten sich für genialer, als sie eigentlich sind, geben Dinge vor, von denen sie nicht die geringste Ahnung haben, oder schwadronieren über Themen, zu denen sie mangels Erfahrung nichts zu sagen haben. Und das ist ohnehin schon 99% des Contents im Internet, Tendenz steigend.

Hobby-„Autoren“ lassen sich entsetzliche Romanmachwerke von KI erstellen und halten sich für Hemingway. Hobby-„Komponisten“ erstellen Prompts und „schreiben“ Popsongs, die niemand braucht. Hobby-„Regisseure“ lassen sich von KI Filmchen erstellen und halten sich für Steven Spielberg.

Kunst ist aber Arbeit. Sie erfordert eine gewisse Form von Wahnsinn, totaler Hingabe und unerbittlicher Beharrlichkeit. Sie fordert den beständigen Willen, die eigenen Fähigkeiten nicht nur zu verbessern, sondern sie ständig zu hinterfragen. Kunst zu machen, beinhaltet Erfahrungen des Scheiterns, Widerstände. Das ist nicht etwas, dass alle Menschen wollen oder sogar können.

Dennoch haben es mit einer noch nie dagewesenen Plage von Menschen zu tun, die sich für „Künstler“ halten, weil ihnen KI dabei hilft, alles daran Unangenehme oder Schwierige zu überwinden.

Mir fällt nichts ein? Ich frage die KI, was ihr einfällt, und gebe mich der Illusion hin, dass mir etwas eingefallen ist, weil ich die Frage danach gestellt habe.

DAS IST KEIN EINFALL.

Ich höre keine Musik im Kopf? Ich prompte die KI, gebe ihr einen Stil vor, und sofort erhalte ich Musik und gebe mich der Illusion hin, diese sei von mir.

DIESE MUSIK IST NICHT VON DIR, SIE IST EIN AMALGAMAT DER KREATIVITÄT ANDERER, DERER DU DICH FRECH BEDIENST.

Mir fällt keine Handlung für mein Buch ein? Ich bitte die KI, mir einen Plot zu entwerfen, am besten sogar das ganze Buch zu schreiben. Und füttere damit den riesigen Haufen von KI-Slop, der im Moment den ganzen Buchmarkt vergiftet bis hin zu den Bestsellerlisten und all die verdrängt, denen tatsächlich noch selbst etwas einfällt.

DU BIST KEIN AUTOR.

Man muss es ganz klar sagen: wenn Du es nicht selbst kannst, sondern eine Maschine Deine kreative Arbeit erledigen lässt, dann BIST DU KEIN KÜNSTLER.

Wenn jemand Songs mit KI-Prompts macht, die er bei Udio eingibt, so ist diese Person kein Komponist. Diese Person ist noch nicht einmal ein Dilettant, denn Dilettant bedeutet ursprünglich, dass sich jemand aus Liebhaberei mit etwas beschäftigt. Im besten Sinne ist eine Dilettantin z.B. eine Hobbymalerin, die sehr wohl den Unterschied zwischen ihrer Arbeit und einem Picasso erkennt, die sich aber nicht „Künstlerin“ nennt.

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Bob Ross und Picasso, und Bob Ross selbst hat nie den Größenwahn gehabt, sich für Picasso zu halten. Heute hält sich aber zunehmend jeder und jede für Picasso, für Beethoven, für die Beatles, weil das „Produkt“ sofort auf Prompt erscheint.

Die Welt wird überschwemmt von Nichtkunstwerken die nur vorgeben, Kunstwerke zu sein, während die echten Kunstwerke drohen, darin unterzugehen.

Wir brauchen eine neue Ethik, die den Wert menschlicher Schöpfung wieder höher ansetzt und Menschen belohnt, die sich wirklich darum bemühen, etwas selbst zu können und von der Pike auf zu lernen.

Man sollte nicht so naiv sein zu glauben, dass KI wieder verschwinden wird. Selbstverständlich wird sie bleiben und Teil unseres Lebens werden. Aber es liegt an uns zu entscheiden, unter welchen Bedingungen das geschieht. Wir müssen in Kontrolle bleiben.

Daher ermutige ich zum Beispiel meine Studierenden, sich mit KI zu beschäftigen. Aber nie als Ersatz für Erlerntes, sondern als Handwerkszeug.

KI in den Händen von Banausen ist eine der großen modernen Plagen, vergleichbar mit alles verschmutzenden Fabrikschornsteinen und erstickenden Autoabgasen. Niemand will das und niemand braucht aus. Man muss der Verpestung der Luft bewusst entgegenwirken, sonst geht alles unter.

KI in den Händen von echten Künstlerinnen und Künstlern ist dagegen unbedenklich, da diese einen Background und ein kritisches Denken haben, das sich dem leichtfertigen Umgang damit entgegenstellt.

Und das meine ich mit Ethos. Deswegen ist es so wichtig einzuführen, dass das Publikum weiß, was mit KI erstellt wurde, und was nicht. Es muss auch erkenntlich sein, wer nicht KI benutzt, genauso wie ich beim Gemüsekauf in einem Bioladen davon ausgehen möchte, dass keine Pestizide und Gifte verwendet werden.

Ich zum Beispiel würde mich eher erschießen lassen wollen, als einen solchen Text auch nur ansatzweise mit KI zu erstellen oder auch nur einen einzigen Ton mit KI zu komponieren. Ich lasse auch nicht Roboter für mich Marathons laufen und Androiden für mich kochen. Mir macht die Überwindung des leeren Blatts Spaß. Ich sehe es als Herausforderung an, Widerstände zu überwinden. Kunst ohne Herausforderungen und die Möglichkeit des eigenen Scheiterns ist für mich vollkommen uninteressant. Ich finde es wunderbar, selbst an Formulierungen und Takten zu feilen – das ist der ganze Spaß daran. Ich will kein fertiges, von mir nicht selbst erstelltes Ding, das nichts mit mir zu tun hat.

Es ist an uns, eine bestimmte Qualität zu verlangen und uns nicht mit dem zufrieden zu geben, was man schon längst „KI-Slop“ nennt. Die unsäglichen Plakate, die uns inzwischen auf den Litfaßsäulen begegnen, mit hohlen und immer gleich aussehenden amalgamierten Gesichtern, da man sich Fotografinnen und Modelle sparen will, denn die müsste man ja bezahlen. Die von KI designten Speisekarten, Ladenschilder und Kinoplakate, die immer mehr einer komplett durchschnittlichen Ästhetik entsprechen, während man sich früher über individuelles Design auch bei angewandter Kunst freute. Die immer gleicheren Popsongs des Mainstreams, die genormten Schlager, die toten KI-Stimmen, die wir in einem AfD-Propaganda-Video vernehmen, während vielleicht noch ein Mensch (!) dazu lipsyncht und sich zum Affen macht. Die Facebook-KI-Artikel, die immer die gleichen Satzbautechniken und Formulierungen verwenden um uns über irgendein fucking Thema „betroffen“ zu machen, oder Kommentare zu erzeugen, die dann auch zu mehr als 50% von Bots sein werden. Irgendwann zu 100%.

All dies macht schon längst keinen Spaß mehr. Der Reiz des Neuen ist verflogen. Wir alle haben herumprobiert mit KI-Videos und Musik, um zu schauen, wie das funktioniert, jetzt ist es schon vollkommen öde geworden. Dennoch werden wir auch von Marktzwängen beherrscht. Wenn ich ein Bild für einen Bad-Blog-Artikel brauche, muss ich immer den kargen Etat der NMZ bedenken, man kann nicht immer menschliche Fotografen bezahlen, aber eigentlich sollte man es. In diesem Kontext bewegen wir uns alle, aber gerade deswegen brauchen wir den Ethos des „lieber nicht KI“.

Wir befinden uns jetzt in einer ähnlichen Situation wie um die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung komplett entfesselt war und Menschen begannen, auf der Strecke zu bleiben. Es brauchte eine massive Gegenbewegung, um das soziale Gefüge des menschlichen Zusammenlebens zu erhalten. Diese Gegenbewegung – u.a. von Marx in Bewegung gesetzt – brachte auch großes Leid, war aber immer noch die bessere Alternative zum Untergang durch die Ausbeutung durch Maschinen. Es ist abzusehen, dass KI zu neuen Gesellschaftsmodellen wie einst der Kommunismus führen wird, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Es ist abzusehen, dass es dabei auch zu Gewalt und Konflikten kommen wird, vor allem, wenn immer mehr Menschen ihren Job verlieren und weiterhin immer weniger Menschen das große Geld mit KI machen. Es ist abzusehen, dass Menschen zunehmend im Dienste von KI schuften und dahinvegetieren, gigantische Serverfarmen als neue Sklaven am Leben halten zum Beispiel, zumindest so lange, bis auch sie von KI-gesteuerten Robotern ersetzt werden, die es mit hundertprozentiger Sicherheit geben wird und natürlich auch schon gibt. Das wird nicht lange gut gehen.

Wir leben also in aufregenden Zeiten, in denen wir immer genauer definieren müssen, was wir eigentlich vom Leben wollen. Dumpf als abhängige Consumer dahinzuvegetieren wie die Raumschiffbewohner in „Wall-E“ oder selbstbestimmt agierend als Herrinnen und Herren der Möglichkeiten von KI, die uns natürlich auch potenziell längeres Leben und den Sieg über viele Krankheiten bringen kann.

Vielleicht sind wir als Menschen aber auch einfach zu blöd dazu geworden, noch einmal aufzubegehren.

Ich hoffe – bis auf weiteres – das Gegenteil.

Moritz Eggert

Mit KI erstellt, selbsterklärend

Liste(n) auswählen:
Unsere Newsletter informieren Sie über Neuigkeiten im Badblog Of Musick. Informationen zum Anmeldeverfahren, Versanddienstleister, statistischer Auswertung und Widerruf finden Sie in unserer Datenschutzbestimmungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert