Was wir von Graf Mülltonnengesicht lernen können
Was wir von Graf Mülltonnengesicht lernen können
Auch wenn es viele hier noch nicht mitbekommen (unter anderem weil fast niemand außer in den sozialen Medien darüber berichtet), spielt sich gerade in England ein wunderbares Politschauspiel von großem Unterhaltungswert ab.
Nigel Farage – das englische Äquivalent zu „Bernd das Brot“ Höcke mit echten Chancen auf das Amt des Premierministers – steckt in einem für Populisten ziemlich typischen Korruptionsskandal, wie man ihn auch von Knallchargen wie Bystron oder Krah kennt. Nur, dass die 5 Millionen des Krypto-Unternehmers Christopher Harborne noch einmal eine ganz andere Dimension haben.
Farage hat die Flucht nach vorn angetreten und will sich durch einen Rücktritt und damit erzwungene Neuwahl in seinem Wahlkreis Clacton erneut legitimieren und als „Stimme des Volkes“ inszenieren. Die anderen Parteien haben hierauf mit einem Boykott dieser Wahl reagiert, um ihm dieses Manöver zu vermiesen. Normalerweise würde er bei dieser Wahl also von relativ desinteressierten und sich größtenteils im Urlaub befindlichen Clactonern locker wiedergewählt werden. Aber er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht – hinein in die Bresche sprang nämlich „Count Binface“, ein nach eigenen Angaben Außerirdischer vom Planeten Sigma IX aus der Spezies der Recyclons, der mit dem behaupteten Alter von 5900 Jahren vermutlich der älteste Kandidat in der englischen Politikgeschichte sein dürfte, und mit seinen absurden Forderungen den Nerv der größtenteils politikverdrossenen und für Selbstironie empfänglichen Briten trifft.
Hinter Count Binface steckt der Komiker Jonathan Harvey, der diese Kunstfigur seit 2017 entwickelt und sogar schon gegen Theresa May angetreten ließ. Harvey bleibt stets in der Rolle, auch bei Interviews. Bisher wurden seine Aktivitäten unter anderen ähnlichen „Joke“-Kandidaten eingeordnet, die auch die deutsche Politik kennt (wer erinnert sich nicht an Schlingensiefs „Chance 2000“ oder kennt nicht „die PARTEI“, die immerhin zwei Vertreter im Europaparlament hat). Scherzkandidaten sind im angelsächsischen Raum wesentlich häufiger anzutreffen als bei uns. Aber nicht nur, weil andere Länder in der Regel etwas mehr Sinn für Exzentrik als wir haben, sondern auch, weil es sich richtig lohnen kann. Sich zu einem Kandidaten für eine solche Wahl aufstellen zu lassen, kostet nämlich nur 500 Pfund, und das ist für ein bisschen Publicity ziemlich billig. Daher gibt es in England Kandidaten, die einfach nur Werbung für Tierschutz oder ähnliche Agenden machen. Gewinnen ist dabei gar nicht so wichtig.
Count Binface hatte schon mehrere Einsätze in seiner Rolle und kam meistens nur auf eine Handvoll Stimmen. Da es hier um Satire und nicht um ernsthafte politische Ambitionen geht, wird Jonathan Harvey das verkraftet haben, der Spaß besteht nämlich darin, dass man gemeinsam mit den „ernsten“ Kandidaten der Auszählung der Stimmen beiwohnen muss, was großen Unterhaltungswert hat.
Durch den Boykott der anderen Parteien ist nun in Clacton eine ungewöhnliche Situation entstanden – Nigel Farage trat gegen ein Vakuum an, das nun überraschend mit einem Kandidaten gefüllt ist, dem die Herzen wesentlich mehr zufliegen als Farage selbst. Mit Count Binface ist diesmal ein unernst ernsthafter Kandidat entstanden, der Farage richtiggehend gefährlich werden kann. Und das auf mehreren Ebenen.
Auch wenn bisher nur wenige daran glauben (im Moment steht die Wettquote mit nur 5% für einen Sieg von Binface), ganz unmöglich ist ein Sieg von Binface nicht mehr, da die Wähler hier Farage nicht nur einen Denkzettel geben, sondern ihn auch öffentlich brüskieren und blamieren könnten. Und dieser Wunsch besteht parteienübergreifend.
Außerhalb des Wahlkreises hätte Binface sogar noch bessere Chancen – eine Mehrheit der Briten würde sich freuen, wenn er Farage schlagen könnte, manche würden ihm sogar das Amt des Premierministers zutrauen. Was als Witz begann, nimmt zunehmend an Fahrt und Bewegung auf – immer mehr Menschen sehen Binface sogar als Hoffnungsträger, der mit den Waffen der Satire die frustrierende politische Landschaft Englands wiederbeleben kann.
England ist nicht Deutschland, aber es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen unseren Ländern, was die Grundstimmung bei den Wählern angeht. Auch in England ist ein zunehmendes Gefühl des Abgehängtseins und der wirtschaftlichen Stagnation dominierend, und wie anderswo in Europa wird die Schuld vor allem bei den „Anderen“ gesucht. Der Brexit spielt hier noch eine spezielle Rolle: einst von Populisten auf den Weg gebracht (Farage ist mitverantwortlich) ist er nun der Mitgrund für weiteren wirtschaftlichen Niedergang. Und dieser fördert wiederum die Beliebtheit von Populisten. Man hat also selbst den Zustand verstärkt, über den man schimpft. Und damit wird klar, dass es letztlich nur um Gier und Eigeninteressen geht, nicht um das Wohl der Menschen.
Aber egal wie sehr ein Farage in die Kamera lügt, immer noch hängen viele an seinen Lippen, wenn er die einstige Größe Englands beschwört, die die „Liberals“ angeblich zerstört haben. Eigentlich ähnlich, wie wenn Höcke die Menschen des Ostens zu den „einzig wahren“ Deutschen erklärt oder man auf dem AfD-Parteitag die DDR-Hymne singt. Nostalgie siegt über Verstand und Analyse.
Und auch sonst ist es bei uns nicht so wahnsinnig anders. So macht die besonders von der AfD angeheizte Fremdenfeindlichkeit ganze Landkreise im Osten unseres Landes als Investitionsorte immer weniger attraktiv.
„Eine neuere Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, dass Beschäftigte Regionen mit verbreiteten fremdenfeindlichen Einstellungen bei einem innerdeutschen Umzug eher meiden. Besonders stark reagieren junge und hochqualifizierte Arbeitskräfte. Damit verschärft ein fremdenfeindliches Klima gerade in alternden Regionen den Fachkräftemangel.“ (Quelle)
Je mehr also von Remigration gesprochen wird, desto mehr steigern sich die frustrierenden Umstände, die überhaupt dazu führen, dass Menschen die korrupte AfD-Gurkentruppe wählen wollen.
Aber zurück zu Count Binface – interessant ist die Empfindlichkeit der „Reform-Party“-Anhänger, wenn es um Mittel der Satire geht. Dass Populisten und Diktatoren Humor und Satire hassen, ist bekannt. Russland ist wahrlich kein Paradies des politischen Kabaretts, und Deutschland unter den Nazis war es auch nicht. Bis heute leiden wir darunter, dass die größten humoristischen Talente entweder im Dritten Reich ermordet wurden oder das Land verließen. Und da hat uns England tatsächlich etwas voraus: wenn die Briten eines verstehen, dann sind es Selbstironie und Humor. Und gerade daher ist der Aufstieg von Count Binface so bemerkenswert, denn obwohl er eindeutig ein Scherzkandidat ist, ist seine Agenda gar nicht durchweg scherzhaft, auch wenn sie es auf den ersten Blick scheint.
Ministergehälter für 100 Jahre an die Gehälter von Pflegekräften zu koppeln ist zum Beispiel ein ziemlich guter Gedanke, ebenso wie die Idee, die Thames Water Manager einmal in dem von ihnen verantworteten dreckigen Fluss schwimmen zu lassen. Und auch wenn die Idee Adele zu „verstaatlichen“ absurd scheint, ist es doch ein Wink mit dem Zaunpfahl gegenüber den anonymen Musikkonzernen, die inzwischen die Popmusik dominieren und sie so langweilig und austauschbar gemacht haben, wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Eine „verstaatlichte“ Adele wäre tatsächlich keine schlechte Sache, da sie dann in ihrer Kunst tatsächlich freier wäre als zuvor (ähnlich wie die Bundesbahn wesentlich besser funktionierte als heute die Bahn). Und wäre es nicht eine wunderbare Idee, z.B. die GEMA zu verstaatlichen und endlich mal von Konzern- und Eigeninteressen zu befreien? Davon hätten die Mitglieder auch tatsächlich finanziell etwas, denn was nützen die KI-Millionen, wenn sie gleich wieder an einen Konzern gehen?
Count Binface spricht also durchaus wichtige Themen an, und selbst als künstliche Persönlichkeit ist er hunderte Male liebens- und glaubwürdiger als ein Farage oder ein Höcke. Gerade dies könnte für eine Überraschung sorgen – wobei es eigentlich egal ist, ob er gewinnt. Allein die Blamage für den selbstverliebten und zutiefst korrupten und verlogenen Farage ist die Aktion wert, vor allem wenn inzwischen das japanische Fernsehen über die Aktion berichtet und das mindestens genauso komisch ist wie Count Binface selbst:
Jede Kritik, dass das alles nur albern sei, prallt insofern ab, da die Tradition des „Narren“ in der Politik tatsächlich ein wichtiges Element der europäischen wie außereuropäischen Geschichte ist und auf eine jahrtausendelange Tradition zurückblicken kann, die der Komiker Jon Harvey als Student der Oxford University sehr wohl kennt.
In Deutschland schaut man fast ein bisschen sehnsüchtig auf dieses Geschehen. Der Kampf gegen die Gefahr von rechts wird bei uns oft ein wenig zu gut gemeint, betulich und bierernst geführt. Auf den sozialen Medien sind es nur einige wenige, die auch den Humor als Waffe nutzen, aber sie sind noch in der Minderheit gegenüber dem unendlichen KI-Müll oder der hasserfüllten Demagogie, die von rechts aufgefahren werden, übrigens immer komplett humorfrei. Dabei ist es gerade die Satire, die das schärfste Schwert gegen Höcke und co ist.
Man sollte sich keine Illusionen machen – die Gefahr von rechts ist ernst und keineswegs lustig. Aber gerade deswegen müssen wir denen ein Lachen entgegenwerfen, die das Lachen am meisten verbieten wollen. Und in England gibt es tatsächlich die Chance, dass Count Binface die Reform-Party komplett der Lächerlichkeit preisgibt und ihrem politischen Aufstieg etwas Bedeutendes entgegensetzen kann. Und das ist nicht nur lustig, sondern tatsächlich politisch relevant.
Wie wunderbar wäre es, wenn Höcke zum Beispiel gegen das DDR-Sandmännchen oder gegen Lolek und Bolek antreten müsste. Auch eine lebendig gewordene Thüringer Bratwurst hätte vermutlich mehr politische Glaubwürdigkeit als die gesamte Führungsebene der AfD. Und wer glaubt, dass Komiker nie ernstzunehmende Politiker sein könnten, muss sich nur die Karriere von Selenskyi anschauen. Oder sich daran erinnern, dass ein als Fußballmaskottchen verkleideter Kandidat einmal Bürgermeister ward und mehrmals wiedergewählt wurde:
Kurzum: Wo ist der deutsche Count Binface, wo man ihn braucht?
Moritz Eggert
Komponist
