Ab sofort bin ich KomponistIn!

So, es reicht! Die Tage begegnete ich so viel Unsinn. Angefangen von der Fussball-WM, als die schwedische Mannschaft Durmaz einwechselte, worauf jemand posaunte, „der sieht aber nicht so schwedisch“ aus. Bis zu Druckfehlern in der nmz, wo aus Chaya Czernowin ein Komponist wurde. Oder auf Facebook eine dieser überflüssigen Diskussionen des Festhaltens am generischen Maskulinum in Bezug auf die Bezeichnung von Dirigentinnen als Dirgentinnen. Das benötigen wohl Leute mit konservativen Wurzeln oder Männer, die es einfach nicht mehr checken, werden – so Dominus-Alt-68er und ähnliche, für die der Rest der Welt ihrer 60er-Jahre-Barrikaden-Größe Sub-Dominanten sein müssen. Möge sie bald ein tonikaler Dominoeffekt treffen.

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Martin Hufner brachte es mal auf den Punkt: wenn man sich von männlichen und weiblichen, zugleich zu schreibenden Berufsbezeichnungen überfordert fühlt, kann man doch gleich auf die weibliche Form ausweichen. Oder man wechselt das ab. Ein Weg.

Als Kind fand ich es schon immer doof, wenn in anderen europäischen Sprachen noch weniger über das Mann/Frau-Problem nachgedacht wird, als bei uns. Ich besuchte einen Neugriechisch-Kurs, um mich auf die Griechenlandfahrt in der elften Klasse gut vorzubereiten. Als Teilzeithumanist hatte ich zwar fundierte Kenntnisse in Latein, das ich dann später bis zum Abitur weiterbelegte. Als halber Schweizer war es aber irgendwie auch schön, Französisch gelernt zu haben. So ächzte ich mich durch das neugriechische Alphabet, die Grammatik und den Wortschatz. Frühzeitig ging es um die Bildung des Genus. Der Dozent meinte: Nur weibliches Genus geht immer, wenn sich nur Frauen in einen Raum aufhielten. Käme ein Knabe, eine Mann hinzu, müsse man selbst bei tausenden Frauen dann das männliche Genus wählen. Das setzte empörte Nachfragen der Kursteilnehmerinnen frei, beim Retsina hinterher spülte man das wieder weg.

Leider trank ich nicht mit. So blieb bei allem homosexuellen Machismo, dem ich manchmal huldige, das Gefühl, dass da was schräg ist. Die Diskussionen der letzten Jahre zeigen zudem mehr als deutlich, dass sich nicht nur denkerisch, sondern auch sprachlich was ändern muss. Inzwischen bin ich sogar der Meinung, dass sich unsere deutsche Sprache durchaus so radikal ändern könnte, wie es per Dekrete oder so ähnlich auch das Griechische des frühen 20. Jahrhunderts zum Neugriechischen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlebte. Da spricht einiges dagegen, weil gewisse Autorinnen und Autoren der Zeit davor nur noch schwer zu verstehen sind. Aber es spricht auch einiges, vieles dafür.

Ein Schritt wäre die Einführung des generischen Femininums bei bisher stark männlich geprägten Berufsbezeichnungen. Oder man gibt das jeder Person frei, wofür ich wäre, ob sie Komponist, Komponistin, Komponist/in oder eben KomponistIn sein will.

Ich will nun KomponistIn sein! Den Schrägstrich mag ich nicht, auch wenn ich ihn manchmal nutze. Komponistin mit kleinem „i“ wäre eine Wegnahme der weiblichen Form der Berufsbezeichung durch eine mitteleuropäische Machotunte. Das Binnen-I dagegen ist eine geschlechtsneutrale Schreibweise, meint männlich wie weiblich, lässt auch mal ein gedankliches oder emotionales Switchen zwischen beiden zu. Das -ix ist auch nicht so mein Ding, weil es sprachlich sehr schnell sehr viel verändert.

Sei, wie es Dir beliebt – Komponist, Komponistin, Komponist*in, KomponistIn

So wie wir lernen uns künstlerisch freizuschwimmen, so kann man als im Berufsleben stehende Persönlichkeit auch Freischnauze die Berufbezeichnung frei gestalten. „Komponist“ ist zudem durch keine Berufsordnung gesetzlich geregelt, abgesehen von den Studiengängen in Komposition. KomponistIn, Komponist, Komponistin, Komponist/in, Komponist*, Komponistix kann jede und jeder sein wie sie oder er es will.

Natürlich hält immer irgendwer dagegen oder zitiert aus AfD-nahen Memoranden. Jedenfalls hat das Binnen-I eine positivere Wirkung als das generische Maskulinum oder das Weibliche irgendwie aseptisch behandelnde Schrägstriche oder in Massen die Wiederholung von „Komponistinnen und Komponisten“. Ich habe schon einige Verbandstexte mitverfasst, so dass das manchmal Mühsal für den Schreibenden verursacht.

Sieht man, wie 2017/18 an mancher Musikhochschule keine einzige Frau für zeitgenössische Komposition aufgenommen wurde, ja, sich angeblich kaum welche überhaupt dafür anmeldeten, gehören diese Memoranden in die Tonne wie die Bezeichnung „tückische Tellerminen“ für sich gegen sexuelle Belästigung wehrende Frauen!

Muss ich meinen Beruf erklären, so versuche ich nun und will ich möglichst wacker mich als KomponistIn bezeichnen. Wie ich manche Kellnerin und manchen Kellner erzucken lasse, wenn bei Nachfrage an Gruppen, in denen ich mich befinde, für wen der Schweizer Wurstsalat sei, dann sage ich manchmal, mich meldend, für „das Frollein“ oder für „die Dame.“ So fühle ich eben manchmal. Und wie ich mich fühle, so will ich dann ganzheitlich sein dürfen, gerade in so freien Berufen wie es eben die Komposition ermöglicht.

Ausserdem lösen es manche öffentliche Arbeitgeber inzwischen so ähnlich: die Stadt München ist nicht mehr Dienstherr, sondern Dienstherrin und Arbeitgeberin, Ansprechpartnerin und Förderin. So kann man also gleichziehen und ist ab sofort oder zumindest in besonderen Momenten „KomponistIn“. Und wem das nicht passt, der darf mich „Frollein Compositrice et Dirigeuse“ nennen. Wie man sieht, nicht ganz so ernst, aber todernst!

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Alexander Strauch

KomponistIn

1 Antwort

  1. Ich bin für die generische Endung „e“, die letztlich unserem Sprachgefühl am ähnlichsten ist, und in vielen deutschen Dialekten eh schon verwendet wird. Da unsere Sprache sich zwangsläufig vereinfachen und ähnlich wie das Holländische sich dem Englischen immer mehr annähern wird, ist dies fast schon ein natürlicher Prozess, das die weiblich/männlich/sächlichen Artikel irgendwann sicher wegfallen werden.
    Es hieße dann:
    der/die/das = de/de/das (das nur für Sachen)
    De Komponiste (anstatt der/die Komponist/in)
    De Auto
    De Blume
    De Mensch
    De Neue Musik

    Andere Beispiele:

    Ich studiere bei de Professore
    Ich habe eine Handwerke bestellt
    Wir begrüßten eine Delegation von Politikere
    Nächste Woche entscheidet sich, wer Kanzlere wird
    De Fahrere fährt das Auto zu schnell

    Da kann sich dann niemand benachteiligt fühlen, und die Sätze werden nicht länger, da man sich bei „der“ und „die“ einen Buchstaben spart, den man dann bei den Worten als „e“ anhängen kann.

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