Das schlechteste Stück das ich je geschrieben habe. Eine Beichte.

Die Glocken (von Uschi). Eine Goethiade von Schiller

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Vor einigen Monaten schrieb mich der Kollege Rochus Aust an, auf der Suche nach einem „grottigen“ Stück für eine geplante Ausstellung mit „schlechter“ Musik. Es ging hier nicht etwa um Stücke, die man schlecht findet, sondern um eigene schlechte Stücke.

Natürlich kennt es jeder Komponist, dass ein eigenes Stück „in die Hose“ geht. Da mag ein Konzept nicht funktioniert haben, oder die Inspiration entzündete sich an etwas, das man später eher peinlich findet. Die meisten Kolleginnen betrachten daher ihr eigenes Jugendwerk kritisch und beginnen Opuszahlen eher später als früh. Aber selbst gestandene Komponisten nehmen ihre eigenen Werke immer Mal wieder unter die Lupe und überarbeiten sie, um „Fehler“ auszumerzen, was oft in langweiligeren Stücken als vorher resultiert.

Denn seien wir Mal ehrlich – wie interessant ist Perfektion eigentlich? Waren Schumann oder Chopin Meister der Instrumentation? Nein, aber sie hatten andere Qualitäten. Steckt Bachs Musik voller verrückter Kontraste und Überraschungen? Nein, aber dafür konnte er ziemlich guten Kontrapunkt. Ist Schubert ein brillanter Klavierkomponist? Nein, dafür hatte er andere Stärken, wegen denen seine Klaviersonaten dennoch himmlisch sind. Perfektion ist also langweilig, und auch im eigenen Werk nie zu realisieren. Manches gelingt, manches weniger, aber der eine liebt das, was man selbst misslungen findet, der andere verachtet das, was gelang – lieber nicht so viel drüber nachdenken und einfach schreiben, man kann eh nix erzwingen!

Aber hatte ich mir jemals vorgenommen, ein wirklich schlechtes Stück zu schreiben? Es also mit Absicht von Anfang an so schlecht wie möglich zu komponieren?

Ja, das habe ich. Und mit Schamesröte im Gesicht muss ich diese Geschichte hier erzählen. Zum ersten Mal, denn zum Schutz der Beteiligten habe ich lange über die wahren Hintergründe geschwiegen. Doch der Moment ist gekommen, ich muss es nun erzählen.

Viele Jahre ist es her, da wirkte ich regelmäßig bei einem Liedfestival sowohl als Pianist als auch Komponist mit. Ich war von Anfang an bei dieser Reihe dabei gewesen, gemeinsam mit einem anderen Pianisten, als ich ein Jahr krankheitsbedingt pausieren musste, stieß ein dritter Pianist hinzu, der seitdem auch immer dabei war.

Chefin des Festivals war eine Frau, die man als leidenschaftliche Despotin bezeichnen könnte. Will sagen: war man auf ihrer Sonnenseite, war alles wunderbar, war dem aber nicht so, ließ sie es einen auch gerne spüren.

Viele Jahre hatte ich auf der Sonnenseite dieser Dame verbracht, aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich in diesen Jahren auch immer wieder Mal Angst vor ihr, wenn sie einen zum Beispiel dabei erwischte, einmal ausnahmsweise nicht zu proben und eine kurze Pause zu machen. Aber ich war nicht der einzige, denn meine Kolleginnen und Kollegen überboten sich immer wieder einmal gerne in absoluter Untertänigkeit, um es der „kahlen Sängerin“ (so ihr Spitzname von Wilhelm Killmayer, Gott habe ihn selig) recht zu machen.

Dass mein Talent, untertänig zu sein nur begrenzt ist, sollte ich bald feststellen, denn schon bald umkreiste ein neuer Planet die kahle Sängerin, ein Pianist, der sich weniger durch flinke als durch grapschende Finger auszeichnete, aber das ist eine andere Geschichte.

Auf jeden Fall war dieser Pianist kein Mensch ist, der gerne ein „Nein“ hört, wenn er etwas unbedingt wollte. Und zu diesem damaligen Punkt wollte er vor allem eines: Pianist bei diesem Liedfestival sein und mit der kahlen Sängerin eine wunderbare Freundschaft voller gemeinsamer Nutznießerschaft zu beginnen. Die kahle Sängerin – der man Dummheit und Unverstand nie nachsagen konnte – hatte zwar durchaus Zweifel an der pianistischen Befähigung dieses Pianisten, aber durch sein hartnäckiges Antechambrieren und seinem Angebot vieler schöner und für beide Seiten angenehmen Querverbindungen war es ihm irgendwann gelungen, tatsächlich Teil des Teams zu werden.

Nun gab es aber irgendwann ein Problem: waren vormals drei Pianisten durchaus ein Luxus für zweiLiederabende mit einer Handvoll Uraufführungen, waren vier nun etwas des Guten zu viel. Und da ich anscheinend nicht genügend Unterwürfigkeit signalisiert hatte, wurde mir unmissverständlich mitgeteilt, dass ich zwar vielleicht noch als Komponist, aber keineswegs als Pianist mehr willkommen war. Angeblich wären die Kollegen eifersüchtig auf mich – so sagte es mir die kahle Sängerin, um mich zu überzeugen – da ich immer sowohl als Komponist wie auch als Pianist mitwirkte. Als ich zaghaft erwiderte, dass es mir aber immer ganz besonderen Spaß machte, die neuen Werke anderer Komponisten einzustudieren und mit den Sängern zu erarbeiten, und dass dies auch immer zu allgemeiner Zufriedenheit sowohl der Sänger als auch dieser Komponisten geschah, wurde ich von der kahlen Sängerin rüde heruntergebügelt. Denn klar, in Wirklichkeit gab es überhaupt keinen wirklichen Grund, warum ich jetzt plötzlich nicht mehr erwünscht war, es ging allein darum, Platz zu schaffen, und darum hätte ich mich zu fügen.

In diesem Moment wusste ich, dass ich nur zwei Möglichkeiten hatte. Entweder ich fügte mich dieser Weisung, woraufhin ich mein Rückgrat vom Boden hätte aufsammeln können, oder ich fügte mich nicht, dann war ich aber für alle Zeiten persona non grata bei der kahlen Sängerin. Ich entschied mich für die dritte Möglichkeit: persona non grata zu werden, aber gleichzeitig sowohl den Usurpator meiner Pianistenrolle vorzuführen als auch der kahlen Sängerin eine Art musikalischen Stinkefinger zu zeigen. Wenn schon untergehen, dann wenigstens glorreich!

So entstand die Idee, das schwachsinnigste, sinnloseste und bescheuertste Stück zu schreiben, das ich hinbekommen konnte. Ein Stück ohne jegliches rettende Attribut der Qualität, ein einziges Fanal der Albernheit und Doofheit, von vorne bis hinten nur Stuss, nichts als Stuss. Natürlich gewidmet der kahlen Sängerin.

Dieses Stück sollte „Die Glocken (von Uschi)“ heißen, mit dem Untertitel „Eine Goethiade nach Schiller“. Es war nämlich irgendwie Goethejahr oder so, man musste ja den Auftrag des Festivals erfüllen.

Ich wusste genau, dass ich die mir sehr lieben Sängerinnen und Sänger nicht nerven wollte, da sie ja keinerlei Schuld an der Situation hatten. Daher komponierte ich ihnen einen Part, der sie in keiner Weise stressen würde, den sie selbst im Schlaf vom Blatt singen bzw. hecheln konnten. Für den Klavierpart entschied ich mich – um die begrenzten Möglichkeiten des Usurpators wissend – für simple einstimmig vorzutragende Kinderliederausschnitte (da konnte selbst er nichts falsch machen) und dämlichste Performanceaktionen. Allein ein Originalzitat der zwei schwierigsten Seiten aus dem „Forellenquintett“ konnte ich mir nicht verkneifen, da ich mir genau vorstellen konnte, wie sehr ihn diese ins Schwitzen bringen würde. Die beiden anderen Kollegen wurden auch Teil der Performance – sie mussten aber nicht Klavier spielen, sondern Kuchen essen und Kaffee trinken. Oder irgendeinen anderen Scheiß.

Es handelt sich also bei „Die Glocken (von Uschi)“ (der Titel wird von den Sängern unablässig keuchend wiederholt) um reinsten Schwachsinn von vorne bis hinten. PDQ Bach ist dagegen wie Dantes „Inferno“ gegen Jerry Cotton. Dies hätte man von den Noten eigentlich auch sofort erkennen können, da es sich aber um eine hochintellektuelle „Liedwerkstatt“ handelte, ging man davon aus, dass ich mir irgendwas Besonderes dabei gedacht habe. Und natürlich ließ ich die kahle Sängerin auch über meine wahre Absicht im Unklaren, ließ bis zuletzt offen, ob ich auch wirklich anreisen würde oder nicht, damit auch ganz bestimmt alle mein Stück übten.
Ich bin nicht stolz darauf, aber ungefähr eine halbe Stunde vor der Aufführung ließ ich telefonisch verlauten, dass ich mich ganz schlecht fühlte und nicht den Zug aus München nehmen konnte. In Wirklichkeit setzte ich mich aber mit einem schönen Glas Whisky auf meinen Stuhl, schloss die Augen, und stellte mir vor, wie all diejenigen, die mich da so gerne ausgebootet hatten oder diese Ausbootung händereibend geschehen ließen, sich jetzt zum Affen machen würden. Es war viel besser, sich das vorzustellen, als es tatsächlich zu erleben, muss ich sagen.

So, nun ist es raus. Man möge mir diesen schwachen Moment meiner Komponistenkarriere verzeihen. Immerhin kam niemand zu Schaden, und außer einer sehr verständnislosen Kritik wurde mir auch nichts besonderes angehängt. Aber natürlich wurde ich nie, nie mehr zu diesem Festival eingeladen, und musste mich nie wieder von der kahlen Sängerin zur Schnecke machen lassen, immerhin das.

Aber solche Sünden verfolgen einen länger, wie es scheint. Denn als ich Rochus Aust diese Story erzählte, meinte er sofort „dieses Stück müssen wir haben“. Und tatsächlich wurde es für sein Projekt von ganz wunderbaren Musikerinnen und Musikern (Esther Valentin und den „Wuppertal Brothers“ Anastasia Grishutina und Christopher Weddle, letzterer hat das schöne Video geschnitten) sehr ernst und vollkommen im Sinne des Autors realisiert, wie man an unterem Videolink sehen kann. Zum ersten Mal in meinem Leben höre ich also tatsächlich jetzt „Die Glocken von Uschi“. Und Anastasia Grishutina hat sich sogar so gut als „grapschender Pianist“ verkleidet, dass sie ihm fast zum Verwechseln ähnlich sieht. Nur wesentlich hübscher natürlich.

Und das Schlimme ist: inzwischen gefällt mir das Stück sogar.

Vielleicht sollte ich Mal wieder sowas schreiben.

Moritz Eggert

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3 Antworten

  1. Jan Eustergerling sagt:

    Conceptual Albern, das es eine Art hat.

  2. Lieber Moritz,
    meinen herzlichsten Glückwunsch zu diesem gräßlichen, peinlichen, öbszönen und durch und durch entsetzlichen Müll! Im Rahmen der Vorgeschichte ist es die perfekte Komposition.
    Glückwunsch auch an alle Beteiligten an dem wunderbaren Video – Ihr habt die Vorlage weit übertroffen! Grandios.

    Viele Grüße
    Laura Oetzel

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