Auf Flügeln des Gesanges – in memoriam Barbara Buchholz

Barbara Buchholz, 1959-2012

Vorgestern verstarb in einem Krankenhaus in Berlin die Musikerin Barbara Buchholz.

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Ihre vielen Freunde wussten schon seit einiger Zeit um ihre Krebserkrankung, der sie – wie es ihre Art war – mit Zuwendung zum Leben und großer Tapferkeit begegnete. Tatsächlich schien die Krankheit besiegt und Barbara stürzte sich erneut in Unmengen von Konzerten und Projekten. Jetzt hat sie ein plötzlicher Rückfall innerhalb weniger Tage aus dem Leben gerissen.

Ich lernte Barbara vor vielen Jahren kennen, als sie umtriebig und liebenswert Komponisten für das Instrument Theremin (eigentlich „Thereminvox„) zu begeistern versuchte. In ihrer kleinen Berliner Wohnung voller Souvenirs von ihren vielen Weltreisen zeigte sie mir stundenlang faszinierende Spieltechniken und Klänge auf diesem Instrument (dieses Video vermag einen kleinen Eindruck der Klangvielfalt des Instruments zu vermitteln) – ich war begeistert und sagte ihr sofort zu, etwas zu schreiben. In meine Begeisterung hatte sich auch eine gehörige Portion Ehrfurcht gemischt – das Theremin (ein oftmals unterschätztes Instrument, das keineswegs im digitalen Zeitalter durch seine besondere Art des Spielens veraltet ist) sieht leicht zu spielen aus, wenn man es aber selber versucht, merkt man, wie verdammt schwer es ist. Barbara war als sehr bewusst lebender „Körpermensch“ für das Spielen geradezu prädestiniert. Immer strahlte sie beim Spielen eine große Körperbeherrschung und Ruhe aus, scheinbar mühelos gelang es ihr, die gerade beim Theremin besonders schwierige saubere Intonation zu beherrschen.

Gemeinsam mit vielen namhaften Kollegen trug ich kurze Zeit später eine Komposition zu der sehr erfolgreichen CD „Touch! Don’t Touch!“ bei Wergo bei, ein für alle Beteiligten äußerst erfreuliches Projekt mit vielen Konzerten und großer Aufmerksamkeit. Dadurch auf den Geschmack gekommen, gab ich dem Theremin auch eine besondere Rolle in meiner Oper „Linkerhand“, ich war sehr glücklich, dass Barbara trotz der ersten Anzeichen ihrer Krankheit alle Aufführungen spielen konnte.

Barbara hatte als umtriebige und neugierige Musikerin das Theremin relativ spät kennengelernt und es dann intensiv bei Lydia Kavina studiert, wobei ihr ihre vielseitige musikalische Erfahrung ihr sicherlich half, sich schnell zu einer großen Virtuosin des Instruments zu entwickeln. Zusammen mit Lydia Kavina – ebenfalls eine großartige Musikerin auf dem Instrument und direkte Nachkommin des Erfinders – spielte sie auch zahlreiche Konzerte zu zweit – da die Instrumente sehr leicht Interferenzen interzeugen und sich gegenseitig stören standen beide dann immer möglichst weit entfernt voneinander und erfüllten den Raum auf magische Weise mit ätherischen Netzen aus Klang.

Barbara war ein unglaubliches Bündel an kreativer Energie und ständig auf der Suche nach neuen Anregungen und Heruasforderungen. Sie fühlte sich gleichermaßen in der Welt der Neuen Musik wie auch im Jazz, Independent-Pop und freier Improvisation zuhause, in den letzten Jahren arbeitete sie auch zunehmend als Komponistin und Performerin.

Eines Tages rief sie mich an und bat um Rat in einer heiklen Sache: Sie überlegte, sich bei der entsetzlichen Castingshow „Das Supertalent“ zu bewerben: nicht aus Eitelkeit oder Ruhmsucht, sondern allein aus dem Grund, das den meisten Menschen vollkommen unbekannte Instrument bekannter zu machen. Für sie war das eine heikle Gewissensfrage, denn das Theremin wird in den meisten Fällen eher als Instrument völlig verkitschter Populararrangements benutzt, wogegen Barbara ihre ganze Energie für künstlerisch ambitionierte Projekte verwendete. Trotz unserer gemeinsamen Bedenken riet ich ihr nach langem Gespräch mitzumachen – sie tat es und kam bis ins Finale, grandios das erreichend, was sie sich vorgenommen hatte, nämlich möglichst viele Menschen für das Theremin zu begeistern, auch wenn sie dafür für Diete Bohlen „Somewhere Over The Rainbow“ spielen musste, was nicht das Schönste aller Schicksale ist. In der Folge konnte sie sich vor Konzertanfragen kaum noch retten, machte aber dennoch das weiter, was ihr am liebsten war: freie, vollkommen ungebundene Musik, gespielt auf einem der freiesten Instrumente überhaupt.

Wir hatten gemeinsam noch viel vor – gerade eben hatte ich sie Jan Fabre für ein gemeinsames Projekt in Antwerpen vorgestellt, der so begeistert von ihr war, dass er sie nach kurzem Gespräch am Flughafen und einer spontanen Vorführung ihres Instruments in der Wartehalle vom Fleck weg engagierte (was auch mit ihrer ganz besonderen Ausstrahlung und physischen Präsenz zu tun hatte, die Fabre als Theatermensch sofort wahrnahm). Es wird nun nicht mehr dazu kommen, und das macht mich unendlich traurig.

Musik zu machen ist gerade dann, wenn es gewagte, experimentelle und ungewöhnliche Musik ist, eine Lebensentscheidung, keine bloße Beschäftigung. In diesem Sinne hat Barbara ihr Leben perfekt gelebt, denn genau dieser Entscheidung hat sie alles gewidmet: mit Liebe, mit Hingabe, mit Leidenschaft.

Sie wird mir fehlen. Sie wird uns fehlen.
Sie wird fehlen.

Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. Miriam sagt:

    Als ich sie 2009 beim „Supertalent“ gesehen und das Theremin zum ersten Mal gehört habe, war ich überwältigt. Ich habe ihr auch kurz eine Mail geschrieben, mich dafür bedankt, dieses tolle Instrument vorgestellt und mich so tief berührt zu haben und ihr anbei noch vorgeschlagen, vielleicht mal ein Lied von Sigur Rós darauf zu spielen. Sie meldete sich dankend zurück und sagte „Danke für den Tipp. Ich werde es mal versuchen. Sigur Rós mag ich auch sehr gerne.“ Ich habe mich sehr gefreut. Am meisten habe ich immer davon geträumt mal mit meiner Violine mit ihr zusammen zu spielen. Schade, dass es dazu nie mehr kommen wird….aber immer, wenn ich selber „Over the Rainbow“ spiele, höre ich meinem „geistigen Ohr“ (nennt man das so? Ich spiele noch nicht allzulange…) immer ihr Spiel auf dem Theremin.
    Man spürt bei der Wortwahl des Textes sehr, wieviel Schmerz dir ihr Tod bereitet haben muss. Mich (auch wenn ihr nur ein „Zuhörer“ war und Barbara niemals so kannte wie du) hat das auch sehr getroffen. Es ist traurig, dass gerade die guten Menschen, die unsere schnelllebige Gesellschaft quasi erleuchten und ihr ein wenig Ruhe und Zeit für sich schenkt, so früh gehen müssen.

    Mit vielen, lieben Grüssen

    Miriam