Anmerkungen zu Moritz‘ Linz-Besuch

Statt Moritz‘ Linzer Musiktheater-Beitrag nur dort zu kommentieren, hier ein paar Anmerkungen zu weiteren Hintergründen: Wir, von den Österreichern als „Marmeladinger“ verschrien, wor also, die Bewohner des von den Schweizern „Großkanton“ genannten Landes „Bundesrepublik Deutschland“ können ob dieses wirklich demnächst fertig gebauten Musentempel „Musiktheater Linz“ nur staunen. Allein hier im BadBlog verfolgten wir zuletzt das virtuelle Geschubse um landeshauptstädtische Konzertsäle, die uferlose Elbphilharmonie oder das Gedisse der Politiker zwecks Erhalt, Fusion oder Schliessung von SWR-Orchestern, niederbayerischen Stadttheatern oder das Volkstheater Rostock. Lustigerweise lassen sich Rostock und Linz mit ihren ca. 200.000 Einwohnern gut vergleichen, wenn auch die Hansestadt kein Regierungssitz ist. Im ehemaligen „Bayreuth des Nordens“ improvisiert man zuerst seit Kriegsende, lässt Gelegenheiten für einen Theaterwiederaufbau oder Neubau verstreichen und steht nun vor einem Scherbenhaufen, den man, die Potentiale und Beschlüsse der eigenen Stadt ignorierend, seitens Bürgermeister und Schweriner Landesregierung der Fusionitis anheimgeben will. Oder sieht man sich in Nordrhein-Westfalen um, springen einem die Dramen um ähnliche Absichten in Dusiburg ins Auge, wo die Partnerschaft mit Düsseldorfs Oper als „Deutsche Oper am Rhein“ zugunsten eines reinen Gastspielskeletts infrage gestellt wird. Und natürlich der Blick nach Bonn, wo die Piratenpartei das Theater loswerden möchte, wo doch die Bonnern so nett nach Köln fahren könnten, um dessen Opernhaus wiederum das Schlagzeilenmeer gerne Schaumkronen wie Tsunamis im Sinne von Intendantenkarussell, Spielplanproblemen, Bauproblemen und Fusionsgeraune wogt.

Werbung

Ist Linz nun wirklich so glücklich, wie Moritz es vorkommt? Wenn es so ist, war es dennoch ein lange fragwürdiger Weg des Zustandekommens, der durch die echt beeindruckende Doppeldrehbühnenshow allzu leicht in Vergessenheit gerät, von manchem Linzer „Piefkesager“ wohl lieber verschwiegen würde. Denn nicht nur zu Zeiten des Namensgebers des Hausorchesters Anton Bruckner dürfte das Beste an Linz der Ruf seiner Torte und noch vielmehr das Schiffshorn des Raddampfers nach Wien gewesen sein: Im November 2000 mobilisierte die oberösterreichische FPÖ, jene regionale Sektion der landesweiten Parteitheatertruppe des damaligen Herrn Haider, die die österreichischen Parlamente in Musikanten- und Komödienstadl verwandelte, eine Volksbefragung, welche in ihrer volkstümlichen Inszenierung so erfolgreich war, dass 50% der WählerInnen mit knapp 60% Stimmenmehrheit dafür Sorge tragen wollten, dass statt eines Neubaus für das Landestheater Linz die Operetten der Freiheitlichen in TV und Hohem Haus lieber fortgesetzt werden sollten. 2003 beendete allerdings das Wahlvolk die Haideroperette im Landtag – man könnte kolportieren, dass die Oberösterreicher dann endlich checkten, dass der Burgenländer Haydn nicht der Komponist jener Parlamentsshow gewesen ist, sondern ein Kärntner seine Marionetten vor Ort durcheinanderbrachte: die FPÖ erreichte nur noch klägliche ungefähre 8%, derweil z.B. die SPÖ über 11% an Wählerstimmen zulegen konnte. Man kann somit getrost behaupten, dass man prompt diese Wahl, die ja auch mehr wert ist als so eine „Volksbefragung“, auch als Votum für den Neubau des neuen Linzer Musiktheaters auffasste und garnierte dies für die kulturfernen Verkehrsnahen mit einer Umgestaltung eines bis dahin wohl eher öden öffentlichen Platzes und hatte urplötzlich alle Trümpfe in der Hand.

Wie man an den Kommentaren zu Moritz‘ Artikel ablesen kann, fällt der kulturellen vox populi in Deutschland dazu gleich „Stuttgart 21“ ein, ein Desaster an Intransparenz und viel zu spät erfolgter Beteiligung der Wähler. Hätte man da viel eher abstimmen lassen, hätte man Farbe bekennen müssen, Alternativen durchdiskutiert und nach solch frühzeitiger Abstimmung würden selbst Kostensteigerungen konsensualer zu vermitteln sein als heute. Wäre es gar zu einer totalen Ablehnung gekommen, hätte man dann im echten Bedarfsfalle der Notwendigkeit eines solchen Durchgangsbahnhofs nochmals einen Anlauf nehmen können. Und das Wahlvolk stimmte ja dann tatsächlich zu. Wie unvernünftig nun das Linzer Theaterverhinderungsvotum gewesen sein mag, zeigt es doch, dass man selbst bei negativen Ausgang doch noch der Vernunft eine Chance geben kann. Wichtig ist und bleibt, dass frühstmöglich kontrovers über solche Bauvorhaben in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Genauso wichtig ist allerdings, dass man der Öffentlichkeit auch sagt, was an Kosten zu erwarten ist und nichts beschönigt, wie es z.B. bei der Elbphilharmonie geschah und wohl immer noch geschieht. Warum das in Linz nun besser läuft, Kosten eingehalten werden, da gibt es nur ein paar Mutmassungen: Materialkostensteigerungen sind sinnvoll eingerechnet bzw. von vornherein klarer kalkuliert worden und eine realistische Reserve vorgehalten worden. Oder hat man unerwartet über die Jahre Personalkosten einfrieren, ja senken können? Garantiert dies das österreichische Baurecht viel eher als unser Deutsches, welches zwar vermehrt auf Bürgerbeteiligung setzt, im Wirrwarr der Vorstufen aber die Kosten so stückelt, dass die echten, höheren Zahlen erst immer nach Abschluss der Bürgerbeteiligung bekannt werden? Oder liegt es letztlich an einer besseren kulturellen Allgemeinbildung der Österreicher, wenn man an die Bonner Banausen unter den Piraten denkt, die Bildung im Geiste und Hirn mit Button und freiem Wissen im Netz verwechseln? Man muss sich nur mal auf der Zunge zergehen lassen, wie in der aktuellen NMZ (2013/1, S. 13) Mitglieder der Piraten-Partei ihr Gewissen der liquid democracy unterordnen, da nach deren heteronom aufgenommener Meinung Schwarmintelligenz sinngemäß immer höher als Einzelwissen zu beurteilen sei. Ehrlich gesagt: da nähert sich das intellektuelle Denken der Netzcommunity in Unterordnung des Einzelnen gewaltig an die Wähler des jugendlichen Linzer Rienzi-Besuchers an.

Author profile
Komponist | Website

KomponistIn

Werbung

2 Antworten

  1. wie in der aktuellen NMZ (2013/1, S. 13) Mitglieder der Piraten-Partei ihr Gewissen der liquid democracy unterordnen, da nach deren heteronom aufgenommener Meinung Schwarmintelligenz sinngemäß immer höher als Einzelwissen zu beurteilen sei. Ehrlich gesagt: da nähert sich das intellektuelle Denken der Netzcommunity in Unterordnung des Einzelnen gewaltig an die Wähler des jugendlichen Linzer Rienzi-Besuchers an.

    Wurde neulich von einer Bekannten, die Chistopher Lauer zum ersten mal bei einer Fernsehdiskussion erlebte gefragt, ob dieser A… rechtslastig sei.
    Konnte das nicht bestätigen – aber nach oben ausgeführtem …

    Klar scheint zu sein, dass die Schwarmintelligenz noch nicht in Ihrem Zahlenwert ermittelt wurde – bei den Piraten scheint mehr die Schwarmdummheit zu wirken.

    Kontent ist noch nicht Kultur – und Liquid Democracy verursacht offenbar ein geschmeidiges Temperament.

  2. „[Die] nationalsozialistische Urheberrechtswissenschaft [drängte] darauf, die Rechtsstellung des Werkschöpfers zu Gunsten der Allgemeinheit zu beschneiden. Denn der Urheber sei zwar Schöpfer des Werkes, der Akt der Schöpfung sei ihm aber nur möglich, da er Teil der Gemeinschaft sei, aus deren kulturellen Fundus er schöpfe. Somit wurde das Werk selbst als Grund für das Urheberrecht angesehen, die Interessen des kreativen Individuums dagegen rückten in den Hintergrund. Ein Urheberschutz sollte nur noch zu dem Zwecke stattfinden, den Urheber im Interesse der „Volksgemeinschaft“ zur weiteren kreativen Tätigkeit anzuhalten. Wo immer aber die Interessen des Volkes mit denen des Urhebers kollidierten, sollten letztere zurücktreten. Zwar sollte der Urheber von der Verwertung seines Werkes weiterhin profitieren. Aber er hatte bei der materiellen Verwertung seiner schöpferischen Leistung stets die „natürlichen Grenzen“ zu beachten, die ihm durch seine „‚ideelle’ Verbindung mit der Volksgemeinschaft“ gezogen wurden. Bewerkstelligt werden sollte dies durch ein System von gesetzlichen Lizenzen. Hiernach hätte der Urheber die Verwendung seines Werkes zum Wohle der Allgemeinheit nicht mehr unterbinden können, wäre dafür aber finanziell kompensiert worden.“
    (Zitat aus „Das Reichsgericht, das Urheberrecht und das Parteiprogramm der NSDAP“ von Dipl. Jur. Simon Apel in „Zeitschrift für das juristische Studium (ZJS), 2010, S. 141 f. mit weiteren Quellennachweisen“