Unseriöse Kompositionswettbewerbe, Folge 263: Amadeus Composition Award Wien

Unseriöse Kompositionswettbewerbe, Folge 263: Amadeus Composition Award Wien

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Als ich vor vielen Jahren meinen Artikel „Der toskanische Fluch“  über dubiose Kompositionswettbewerbe für die NMZ schrieb, konnte ich nicht ahnen, dass das Thema so lange relevant bleiben würde. Mehr noch, es ist eigentlich noch relevanter geworden, da das Internet ganz neue Verbreitungsmöglichkeiten bietet, die wesentlich billiger sind, als Flyer und Plakate in die Welt zu senden.

Das Modell solcher Kompositionswettbewerbe ist immer ähnlich: es wird eine nicht wirklich begründete Teilnahmegebühr verlangt, die in keinem Verhältnis zu den vergebenen, meistens eher kleinen oder nichtexistenten Preisen steht. Das Ganze wird möglichst weitflächig beworben und die Bewerbungsschwelle sehr niedrig gemacht, indem man zum Beispiel schon existierende Werke einreichen kann (davon haben wir alle etwas in der Schublade). Manche Wettbewerbe treiben es sogar besonders weit und finden alle möglichen Gründe, die Preise dann gar nicht erst zu vergeben, sodass allein aus den Teilnahmegebühren schon ein hübsches Sümmchen zustande kommt, für die man nicht viel mehr machen muss als eine Website aufzusetzen.

„There’s a sucker born every minute“ hat mal P. T. Barnum angeblich gesagt, und leider trifft das auch auf uns Komponierende zu. Die meisten von uns träumen von mehr Aufmerksamkeit für ihre Musik (ja, auch die, die eigentlich schon genug zu tun haben – sehnsüchtig nach mehr Ruhm sind irgendwie die meisten), daher ist die Zahl der möglichen Ansprechpartner für ein solches Scheme recht hoch. Inzwischen kann man dank Internet Komponierende aus der ganzen Welt erreichen.

Ich selbst war auch einmal Opfer eines solchen Wettbewerbs (als Student, ich war jung und dumm). 150,-DM war die Teilnahmegebühr, Ort ein kleines Dorf in der Toskana. Nach Monaten bekam ich ein Schreiben, dass mir für meine Komposition der erste Preis zugesprochen worden war. Ich machte gleich einen Sekt auf, las aber dann die Teilnahmegebühren genauer und stellte fest, dass der erste Preis aus nur 250,-DM bestand (in Lire sah das damals irgendwie nach mehr aus beim flüchtigen Lesen). Nun denn, dachte ich mir, wenigstens 100,-DM Gewinn und vielleicht eine Aufführung.

Nachdem ich mehrmals an den Wettbewerb geschrieben hatte, wo denn nun mein Geld bleibe, bekam ich irgendwann ein Schreiben. Darin wurde ich darüber informiert, dass man mir zwar tatsächlich den ersten Preis von allen eingereichten Kompositionen gegeben hatte (99 von 100 Punkten), ich aber leider nicht den „ersten absoluten Preis“ (primo premio assoluto, 100 Punkte) bekommen hatte, und nur der gäbe halt Geld. Natürlich stellte ich schnell fest, dass überhaupt niemand den „ersten absoluten Preis“ bekommen hatte, und ich war eine Scam-Erfahrung reicher.

Vor einem Monat bekam ich eine Mail, die sofort Erinnerungen an diesen unguten toskanischen Wettbewerb wachrief. Eine „Anastasia Stefanovich“ fragte mich für die Jury eines „AMADEUS COMPOSITION AWARD“ an, der genau nach demselben Prinzip funktionierte. Hohe Teilnahmegebühr? Check, 75,-EUR. Existierende Kompositionen absolut jeder nur denkbaren Kategorie (Orchester, Kammermusik, Vokalmusik, elektronische Musik, Filmmusik) können eingereicht werden, wobei noch nicht einmal verlangt wird, dass man garantiert, dass die Werke auch von einem selbst stammen (wie bei vielen seriösen Wettbewerben üblich)? Check! Seltsames Punktesystem für die Bewertung, als sei man beim TÜV und nicht bei einem Kunstwettbewerb? Check.

Als Juror sollte ich 20,-EUR pro durchgesehene Partitur bekommen. Das erschien mir merkwürdig, denn bei welchem Wettbewerb wird man als Juror (wenn überhaupt, oft ist das ehrenamtlich) so vergütet?

Den Vogel abschießen taten dann diese zwei Aussagen, die sich auf der Website bzw. im Anschreiben an mich fanden:

  • „Those who took 1st, 2nd, 3rd, 4th, 5th, 6th and 7th place will receive a Certificate. It is possible that some special Certificate will be awarded.“

Aha, 1.-7. Platz kriegen ein „Zertifikat“. Aber wie bitte? Kein Geld? Echt jetzt? Stattdessen wird auf der Website ominös geraunt, dass man den „Erfolg der Teilnehmer mit ihnen feiern möchte und ihnen die Chance geben möchte, mit renommierten Orchestern und Ensembles zusammenzuarbeiten“. Das ist so vage wie es nur geht und verpflichtet zu nichts.

  • „Der Wettbewerb wird jeden Monat (sic!) bis Juni 2024 ausgetragen“

Wtf? JEDEN MONAT wird dieser Wettbewerb ausgetragen? Ich wittere ein Geschäftsmodell…

Wenn man auf der Website des Wettbewerbs nach vergangenen Gewinnern forscht, bestätigt sich der Verdacht. Ein erster Preis wurde im Juni 2023 nie vergeben, auch kein „absoluter“. Dafür sage und schreibe 6 zweite Preise und 8 dritte Preise (!!!) – von denen man sich mangels irgendeines anderen Effekts auch nichts kaufen kann. Die vierten bis siebte Preise wurden anscheinend vergessen (oder es haben sich nicht genügend beworben). Immerhin werden sogar Bilder der Gewinner:innen gezeigt, vermutlich, damit die irgendwie das Gefühl bekommen, dass überhaupt irgendetwas passiert. Aber Bilder auf eine Website zu setzen (oder „Zertifikate“ zu vergeben) kostet natürlich nichts und hat bei der nun nicht gerade weltberühmten Seite des Wettbewerbs ungefähr so viel Effekt für die Karrieren der Beteiligten wie ein Sack Reis in China.

Mir erschien das Ganze so suspekt, dass ich gar nicht erst antwortete. Scheinbar hatte der Wettbewerb aber mehrere Kolleg:innen angeschrieben (z.B. Gordon Kampe) und so langsam begannen in den sozialen Medien die ersten Diskussionen darüber. Und man begann sich zu fragen, wer denn hinter einem solchen Wettbewerb stecken könne, der sich ganz bewusst einen Namen gab, der mit anderen, wesentlich seriöseren Wettbewerben verwechselt werden kann (Wettbewerbe mit „Amadeus“ oder „Mozart“ im Titel gibt es wie Sand am Meer).

Die Mail an mich war von einer „Anastasia Stefanovich“ (auch als „Anastasia Stefany“ unterwegs) gekommen, aber wenn man etwas recherchiert, entdeckt man auch den Namen Goga Giorgadze und ein diffuses Netzwerk von verschiedenen Seiten im Internet , die entweder PR oder Management anbieten, darunter auch weitere Wettbewerbe für jedes auch nur erdenkliche Instrument. Es gibt sogar eine „Artfex Maintenace“ (was auch immer das ist, soll vermutlich „Maintenance“ heißen). In einer Legal Notice erschien sogar ein frei erfundenes „City Conservatory of Music and Performing Arts Privatschule GmbH (opening date 1.8.2024, sic!), mit der Adresse Krottenbachstraße 33/10 in Wien. Dort sind allerdings keinerlei Räumlichkeiten zu entdecken, in denen man je (und auch nicht 2024) ein „Konservatorium“ unterbringen könnte, es ist einfach nur ein Mietshaus.

Das Alles erweckt stark den Eindruck, als versuche man hier mittels verschiedener lockender und irgendwas versprechender (Preise! Zertifikate! Management! PR!) Webseiten angehende musikalische Talente anzulocken, wobei die Vermutung nahe liegt, dass dies nicht aus altruistischen Gründen geschieht, denn hinter all dem steht keinerlei Institution oder Stiftung, es sind Privatleute, die in einem Wiener Mietshaus wohnen. Vielleicht sogar nur eine einzige Person, und vielleicht heißt die auch weder Anastasia noch Goga, who knows. Leider nicht Grogu, das wäre wenigstens Baby Yoda, und der ist süß!

Nach einer Weile begann sich ein gar nicht süßer User namens „Shu Li“ mit hämischen Kommentaren in unsere Diskussion einzuschalten, und damit wurde es dann tatsächlich noch bizarrer. Denn nun wurden Wendelin Bitzan, Gordon Kampe und ich als „Wenderlin Trottelle“, „Gordon Krampus“ und „Moritz Deppertie“ betitelt, sowie gemutmaßt, dass wir eine „Gesellschaft der Ordnungsliebenden“ sein müssen, nur weil wir kritische Fragen zu einem Wettbewerb wie dem „Amadeus Composition Award“ stellen. Das Ganze artet dann schnell in Beschimpfungen wie „kranker Psychopath“ und immer ausufernde und zunehmend wirre Kommentare aus, sodass schnell klar wurde, dass hier nicht „Shu Li“, sondern Anastasia oder Goga oder sonst wer dahintersteckt.

Mein einziger Kommentar war „Die haben mich gerade für ihre Jury angefragt“ gewesen, ich hatte noch nicht einmal irgendetwas Kritisches geschrieben, aber egal…Der ganze vollkommen verrückte Kommentarverlauf ist hier zu lesen:

Was soll man nun von einem Wettbewerb halten, der ein solches Geschäftsgebaren an den Tag legt? Diese Frage kann vermutlich jede/r für sich beantworten, wenn man kein „Sucker“ sein will.

Vielleicht ist es wider alle Vermutungen so, dass der „Amadeus Award“ nur Gutes im Sinn hat und es sich um eine rein altruistische Unternehmung handelt, die der Menschheit Gutes bringen will. Dann würde er dies aber wesentlich stimmiger und besser präsentieren, nicht mit Webseiten, bei denen gleich alle Alarmglocken schrillen.

Und wenn das Ganze doch ein Scam ist (was ich stark vermute): warum sucht man sich dann ausgerechnet junge Komponierende als Opfer?  Einer Gruppe von Menschen, die nun eh schon meistens nicht in Geld schwimmt und meistens mühsam ein Auskommen zusammenbekommt?

Aber leider ist es überall auf der Welt so, die Idee eines Robin Hood, der nur die Reichen und Bösen bestiehlt, ist leider immer nur ein Märchen gewesen, in Wirklichkeit nehmen es die Armen von den Armen und die Reichen nehmen es von allen.

Ach ja, die Geschichte des „Amadeus Composition Award“ (Mozart hat sich wegen des Missbrauchs seines Namens sicherlich schon mehrmals im Grabe umgedreht) geht noch weiter: vor wenigen Tagen bekam ich wieder eine Mail von „Anastasia“ (?) in der lapidar stand: Mit Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass uns ein Fehler unterlaufen ist und wir uns entschieden haben, Ihre Teilnahme-Einladung als Jury-Mitglied an AMADEUS COMPOSITION AWARD zu widerrufen.“

Na sowas aber auch, ich muss gleich weinen.

 

Moritz Eggert (Dank an Wendelin Bitzan und Alexander Strauch für einiges an Hintergrundrecherche)

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