Appell über den Umgang mit COVID-19 an die Musikbranche. Alles nur Panikmache?

Appell über den Umgang mit COVID-19 an die Musikbranche. Alles nur Panikmache?

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Corona (oder eigentlich COVID-19) ist im Moment das Hauptthema, wenn Musiker sich treffen. Als Genre ist Musik eindeutig in einem Boot mit der riesigen Veranstaltungsbranche, an der wiederum viele weitere Branchen hängen (Hotels, Gastronomie usw.) und diese  Branche ist besonders schwer von der Viruskrise betroffen. Konzerte werden in großem Stil abgesagt, und selbst die, die nur „verschoben“ werden, bergen große Unsicherheitsfaktoren: Wird die Veranstaltung wirklich nachgeholt werden können? Was ist mit den Honoraren, mit denen ich eigentlich jetzt gerechnet habe? Ein Großteil von uns Musikern ist freiberuflich tätig, der voraussichtliche Honorarausfall über mehrere Monate hinweg ist für viele eine schwere Existenzkrise. Aber auch die scheinbar „sicheren“ Jobs wie Dozenturen oder Professuren sind gefährdet. Ja, Beamte werden auch im Krankheitsfall weiterbezahlt, aber der Großteil der Lehrkräfte sind eben keine Beamte, und die werden nur bis zu 6 Wochen im Krankheits – oder Quarantänefall kompensiert, wie mir zum Beispiel gerade die Musikhochschule München mitteilte (ich bin selbst auch kein Beamter). Auch wenn ich gesund bin, aber an der Ausübung meiner Unterrichtspflicht gehindert werde (weil zum Beispiel die Hochschule geschlossen ist oder Unterricht mangels Studenten unmöglich ist) bekomme ich irgendwann kein Geld mehr. Schon jetzt ist abzusehen, dass durch das Wegbleiben oder der Quarantäne unserer vielen Musikstudenten aus Asien (vor allem aus China und Korea, die die Mehrheit darstellen) der Unterrichtsbetrieb an den Hochschulen und Konservatorien gar nicht mehr normal ablaufen wird. Es geht hier also plötzlich für einen Großteil der freien und angestellten Musikpädagogen ums nackte finanzielle Überleben.

Viele von uns sind auch abhängig von einem funktionierenden Schul-und Kindergartensystem. Wenn kleine Kinder plötzlich den ganzen Tag zuhause sind, weil ihre Schulen oder Kindergärten geschlossen sind (was immer häufiger vorkommt) können viele von uns unseren Beruf nicht mehr ausüben, auch wenn sie zum Beispiel hauptsächlich zuhause arbeiten, wie zum Beispiel KomponistInnen oder auch private MusiklehrerInnen.

Überall hört man Horrorstories – gerade eben hörte ich von einem Dirigenten, dass er erst in Korea von der Absage seiner mehrwöchigen Konzerttournee hörte, einmal umsonst um den Globus geflogen sozusagen. Die HR-Bigband ist in Quarantäne und es wird nicht das letzte Orchester sein, dem das passiert, Uraufführungen werden abgesagt, die Musikmesse ebenso, und Agenturen und Verlage geben komplette Reisestopps für ihre Mitarbeiter aus, was die Konzertplanung auf Jahre hin beeinträchtigen wird. Alle großen Musikfestivals wie sogar auch kleinere Konzertreihen sind in den nächsten Monaten gefährdet, nachdem immer mehr Länder beschließen, quasi alle öffentlichen Veranstaltungen abzusagen, vor allem in schwer betroffenen Gebieten. Die vielen Konzertabsagen haben auch schon jetzt weitreichende Konsequenzen, die vielen noch nicht bewusst sind – so werden zum Beispiel die GEMA-Abrechnungen in den kommenden Jahren dramatisch fallen, da gerade Großveranstaltungen in U- und E-Musik wichtige Einnahmen erzeugen. Schon den Wegfall einiger Monate (wenn wir Glück haben!)  werden wir deutlich zu spüren bekommen.

Es wächst also verständlicherweise der Unmut. Wenn man sich die Kommentarspalten in den sozialen Medien anschaut, so sind sich fast alle Musiker einig: „Was für ein Schwachsinn!“, „sinnlose Panikmache“, „übertriebene Maßnahmen“ sind noch die freundlicheren Formulierungen, zusammen mit den üblichen „whataboutisms“, die das Ganze in den Zusammenhang mit Dingen stellen, die gar nichts mit dem Virus zu tun haben, zum Beispiel mit der momentanen Flüchtlingssituation an der griechischen Grenze. Fast alle Musiker die ich spreche, halten die Maßnahmen unserer und anderer Regierungen für sinnlos, unverhältnismäßig und übertrieben. Und ja, das beliebteste Argument ist, dass „die normale Grippe doch eh gefährlicher“ sei und mehr Todesopfer fordere. Man fällt leicht auf das zu simple Argument „Alles Panikmache!“ herein.

Wie sicherlich viele von euch verbringe ich in den letzten Tagen deutlich mehr Zeit mit dem Lesen von Nachrichten, dem Studieren von Statistiken und dem Hören von Podcasts, wie zum Beispiel diesem. Ich bin kein Mediziner, kein Wissenschaftler und kein Experte, aber je mehr man zwischen den Zeilen liest, so nüchtern wie möglich, ohne übertriebene Panik oder Verschwörungstheorien, desto mehr kommt man zu einem ernüchternden Schluss:

Die extremen Maßnahmen – so bitter sie auch für uns Musiker sind – sind sinnvoll.

Mir ist bewusst, dass dies unter Musikern keine populäre Meinung sein wird, und dass viele mich jetzt auslachen werden a la „Ach, der Eggert ist jetzt auch panisch geworden“. Lacht nur. Ich bin tatsächlich überhaupt nicht panisch. Mir macht eine Infektion keine große Angst, ich horte keine Lebensmittel und Toilettenpapier, ich sperre mich auch nicht in der Wohnung ein und setze mir auch keine Hüte aus Alufolie auf.

Was ich aber kann: rechnen. Und wenn ich das tue, bringe ich immer mehr Verständnis für die momentanen Maßnahmen auf.

Ja, COVID-19 ist keine tödliche Seuche wie aus einem Science-Fiction- oder Horrorfilm. Weder brechen wir in rote Pusteln aus noch verwandeln uns in geifernde Zombies, der Großteil von uns wird gar keine bis milde Symptome bekommen oder sich gar nicht anstecken. Es ist eine neue Form der Grippe, für die meisten Menschen ungefährlich, bis auf Menschen mit anderen Krankheiten oder Vorerkrankungen. Wenn man allein dies betrachtet, erscheint die momentane Aufregung dumm und übertrieben. Aber das ist sie nicht. Wir müssen uns überlegen, dass momentan in fast allen Ländern dieses Planeten jeweils unterschiedliche Experten gemeinsam mit verantwortlichen Politikern täglich Krisensitzungen abhalten, wie man mit COVID-19 umgehen soll. Und quasi alle kommen zu dem Schluss, dass sehr drastische Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung zwingend notwendig sind.

Das ist keine Weltverschwörung. Niemand hat den Virus wie ein James-Bond-Bösewicht in die Welt gesetzt, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Es ist eindeutig, dass die Maßnahmen gegen den Virus die ökonomischen Eigeninteressen ALLER Länder massiv beeinträchtigen, kein einziges Land hat dadurch einen Vorteil, allen erwachsen allein Nachteile daraus. Genauso dumm ist es zu glauben, dass in allen diesen Ländern nur panische Idioten am Ruder sind, die sich in eine übertriebene Hysterie hineinsteigern. Das ist rein statistisch schon Quatsch – unter 100 Experten mag es einige Idioten geben, aber diese würden mit ihrer Meinung nie die ganze Welt dominieren. Gerade weil der Umgang mit dem Virus so massiv die Wirtschaft beeinträchtigt, kann man sich gut vorstellen, dass alle Beteiligten eher offener für beschwichtigende und beruhigende Expertenmeinungen wären (die es sicherlich auch gibt). Man entscheidet sich aber dennoch für drastische Maßnahmen. Warum das so ist, möchte ich hier erläutern.

Man schaue sich die Zahlen an. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es ein relativ gleichbleibendes statistisches Verhältnis innerhalb des Krankheitsverlaufs gibt, über das sich alle Quellen einig sind. Von 100 nachweislich Corona-Infizierten haben 85 keine bis nur sehr leichte Symptome, die keinerlei ärztliche Betreuung brauchen, milde Kopfschmerzen, ein bisschen Husten, oder gar nichts. 15 Patienten allerdings haben schwerere Symptome. Sie müssen ins Krankenhaus, brauchen bessere Medikamente, müssen künstlich beatmet werden. Auch diese Patienten sind grundsätzlich nicht lebensgefährdet, aber sie brauchen fortgeschrittene medizinische Versorgung, die nur ein Krankenhaus liefern kann. Von diesen 15 Patienten können die meisten gerettet werden, nur ein sehr kleiner Teil von ihnen ist in tatsächlicher Lebensgefahr, meistens weil Vorerkrankungen etc. vorliegen. Aus dieser Statistik ist es auch logisch, dass momentan die Zahl der Geheilten ebenso zunimmt wie die Zahl der Neuninfizierten.

Für die meisten von uns klingt dies auf den ersten Blick beruhigend und harmlos. Viele argumentieren auch „Naja, die wenigen Toten wären ja ohnehin bald an etwas anderem gestorben“. Aber so einfach ist es leider nicht.

Wie man täglich sehen kann, breitet sich der Virus extrem schnell aus und ist deutlich ansteckender als normale Grippe. Viele Experten rechnen damit, dass ca. 70% der Bevölkerung dieses Planeten den Virus irgendwann einmal haben wird. Es kann auch gut sein, dass wir irgendwann einmal ganz normal damit leben, wie mit der normalen Grippe, die auch gefährlich ist, die man aber seit vielen Jahren kennt, jährlich erwartet, und auf die man mehr oder weniger gut vorbereitet ist.

Jetzt ist es einfach eine Frage, wie schnell diese Infektion fortschreitet, das ist der entscheidende Punkt. Alle momentanen Maßnahmen dienen nicht der Verhinderung einer Ausbreitung (diese wird eh geschehen, da sind sich die Experten eigentlich schon einig) sondern allein der VERLANGSAMUNG. Warum wir die brauchen?

Stellt euch vor, es wären innerhalb sehr kurzer Zeit 70% der Bundesbürger z.B. mit COVID-19 infiziert. Das wären ca. 59 Millionen Menschen. Den meisten ginge es gut, sie würden nichts davon merken. Aber knapp 9 Millionen Menschen geht es dann eben nicht so gut. Ein Großteil von diesen 9 Millionen ist nicht wirklich lebensgefährlich erkrankt, aber sie müssen ins Krankenhaus, brauchen Medizin, im schlimmsten Fall brauchen sie künstliche Beatmung, um zu überleben. Wenn 9 Millionen Menschen mit diesen Problemen in einem kurzen Zeitraum in die Krankenhäuser strömen, hat dies absehbare Konsequenzen:

  • Unser Gesundheitssystem bricht vollkommen zusammen, da quasi jeder 10. Mensch krank ist. Eine qualitativ hochwertige Versorgung aller Patienten ist dann nicht mehr möglich.
  • Mit dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems leidet auch die Versorgung der Patienten mit anderen Krankheiten, deren Versorgung ist nicht mehr gesichert.

Erst in diesem Moment nimmt die Mortalitätsrate dramatisch aus nachvollziehbaren Gründen zu, Menschen werden in ihren Wohnungen oder auf der Straße sterben, da es keine medizinische Betreuung mehr für sie gibt und unser Land wäre quasi in einem Katastrophenzustand. Die meisten dieser Toten wären gar keine COVID-Patienten, es wären „normal“ Kranke und Unfallopfer, die normalerweise gut versorgt wären. Wie wir alle wissen, ist eine Blinddarmoperation eine harmlose Routinesache, vor der niemand viel Angst hat. Unter verschärften Bedingungen aber, mit schlechter Hygiene, einem gestressten und übernächtigten, vielleicht sogar kranken Chirurgen und keiner ansprechenden medizinischen Betreuung kann  auch eine Blinddarmoperation sehr, sehr gefährlich sein. In diesem Fall ist tatsächlich in Deutschland mit Kollateralopfern in Millionenhöhe zu rechnen, indirekt ausgelöst durch den COVID-Virus, aber nicht unbedingt direkt von ihm betroffen. Und wir sind ein Land mit einem sicherlich nicht perfekten aber vergleichsweise stabilen Gesundheitssystem im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Wie sähe eine solche Entwicklung zum Beispiel in Afrika aus?

Dieses Szenario – zugegebenermaßen ein worst case Szenario – ist das, vor dem unsere Regierungen sich im Moment fürchten. Es wird so nicht öffentlich gesagt, aber man kann sich das Szenario aus den öffentlichen Verlautbarungen sehr wohl leicht ableiten. Und ja, daher macht auch der momentane oft hilflos wirkende Versuch einer Verlangsamung der Ausbreitung absolut Sinn. Denn die erfolgreiche Verlangsamung der Ausbreitung verhindert das oben beschriebene Horrorszenario, es streckt die Belastung unserer Krankenhäuser (die auf jeden Fall kommt und schon existiert) über einen längeren Zeitraum und macht sie damit – vielleicht – beherrschbar.

Viele Wissenschaftler hoffen zum Beispiel auf eine saisonal bedingte Ausbreitungspause des Virus (man muss sagen „hoffen“, weil man es nicht sicher voraussagen kann). In diesem Fall hätte man die Chance, sich auf die nächste Welle besser vorzubereiten. Ein Heilmittel oder eine Impfung wird man so schnell nicht haben, aber es ist vorstellbar, dass es neue Medikamente gibt, die den 15% schwer Erkrankten besser helfen und vielleicht eine ambulante Behandlung ermöglichen, die das Gesundheitssystem entlastet. Damit könnte man die schlimmsten Effekte einer Massenepidemie auffangen. In der nächsten Saison hätte man dann vielleicht ein Impfmittel, und irgendwann könnte sich COVID-19 dann tatsächlich zu einem saisonalen Virus entwickeln, den kein Mensch besonders fürchten muss, da das Gesundheitssystem dafür einigermaßen gewappnet ist.

Das Gemeine ist: wenn dies gelingt (und ich hoffe natürlich sehr für uns alle, dass dies passiert), würden die jetzigen Maßnahmen in der Rückschau von vielen als zu übertrieben bewertet werden. Man würde sagen „erinnert ihr euch noch an die doofe COVID-19-Panik, als alle Konzerte abgesagt wurden? Das waren doch Idioten damals“. Und viele werden das Ganze im Nachhinein als dumme Panikmache empfinden. Ich bitte euch aber: seid euch bewusst, dass WENN ihr über COVID-19 einmal lachen könnt, es daran liegt, dass jetzt erfolgreich harte Maßnahmen eingeleitet wurden und ihr deswegen noch lebt! Ich bin ja absolut eurer Meinung – man muss der allgemeinen Panik Lachen und Lebensfreude entgegen setzen, aber man muss auch dankbar sein dafür, dass man überhaupt dann noch lachen kann.

Ich weiß, es ist total unsexy das unter Musikerkollegen zu sagen im Moment, aber ich bin sicher, dass die meisten Maßnahmen im Moment ziemlich vernünftig sind. Ich bin genau wie ihr davon betroffen – meine Konzerte fallen aus, Reisen werden abgesagt, ich könnte mich darüber sehr aufregen und habe schon jetzt viel Geld verloren. Aber all das ist mir lieber als das worst case-Szenario, das sich aus den momentanen (seriösen) Zahlen ableiten lässt. Wenn dieses einträfe, hätten wir Alle viel schlimmere Probleme als nur Konzertabsagen. Es gäbe dann auf Jahre hinweg kein kulturelles Leben mehr, wie wir es momentan kennen.

Lasst es uns gemeinsam verhindern, mit Solidarität, Kollegialität, Rücksicht, Geduld und Vernunft.

Und jetzt geht bitte Händewaschen.

 

Moritz Eggert

 

11 Antworten

  1. Jan Eustergerling sagt:

    Interessante Analyse. Danke dafür.

  2. Hervorragende Einschätzung.

  3. Susanne Kessel sagt:

    Danke, Moritz! Das ist der einzig richtige Weg.

  4. k. sagt:

    Gute Haltung!

    Allerdings würde ich mir auch von den gefährdeten Personen (ältere Menschen mit Vorerkranungen, mit geschwächtem Immunsystem, mit bestimmten Medikamenten) mehr Selbstverantwortungsübernahme wünschen. Bleibt doch eigenständig zu Hause, statt in Konzerte, Lesungen, zu Seminaren, Kursen usw. zu fahren, nur weil man schon eine Karte hat oder weil es sich um einen Lieblingsmusiker handelt! In normalen Zeiten freut man sich über soviel Zuneigung natürlich. Aber wenn gefährdete Personen sich nicht selbst disziplinieren können, muss man die ganze Veranstaltung komplett absagen, um diese Menschen zu schützen (und auch andere Leute enttäuschen und die finanziellen Nachteile tragen). Damit ist keinem geholfen.

  5. Bravo! Umfassend und sehr differenziert. Bis jetzt habe ich über die Angelegenheit und im Besonderen über die Auswirkungen für uns Musiker nichts besseres gelesen.

  6. k. sagt:

    Die Frage ist ja auch: was will man mit der Absage erreichen ?

    Wen möchte man schützen: die Künstler, die Mitarbeiter, das Publikum?

    Und wenn das Publikum: einheimische Musikliebhaber, auswärtige Musikliebhaber, Pauschalreisende/Touristen?

    Und wo sollen sie geschützt werden: bei der Vorbereitung/Probe, im Konzert, in der Pause, auf den Toiletten, während der An- und Abreise?

    Ist ein Konzert im Großen Saal wirklich gefährlicher als ein Konzert im Kleinen Saal? Ist ein Konzertsaal gefährlicher als ein Club oder Schlosszimmer?

    Hängt die Gefährlichkeit nicht auch von der Art und von der Zielgruppe ab (z.B. Klavierabend, Orchesterkonzert, Krabbelbabykonzerte, Konzerte für Demenzkranke, Jazz-Live-Session usw.)?

    Ist ein Chorkonzert gefährlicher als eine Chorprobe?

    Und wie lange soll das Ganze dauern? Das ist ein Punkt, was derzeit kaum thematisiert wird.

    Solange es sich um einen klar definierten überschaubaren Zeitraum handelt, ist eine Zwangspause zu verkraften. Da kann man die Zeit künstlerisch-konstruktiv nutzen, neue Stücke lernen, Dinge machen, für die normalerweise keine Zeit ist.

    So einfach ist es aber nicht.
     
    Jetzt geht es noch darum, die Durchseuchung zu verlangsamen. Aber wenn die Durchseuchung z.B. mehr als 2 Jahre dauert, soll das Veranstaltungsverbot für die nächsten 2 Jahre gelten? Sind die gesellschaftlichen und finanziellen Folgen nicht auch gesundheitschädlich (z.B. wenn mehr Menschen Depression bekommen aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten)?

    Oder kann man z.B. mit individuellen Teillösungen arbeiten, z.B. Konzert ja, aber kein Empfang danach. Oder Konzert ja, aber ohne Seniorenreisegruppen.

    Die Folgen für die Künstler sind momentan unterschiedlich – je nachdem ob man angestellt ist, freiberuflich tätig ist, auf welchem Niveau man unterwegs ist, wo man wohnt, ob man sonstiges Einkommen hat usw.

    Für mich ist es gerade ärgerlich, dass ich nicht weiß, was mit meinen Konzerten in den nächsten Wochen passieren wird. Noch sollen sie alle stattfinden, auch wenn ich eigentlich davon ausgehe, dass sie größtenteils kurzfristig abgesagt werden würden. Also üben und proben muss ich trotz der Unsicherheit, die Arbeit und die Ausgaben werden nicht weniger.

    Einen positiven Aspekt hat aber das Ganze:

    Jedenfalls ist es eine Gelegenheit, dass die Gesellschaft die soziale, gesellschaftliche, und finanzielle Bedeutung der Kulturveranstaltungen hautnah mitbekommt. Kultur ist keinen ’nicht wirklich notwendigen‘ Zeitvertrieb, sondern lebenswichtig (und ist bestimmt auch förderlich für die Stärkung des Immunsystems)!

    Letzte Woche habe ich im Übrigen die Konzertbesucher als sehr diszipliniert erlebt, ich habe lange nicht mehr erlebt, dass keiner während der Aufführung gehustet hat.

    • k. sagt:

      Die Verordnung ist inzwischen auch bei uns angekommen.

      Nein, ich finde die aktuellen (11.3.) Maßnahmen nicht mehr so vernünftig.

      Die Maßnahmen sind inkonsequent. Sie treffen die Künstler extrem hart, aber für die Eindämmung der Verbreitung zu halbherzig und löchrig.

      Wenn man Konzerte im Großen Saal absagt, aber nicht im Kleinen Saal (oder aber auch in engen Räumen für wenig Gäste, oder aber andere Veranstaltungen wie Museumsführungen usw. usw.), wie will man erreichen, dass die Infektionskette unterbrochen wird. (Und hinzu kommen die ganzen nicht-klassischen Bereiche.)

      Vielleicht wird durch Absagen großer Konzerte die Verbreitung verlangsamt, als wenn man gar nichts tut, aber dadurch alleine werden die Fallzahlen nicht weniger. Weniger werden die Fälle erst, wenn mehr Leute genesen als neu erkranken, und wenn ein Infizierter weniger als eine weitere Person ansteckt. D.h. die Krise wird vielleicht verlangsamt aber nicht überwunden, und man könnte so den Großen Saal im April-Mai immer noch nicht öffnen und vielleicht überlegt man dann über Absagen von kleinen Konzerten, womit man wieder am Anfang der Diskussion wäre.

      Wenn man es wirklich ernst meint, müsste man jetzt noch viel drastischer vorgehen und alles für die nächsten 2 Wochen absagen. Dann hat man eher die Chance, dass es danach ruhiger wird, und man dann wieder bald öffnen kann, anstatt dass die Verbote immer wieder verlängert werden.

      Wenn schon solche einschneidenden Maßnahmen, müssen sie so sein, dass sie auch Wirkung zeigen.

      • k. sagt:

        Was ich unverantwortlich finde, ist wenn die Corona Krise für Eigenwerbung und Kommerzialisierung benutzt wird.

        Gestern z.B.: eine Konzertveranstaltung von Telekom/Magenta (Virtuelles-Konzerterlebnis mit VR-Brille) in der Hamburger Elbphilharmonie. Es passte natürlich ganz gut, dass das Konzert mit James Blunt als ein virtuelles Liveübertragungserlebnis mit VR Brille geplant war. Ganz unabhängig von Corona.

        Das Saalpublikum wurde erst paar Stunden vor dem Veranstaltungsbeginn informiert, dass das Konzert ohne Publikum stattfinden wird, dabei hatten sich schon Etliche auf der Reise nach Hamburg gemacht.

        Natürlich kann man den Veranstaltern zu Gute halten, dass gestern eine Allgemeinverfügung wegen Großveranstaltungsverbot nur angekündigt war, es gestern also noch keine behördlichen Verbote gab. Es war vernünftig, das Konzert im leeren Saal stattfinden zu lassen.

        Heute wird aber das Telekom-Geschäftsmodell als „Geisterkonzert“ gefeiert.

        Was aber mit dem Konzert heute Abend ist, darüber gibt es hingegen noch keine Information. Die Besucher müssen aber doch auch rechtzeitig wissen, ob sie sich auf den Weg machen sollen oder zu Hause bleiben, ob sie evtl. die Übernachtung stornieren sollen, usw.

        Das ist nicht gut! Vor allem, weil solche chaotischen Erfahrungen auch Auswirkung auf das Kartenkaufverhalten nach der Corona-Krise haben werden, und zwar nicht nur bei Großveranstaltungen.

        Und das ist wirklich schade, weil gerade die Elbphilharmonie es geschafft hatte, dass Menschen Live-Konzerterlebnisse wieder für sich entdeckt hatten.

        Es mag sein, dass die Zukunft der Musik ohnehin in Streaming liegt (und hier geht es auch um viel Geld und Machtkampf), und dass diese Tendenz durch Corona nur beschleunigt wird, aber es wäre auch wichtig, dass Musiker die Bedeutung der Live-Konzerterlebnisse nicht aus den Augen zu verlieren. Und dafür muss man auch die Besucher ernst nehmen.

  7. Frank sagt:

    Sehr gute Analyse.. Stimme mit allem überein..

    Aber warum nicht einfach WELTWEIT „Quarantäne“ für 3-4 Wochen?… Quasi Heim Urlaub für alle..
    Keine Flüge/Reisen mehr, nur noch wichtige Arbeit erlaubt, Heimarbeit ist sowieso kein Problem ,

    Sicherstellung der Dinge für die Basics im Leben (Essen, Wasser, Energie, Krankenhäuser usw) .. auf den Rest kann jeder für paar Wochen verzichten auch auf unsere geliebten Konzerte, Club Events und alles andere Kulturelle ..

    Unterhalten wird sich heutzutage überwiegend eh nur am PC oder Handy.. den Leuten wird es schon nicht zu langweilig mit Insta, Netflix und co und auf dem Einsamen Feld oder im Wald kann man immer noch spazieren gehen :)

    Zudem gibt die EZB Geld für diejenigen die es brauchen anstelle der Banken / Wirtschaft, so hat jeder für einen Monat ein Grundeinkommen um die wichtigsten Dinge zu bezahlen.
    Firmen die Vorübergehend schließen müssen brauchen dann keine Löhne Zahlen und Banken verzichten in diese Zeit auf Kreditrückzahlung, Vermieter und Versicherungen ebenfalls.. Keine Einnahme aber dafür dann kaum Ausgaben.. für diese Kurze Zeit sollte das klappen und die Basics im Leben gesichert sein…

    Lieber 3-4 Wochen komplett einschränken als diese Stückelung im Moment, Denke komplett Stoppen ist besser als Verlangsamen

    nur so ne Idee :)

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