„We write symphonies“ (Donald Trump)

Ist hier weitgehend ohne Beachtung geblieben, diese kleine Äußerung des Präsidenten der USA, die er anlässlich seines Besuches in Polen fallen ließ. Wir schreiben Sinfonien! Ach ja? Wenn er doch bloß Komponist geblieben wäre, dieser Mr. Trump. Oder besser nicht, denn den Klang seiner Denkmalruinen der Tonkunst hört man in Charlottesville. Da schreiben „wir“ Sinfonien, Donald! Vor allem Du. Und man möchte sie lieber nicht haben, Deine Sinfonik aus Gewalt und Rassismus.

Wir leben im „Zeitalter der Sinfonie“, das ist nicht mehr zu bestreiten. Donald Trump ist nicht allein mit seiner unsäglichen Versinfonisierung der westlichen Welt. Für jeden noch so zweifelhaften oder eigenartigen Zusammenhang muss die „Sinfonie“ herhalten.

Hier die rein subjektive Top 5 der Sinfonien.

Platz 5: Die Heil-Sinfonie

Das hat neben der „Sinfonie der Tausend“ eine ganz eigene Qualität. Denken wir auch an die Heil-Sinfonien von MyEric (Uraufführung 2013). Da ist man noch ganz musikalisch unterwegs. Heileluja, heile, heile Gänschen. Ehrlich gesagt hat sich bei mir der Magen umgedreht, als ich davon das erste Mal erfuhr. Der Begriff ist – auch wenn es vielleicht Frauke Petry wie beim Begriff des „Völkischen“ sieht – vernutzt. Da gibt es kein Zurück. [Alle Heil-Stellen bei Wagner, im BBoM von Arno Lücker gesammelt.]

Platz 4: „Symphonie der Hengste“

Sinfonie der Hengste

Sinfonie der Hengste

„Mit der Symphonie der Hengste findet wieder ein einmaliges und etabliertes Sommerhighlight im Nordrhein-Westfälischen Landgestüt statt. Die Besucher dürfen sich am 11. und 12. August darauf freuen, die Warendorfer Hengste zu „Pop meets Classic“ sprichwörtlich tanzen zu sehen.“

Die meinen im Grunde also eher Ballett oder etwas ähnliches. Nur klingt das natürlich mehr nach Tütü und Spitzenschuhen statt nach Hufen und Potenz. Man könnte sich natürlich darüber freuen, wie Begriffe aus dem Lexikon der Musik in die Alltagswelt eingewandert sind. Wer sich die Hufe beschlagen lässt, wird auch keine Berührungsänsgte haben, in ein Konzert in seiner Gegend zu gehen, wo es Alpensinfonien zu hören gibt. Dafür noch geeigneter scheint aber …

Platz 3: Elbsinfonie

Elbsinfonie

Elbsinfonie

Mit Speck fängt man Töne. Schamlos, wie man sich hier des Rufs eines Tempels der Kultur andient. Süß muss es sein. Ich vermute ja, dass da wieder einmal die Deutsche Orchestervereinigung dahinter steckt, die mit allen Mitteln die Klassik-Wende herbeiredet. Die Dinge funktionieren ja immer raffiniert unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Dabei ist aber gar nicht so sicher, ob die Konnotation mit einem partiell gar nicht so leckeren Fluss wirklich funktioniert. So ein bisschen Fischgeschmack wenn die Nordsee in die Mündung drückt, dürfte dabei sein. Ein bisschen rechte Pisse, wenn die Elbe durch Sachsen und Sachsen-Anhalt wabert. Jedenfalls nicht mein Geschmack.

Bleiben wir gleich bei Hamburg und nähern uns einer der vermutlich längsten Sinfonien der Welt mit einer Spielzeit von 76 Minuten, nee, warte, Stunden!

Platz 2: Sinfonie der Gewalt

Sinfonie der Gewalt

Sinfonie der Gewalt

Wieder Hamburg, das heimliche Wien des Nordens. Man muss schon einigermaßen verdreht denken, wenn man die Vorgänge anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg als Sinfonie beschreibt. Man kommt hier nicht umhin, an Walter Benjamin zurückzudenken, der vor einer Ästhetisierung der Politik gewarnt hat, bzw. deren Folgen beschrieb. Dazu gibt es einen Essay („Rechtspopulismus als Ästhetisierung der Politik“) von Beate Meierfrankenfeld, der auf dem Kultursender des Bayerischen Rundfunks gesendet wurde und dankenswerterweise nachzulesen ist. Ob jetzt und wie weit Beethovens Neunte mitspielte, ist dann auch nur noch ein Detail.

Platz 1: Donald Trump „We write symphonies“

Jetzt aber schreiben vor allem amerikanische Rassisten die Melodien, nach denen Donald Trump zu „tanzen“ gedenkt nachdem er sie ihnen vorgepfiffen hat. Da wird einem schon mehr als schwummerig, das klingt eher nach einer Drohung. Nach solchen Sinfonien ist einem dann gleich gar nicht. Und das dürfte auch wenig von allen Sinfonikern von Format geteilt werden. Darum nehme ich ihm auch gleich seinen ersten Platz wieder weg. Und sein Amt am liebsten auch. Solche Sinfonien will kein Mensch schreiben.

Martin Hufner
Chefmitarbeiter bei |

seit 1997 chefökonom der kritischen masse und netzbabysitter der nmz.

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