Ein Sack Reis. Paragraphenwald. No Music.

Gestern war ich wieder einmal zu Gast bei „taktlos“, der erfrischend anderen Musiksendung auf BR-Klassik, zum Thema „Urheberrecht“. Ich hatte mir vorgenommen, hier im Blog darüber zu berichten, vielleicht das eine oder andere Witzchen zu reißen, erneut auf die Ernsthaftigkeit des Themas hinzuweisen, brav und kollegial Stellung zu beziehen, dem Urheberrecht die Stange zu halten…..aber im Moment bin ich einfach nur müde. Natürlich gab es die zu erwartenden Stellungnahmen eines relativ gemäßigten und lieben Piratenvertreters, Boris Turovskyi (der etwas aggressiver argumentierende Bruno Kramm hatte kurzfristig abgesagt), die GEMA schickte den versierten und Gelassenheit zur Schau tragenden Alexander Wolf, Hans-Jürgen Wieneke kam mit seinem Barber-Shop-Herrenchor „Männerbesuch“ und ließ fröhlich das erwartbare „Alles nur geklaut“ singen (konnte aber als ehemaliger Musikmanager auch etwas zum Thema sagen), und ich stand repräsentativ für die Urheber. Im Publikum Alexander Strauch alias Blogger querstand alias Blogger Alexander Strauch, weitere Piraten, es hätte also ein heißer Abend werden können, obwohl Barbara Schöneberger leider keine Zeit hatte. *

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Paragraphenchor im Männerwald

Aber dennoch: die Müdigkeit obsiegt im Moment (was nicht nur an den nachher konsumierten obligatorischen Getränken in netter Runde liegt). Ich habe alle Argumente schon Mal gehört, auch meine eigenen, und das ist vielleicht das Schlimmste. Alles wiederholt sich – wir befinden uns in einer Möbiusschleife der Argumentationen, die deswegen unauflösbar ist, weil irgendwie alle ein bisschen Recht haben. In der Sendung ist immer sehr wenig Zeit, da das Ganze mit immer sehr feinen Einspielungen garniert wird, an denen das NMZ-Team fleißig vorher arbeitet. Ich hatte noch eine Kollage aus „rechtefreier“ Musik angeregt, die an schauriger Greulichkeit nicht zu überbieten war. Als ich das einem Bekannten am Telefon erzählte, dachte er erst, ich meinte „rechte freie Musik“, ein feiner Unterschied, aber natürlich wäre das NOCH schrecklicher gewesen.

Martin Hufner fotografiert begeistert. Links: eine halbe Piratin.

Hier die erwarteten vorgetragenen Argumente:
– der Piratenvertreter schimpft über die Ungerechtigkeit der GEMA, und dass man den Topf doch auf mehr Leute gerechter verteilen sollte. Außerdem könnte man ja nicht mitbestimmen.
– ich weise darauf hin, dass das nicht stimmt, sondern dass nur nicht genug Leute von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen.
– der Dirigent des Barbershopchores lobt einen Nobelpreis für denjenigen aus, der den gordischen Knoten des Urheberrechts durchschlägt
– Der GEMA-Vertreter erzählt von den Rechtsstreiten der GEMA, gibt sich aber zuversichtlich, dass man alle Probleme bald lösen wird.
– der Moderator (Theo Geißler) macht ein paar bissige Kommentare und fährt den nächsten Einspieler ab

Zur selben Zeit wie die Sendung fiel übrigens auch ein Sack Reis in China um. Oder auch zwei.

Google hat auch diese Firma schon längst aufgekauft

Danach gehen wir in den Jugoslawen neben dem BR. Ich suche das Gespräch mit den Piraten, die ich bisher nur aus ihren medialen Äußerungen her kenne. Ich will ein bisschen mehr über ihre Motivationen erfahren.

Boris erzählt mir, dass er in Russland aufwuchs und dort bis in die 0er Jahre hinein alles was mit Computerrpogrammen, Filmen und Spielen zu tun hatte, ausschließlich illegal erwerben konnte. Was natürlich in Südostasien und China heute noch der Fall ist. Ich frage ihn, ob das dann auch die Berechtigung erzeugen würde, dies in einer Lebensumgebung fortzuführen, in der es durchaus möglich ist, auch mal ausnahmsweise legal ein Computerspiel zu kaufen, und das ja vielleicht auch nicht das Allerdoofste ist. Als Antwort händigt er mir eine Broschüre der Piraten über das Urheberrecht aus, in der sich vor allem Bruno Kramm ausführlich zum Thema äußert. Bis auf seinen Namen habe ich von keinem der Künstler, die hier zum Urheberrecht aus eigener Erfahrung schreiben, je etwas gehört. Ich hätte euch gerne jetzt etwas aus dieser Broschüre zitiert, aber leider war sie am Ende des Abends auf unerklärliche Weise verschwunden. Vielleicht illegal aus einer anderen Dimension heruntergeladen?

Eine Piratin erzählt mir von ihren frustrierenden Erfahrungen mit Verlagen. Ich verteidige die Verlagsidee, weil sie auch eine Qualitätsverbesserung beinhaltet, ein Lektorat, eine Auswahl. Genau das aber wollen die Piraten nicht – jeder soll eine Chance bekommen. Fallbeispiele gibt es zuhauf: „Da gibt es diese drei amerikanischen Comedians. Die sind jetzt total groß rausgekommen, und weißt Du warum? Weil ihr youtube-Video 10 Millionen Klicks hatte.“ Aber konnten sie von diesen 10 Millionen Klicks leben? War es nicht vielmehr youtube bzw. google die sich daraus einen Reibach gemacht haben? Und sind die Comedians  jetzt nicht doch ziemlich froh, bei einer bekannten und gut bezahlten Show wie „Saturday Night Live“ unterzukommen? Und wird diese Show nicht zu einem nicht unwesentlichen Teil über den Verkauf von DVD’s und Lizenzen an andere Fernsehsender finanziert? Und braucht es dazu nicht auch das Urheberrecht?

wo ist querstand? Tipp: Er lacht und ist männlich.

„Wir wollen das Urheberrecht ja auch nicht abschaffen“, sagt Boris. Ok, aber was würdet ihr besser machen? „Das Geld gerechter verteilen“, sagt er, sein Argument aus der Sendung wiederholend. Aber muss man das verteilte Geld nicht irgendwie in ein Verhältnis zum tatsächlichen Erfolg eines Künstlers setzen? Wenn man das Geld einfach durch alle teilt, würde dann nicht jeder Mensch auf diesem Planeten sofort Komponist werden wollen, um von der GEMA Geld zu bekommen?

Das Gespräch wendet sich Fernsehserien zu. Die Piratin – augenscheinlich wie ich Fantasy-und Science-Ficton-begeistert – schaut mich mit großen und aufgerissenen Augen an: „Kennst Du ‚Game of Thrones‘ von HBO?“. Klar, kenne ich, super Serie. „HBO hat bei der zweiten Staffel einen Fehler gemacht. Einen RIESEN-Fehler!“. Sie macht eine dramatische Geste. So, welchen Fehler denn? „Sie haben die zweite Staffel nicht SOFORT verfügbar gemacht. Da MUSSTEN sich die Fans das ja gezwungenermaßen illegal runterladen!“. Aha, wenn der Obsthändler nebenan nicht RECHTZEITIG MEINE BANANEN hat, dann ist es total ok, die woanders zu klauen.

„Meinem Sohn verbiete ich übrigens, Filesharing zu verwenden“, sagt sie. „Der interessiert sich auch nicht so für Musik“.
In diesem Moment wird mir klar, dass es sich bei dem „Aufstand“ der Piraten vor allem um dem Aufstand einer großen Geek-Culture handelt, in der jeder eigentlich gerne die Chance haben will, ein Star zu sein, frei von Verlagen, von irgendwelchen Auswahlkriterien. Wir alle bekommen eine Plattform, jeder ist ein Künstler, wir sammeln Klicks und dann sind wir wer, sind wir relevant, sind wir berühmt. Das ist wahre Freiheit.

Irgendwann hatte der große Beuys (oder lasst es Andy Warhol sein) mal einen Alptraum, und 2013 kam dabei heraus. In mir kommt ein Riesenfrust auf, der dem wunderbaren Abschieds-Hasstext des Musikpartisanen (müsst ihr lesen) nicht unähnlich ist.
Es gibt zwei Dinge, die ich ganz sicher weiß:
– Das Glück, das man im Internet finden kann, basiert vor allem auf Gier. Im besten Fall ist es Wissensgier, im schlechtesten (wesentlich häufigeren), auf Raffgier.
– Kunst ist etwas Schönes, aber nicht jeder ist ein Künstler.

Deswegen ist die Antwort vielleicht….
NO MUSIC.
So wie in meinem Lieblingsvideo im Moment, das nervige „Gangnam-Style“-Video, aber die Musik ist komplett entfernt. Das Resultat ist tatsächlich viel besser als das Original.

Und wieder ist ein Geek zum Star geworden.

Moritz Eggert

* von unserem Webguru Martin Hufner habe ich erfahren, dass der häufigste Suchbegriff im Bad Blog Barbara Schöneberger ist, daher habe ich es mir zur Mission gemacht, in jedem meiner Artikel Barbara Schöneberger zu erwähnen.

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3 Antworten

  1. Hi Moritz, die korrekte Suchliste ist:
    barbara schöneberger nackt +++ barbara schöneberg nackt +++ der rote korsar +++ barbara schöneberg oben ohne +++ barbara schöneberger oben ohne +++ türkische pornostars +++ barbara lass +++ barbara schönberg +++ michael helmrath

    Nachhören kann man die Sendung seit heute früh 2 Uhr auch schon, nämlich hier. War auf jeden Fall schön, mal die BadBlogger in Live zu sehen und zu sprechen.

  2. der höhepunkt der umfallenden reissäcke war erreicht, als der „verkaufs-pirat“, wie herr boris turovskiy mal versehentlich von herrn geissler veredelt genannte worden ist, moritz und den herrn wolf von der gema vorwarf, sie würden total ewiggestrig sein. herr wolf hatte von seiner entspannung in sachen gema vs. youtube geredet, denn eigentlich streite immer jemand seit entstehung der gema mit selbiger, nur so offensichtlich sei dies u.a. dank den piraten der gesellschaft noch nicht aufgefallen, was für den hörer im rückschluss eigentlich als ganz gut rüberkam, lobte man im verlauf doch immer wieder, dass urheberrecht nun auch dank den piraten als thema für jedermann in selbiger gesellschaft in aller munde sei. moritz wiederum verglich seine kleine utopie eines auch heute im internet nötigen graubereichs mit den zeiten, als man für seine freundin eine cassette mit lieblingssongs backen konnte, ohne dass gleich gema-gvl-zpü-kohorten vor der tür standen. in dem rahmen hatte ja auch gema-syndikus wolf wiederholt, dass die gema z.b. immer schon gegen abmahnmassnahmen gegen private nutzer gewesen ist. also lauter gemeinsame nenner, auf die man fein hätte eingehen können, ein mehrwert an gemeinsamkeiten möglich wäre. aber das holzhammerargument „ewiggestrig“ löschte alles aus. moderator geissler räusperte sich und leitete feinsinnig gewaltsam woanders hin. wie moritz berichtete, kann ich nur bestätigen, wie intensiv ihn im funkstadl die beiden piraten dann quasi hinter den mikros angingen, das private gespräch intensivierten, eben über gemeinsame vorlieben jauchzten, die nun verlorene broschüre immer wieder rüberrückten – als seien sie jehovas zeugen und würden grauraum-moritz-gandalf gerne in ein paar monaten gerne als das bekannte ordentliche mitglied in einer neuen broschüre aufblitzen lassen. wie sagte man: im gegensatz zu den grünen vor 30 jahren fehlt den piraten eine allgemeinverbindliche sicht, wird das urheberrecht immer aus der perspektive von zukurzgekommenen betrachtet, davon ausgehend verallgemeinert, statt die vielfalt und v.a. deren ausbau voranzutreiben, wird einfalt in die schnapsgläser eingeschenkt. etc.

    noch was: ein kritikpunkt im apres-tatktlos war auch das viel wirtschaftlichere image der gema, seit heker vorstand ist. da ist ja einiges dran. auffällig wurde nur eines: neben deren broschüren und hauskonzert-massnahmen mit den „wir sind gema-künstlern“ würden sich allerdings genau diese künstler viel zu wenig einsetzen, wenn es mal dezidiert um stellungnahmen gegen youtube und co. ginge: im angelsächsischen raum würden diese sofort jasagen, derweil bohlen, grönemeyer und co. aus ängsten des imageverlusts niemals persönlich auftreten würden und die gema jenseits dieser aufhübschungskampagnen positive beurteilen würden, wo sie doch massgeblich von ihr profitieren. es kam heraus, dass es v.a. all die kleineren im privaten kreise und all den chatforen wagen würden. spannend. also: ihr grösstverdiener, warum kneift ihr so? vor diesen piraten muss sich eigentlich keiner fürchten…

  1. 8. Februar 2013

    […] Moritz Eggert mit einem Nachbericht zur Sendung im BadBlog Of Musick […]