Jenseits von Schnelle und Langsamkeit – Abschied von Hans Neuenfels

Hans Neuenfels, Foto copyright Mara Eggert

Jenseits von Schnelle und Langsamkeit – Abschied von Hans Neuenfels

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Und wieder ist eine große Persönlichkeit des deutschen Kulturlebens von uns gegangen – Hans Neuenfels reiht sich ein in die inzwischen unüberschaubare Zahl von indirekten Opfern der Pandemie, obwohl er das Virus in einem letzten Aufbäumen – darin Kämpfer bis zuletzt – sogar noch kurz vor seinem Tod in die Schranken weisen konnte.

Über Hans Neuenfels liebevoll zu schreiben, fällt mir nicht schwer, da ich ihn tatsächlich seit frühester Kindheit kannte (damals auch gelegentlich fürchtete), und ihn und seine immens talentierte Familie (die Schauspielerin Elisabeth Trisenaar und den Sohn, Kameramann Benedict Neuenfels) immer zutiefst liebte und bewunderte.

Meine frühesten Lebenserinnerungen sind aus dem Theater. Der Zuschauerraum war der immense postnatale Mutterleib, in dem ich unzählige Stunden verbrachte, begleitet vom Klicken der Kamera meiner Mutter, die als Theaterfotografin die Proben begleitete. Ich erzähle das deswegen, weil diese Erinnerungen unerschütterlich und für alle Zeiten mit der sonoren Stimme von Hans Neuenfels als Regisseur verbunden sind, denn bei einem Großteil dieser Proben war er in meiner Erinnerung anwesend, wie ein Berserker probend, oft brüllend, dann wieder zärtlich schmeichelnd, nie neutral oder distanziert. Ich habe ihm das nie so erzählt (leider), aber für mich ist quasi die Urerfahrung des Theaters Hans Neuenfels.

Und Hans Neuenfels WAR das Theater. Ich kenne keinen Menschen, der so untrüglich den einzig für ihn möglichen Beruf ausübte, keinen, der mehr mit Leib und Seele all das ein- und ausatmen konnte, was das Theater ausmacht. Die unendlichen Möglichkeiten des Theaters – von den ersten Schattenspielen der steinzeitlichen Höhlenfeuer bis hin zu den Exzessen Shakespeares, der Wahnsinn, der Furor und die große Zärtlichkeit der weltbedeutenden und die Welt deutenden Bretter waren sein ureigenstes Metier. Hans war nicht nur Theater, er nahm das Theater auch überall hin mit. Um ihn herum entstand stets ein Kreis von Verrückten und Begeisterten, im Zentrum oft rätselhaft monolithisch, manchmal aufbrausend, dann wieder unendlich liebenswürdig: Hans Neuenfels. Wer mit ihm arbeitete, vergaß das nie. Ganze Generationen von Theaterverrückten hat er beeinflusst, und selbst wenn irgendwann einmal keine Inszenierung von ihm mehr live zu sehen sein wird, hat er riesige Spuren in der Theatergeschichte hinterlassen. Spuren, deren wahre Größe wir vielleicht noch gar nicht ermessen können.

Und natürlich geht mit ihm auch ein weiterer Großer der „Alten Garde“, derjenigen, die eine oft heute umstrittene, aber eben auch besonders leidenschaftliche Theaterarbeit pflegten und diese wiederum von ihren Vorgängern lernten, denen sie damals genauso rebellisch neue Entwürfe entgegensetzten, wie wir es auch heute immer wieder brauchen, wenn wir es uns zu bequem gemacht haben in unseren Gedankenbüchern.

Hans Neuenfels wird uns unendlich fehlen, sein großer Fleiß, seine Fantasie, sein unerbittlicher und nie zu erschütternder Mut immer den Weg zu gehen den er als richtig empfand. Seine grandiose Fähigkeit, immer das volle Risiko zu gehen, auch das eigene Scheitern zu akzeptieren, zu hinterfragen und dann wieder etwas ganz Neues und Verrücktes zu probieren. Wenn man in eine Neuenfels-Inszenierung ging, konnte buchstäblich alles passieren, nur eines nicht: gediegenes Kunsthandwerk oder eilfertige Durchschnittlichkeit. In diese Fallen zu tappen war ihm physisch unmöglich, ging gegen sein zutiefst philosophisches Grundverständnis von der Würde des Scheiterns und dem Triumph im Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit. Das Perfekte und Gediegene interessierte ihn nicht, stattdessen feierten seine Inszenierungen das Leben in all seinen Formen, von hässlich bis schön, von grandios bis erbärmlich. Hierzu gehörte auch seine kindliche Freude an Körperlichkeit, Bewegung und Tanz – gerne inszenierte er „Figuranten“ in seinen Inszenierungen und geriet daher mit manchen Choreografen in Streit, die diese Kompetenz für sich beanspruchten.

Diese fast schon archaische Hinwendung zum Lebendigen resultierte auch in vielen denkwürdigen Premieren, die unvergesslich bleiben, weil das Theatererlebnis sich auch auf den Applaus ausdehnte. Hans erlebte verdiente Bravostürme, aber auch unverdiente Tumulte, Buhorgien und Skandale. Wie kein anderer stellte er sich auch dem Hass entgegen, mit Würde und großer Geste, unverzagt, mutig, tapfer, unbeirrt. Wie oft saß ich in seinen Premieren und erlebte ihn unerschüttert, milde lächelnd beim ihm gegenüber aggressivsten Applaus und dachte mir: das ist mein Vorbild. Wer das Theater so sehr liebt wie er, der kann alles aushalten. Man muss zu dem stehen, was man ist, weil man nicht anders kann. Die Wahrheit liegt im Glauben an das Wunder der menschlichen Fantasie (was immer auch das Erschauern über die menschlichen Abgründe beinhaltet, vielleicht auch manchmal über die eigenen). Aber man muss wahrhaftig sein, und das war Hans Neuenfels immer.

Was aber viel zu selten erwähnt wird (was angesichts seiner zahllosen Operninszenierungen und auch Uraufführungen erstaunt) ist: Hans Neuenfels war einer der musikalischsten Menschen, die ich kannte. Selbst kein Musiker, aber jemand der die Kraft der Musik in ihrer grundsätzlichsten Form zutiefst begriff. Er liebte das Musikhören, tauchte bei jeder seiner Inszenierungen voll ein in die Welt des jeweiligen Schöpfers und verteidigte diese Musik auch unerbittlich. Nicht alle Dirigenten waren erfreut, wenn er in der Probe „zu laut!“ „zu schnell!“ „zu langsam!“ rief, weil die Musik nicht so interpretiert wurde, wie er es für richtig hielt. Meistens hatte er aber Recht, denn er betrachtete die Musik nie als nette Beigabe der eigenen szenischen Erfindung, sondern als Zentrum des musikalischen Theaters, daher besondere Sorgfalt verdienend. Immer wieder erstaunte er alle Mitwirkenden einer Inszenierung mit einer intuitiven und durchweg perfekt memorierten Werkkenntnis, wie sie normalerweise nur echte Musikprofis an den Tag legen, und das, ohne Noten lesen zu können.

Es war mir eine große Ehre als sein Bewunderer und Freund einmal mit ihm gemeinsam eine Oper realisieren zu können, zu der er das Libretto schrieb, „Die Schnecke“ uraufgeführt in Mannheim 2004 gehört zu meinen schönsten Theatererfahrungen. Ich erinnere mich an endlose Vorgespräche in seinem zweiten geliebten Domizil Altaussee, Anekdoten über Klaus Maria Brandauer, Monologe aber auch Dialoge über eine unendliche Vielfalt von Themen, aus denen dann schließlich das ungewöhnlichste Libretto wurde, das ich je vertont habe und vertonen werde. Eine Ausgeburt an Oper – ständig changierend zwischen der Vulgarität des Banalen und der Verzweiflung einer manchmal pessimistischen, oft aber auch liebevollen Philosophie des Menschseins. Für diese grandiosen, aber auch überfordernden Texte musste ich eine ganz neue Musik erfinden, eine durchaus schweißtreibende wie begeisternde Arbeit. In gewisser Weise brachte Hans Neuenfels mir ein neues Komponieren bei, war einer meiner wichtigsten Kompositionslehrer, ohne je über eine einzige Note mit mir gesprochen zu haben. Ich habe ihm so viel zu verdanken wie kaum jemand anderen.

Menschen wie Hans Neuenfels werden selten gemacht, und wenn sie gehen, hinterlassen sie eine Lücke und ein großes Fragenzeichen. Dass wir dieses füllen werden, und dass wunderbare Regisseurinnen und Regisseure dies auch in der Zukunft vermögen, daran hätte er bedingungslos geglaubt, als ein stets der Jugend und der Hoffnung zutiefst zugewandter Mensch.

Aber ohne die Frage, die er gestellt hat, wüssten wir die Antwort nicht.

Ich möchte diesen Nachruf beenden mit einem Auszug aus dem Libretto der „Schnecke“, ein wunderbarer wie irritierender Text, der bis in die letzte Zeile genau diese Fragen stellt, aber auch beantwortet. Und uns dankbar wie verwirrt zurücklässt, hungrig nach der Antwort.

Ich werde Dich sehr vermissen, Hans.

In Liebe und Bewunderung,

Dein

Moritz

 

(Das folgende Bühnenbild besteht vielleicht aus einer Reihe steriler Zimmer, die alle

gleich sind. Man würde später mit dem Bühnenbilder präzisieren. Jedenfalls sitzt Manfred in einem dieser Gelasse. Er ist wieder – normal – angezogen. Hose, Hemd

etc.)

 

Manfred :      Wie soll man den Kalauern,

die uns überall umlauern,

entgehen, etwas zum Überdauern

finden, in das wir uns kauern

können, eine Nische zwischen Mauern,

wenn uns unsere Existenzen

zu Schnappschüssen werden oder Pestilenzen,

wir die natürlichsten Regeln neu erfinden

müssen, Käfer zwischen Borke und Rinden?!

Ach, meine Zerrissenheit

geht mit Verbissenheit

Hand in Hand!

Ein verzweifeltes Pfand

für mein verletztes Ich.

Wie hetzt es mich,

Stich um Stich!

Durch die Schnecke zu gehen,

heißt, durch die Finger zu sehen,

und die volle Faust

bleibt kraftlos und unbehaust.

Durch die Schnecke zu gehen,

heißt, durch die Finger zu sehen

in eine andere Zeit

jenseits von Schnelle und Langsamkeit

in das Durchsichtige und das Massive,

wobei das Aktive und das Passive

umgekehrt scheinen, doch mehr als Köche und Igel

schrecken mich die unverhangenen Spiegel,

die unablässig mein Bild rund um mich werfen,

um meinen Trübsinn mit Hellsicht zu schärfen.

Durch die Schnecke zu gehen,

heißt…

Der Faden reißt…

Die Uhr steht still…

Kein Wort mehr will

sich reimen,

verwelkt schon in den Keimen…

gib das Reimen auf,

lass den Worten ihren Verlauf!

Reiß die Borte

von den Sätzen!

Lass die Worte

aus den Netzen

eiern.

Ich muss reihern!

(Er erbricht sich ausdauernd.)

Ich muss kotzen!

(Er schleppt sich zur Tür, reißt sie auf.)

Wo sind Fotzen?!

Wo sind Fotzen?!

(Auftritt von Helga. Sie ist wie eine klischeehafte Prostituierte gekleidet. Netzstrümpfe, Lackstiefel, Body etc.)

 

(Aus: „Die Schnecke“, Libretto von Hans Neuenfels)

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