Musik und Netz – es bleibt immer meins!

Ich versuche mich zu erinnern. Wie war das mit dem Internet anno dazumal nochmals? Mit Faszination trat ich Mitte der Neunziger zum ersten Mal mit ihm in Berührung. Damals vollkommen übermächtig an Rechnern des LRZ, nicht im Massenraum, nein, ganz oben an den Sun-Rechnern. So wurde ganz einfach ein Austausch mit Kommilotonen im Ausland möglich, suchte man alle erdenklichen musikalischen Informationen auf den damals noch simpel weiß-schwarz-blauen Seiten anderer Unis zusammen, erstellte ein Profil im mystisch-mythischen Arcananet – wer erinnert sich noch? Man schwärmte in Cafe-Päuschen von ersten gehörten Soundschnipseln aus Australien. Man träumte vom Netz als gigantischer Bibliothek universellen Wissens und dachte in den Kategorien Staatsbibliothek, dunkle, heimliche Nachlässe, Volksmusiken aller Kontinente, Aufnahmen aller Werke Neuer Musik. An mehr dachte ich noch nicht, bewegte ich mich doch in diesen hehren Leibniz-Rechenzentrumshallen.

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Als es mit der Studienzeit vorbei war, träumte ich alsbald von daheim aus, ernüchterte allerdings schnell angesichts der Langsamkeit meines Telefonmodems. Erst einige Zeit nach der Jahrtausendwende wurde der Traum wieder greifbarer, fand man jetzt plötzlich zig Seiten von Kollegen und wenige von Kolleginnen vor, auf denen man sich informieren konnte, über die man sich austauschen sollte. Irgendwann kamen Dienste hinzu, die im Gegensatz zu den früheren australischen Schnipseln nahezu komplette Werke anhören ließen, der Informationswert, die schnelle Eigenbildung wurde noch einfacher, konnte man nun Dinge finden, die niemals in lokalen Bibliotheken gestapelt wurden oder die in den geheimsten CD-Läden als unbekannt und vergriffen galten. Und bald, sehr bald wurde klar, dass es wohl nicht immer mit rechten Mitteln zuging. So freute ich mich bald über youtube. Jetzt sogar bewegte Bilder von Konzerten! Meist handelte es sich um von den Musikern und KollegInnen selbst ins Netz gestellte Filme, manchmal auch von Anderen. Aber dies erschien im globalen Dorf der Neuen Musik einigermassen vertretbar, kennt doch jeder mit jeden, wie einem all Facebookfreunde glauben machen. Na ja, und nun weiß man, wie es weiter ging: Der Streit der GEMA mit youtube, das urplötzliche Bewusstsein, dass ausserhalb der kleinen Neuen Musik Szene heftigst Schindluder mit all dem Pop- und Rock und weiss ich noch was Musikgedöhns betrieben wird, dass aktuell eine Partei namens Piraten all diese Usancen der Selbstbedienung legalisieren möchte. Und auch die kleine Freude, dass abseits dieser Kämpfe im Bereich der Neuen Musik Information doch immer noch einfachere Zustände herrschen. Man hofft auf eine Einigung von GEMA und den Onlinediensten und eigentlich ist einem der Streit da draussen piepschnurzegal, wo doch das Meiste im eigenen Kosmos solala zu laufen scheint. Man streitet sich über Abrechnungsmodelle, man könnte mit einigen Sachen gut leben. Doch der Streit um Gratis endet nicht! Jetzt will man mir auch mein eigenes Urheberrecht streitig machen, wird das allmählich parlamentarische Realität? Doch halt!

Wie war das mit meinen ersten Stückchen? Zugegeben, höchstwahrscheinlich grausige Dinge im Stile von x oder y. Doch war ich damals ein Kind, nicht mal Teenager. Es gab meine Kompositionskiste. Wollte man mich bestrafen, nahm man diese mir weg. Meine Stücke! Ja, Meine! Nach Jahren des Dilettierens, ersten Unterrichts in Komposition, endlich richtige Stücke eines halbwegs Erwachsenen, die natürlich vom Wissen der Lehrer zehren, manchmal eine Verneigung vor diesen und weiteren Vorbildern sind, mal Anspielungen sind, seltenst Zitate enthalten, Techniken und Methoden ausprobieren, kann ich endlich von „meiner“ Musik sprechen. Um so mehr, wenn sie weder gespielt noch gedruckt ist. Aber noch stärker ist sie die meinige, wenn sie erklingt, wie ich es sich vorstellte. Ist sie auf Papier zu haben ist oder freigegeben zum Ausdruck, bleibt sie immer noch „meine Musik“.

Irgendwo ganz tief in meinen Akten schlummert ein Vertrag mit der GEMA. Der habe ich wohl auf Gedeih und Verderb die Wahrnehmung meiner Rechte übertragen. Aber der macht mich meiner Stücke immer nicht verlustig. Es ist doch schon witzig! Die Stücke werden kategorisiert nach E oder U, abgerechnet, ausgeschüttet, etc. Das freut mich selbstredend. Das ist aber nicht Alles! Denn das Gefühl, dass ich mit meinen Stücken tun und lassen kann, wie mir beliebt, habe ich immer noch. So träume ich davon und konnte es teilweise tun, einige Stücke zu gewissen Teilen freizugeben wie eben zum kostenlosen Ausdrucken oder Anhören. Andere Stücke entäussere ich lieber noch nicht, einige gar im Stadium der Skizze wiederum schon. Bei einigen ist mir Alles egal, andere will ich von diversen Menschen nie gespielt sehen. Manche würde ich gerne auf Ewigkeit freigeben, andere wie eine Stiftung genauen Zwecken zuführen, so es mir überhaupt kontrollierbar erscheint. Was scheren mich da Piraten, was interessieren mich allgemeine Schutzfristen! Die Fristen braucht es doch nur, wenn man nichts selbständig regelt oder regeln will oder kann. Und was könnte man gerade aufgrund der oben beschworenen digitalen Technik soviel eigenständig! Ich könnte selbst im Netzwerk der GEMA einige Dinge zur Gänze freigeben, total widerrufen, verschieben und Vieles mehr. Das wären mal Ideen – warum nicht im Sinne meines Schalten und Walten Wollens mir mehr Rechte geben als nehmen? Aber daran denkt man wohl fast schon gar nicht mehr! Denke ich an meine Kompositionskiste, dann ist mir Alles klar. Nicht Piraten, nicht GEMA, nicht Hinz und Kunz. Erstmal wäre es wichtig, dass der Künstler endlich wirklich all seine Rechte ausüben kann. Er wird dann schon gewissenhafte Entscheidungen treffen, die Musik leicht und einfach der Allgemeinheit öffnen, denn so wird er immer noch sagen können: „Mein Werk“!

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Komponist*in

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3 Antworten

  1. Ja, ich erinnere mich auch an „Arcana“- Net – und an dessen Gründer, Herr v. Stürmer, der dann (bitte korrigiert mich, wenn ich mich falsch erinnere?) mit dem Geld der E.v.S.-Stiftung dafür spurlos in den USA verschwand – wahrlich „arkanisch“….

  2. Alexander Strauch sagt:

    Und er singt uns auf ewig das Whisky-Lied aus Mahagonny? Schon seltsam graue Vorzeit…

  3. Alexander Strauch sagt:

    Arcananet 2: Mal ehrlich – irgendwie konnte diese Sache auch nicht funzen. War es wirklich eine Zeit der Privilegierten, hatte nicht jede und jeder einen Zugang ins Netz, so dass dort nur Leute vertreten waren mit eben jenen „requirements“. Das ist heute nicht anders, nur eben kein Privileg mehr. Manchmal sollte man eher aufpassen, nicht überall verlinkt zu sein. Oder doch eher das Gegenteil? Schwanke da ein wenig!

    Ich könnte mir aber auch ganz was Anderes vorstellen: Von Stürmer las damals all die salbadernden Kompi-Bios (ich nehme mich da nicht aus, hypte wohl jeden meiner Studentenpupse ins gigantische) und tat das einzig richtige, nämlich das Ganze abzuschalten. Wäre dies so, hat er bis heute Recht behalten. Ich habe übrigens den Eindruck, dass er auf myspace vertreten ist, Elektronische Musik schreibt und ganz glücklich zu sein scheint ohne uns. Ein wenig sympathisch scheint mir das schon. Kurvt man durch die Fotos, stösst man auf ein Bild mit PD. Finde ich immer gut. Dann hört man weiter sehr raue Töne seiner Files in seinen Stücken. Nicht grds. neu, aber ganz interessant, z.T. spannend, an Schedl erinnernd…

    Apropos Klaus Schedl: hier sein kompletter Fleurs des mal Zyklus als Video. Viel Spass! Das erste Stück heisst sogar Vampyr, wenn ich mich nicht irre. Fazit: Totgesagte leben länger!