Wo sind die Noten? Wo sind sie geblieben?

Wo sind die Noten? Wo sind sie geblieben?

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In Zeiten der digitalen Kommunikation und von Glasfaserkabeln mag es seltsam klingen, aber es ist vermutlich noch nie so schwer gewesen, frisch komponierte Musik an die Frau beziehungsweise den Mann zu bringen.

Zu Mozarts Zeiten machte sich wohl ein Kurier auf und überbrachte die Noten persönlich irgendeinem Opernhaus. Dort war es dann wohl problemlos möglich, die Musik aufzuführen, denn es ist historisch bewiesen, dass es immer wieder funktionierte (denn sonst würden wir uns nicht an Mozart erinnern). Zu Zeiten Schumanns wiederum schrieben sich die Menschen fast stündlich Briefe. Innerhalb Europas funktionierte der Transport dieser Briefe exzellent mittels eines ausgeklügelten Postkutschensystems, das die heutige Deutsche Bahn beschämen würde, denn tatsächlich kamen Briefe damals wesentlich schneller an, als es heute ein ICE wegen Personen auf dem Gleis/Notarzteinsatz/Warten auf Personal/Signalstörung (bitte ankreuzen) auf derselben Strecke schafft.

Und wie sieht es mit Noten heute aus? Wie oft habe ich es schon erlebt: ich komme zur ersten Probe eines Stückes, das ich schon vor einem halben Jahr fertig komponiert und beim Verlag abgeliefert habe, und bekomme von den Musiker:innen achselzuckend zu hören, dass sie die Noten erst gerade eben bekommen haben, und es deswegen jetzt dementsprechend klingen wird. Dies beinhaltet dann auch immer den Vorwurf, dass man ja mit daran Schuld hat als Komponist – man wäre ja sicher zu spät gewesen und hätte das Ganze a la mode de Rossini erst 3 Minuten vor der Uraufführung komponiert.

Ich gebe zu: mich macht das wahnsinnig! Was soll ich tun? Kann man von Komponisten ernsthaft verlangen, dass sie jede einzelne Stimme persönlich bei den Musikern vorbeibringen? Wozu gibt es Verlage/Briefpost/Internet? Warum funktioniert das nie?

Ich habe bisher keine Antwort auf diese Frage gefunden. Egal, wie früh ich das Stück fertig komponiert habe – irgendwo hakt es immer. Ich schärfe meinen Studierenden immer ein, dass sie rechtzeitig mit ihren Stücken fertig werden sollten. Denn als Musiker will ich unbedingt sorgfältig vorbereitet aufs Podium. Ich hasse es, nicht genügend Zeit mit einem Stück verbracht zu haben – selbst, wenn es nicht jeder im Publikum hört („ist ja nur Neue Musik, da hört man keine falschen Töne, höhö“ ist der gängige Spruch) – ich selbst höre es und bin unzufrieden. Falsche Töne passieren jeder und jedem mal, aber wenn ein Stück nicht genügend verinnerlicht ist, leidet die Interpretation und es wird insgesamt unrund und nicht überzeugend. Wer kann das wollen?

Daher werde ich von mir aus unruhig, wenn die Aufführung eines mir bisher unbekannten Stückes ansteht. Ich würde nie grundsätzlich davon ausgehen, dass ich die Noten automatisch rechtzeitig bekomme, sondern mich immer darum kümmern, nachfragen oder nachforschen, gerne natürlich auch die Noten bestellen. Ein Zahnarzt bohrt nicht einfach drauf los, ohne vorher zu fragen, genauso halte ich es auch: ich versuche selbstständig an Informationen über die zu spielenden Noten zu bekommen.

Die Wirklichkeit sieht aber oft anders aus.

Vor einiger Zeit schrieb ich ein Stück mit einem großen Solopart. Natürlich war ich rechtzeitig fertig, denn das ist mein Credo. Alle Musiker kamen wunderbar vorbereitet zur ersten Probe, zu meinem großen Erstaunen war aber ausgerechnet die Solistin überhaupt nicht vorbereitet und traf keinen einzigen richtigen Ton. Als ich sie nach dem Grund fragte, erwiderte sie trotzig, sie wäre es gewohnt, dass „die Komponisten sie vorher kontaktieren“.

Nun frage ich mich, was sie macht, wenn sie zum Beispiel ein Stück von Schubert singt. Wartet sie dann darauf, dass Schubert seinem Grab entsteigt und ihr die Noten persönlich vor die Haustür legt (was eine unheimliche Vorstellung wäre, denn wer begegnet schon gerne einem wandelnden Skelett, und das auch noch womöglich nachts)?  Natürlich nicht – wäre es ein Stück von Schubert gewesen, hätte sie sich die Noten auf jeden Fall rechtzeitig besorgt und sich tausend Aufnahmen angehört, so viel ist sicher. Aber weil ich lebe, wartete sie wie eine Prinzessin darauf, dass ich sie um eine Audienz bitte und ihr die Noten persönlich auf einem Samtkissen überreiche, am besten noch mit Verbeugung.

Kein Orchestermitglied würde es wagen, zu einer Probe mit einer Mahlersymphonie vollkommen unvorbereitet zu kommen (außer es handelt sich vielleicht um den Triangelspieler, der gut vom Blatt Pausen zählen kann). Man bestellt die Stimme in der Orchesterbibliothek und schaut sich das Ganze vorher an. Ist es aber ein Stück eines noch nicht verstorbenen zeitgenössischen Komponisten, oder noch schlimmer: vielleicht einer Studierenden, ist es oft Usus, dass man keinerlei Versuch unternimmt, rechtzeitig an die Noten zu kommen und das Ganze auf jeden Fall gehudelt vom Blatt nudelt.

Ich will nicht ungerecht sein: Das Niveau von Orchestern ist enorm gestiegen und der Level der Vorbereitung zeitgenössischer Musik ist definitiv besser als früher, was auch ein Resultat der verschärften internationalen Konkurrenz um Orchesterstellen ist. Aber ab und zu ist es exakt so, wie ich es beschreibe, so leid es mir tut, das sagen zu müssen. Und es ist nach wie vor so, dass für die Mahler-Symphonie 12 Probenstunden angesetzt sind, für das noch nie gespielte anspruchsvolle neue Stück dagegen nur eine.

Oft hakt es auch an Organisatorischem, und die Betreffenden sind unschuldig. Neulich hatte ich eine Aufführung mit mehreren aufwändigen solistisch performativen Parts. In der Partitur stand: „Die Ausführenden sollten Noten lesen und bestimmte Aktionen auf Dirigat hin exakt ausführen können“. Zur ersten Probe erschienen dann lauter nette Menschen, deren Notenkenntnisse sich einerseits gen Null bewegten und die andererseits die Noten sowie hunderte Performanceutensilien zum absolut ersten Mal erblickten. Die Probe war eine einzige Katastrophe. Waren sie schuld? Nein, es war ein gehässiger Mitarbeiter, der einige Monate zuvor gekündigt hatte und dies als einen letzten Racheakt ansah.

Ich weiß ja, dass es auch anders geht. Sehr oft bekomme ich Emails von Musizierenden, die mich im Vorfeld einer Aufführung persönlich nach den Noten fragen. Ich frage mich dann zwar immer, warum sie sie nicht beim Verlag bestellen (dazu hat man ihn ja), aber immerhin zeigen diese Musiker exakt die Eigeninitiative, die professionell ist. Dann gibt es aber auch den Typus Musiker, der rechtzeitig abgelieferte Noten auch dann nicht wahrnehmen würde, wenn man sie ihm aufs Kopfkissen legen würde. Am nächsten Morgen wären sie nämlich verschwunden, und es gäbe irgendeine fantastische Ausrede, a la „die Katze hat sie gegessen“, „meine Tochter hat sie übermalt“ oder so.

Genauso wie es Schuldner gibt, die eine geheimnisvolle Fähigkeit haben, bei irgendwelchen Besuchen des Gerichtsvollziehers nie anwesend zu sein, gibt es Musizierende, die eine Art unsichtbare Barriere mit sich tragen, die von zeitgenössischer Musik bis kurz vor der ersten Probe nicht durchdrungen werden kann. Ich wüsste gerne wie man diese Fähigkeit zum Beispiel auf Katzenvideos anwenden könnte.

Spielen diese Musiker etwas Klassisches, würden sie ohne Umschweife sofort die Henle-Urtext-Ausgabe im Internet bestellen (natürlich Monate vorher), ist es dagegen ein modernes Stück, machen sie sich unerreichbar für alle Versuche, ihnen die Noten auf welchem Weg auch immer zu überreichen. Postsendungen verschwinden oder bleiben in irgendeinem Büro liegen, Emails mit pdfs landen auf geheimnisvolle Weise im Spam usw.

Manchmal ergehe ich mich in ausgedehnten Fantasien, wie man den Erhalt meiner Noten sicherstellen könnte. Diese Fantasien enthalten Konzepte wie die ausschließliche Überreichung von Noten durch bewaffnete Mafiamitglieder in Anwesenheit eines Notars oder anderen Zeugen, die die genaue Uhrzeit und den Tag festhalten, an denen die Übergabe stattfand. Wenn dann jemand bei der ersten Probe wie immer larmoyant vorwurfsvoll sagt „ich habe die Noten erst seit gerade eben“ stehe ich dann in dieser Fantasie lässig auf, hole einen Aktenordner hervor und sage: „Wie war Ihr Name noch mal? Nach meinen Aufzeichnungen haben Sie die Noten vor exakt 3 Monaten, vier Tagen, 9 Stunden und 23 Minuten erhalten, bezeugt von Luigi, Dario und dem Notariat Dr. Schifferle!“. Wäre das nicht toll?

Leider wäre die Umsetzung dieser Fantasie so aufwändig, dass ich dann gar keine Zeit zum Komponieren mehr hätte.

Und das wäre ja irgendwie kontraproduktiv, nicht wahr?

 

Moritz Eggert

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3 Antworten

  1. k. sagt:

    nur mehr Anfragen zum gleichen Honorar. Als ich für das gleiche Honorar ein Stück mehr spielen sollte, habe ich dem Organosator tatsächlich gesagt, dass ich es dann wenigstens erwarte, dass der Komponist mich vorher anruft und mich freundlich drum bittet. Nicht weil ich eine Prinzessin bin, sondern weil ich einen Sinn in meiner Arbeit sehen möchte, und weil ich keine Sklavin oder Selbstbedienungsladen bin und eine gewisse Wertschätzung für meine Arbeit brauche. Letztendlich habe ich in diesem Fall das extra Stück nicht gespielt, weil ich nicht einsah, warum ich nochmal 50 Übestunden und paar hundert Euro investieren sollte, nur damit der Komponist sich noch einmal verbeugen kann.

    Es sind sicher individuelle Anekdoten. Die Tatsache ist, dass dieser Machtkampf zwischen Komponisten und Musikern zermübend ist, und dass es nichts nützt, die Schuld jeweils bei dem anderen zu sehen.

    Sondern man muss sich gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen einsetzen.

  2. k. sagt:

    Danke für die Gedanken, die ich nur unterstreichen kann.

    Wenn man von Wirklichkeit spricht, müsste man auch über die strukturelle Probleme in der Neuen Musik reden, was zu einer Art Machtkampf zwischen Komponisten und Interpreten führen kann.

    Ein Beispiel:

    Ich beteilige mich u.a. eigentlich gerne an Neue Musik Fesitivals. Sie schwimmen aber i.d.R. nicht im Geld – Honorare im Bereich von 100 Euro brutto pro Stück ist keine Seltenheit in der Neuen Musik, auch bei aufwendigen Solowerken. Von diesem Honorar muss ich z.b. bezahlen: Noten 35 Euro, Proberaum für die Komponistenprobe 75 Euro, Übungsraum (weil man nicht unbegrenzt Neue Musik in der Privatwohnung üben kann) 200 Euro. Ich habe also nach dem Konzert ein Minus.

    Wenn Komponisten mich dann für meine „Professionalität“ loben und über meine Kollegen beschweren, dass diese sich nicht gut vorbereiten würden, bin ich zwiespaltig. Denn künstlerisch war ich sicherlich professionell, wirtschaftlich aber nicht. Die Tragik ist, dass die einzige Möglichkeit, die künstlerische und berufliche Professionalität in Einklang zu bringen, darin besteht, den Auftrag erst gar nicht anzunehmen.

    Wenn die Musiker wirklich ein angemessenes Honorar bekämen, würden sehr viele Neue Musik Konzerte erst gar nicht stattfinden können.

    Hinzu kommt, dass wenn es sich rumspricht, dass ein Musiker oder eine Musikerin sich vorbereitet zum Konzert kommt, er oder sie nicht unbedingt mehr Honorar angeboten bekommt, sondern eher mehr Anfragen zum gleichen Honorar. Als ich für das gleiche Honorar ein Stück mehr spielen sollte, habe ich dem Organosator tatsächlich gesagt, dass ich es dann wenigstens erwarte, dass der Komponist mich vorher nett anruft. Nicht weil ich eine Prinzessin bin, sondern weil ich einen Sinn in meiner Arbeit sehen möchte, weil ich keine Sklavin bin und eine gewisse Wertschätzung brauche.

    Solche Konflikte sind zermürbend.

    Es ist besser, man setzt sich gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen ein.

    • k. sagt:

      Diese Beiträge sind überhaupt nicht persönlich gemeint (ich hoffe, das ist klar!), vielmehr schreibe ich für die allgemeinen Leser, die komponieren.

      Für die Motivation der Interpreten wäre es sehr hilfreich, wenn die Komponisten sie als Verbündete für ihre Werke sehen und sie entsprechend wertschätzend begegnen würden.

      Gerade bei Konzertabkündigungen und auf Programmzetteln von Komponistenverbänden und -gesellschaften werden die Interpreten häufig „Ausführende“ genannt. Aus Komponistensicht natürlich sehr gut nachvollziehbar – das Wort kommt aber bei den Interpreten an wie „ich führe nur aus, ich bin hier quasi nur der Facharbeiter, dann soll sich der Komponist um alles kümmern“. Der Bauarbeiter ist ja auch nicht dafür zuständig, dass die Steine für die Arbeit am nächsten Tag rechtzeitig da sind.

      Erkennt also bitte an, dass Interpreten mehr tun als nur „ausführen“!

      Mein Eindruck ist, dass die Komponisten zunehmend mehr Wert drauf legen, dass die MIDI-Ausgaben ihrer Partituren gut klingen. Dann stehen auf der Partitur ffff, wo eigentlich mf gewollt ist, oder Akzente auf jedem Eins, wo nur einen 3/4 Takt gewollt ist. Bei menschlichen klassischen Musikern kommen aber ffff oder Akzente so an, dass man extra laut oder extra scharf spielen muss. Es ist sehr mühsam und zeitraubend, dann anhand von MIDI-Demo die Partitur intuitiv spielbar für sich umzuschreiben. Oder man kann nicht richtig üben, bis man mit dem Komponisten gesprochen hat, oder man muss nach einer Komponistenprobe alles umlernen,

      Schreibt die Partitur bitte mit menschlichen Musikern im Blick!

      Hier können die Komponisten selbst auch tatsächlich nichts, aber dass die Interpreten bei der GEMA und Verlagen „Musiknutzer“ sind, wirkt auch demotivierend. Die Interpreten üben die Stücke i.d.R. nicht, um mit dem Stück Werbefilme für Waschmaschinen zu drehen. Sie sind vielmehr Influencer, die die Werke dem Publikum zugänglich machen. Wenn den Interpreten Steine in den Weg gelegt werden und dies als Interessen der Urheber dargestellt wird, hilft das den meisten Komponisten auch nicht wirklich.

      Komponisten und Interpreten sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.

      Bei Klassik muss nur der Interpret von dem Konzert leben (im Übrigen würde keiner für eine 100 Euro Klassik Mugge Henle-Ausgaben Monate vorher kaufen und üben – man würde irgendwas spielen, was man aus dem Stegreif kann). Neue Musik ist komplexer, weil beide – Komponist und Interpret – noch leben und leben wollen. Es braucht viel mehr Austausch.

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