Der Pianist und das hektische iPad-Blättern

Screenshot des iPad-Blätterns zu John Adams Klavierkonzert mit Vikingur Ólaffson

In letzter Zeit ersparte ich mir all den Advents-, Weihnachts-, Silvester- und Neujahrskonzertrummel. Am 27.11.22 gab ich mein letztes Konzert für 2022 in einer nicht so kräftig geheizten Kirche und beschloss danach, meine Zeit lieber im Bett, Cafe oder an spanischen Stränden zu verbringen, hätte mich nicht Gordon Kampe in seine nun mit 2 oder 3 Jahren Verspätung uraufgeführte Kinderoper an der Staatsoper entführt. Das war die einzige Ausnahme, abgesehen von einem Filmmusikauftritt im Schwere Reiter. Dort hatte ich übrigens im November im vorletzten Konzert meiner Kolleg:innen von NKM-Neues Kollektiv München nach x-Jahren mal wieder selbst publik Klavier gespielt, besser gezupft mit Oxana Omelchuks „Böhmisches Lied“. Sachiko Hara, die dafür richtig Klavier mit uns im nächsten Konzert spielte, las ihren Notentext vom iPad. Statt eines Fusspedals wie man es von Streich- oder Blas- oder Schlaginstrumenten oder Sänger:innen kennt, hat sie ihres auf das Zucken einer ihrer beiden Augenbrauen eingerichtet.

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Mir wäre das zu riskant, da ich zu oft einfach mal Grimassen beim Spielen, Umblättern wie Dirigieren ziehe und mich dann ständig verblättern würde. Ich löse das auf meinem iPad mit der Einstellung „Doppelseite“ und lass den Finger zum Blättern den Button drücken. Beim Dirigieren geht das, allerdings kommen daher wohl auch die Dauergrimassen.

Heute sitze ich weder am spanischen Strand, noch sitze ich im Cafe, sondern hüstel im Bett vor mich hin. Aktuell kündige ich einige Abos – Serienfortsetzungen kommen wohl erst in ein paar Monaten. Dabei stolperte ich auch über mein Digitalconcerthall Abo der Berliner Philharmoniker. So richtig fixte mich das Programm im Dezember nicht an, ich erwog schon auch hier das Abo zu beenden… Da stieß ich auf ein Konzert mit dem Dirigenten Santtu-Matias Rouvali und dem Pianisten Vikingur Ólaffson. Mit Musik u.a. von John Adams: „Must the devil have all the good tunes?“, Konzert für Klavier und Orchester. Es strawinskyt und bartokt brav vor sich hin, das Violinkonzert ist mehr mein Ding, who cares.

Der gute Pianist hat einiges zu arbeiten. Er spielte aus einem iPad. Ui, er blättert selbst? Oder er legt es quer hin für den Doppelseiten-Modus? Nein, nichts dergleichen. Stattdessen hockt eine Frau neben ihm. Die verfolgt statt auf Papiernoten, die mindestens doppelseitig sein könnten, relativ groß notiert, geklebt oder eben speziell klein, am besten alle Seiten eines Satzes auf Din A3 oder größer aufgezogen, nun das iPad. Mit dauernd zusammemgekniffenen Augen, immer nur einseitig. Und sie muss den Button zum Blättern drücken, also so alle 5 bis 25 Sekunden. Was für ein verrückter Job! Natürlich sieht das iPad zum Filmen besser aus, da man mehr vom Pianisten frontal sieht, wenn er nicht auswendig spielt wie hier. Dafür ist der Job der Umblätterin oder des Umblätterers mit dem iPad eigentlich aufgelöst. Doch hier an Frequenz des Seitenwendens und der Verantwortung quasi verdoppelt als früher mit Papiernoten. Wäre daher ein Spielen dann aus Doppelseiten-Material mit Umblätter:in nicht ehrlicher, sinnvoller? Es wäre ruhiger, da das Blättern halbiert würde. Das Augenkneifen wäre reduzierter, die Präsenz der umblätternden Person geringer.

Ich verstehe, dass das iPad-Blättern am Klavier ohne Fusspedal zum Auslösen des Seitenwechsels, spezialisiert auf z.B. das Heben der Augenbrauen, heikel sein kann. Aber es wirkt nicht moderner, wenn man hierzu eine Umblätterin hinzuziehen muss, die dann noch mehr als mit konservativen Papiernoten zu tun hat. Ob das ökologisch nachhaltiger ist, mit Papiernoten zu spielen: zumindest insgesamt wäre es hier nachhaltiger gewesen, auch eben im Arbeitsaufwand wie in Unsichtbarkeit des Blättervorgangs. So, ich werde mein Abo hier nicht beenden, aber wohl noch viel zu lachen haben, wenn z.B. das Silvesterkonzert online sein wird. Oder vielleicht werde ich auch ganz viel weinen vor Rührung? Jetzt muss ich erstmal meine Blutdrucksenker nehmen, bevor ich noch mehr verzapfe.

 

Screenshot des iPad-Blätterns zu John Adams Klavierkonzert mit Vikingur Ólaffson

Komponist*in

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