München steht still: Konzertveranstalter sagen ab, Staatstheater machen weiter

Die Feuerwehr München X-te bzw. twitterte am 2.12.23 um 9:38 Uhr, ähnliche die Polizei, die Stadtverwaltung teilte dies: „Die Feuerwehr München rät auf unnötige Fahrten und Besorgungen zu verzichten. Die PolizeiMünchen bittet darum, bei wichtigen Fahrten die Fahrweise der Witterung anzupassen. Vorsicht vor herabfallende Gegenständen, Schnee bei Gebäuden, Bäumen und Grünanlagen.“ München war am 2.12.23 weder mit der S-Bahn noch mit Zügen erreichbar, nur mit dem Privat-PKW. In der Stadt fuhren weder Trambahnen noch Busse. Konzertveranstalter sagten verantwortungsbewusst Veranstaltungen ab, vom Amateurensemble bis zum öffentlich geförderten Kammerorchester – das Münchener Kammerorchester sagte wirklich sehr schmerzhaft ein bereits schon einmal verschobenes Gedenk-Konzert für Gloria Coates ab. Wer in Haar, in Garching, in Germering, Gräfelfing, Ottobrunn wohnt, wer nicht an einer U-Bahn-Linie lebt, fußläufig in Nähe der S-Bahn, die nur zwischen Westkreuz/Pasing und Ostbahnhof/Leuchtenbergring extrem ausgedünnt verkehrte, kein Auto hat, hatte sowieso keine Chance, eine Spielstätte sinnvoll zu erreichen.

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Die Staatsoper, die Kammerspiele, das Gärtnerplatztheater und andere staatliche Theater spielten dennoch. Sie forderten die Theatergäste auf, sich dann eben früher als sonst auf den Weg zu machen. Nochmals: wer einige Stationen auf Bus oder Trambahn angewiesen ist, um überhaupt die U-Bahn zu erreichen, wer kurz hinter dem Stadtrand wohnt, wer in Fürstenfeldbruck oder Wolfratshausen wohnt, hatte keine Chance, mit extrem früher loszufahren, ein Staats- oder Stadttheater zu erreichen. Zudem warnte die Feuerwehr und die Polizei EINDRINGLICH, nicht wirklich nötige Fahrten zu unternehmen. Theatermacher und 300%-Fans finden Oper und Theater garantiert so wichtig wie der sozial Bedürftige die monatliche Sozialhilfe oder das Bürgergeld oder der Rentner und die Rentnerin die monatliche Rentenzahlung. Der Unterschied? Sozialleistungen sind rund um die Uhr wirklich lebenswichtig. Theater und Kultur im Extremfall nicht.

Die Polizei und die Feuerwehr sind zudem weder Pandemiebekämpfer noch restriktive Politiker. Letztere Beide forderten ja manchen Intendanten in der Corona-Zeit zu seltsamen Statements in der Leitungskanzel ihrer Häuser heraus. Hier fielen gestern nun Bäume um, Äste donnerten unter dem nassen, massiver denn je überbordenden Schnee auf Fusswege, es war extrem glatt bzw. gab es oft erstmal keinen nennenswerten Pfad selbst neben vierspurigen innerstädtischen Schnellstrassen. Natürlich müssen Staats-/Stadttheater ihre Beschäftigten beschäftigen, um sie bezahlen zu können. Doch auch diese wohnen nicht nur direkt hinter dem Spiegel ihrer Gaderoben oder im Schrank der Pforte einer Theaters. Diese leben erstaunlicherweise auch in Gegenden, die vom ÖPNV gestern komplett abgeschnitten waren.

Natürlich sind Beschäftigte verpflichtet, bei Sturm, Hagel, Erdbeben und Schneemassen oder einfach nur Streik trotzdem an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen. Wenn die gute Tante Feuerwehr und der liebe Onkel Polizei aber ALLE Bürgerinnen und Bürger warnen, eher zuhause zu bleiben oder doch besser auf besagte unnötige Fahrten zu verzichten? Und beileibe: Hier handelt es sich um unnötige Fahrten nicht nur des Publikums oder der Beschäftigten, es sei denn, sie arbeiten ehrenamtlich beim Katastrophenschutz oder sind Sicherheitsbeauftragte ihrer Gaderobe oder der Posamente und Kordeln des Prachtvorhanges. Denn Äste können auch auf Theaterbesuchende und Beschäftigte herabdonnern. Das ist dann vielleicht höhere Gewalt. Würde die Intendanz aber die Vorstellung sein lassen, träte diese höhere Gewalt nicht wegen des Theaters ein, sondern vielleicht, weil man ordnungsgemäß Schnee vor seinem Haus schippte und des Nachbars Ast herunterdonnerte.

Morgen wird wieder alles normal sein. Doch gestern war es dies eben nicht. Man sah Veranstalter mit Verantwortung. Man sah Veranstalter mit dem abgekauten und in der Lage vollkommen unsinnigen „the show must go on“.

Komponist*in

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