Teil 1 _ Cough City New Music Festival

8. Juli 

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Hinter mir sind vier Kinder, die nonstop kreischen und in meinen Sitz treten. Ich habe sie nett darum gebeten, es sein zu lassen. Seitdem treten sie noch heftiger. Die Mutter der Kinder bekommt das mit, sagt aber nichts. Ich würde diese Kinder gerne aus dem Fenster werfen, a) weil sie mich nerven und b) weil ich wissen will, ob die Mutter wenigstens dann etwas sagt. 

Vielleicht bin ich ungerecht. Vielleicht würde sie gerne, kann aber nicht sprechen, weil ihr sadistischer Mann ihren Mund mit Heißkleber zugeklebt hat.

Ein einziges Mal hat sie nicht pünktlich um zwölf Uhr das Mittagessen fertig – und sofort rastet er aus: „Ich habe Hunger, und den sollst du auch haben! Ab jetzt wirst du nie wieder essen können!!!“

Er zieht die Heißklebepistole… und tut es. 

Am Abend beim Bier lachen ihn seine Freunde aus: „Herzlichen Glückwunsch, du hast dir in deine eigene Fleischflöte geschnitten, Günni!“, und es fällt ihm wie Schuppen von den Augen. Aber es ist zu spät. 

Was das betrifft, ist seine Frau sehr erleichtert. Aber sie vermisst es, zu sprechen und zu essen.

Auch ihre Kinder könnten nichts dafür können, dass sie sind, wie sie sind. Sie waren womöglich anwesend, als ihrer Mama der Mund zugeklebt wurde und sind traumatisiert – „weil wir dann erst um 13 Uhr das Essen bekommen haben! Und der Spinat war ohne den Blubb!!!“

Egal – ich weiß nicht, warum sie sich dermaßen daneben benehmen und ihre Mutter nichts sagt. Ich weiß nur, dass sich die Fenster im Flugzeug nicht öffnen lassen (warum nur?). Und dass die Menschen nur Mitleid mit den Schwächeren haben, solange diese sich nicht wehren. Mit mir, dem lebenden Tretobjekt der Kinder, wird niemand mehr Mitleid haben, wenn ich diese Kinder aus dem Flugzeug schmeiße. 

Das Flugzeug fliegt übrigens nach Atlanta. Dort steige ich um nach Houston. Ich werde dort am Space City New Music Festival teilnehmen, ein Stück von mir wird gespielt und es gibt einen Workshop mit einem Mann, der einen kastanienartigen Nachnamen hat. Als ich mich beworben habe, indem ich ein paar alte Stücke eingesendet habe, wusste ich nicht, dass die Teilnahme so viel Geld kostet. Ich wollte vor allem, dass mein Stück gespielt wird, für die Teilnahme an Workshops bin ich eigentlich zu störrisch (wobei ich mich trotzdem benehmen kann). Ich will nichts lernen. ;-)

Auch bin ich davon ausgegangen, dass sie mich eh nicht haben wollen.

Als sie mich dann angeschrieben haben, ich sei eingeladen und soll jetzt Geld bezahlen, war ich schockiert und habe mich tot gestellt. Das hat aber nicht geholfen, sie haben trotzdem ständig nachgefragt, was nun mit mir ist. Weil sie mich ganz dolle lieb haben… oder so. 

Zum Glück übernimmt die Stiftung, an die ich meine Seele verkauft habe, nun die Kosten. 

Ich habe für das Festival ein Stück für Flöte, Trompete, Vibraphon, zwei Marimbas und Klavier geschrieben. Es ist schrill, insistierend und gewalttätig, mit sehr kleinteiligen und verschachtelten Loops in extremen Lagen, die Blasinstrumente spielen laufend repetitive Nicht-Melodien. Es ist total krank – und es macht Spaß. Darf es das? In Deutschland eher nicht (ist mir aber egal).

Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Ich war noch nie in den USA. Ich freue mich nicht, ich habe keine Angst, ich werde einfach sehen, was passiert. 

Die Kinder lärmen, sind aber nicht zu sehen. Der eigentliche Grund für meine Wut auf sie befindet sich vor meinem Gesicht: Meine Ringfinger sind jeweils einen halben Zentimeter länger als meine Zeigefinger. Bei normalen Frauen sollte aber der Zeigefinger länger als der Ringfinger sein. Diese normalen Frauen sind freundlich, einfühlsam, sozial. Sie haben Verständnis, wenn Kinder ihnen in den Rücken treten. Ich habe Hände wie ein aggressives, muskelbepacktes Vergewaltiger – Männerschwein. Man vermutet tatsächlich, dass das Längenverhältnis von Zeige- und Ringfinger mit dem Testosteronspiegel im Mutterleib zu tun hat. Das erklärt meine Empathielosigkeit den armen Kindern gegenüber! Sie brauchen es für ihre persönliche Entwicklung sicher dringend, mir in den Rücken zu treten. Oder sie sind, siehe oben, traumatisiert und können nicht anders. Normale Frauen würden sie deshalb loben, bestärken oder trösten und ihnen mit ihren langen Zeigefingern den Kopf tätscheln, dass es nur so klappert. Mir ist unsagbar langweilig!!!

 

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