Bayreuth 2049

Aus passendem Anlass:
Den folgenden Artikel schrieb ich für den Bayreuth-Almanach 2019. Die Aufgabenstellung war: wie sieht Bayreuth im Jahre 2049 aus? Vielleicht erwartete man etwas Ironisch-Harmloses von mir, aber mit Erwartungshaltungen habe ich es nicht so. Ich entschied mich daher, einen möglichst realistischen und knallhart lebensnahen Ausblick auf die Zukunft von Bayreuth zu werfen. Wenn man momentane Trends weiterdenkt, befindet sich ein solcher Artikel also in bester Tradition guter Science Fiction.
Dachte ich zumindest, denn anscheinend war den Verantwortlichen der Artikel zu heiß. Was in Bayreuth nicht veröffentlicht werden durfte (warum nur???), ist aber für die Leser unseres Blogs natürlich besonders interessant, daher hier also:

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Bayreuth 2049

Liebe Menschen,

Guten Tag. Mein Name ist Cosima, und ich freue mich sehr, Sie bei den Cosima-Festspielen Bayreuth 2049 als ihre persönliche Virtual-Reality-Assistenz Ihrer individuell angepassten und exklusiven Erlebnistour begrüßen zu dürfen. Sie haben ein Goldticket der VIP-Klasse erworben und haben daher Zugang zu den besonderen Features unserer Tour, dazu gehört auch, dass Sie mein Geschlecht und Erscheinungsbild jederzeit ändern können, falls es Ihnen nicht gefällt. Zur Wahl stehen die realistischen Personality-Hologramme Richie (mit original sächsischer Dialektsimulation), Kini (mit original schwäbischer Dialektsimulation) und – wenn Sie das besondere Fitness- und weightwatch-Paket gebucht haben, auch das Modell Kathi, mit persönlichem Motivationstrainer. Für Besucher, die sich das große Onkel-Wolf-Erlebnispaket gebucht haben, gibt es natürlich auch das Modell Wieland und das Modell Nike, letzteres wurde gerade erst letztes Jahr mit den neuesten Zickenroutinen ausgestattet und kann auf mindestens 20 verschiedene Weisen nerven oder indiskret sein.
Für alle Buchungsklassen ist weiterhin unser beliebtes Modell Angie jederzeit verfügbar, in Erinnerung an unsere beliebteste Bundeskanzlerin vor dem Beginn des Ersten Social-Media-Krieges. Angie begleitet sie überall hin und unterhält Sie mit authentischen Anekdoten aus dem Kanzleramt, falls Sie sich während einer der Darbietungen langweilen sollten.

Zuerst einmal ein bisschen Geschichte: die Cosima-Wagner-Festspiele hießen früher Richard-Wagner-Festspiele, doch seit der Diversity-Konvention von 2039 wurden alle namensgebundenen Bezeichnungen in ihr Gegenteil geändert, bzw. gegendert. Inzwischen hat sich auch in der historischen Beurteilung durchgesetzt, dass Cosima Wagner durch ihren Fleiß und ihre Unterstützung mindestens ebenso Anteil am musikalischen Werk ihres Mannes hatte wie er selber, und daher auch mit Recht mehr gewürdigt werden sollte.

Wer dieser Richard Wagner war und was er so gemacht hat, können Sie erfahren, wenn Sie in Ihrem Display die Option “wikigoogle” klicken, aber Vorsicht, da steht sehr viel langweiliger und gelegentlich auch unangenehm provozierender Text, also filtern sie ihn am besten, indem Sie die praktischen Ausblendoptionen “unsympathisches Verhalten” und “Antisemitismus” einschalten, dann wird der Text fast um 95% kürzer.
Aber sicherlich sind Sie nicht wegen dem ollen Richard Wagner oder seiner Musik gekommen. Wenn ich mir einen kleinen Witz erlauben darf: das tut hier schon lange niemand mehr, haha!

Nein, Sie wollen das Highlight modernen Musicalentertainments erleben, das Society-Event des Jahres, den Ort an dem sich alle Welt trifft und gerne zeigt!

Seitdem die Festspiele 2036 von den Halbgeschwistern Momo Wagner-Schweiger und Siebenstern Wagner-Berben-Schweiger-Bleibtreu übernommen wurden, wurde das ohnehin schon erfolgreiche Eventkonzept erweitert, verfeinert und ausgebaut. Nirgendwo auf der Welt erleben Sie die beliebten Wagner-Musicals so technisch perfekt umgesetzt, so atemberaubend dargeboten in Ihrer Verschmelzung modernster Virtual-Reality-Projection und quantencomputergestützter Bühnenholographie, dies alles im atemberaubenden Dolby/Zimmer-Surroundsound 14.8 und dem Einsatz der neuesten Tiefenresonanzspektren, die auch ihre niedersten Instinkte massieren werden. Der Besuch unserer Wagnermusicals ist auf jeden Fall ein großes Erlebnis, vor allem wenn Sie das 4-Tagespaket „The Ring“ gebucht haben. Tauchen Sie ein in eine Welt voller Mythen und Fantasy, voller Drachen, Zwergen, Hexen und Riesen. Vergessen Sie die aktuellen „Herr der Ringe“ – Verfilmungen, vergessen Sie die Klara-May-Festspiele oder Westerosland in Bottrop – nur hier erleben Sie, wie ein Drache gleichzeitig Feuer spucken, pupsen und singen kann, während Sie gemütlich in der Pause auf einer unserer entspannenden Bingewatch-Liegen chillen oder an einem unserer zahlreichen alkoholfreien Marihuanacocktails nippen!

Erleben Sie Szenen unter Wasser, wie Sie selbst die Marvel/DC-Studios noch nicht hinbekommen haben! Erleben Sie Flammenhöllen, Abstiege in die sagenumwobene Unterwelt und das Ende der Götter, erleben Sie….

Danke, dass Sie sich für den Sprachfilter “no hype” entschieden haben. Der Betrag von 52 Eurodollar wird Ihnen nun von Ihrem Kreditchip abgebucht.

Wir nähern uns nun dem Festspielhaus, das 2027 um die Wolfgang-Wagner-Arena erweitert wurde, um die neueste Bühnentechnik besser nutzen zu können. Hier können Sie die alten “Opern” in den neuesten Easy-Listening-Fassungen live erleben, auch in unserer beliebten 20-minütigen “Only the good bits“-Version. Aber wie ich sehe, haben Sie das Festspielhaus-Surroundpaket gebucht.
Das Festspielhaus selber wurde rundumerneuert, entkernt und mit 26 nummerierten Red-Carpet-Eingängen versehen. Bitte begeben Sie sich in Ihre persönliche Entry-Zone, um Ihren exklusiven Red-Carpet-Eingang mit simulierter Crowd zu nutzen. Falls Sie an unserem Bonusprogramm teilnehmen, können Sie aber vorher schon jetzt exklusive Tickets für unsere nächste Saison buchen, bitte benutzen Sie dazu die silbernen Kioske links und rechts der Eingänge, oder auch unsere Lohengrina – Androiden, die sofort auf Schwäninnen herbeischwimmen, wenn Sie sie rufen.
Kleiner Tipp: Nächstes Jahr erleben Sie in der Wolfgang-Wagner-Arena die exklusive Premiere der neuen Staffel der “Meisterswinger”, der ersten erotischen Opernsaga mit den hübschesten jungen Sängerinnen und Sängern der Neoklassik, bei der es zum ersten Mal auch möglich sein wird, nicht nur musikalische sondern auch sonstige Höhepunkte zu erleben, natürlich erst ab 18. Vielleicht bevorzugen Sie aber auch das Zweite Weltkriegsspektakel “Operation Tannhäuser”, in dem der Venushügel nicht bestiegen, sondern mit unglaublich realistischen Panzern plattgemacht wird, bis die Schwarte kracht!

Sie benutzen Eingang 23, der der Erinnerung an den großen Christian Thielemann gewidmet ist, der wie kein anderer Dirigent die Festspiele geprägt hat. Leider ist Thielemann seit der Überflutung seines Anwesens in Neu-Ostpreußen im Jahre 2047 verschollen, doch das über dem Eingang hängende weiße verschwitzte Handtuch soll an die großen Jahre erinnern, in denen die Festspiele von der schlagenden Verbindung mit Thielemann profitierten. Freunde des Dirigenten Pierre Boulez benutzen dagegen besser den Eingang 22, der auch liebevoll “Boulez-Parade” genannt wird, zumindest seit der berühmten Tristan-Inszenierung von Michael “Bully” Herbig, die den unsterblichen Stoff in einer längst fälligen homoerotischen Neudeutung im Traumschiff-Surprise-Ambiente präsentierte und bis heute regelmäßig auf Amazonflix gestreamt wird.

Wir betreten nun das Foyer, mit der neu errichteten Galerie der großen Wagner-Sänger – viele drollige Schwarzweiß-Bildern mit irgendwelchen Moppelchen, die Wikingerhelme aufhaben. Ja, so war es hier früher, kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht! Heute sind all unsere Playback-Sänger selbstverständlich mit Sixpacks, riesigem Gemächt oder gigantischen Brüsten ausgestattet, da schwabbelt nichts und kaum jemand ist älter als 27 Jahre. Hier sehen sie auch neuere Porträts, von den Sängerinnen, Sängern und genderneutralen Sängeres, die Bayreuth seit 2025 geprägt haben. Wer erinnert sich nicht gerne an Helene Fischer als verschlagene aber auch ein bisschen hohle “Kundry” in der Parsifal-Neufassung von Hans Zimmer! Oder Lady Gaga als der erste weibliche Siegfried, in extravagantem Kostüm und mit einem plüschumhüllten Dildo als Schwert, das dem bösen Drachen an einer Stelle eingeführt wird, wo keine Sonne scheint!

Cosima Wagner hatte einst die große Vision, dass ihr Mann einmal dieses Festspielhaus bauen sollte, in dem alles, aber auch absolut alles, seinem Werk gewidmet ist. Wir versuchen, diesem Spirit treu zu bleiben, indem wir Ihnen dieses Jahr das neue Franchise-Konzept der Wagner-Foundation präsentieren. Hierzu gehört auch unser Fast-Food-Restaurant „Die glückliche Burger-Familie“, in denen wir Ihnen die nouvelle cuisine der neuesten Burgertrends servieren – besonders empfohlen die Neuheiten „Kentucky Siegfried Chicken“ oder unser Jumboburger „Das dicke Ding der Nibelungen“. Und wer kann unserer Dessertkreation „Götterspeisendämmerung“ widerstehen? Also ich nicht, selbst wenn ich nur eine KI bin, haha!

Folgen Sie mir nun in das Allerheiligste, die heilige Halle in der Ihre Träume wahr werden, das Valhalla der musikalischen Erlebnisgastronomie: den „Sultan Abdülaziz“- Saal! Nach der letzten Sanierung wurden entscheidende Änderungen verwirklicht, die Ihnen ein ungestörtes Musical-Erlebnis bieten sollen. So wurden die hässlichen harten Stühle des Zuschauerraums durch sogenannte „Erlebnis-Pods” ersetzt, genießen Sie alleine, zu zweit, oder zu dritt (Sie Schlingel!) in einem vollklimatisierten Floating-Tank die faszinierende Musik der Wagner- Musicals, ungestört von irgendwelchen Ablenkungen. Machen Sie ihre Phantasien wahr, während ihnen durch das patentierte brainlink und unseren 500k 3D-Surround-Bildschirm ermöglicht wird, die dargebotenen Stücke zu erleben, als würden sie selber auf der Bühne stehen. Erleben Sie den Kampf gegen den Drachen als Siegfried, schwimmen Sie in die Tiefen des Rheins mit scharfen nackten Rheintöchtern oder zeigen sie es dem dummen Bohlen als „Beckmesser“ bei „Nürnberg sucht den Superstar“.

Auf Knopfdruck erleben Sie auf Wunsch auch die größten Inszenierungen der Vergangenheit, wobei Sie die langweiligen Stellen jederzeit vorspulen können. Nie wieder werden Sie von einer Inszenierung enttäuscht sein, nie wieder eine Provokation erleben, die Ihnen nicht gefällt! Jedes unserer Musicals ist in dutzenden von Versionen abrufbar, zwischen denen Sie jederzeit switchen können.

Und es kommt noch besser: auch der alte Zuschauerraum kann virtuell rekonstruiert werden! Sie wollen „Onkel Wolf“ und seine schicke schwarzgelackte Entourage bei einem seiner vielen Besuche in Bayreuth erleben? Kein Problem, wählen Sie die Option “Adolf für Dumme” (Abkürzung: A.F.D.)! Sie wollen Skandale, Buhrufe und Schockeffekte? Wählen Sie zwischen den 20 trashigsten Skandalpremieren, darunter Schlingensiefs „Parsifal – die Suche nach dem Scheinwerfer“ oder auch die Otto-Hommage “Die Waalküre” von 2035, Regie Sönke Wörtmann. Aber nur für die ganz Mutigen!

Ganz exklusiv können Sie bei uns seit kurzem auch die virtuelle Rekonstruktion der niemals realisierten Ring-Version von Lars van Trier anschauen, zusammen mit simuliertem Wutanfall von Wolfgang Wagner und sexuellen Belästigungsvorwürfen von Björk als Brunhilde.
Und selbstverständlich können Sie jederzeit Ihre eigenen Playlists erstellen, sortiert nach Themengebieten. Im Angebot sind zum Beispiel “Hubschrauberangriff auf Vietnam” oder „Best of Stolen by Wagner“, unser beliebtes Filmmusikmedley mit Musik von Hans Zimmers Schreibassistenten.

Die ganz Tapferen können sich weiter hinten in den „mystischen Abgrund“ wagen, der seit der Abschaffung des Festivalorchesters einer VR-Spielsimulation vorbehalten ist, in der sie sich auch physisch durch die Welten der Nibelungen bewegen können, um Erfahrungspunkte zu sammeln und zu den God-Levels vorzudringen. Der Spieler, der dem Endboss „Fafner“ als erstes den Garaus macht, kann attraktive Preise gewinnen!

Auf der ehemaligen Bühne wartet wie gewohnt unser Erlebnisparadies auf Sie: komplett mit virtueller Spa, unserem beliebten VR-Bordell “Zauber der Venus” und den Massageliegen, auf denen Sie unsere zauberhaften Thai-Feen zum Happy End bringen werden, das ja in den meisten unserer Musicals leider fehlt.

Treffen Sie Ihre Wahl, und Ihre ganz persönlichen Cosima-Wagner-Erlebnisfestspiele können jederzeit beginnen!

Eine kurze Anmerkung darf ich mir erlauben, bevor Sie beginnen. Seit einiger Zeit versucht ein sogenanntes “Operndorf” in Burkina Faso ebenfalls „Wagner-Festspiele“ anzubieten. Anscheinend wurden dort einheimische Sänger ausgebildet, die die überkommenen Gesangstechniken erlernt haben, die hierzulande schon lange nicht mehr unterrichtet werden. Man hat auch ein schlecht klimatisiertes Opernhaus erbaut, auf einem “Grünen Hügel”, der in Wirklichkeit nichts anderes als ein umgewandelter Abfallberg ist. Bei diesen angeblichen “Richard Wagner-Festspielen” kommen altertümliche Techniken und Theaterstile wie „Regie“ oder „Interpretation“ zum Einsatz, die in keiner Weise dem hohen technischen Niveau entsprechen, das Sie von uns gewohnt sind. Bitte seien Sie versichert, dass die Cosima-Wagner-Foundation in keiner Weise mit diesen Amateuren assoziiert ist, und alles tun wird, um diesen krassen Fall von copyright-infringement zu unterbinden. Da es sich bei Burkina Faso inzwischen im Gegensatz zu uns um eine demokratische Republik handelt, die Teil der wachsenden Wirtschaftsmacht “Afrikanische Union” ist, sind unsere Hände allerdings gebunden, denn spätestens seit dem Dexit und der endgültigen Abriegelung der österbraundeutschen Frustrationszone alter weißer Säcke ist der juristische Zugriff zu den freien afrikanischem Staaten erschwert. Wir hoffen aber, dass wir Ihnen bald wieder die exklusiven und weltweit einzigen “Wagner-Festspiele” bieten können, zumindest sagen dies unsere internationalen Anwälte.

Und nun: Vorhang zu für Ihr persönliches VR-Entertainment! Die Vorstellung beginnt in drei. zwei, eins….KLICK!

Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. André Weißbach sagt:

    Komisch, komme gar nicht drauf, wie man so einen Quatsch-Erguss nicht veröffentlichen wollte … Ich tippe auch auf „zu heiß“. Aber zum Glück darf jeder noch selbst entscheiden, worüber man lacht und worüber eher weint.
    Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich blamiere, weil ich das Thema ernst nehme: Ein guter und interessanter Artikel über „Bayreuth 2049“ könnte sich dem Thema über drei unterschiedliche Wege nähern:
    a) Bayreuth, wie es vermutlich sein wird und sich – mit Blick auf die letzten 30 oder 60 Jahre – (leider) auch leicht vorhersagen lässt,
    b) wie es aussehen sollte, um relevant und interessant zu sein oder
    c) von mir was was völlig Utopisches/ Ausgedachtes. Aber dann bitte nicht so mit Stand 2014 (Merkel, Fischer, Zimmer, Thielemann etc.), sondern was richtig Kreatives/ Lustiges.

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