Mein Musiklehrer – Teil III

(Bisherige Folgen: I, II).

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Über den Unterricht meines hervorragenden Musiklehrers Dietrich Schmolling habe ich noch gar nichts erzählt! Wie lief das ab?

Eigentlich müsste ich hier stoppen… Ich habe an der Musikhochschule Hannover studiert. Und dort haben wir regelmäßig über die mitstudierenden Schulmusiker:innen gelästert. Und das tut mir heute leid. Denn das sind ja die Kinder von unseren Lehrer:innen von morgen, ähm… Oder so. Aber ernst jetzt: Der gymnasiale Musikunterricht scheint mir größtenteils katastrophal abzulaufen. Schon zu meiner Zeit war es so, dass Schüler:innen, die keine Noten lesen konnten, trotzdem Chancen auf gute Zensuren hatten. Kehren wir das mal um: Im Mathematikunterricht hätte es für mich auch nicht ausgereicht, die Zahlen nach meinem ästhetischen Gutdünken zu „beschreiben“ und „irgendwie mit Gefühlen“ in Verbindung zu bringen. Im Musikunterricht eines durchschnittlichen Gymnasiums in Niedersachsen reichte das aus (also Musik „irgendwie“ zu beschreiben, ohne Noten lesen zu können!) – und das kann doch einfach nicht sein. Unsere Musiklehrer:innen sind viel zu häufig Weicheier:innen – und Bildungspolitiker:innen nicht imstande, schlichtweg einzufordern, jedes Kind – egal ob auf dem Gymnasium oder anderswo – möge als Verpflichtung Noten lesen lernen. (Jetzt heißt es wieder, ich sei weltfremd – und heutiger Unterricht sähe nur noch so aus, dass Lehrer:innen binnen 45 Minuten versuchen, die Schüler:innen wenigstens einmal ruhig zu bekommen. Das ist mir egal. Leistung muss eingefordert werden. Dann kommt sie auch. Mut zur Pflicht!)

Der gymnasiale Unterricht der Gegenwart versucht krampfhaft (wie immer noch zu viele langweilige Konzertveranstalter:innen hierzulande), sich für E-Musik quasi zu „entschuldigen“ und bangend zu hoffen, die Schüler:innen würden wenigstens im Kopf behalten, dass Mozart und Beethoven irgendwann einmal gelebt und irgendetwas komponiert haben. Bloß nicht den „Ruf der klassischen Musik“ zerstören; lieber mit guten und sehr guten Noten wahllos um sich werfen, damit es nachher nicht wieder heißt: „Die Zauberflöte im Schulunterricht damals hat mich von der Klassik abgeschreckt. Deshalb läuft bei mir eigentlich nie Klassik!“ (Häufig gesagt, häufig gehört; gerade in Verbindung mit der „Zauberflöte“. Ernst jetzt!)

Die Schulmusik in Deutschland ist viel zu schwach und viel zu wenig selbstbewusst! Hey, wir haben mit großem Abstand die meisten staatlichen Orchester und Opernhäuser weltweit am Start; aus unseren Landstrichen kommen Bach, Händel und Wagner (alles Ossis sogar!); und im Musikunterricht zwölfter Gymnasial-Klassen heißt es Tag für Tag: „Marie Sophie, magst du mal beschreiben, was Beethovens ‚Fünfte‘ mit dir ‚macht‘?“

Schlechter Musikunterricht und schlechte Bildungspolitik sind wie schlechte Musikvermittlung: Ständig wird sich entschuldigt. Dafür, dass manche Werke „rätselhaft“ sind (ich liebe „rätselhaft“!), dass manche Musik dissonant ist (ich liebe „dissonant“!), dass klassische Musik nicht so „cool“ ist („Hey Kids, Mozart ist cool!“ – so versuchen die Musikvermittler:innen das ja tatsächlich immer noch, haha!).

Damit hatte Dietrich Schmolling natürlich nichts am Hut. Wir analysierten Wagners „Meistersinger“, Strawinskys „Sacre“ und Ligetis „Lux Aeterna“. Doch dazu demnächst mehr.

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

1 Antwort

  1. k. sagt:

    Notennamen und Notenwerte lernen die Kinder schon, in meinem Umfeld in der Grundschule oder in der 5. Klasse. Ob sie danach flüssig Notenlesen können ist natürlich eine andere Sache. Es gibt aber auch fleißige Schüler, die können Intervalle und Stufen wie in Matheaufgaben bestimmen (und bekommen gute Noten dafür), ohne zu wissen, wie sie klingen.

    Zum Selbstbewußtsein der Schulmusiker: es würde m.E. schon viel helfen, wenn die „Künstler-Musiker“ die Arbeit der Schulmusiker nicht als minderwertig ansehen würden. Auf der Hochschule sind sie Musikstudent 3. Klasse („kann alles, aber nichts richtig“), auf der Schule sind sie Lehrer 3. Klasse (Musik ist kein Kernfach).

    Gerade heute stolperte ich auf eine sehr unglückliche Formulierung auf nmz (war wohl eine Wiedergabe einer Pressemitteilung, es ging um die Corona-Hilfe für Musikstudierende, was eine gute Sache ist, mir geht es nur um die Formulierung):

    „Groß ist die finanzielle Not von vielen Studierenden der Kunst- und Musikhochschulen durch die Corona Pandemie. Die Einkünfte, mit denen sie sich sonst ihr Studium finanzieren sind weggebrochen. Konzerte und künstlerische Engagements sind überwiegend abgesagt, Nebenjobs wie Klavierunterricht oder Kellnern fallen weg.“

    Ja, wenn ein Gesangsstudierende Klavier unterricht, ist es sicherlich Nebenjob. Und klar würden viele Klavierstudierende lieber Konzerte spielen als Klavier unterrichten. Aber Klavierunterricht als Nebenjob auf der gleichen Stufe wie Kellnern? Auf einer Musikhochschule kann man auch Hauptfach Klavierpädagogik studieren, die das dann als Hauptjob machen? Und Klavierprofessoren tun eigentlich auch nichts anderes als Klavier unterrichten?

    Bei der Einstellung wundert es nicht, dass „Schulmusiker“ (die ja in dieser Hierarchie noch eine Stufe tiefer als „Instrumentalpädagogen“ stehen) es schwer haben.

    Ansonsten:

    Zu meiner Studienzeit haben Schulmusiker ausschließlich Klassik studiert. Die Debatte damals ging eher darum, ob das Fach Musik an der Schule Klassik bzw. E-Musik bedeutet oder auch Pop bzw. U-Musik. Heute gilt es als selbstverständlich, dass Schulmusiker auch Pop beherrschen müssen, sie müssen an vielen Hochschulen bei der Aufnahmeprüfung auch ein nicht-klassisches Stück vorspielen oder vorsingen.

    Die heutige Debatte geht es eher darum, ob und inwieweit das Fach Musik an der Schule eurozentrisch sein soll und darf. Da fallen dann Sätze wie „wir müssen die Kinder da abholen, wo sie sind.“ Was man darunter versteht, das birgt Konflitpotenzial.

    Die Zauberflöte ist es auch deshalb so schwierig, weil man gerne die Unschuldigkeit der Musik betont, was zu der Originalhandlung nicht unbedingt passt. Es kommt bei der Vermittlung also sehr stark drauf an, wie alt die jeweiligen Kinder sind und was man mit ihnen genau macht, wie aufrichtig man sich selbst als Vermittler verhält. Vorpubertären 10-Jährigen „Pa-Pa-Pa-Pa-Pa-Pa-Papagena!“ als reine himmlische Musik verkaufen zu wollen funktioniert halt nicht, weil die Assoziation dann in die Richtung „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ geht, also Babykram, was man nicht mehr hören will.

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