Wie Daniel Barenboim oder doch eher der Parsifal mich als Jugendlichen selbstbewusst als Komponisten machte

Programmzettel der Parsifal-Aufführung 1989 im Herkulessaal mit Daniel Barenboim

Diese Tage erfuhren wir, dass Daniel Barenboim seinen Job als GMD der Berliner Staatsoper Ende Januar 2023 beenden wird. Für seine überlange Amtszeit, für schwierige berichtete Vorfälle an der Staatsoper wurde er hier und z.B. auch im VAN-Magazin sehr heftig kritisiert. Den richtigen Moment des Loslassens scheint er nun aufgrund schwerwiegender gesundheitlicher Probleme gefunden zu haben. Merkwürdig kurz fiel heute z.B. das Statement und Dankeswort des Vorstands der Staatskapelle aus, vielleicht war das in der Knappheit auch nur der schnellen Aufmerksamkeitsspanne auf social media geschuldet. Wenn ich zurückblicke, wann und womit ich Daniel Barenboim erlebt habe, so war es am intensivsten 1992 während der Bayreuther Festspiele, wo er mich aber anfing nicht mehr zu interessieren – ich begann damals im Herbst mit dem Kompositionsunterricht und Dirigenten der Neuen Musik wie Michael Gielen, Hans Zender, bei dem ich später Komposition studierte oder ältere wie Ernest Bour, Bruno Maderna oder Hermann Scherchen, Bernhard Kontarsky, dem ich während des Münchner Kompositionsstudium begegnen durfte, wurden veritabel wichtiger als Barenboim oder auch Sergiu Celibidache, in dessen Proben ich in den Jahren vor dem Abitur häufig saß und dafür die Schule schwänzte.

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1989, im März, zur Osterzeit, als das Nationaltheater in München wegen Renovierung geschlossen war, wurden konzertante Aufführungen des „Parsifal“ von Richard Wagner im Herkulessaal unter der Leitung von Daniel Barenboim angekündigt. Ich war damals noch 17 Jahre alt, glaubte an das Zustandekommen eines Leistungskurses Musik an meinem damaligen Karlsgymnasium in Pasing, was sich einen Monat später zerschlug. Ich war damals ein besserer Cellist als ich es dann während des Schulmusikstudiums war, das ich zuerst aufnahm, da damals die Kompositionsprofessur vakant war und der andere Professor mich als Suchender nicht interessierte. Ich hatte also einige Möglichkeiten, Singen war denkbar, vielleicht auch Dirigieren, hätte ich mehr Klavier geübt. Die musikalische Welt lag eigentlich vor mir. Und ich fand das sich nun allmählich entscheiden müssen, um sich dann zwei Jahre auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten zu müssen, furchtbar. Auch fanden alle anderen in meinem Umfeld Gesang, Cellist, gar Dirigieren oder eben etwas Pädagogisches geiler als ich dies wirklich von Herzen wollte. Ich glaubte an mein Komponieren, hatte damals aber schon länger keinen Unterricht mehr darin, scheute all die Hindemith-artig komponierenden Dozierenden in der Stadt. Ich sah mich als Schulmusiker aus München nach Hof verbannt oder in ein C-Orchester integriert, weit im Norden der Bundesrepublik. Ich war kein Pubertant mehr. Aber empfand eine ähnliche Melancholie und hatte immer diese Dauerschleifenbeschallung um mich herum, dass ich statt Komposition doch einen „gescheiten“ Musikberuf ergreifen sollte.

Es kam also Barenboim für „Parsifal“ in die Stadt. Dietrich Fischer-Dieskau als Amfortas, Kurt Moll als Gurnemanz, der mir später wieder entfallene Robert Schunk als Parsifal und Waltraud Meier als Kundry. Warum wer welche Rolle sang oder da mitwirkte, wäre heute garantiert eine Analyse wert. Damals war es mir egal. Es sah nach sehr guten Sängern aus, damals Gott sei Dank ohne Inszenierung. Als Kind von Opernsängern kannte ich seit Kleinkindtagen Opernproben und Vorstellungen. In der Pubertät schloss ich damit für mich erstmal ab und wollte nur noch in Konzertsäle gehen und perfekte Konzertchöre erleben als all die doch manchmal arg vibrierenden Opernchöre. Die Aussicht darauf, dass alle ohne auf der Bühne etwas machen zu müssen, meist dem Dirigenten Barenboim permanent auf die Arme gucken müssen, fand ich in meiner damaligen Haltung sehr beruhigend. Parsifal interessierte mich damals vor allem klanglich: was macht denn das Orchester alles, warum ist das so leise, so leer, so füllig, so satt?

Über meinen Vater, der eben an der Oper sang, hatte ich meinen Wunschplatz direkt über dem Orchester erhalten. Und aus der Opernbibliothek hatte er eine mittelgroße Partitur für mich ausgeliehen – nur damit konnte ich mir vorstellen, die gesamte Oper durchzustehen, aber eben auch immer mitlesen und verifizieren zu können, was da klanglich, textlich passiert. Denke ich an 1992 Bayreuth, vielleicht war auch 1989 die Aufführung etwas träge, obwohl sie doch große Spannung durch die tollen Sänger entfaltete und von oben ins Orchester zu sehen, gerade in den Zwischenspielen oder Schlussminuten der Akte, mit Partitur, jegliche Langeweile vertrieb. Ich war endlich mitten im Klang, in meinem Element. Denn musikalische Spannungsbögen formte der damals noch nicht 50-jährige Barenboim doch sehr plastisch, romantisch klangschön. Statt des Bombastes von Sawallisch, der Celibidache-Langsamkeit oder des mir oft zu leichtfüßigen Colin Davis (ich kannte seine Elgar-Einspielungen noch nicht) oder der ewigen Abkadenzierungsübungen in Jugendorchestern oder dem Hau-Drauf der Kirchenorchester, war das eben für mich Münchner Jugendlichen eine ganz andere Sache. Wobei es vor lauter Partitur mitlesen auch sein kann, dass es weder Barenboim noch die tollen Solisten waren, die mich anfixten. Es war wohl die Parsifal-Musik höchstselbst.

Als alles vorbei war, applaudierte ich gar nicht – ich fand das als Jugendlicher bei jedem Konzert affig, samt den Blumen oder nur dem Verneigen der Solisten statt des ganzen Ensembles, das sich, wie heute noch, dann nur wohlfeil kollegial die Hände schüttelte, das Geklatsche hatte was von Seehund-Fütterung in Hellabrunn, dem Münchner Zoo und hatte nichts mit der Komposition zu tun. Wobei dieses Partitur hochhalten durch Dirigenten noch schlimmer war: ja, da steht vieles und interessantes drin, das Publikum hat aber kaum Lesefähigkeiten dazu, es schaute eher in meiner Umgebung indigniert, wenn ich meine Partituren in Konzerten aufschlug. Aber das Werk war eben gerade als Klang erlebbar, dessen Numen müsste man Ehre zukommen lassen, indem man am besten weder Bravo ruft – ich habe immer diese Bravo-Rufer gehasst, die keine Ahnung haben, aber sofort oder sogar kurz vor dem Abschlag des Dirigenten losbrüllten – noch klatscht, sondern einfach mit leuchtenden Augen und stummen Gesten das eben Erlebte ehrt. Wir sind doch keine Seehunde, oder gibt es gleich Frei-Fisch?

Trotz aller Widrigkeiten war das für mich ein richtiger, psychedelischer Trip gewesen. Auch wenn ich damals ganz anders als spätromantisch komponierte, sondern langsam in die 1920er Jahre hineinkam, was mir dann mein Lehrer vor der Hochschule wieder austrieb, bis ich wie Killmayer manches notierte, war mir danach klar: was schert mich der Dirigent, was scheren mich die Bedenkenträger, über kurz oder lang werde ich Komposition als Hauptfach studieren und später als Beruf ausüben. Auch wenn es dann ganz anders kam, so stehe ich doch dort wo ich bin, weil diese Aufführung mich aus dem Gefühligen ins Selbstbewusste transferierte.

Jahre später hatte ich dann als Komponist Dirigierunterricht an der Hochschule und schlug manchmal auch Operetten-Vorspiele oder Beethoven, Schumann und Co. Vor einem Semesterende schlug ich damals das Parsifal-Vorspiel vor. Es hat viele Sechser-Schläge im Wechsel mit anderen Taktarten und viele Duolen gegen Triolen. Fantastisch, sich darin mal zu verhaspeln. Die Stunde dauerte dann wegen diesem Werk doch länger, es ging dann sogar um Interpretation, Tempi, Klanganforderungen. Als das später ein Dirigierstudent spitz bekam, beschwerte der sich richtiggehend über uns und unseren Lehrer. Natürlich vollkommen unwichtig und interessierte niemanden. So aber rundete sich jener März 1989 für mich. Barenboim erlebte ich später einmal, als Celloschüler eines Philharmonikers, im Backstage der Philharmonie: Celibidache kam langsam wie ein Adagio herein, Barenboim kniete vor ihm nieder und küßte Celis Hand. Zuerst eine interessante Geste. Aber vielleicht auch zu viel. Man ist was man ist, ob groß oder klein. Niemand muß jemanden heute besonders verehren, wir sind alle gleich. Vielleicht hätte man das an der Berliner Staatsoper bzw. in der Kulturpolitik des Bundeshauptstadt Berlin mehr erwägen sollen. Dann hätte es vielleicht weniger Querelen gegeben. So gesehen ist heute Barenboim vielleicht eine Art Celibidache, dem man die Hand küsst oder es allzu oft vorspiegelt. Es war garantiert damals seine Gestaltung der Parsifal-Aufführung. Aber es war dann wohl, ich sage es ungern, Wagner bzw. das Ergebnis seiner Parsifal-Arbeit, um das zu erden, was mich in den Zustand meines damaligen Selbstbewusstseins versetzte. Wie auch immer: Danke dafür. Und auch ansonsten für Nichts. Um das Alles richtig zu erden.

 

Programmzettel der Parsifal-Aufführung 1989 im Herkulessaal mit Daniel Barenboim

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