Es gibt keine Krise der Klassik (IV)

Die Krise der Klassik – oder: Warum innovative Konzertformate?

Heute also – nach den Teilen I, II und III – der letzte Teil meines Beitrages.

Zurück zu Tröndle – und seinen Mutmaßungen hinsichtlich einer vermeintlichen „Krise der Klassik“ oder der „Krise des klassischen Konzerts“. Ein wenig genauer wird Tröndle dann doch noch bei seiner Suche nach „Schuldigen“ für die „Krise der Klassik“. Schuld sind nämlich die „Musikdramaturgen“. Tröndle schreibt: Die klassischen Aufgaben des Musikdramaturgen, wie z. B. die konzeptionelle und beratende Begleitung einer Aufführung/eines Konzerts, die Besetzungsplanung, die produktionsbezogene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Beschaffung von Notenmaterialien, Kontaktpflege zu Künstlern, Betreuung der künstlerischen Gäste u.v.m., lassen selten eine Arbeit am Aufführungskontext zu […], auch wenn der Begriff Musikdramaturg am ehesten solch eine praxisorientierte, musikwissenschaftlich-künstlerische Forschungspraxis erwarten lassen würde. [Martin Tröndle: Von der Ausführungs- zur Aufführungskultur, in: Martin Tröndle (Hg.): Das Konzert. Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form, 2. erw. Auflage, Bielefeld 2011, S. 21-41, S. 22]

Ich muss mich wundern. Weiß Tröndle etwa nicht genug über den Musikbetrieb – und wie es dort wirklich zugeht? Ich habe als Dramaturg beispielsweise noch nie einen Künstler „betreut“. Ich begrüße „meine“ Künstler gerne persönlich. Aber die „Betreuung“? Das ist – man glaubt es nicht – Aufgabe der Künstlerbetreuer, die meist aus den Bereichen Veranstaltungsmanagement kommen. Außerdem ist mehr oder weniger jeder Dramaturg heutzutage aufgefordert, über Aufführungskontexte, innovative Konzertformate und so weiter nachzudenken. Jedenfalls alle Dramaturgen, die jetzt neu eingestellt werden. Es mag ältere Dramaturgen geben, die die üblichen Reihen an den Häusern betreuen und vielleicht nicht mehr über andere Aufführungskontexte nachdenken sollen oder wollen. Aber die Schuld liegt ganz sicher nicht bei den Musikdramaturgen. Die Schuld liegt viel eher bei Zeitgenossen wie Tröndle selbst, die aus einer mir nicht ganz klaren Motivation heraus Innovationen fordern – und dazu natürlich erst einmal eine „Krise“ diagnostizieren müssen.

Ich habe mich dann schon gefragt, was Tröndle eigentlich will. Ob er mal ein Beispiel nennt für seine Motivation, das alles auf die Beine zu stellen. Und das war mir sogar sympathisch. Denn: Später in seinem Band „Das Konzert“ schreibt Tröndle – kein Witz – von einem Konzert des Kammermusikfestivals „Musikalischer Sommer Ostfriesland“ in einer Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert, wo angeblich keine Routine zu spüren und alles „frisch“ war. Latent fordert Tröndle also eine immer frische, immer besondere Aura. [Ebd., S. 25] Und: Um diesen magischen Moment [in dem oben beschriebenen Konzert], in dem Musik plötzlich kollektiv bedeutungsvoll wird, um das ‚Konzert als ästhetisch-soziales Ereignis’, soll es in diesem Band gehen. [Ebd., S. 26]

Später fasst Tröndle zusammen: Soll die Kunstmusik wieder Anschlussfähigkeit zu ihrer Umwelt gewinnen können, muss sie ihrer eigenen Musealisierung entgegen wirken, neue Aufführungsformen entwickeln und ihre Rolle in der Gesellschaft zeitgemäß definieren.

Tröndle will also das Besondere, das Emotionale einer Aufführung im Sinne einer Stärkung der Ausführung – und schreibt resümierend: Orientieren wir uns zu sehr an einer glanzvollen Vergangenheit, die wir immer wieder beschwören, aber dabei die Gegenwart und die Zukunft aus den Augen verlieren? Haben sich mit dem Alter vieler Musikinstitutionen Werte und Normen verfestigt, die sich zwar in der Vergangenheit bewährt haben, aber bei veränderten Besuchererwartungen und Umweltbedingungen heute nur bedingt zum Erfolg führen? [Ebd., S. 37]

Was hat das Eine denn mit dem Anderen zu tun?

Diese besonderen Aufführungen erlebe ich überall. In der ganz normalen Philharmonie, im Konzerthaus – und, klar, auch mal bei einem Festival in einer 800 Jahre alten Dorfkirche. Aber was hat das mit der Gegenwart und der Zukunft des klassischen Konzerts zu tun?

Besondere Aufführungen kann man nicht erzwingen. Sonst wird es zwanghaft. Und der Trend geht ja – und den befördert Tröndle durch die Herausgabe solcher Sammelbände – weg vom Besonderen. Die Yellow Lounge will „cool“ sein, will sich mit dem Intellektuell-Szenigen der Klassik schmücken. Aber besondere, intime Aufführungen? Habe ich da noch nicht erlebt. Und ich gehe da auch nicht mehr hin.

An anderer Stelle wird es dann aber noch interessant: Am Ende des – ansonsten unerträglichen – Interviews mit dem Yellow-Lounge-DJ David Canisius sagt dieser: Eines ist ganz klar, die Klassik ist nicht in der so oft zitierten Krise, sondern vielmehr die Menschen, die die Klassik machen, stecken in einer großen Krise, weil sie phantasielos und phlegmatisch sind. Dies ist ein grundlegender Denkfehler. Borniertheit und Einfallslosigkeit dominieren diese Szene. Und diejenigen, die dies verstanden haben und nicht zu diesem Personenkreis zählen, haben auch keine Schwierigkeiten. Wer sich in unserem Zeitalter nicht verändert und weiterentwickelt oder neue Wege beschreitet, wird am Ende kein [sic!] Chance haben. [David Canisius, Martin Tröndle: David Canisius im Gespräch mit Martin Tröndle. Die Yellow Lounge denkt das Forum Konzert neu, in: Martin Tröndle (Hg.): Das Konzert. Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form, 2. erw. Auflage, Bielefeld 2011, S. 293-98, S. 298]

Ein letztes Beispiel für den Fehler, den „wir“ machen, indem wir die Klassik zwanghaft in eine Krise hineinreden. Wir vergleichen E mit U. Und sind neidisch auf das U. Ein weiteres Beispiel: Anfang Dezember 2014, also vor wenigen Wochen, veröffentlichte, das Festival „Heidelberger Frühling“ – auf Initiative der mir vorher nicht bekannten „Gesellschaft für innovative Musikforschung“ – zusammen mit der, und irgendwie finde ich das erstaunlich, Popakademie Baden-Württemberg einen Forschungsbericht mit dem Titel „Klassik-Konzert 2025“. Eine ziemlich knappe, jeweils sehr kurz formulierte Statement-Studie, grafisch sehr aufwendig layoutet. Vorangegangen war der Studie eine Konferenz zum Thema „Innovation“ im Bereich des klassischen Konzerts.

Ein Auszug aus dem Feedback: Lernen von anderen Formaten muss das Credo sein! ‚Warum funktionierte Woodstock‘, warum funktionierte ‚Wacken‘? Was wäre dort zu lernen? [Klassik-Konzert 2025, Forschungsbericht 03.12.14, Heidelberger Frühling, Popakademie Baden-Württemberg, Gesellschaft für innovative Marktforschung, S. 2]

Es ist schon kurios. Offensichtlich wollten hier einige Teilnehmer der Evaluation sich unbedingt einmal während eines Klassik-Konzertes in den Schlamm werfen. Bei Regen, mit viel Alkohol, anderen Drogen und weiteren Exzessen. Endlich mal Spaß, totale Verausgabung und die absolute Partizipation. Wollen wir das? (Nein, ich möchte still sitzen. Ich will Kontemplation.)

In einer anderen Aussage dieser Studie heißt es – das abschließend zur latenten Motivation Einiger aus dem Klassik-Betrieb: Was sind variable Parameter des Klassik-Betriebs (z. B. Inhalt, Form der Darstellung, Raum, Kommunikation zwischen Künstler und Zuschauer) und wie können sie für das Klassik-Konzert im Jahr 2025 auf die Gesellschaft angepasst werden? [Ebd. S. 3]

Ich will keine Anpassung. Klassische Konzertmusik ist mit der Institution „Konzert“ entstanden. So entstand Musik, die eben genau für diesen Anlass da ist: um still, konzentriert gehört zu werden. Weder an der Musik noch an der Institution muss etwas verändert werden!

Konzerte im völlig lichtlosen Raum – wie es das Solistenensemble Kaleidoskop unter der Regie von Sabrina Hölzer seit ein paar Jahren in verschiedenen Ausgaben ermöglicht – und andere Erlebnisformen von (auch und vor allem Neuer) Musik: all das liebe ich. Aber ich brauche das ja alles nicht, um „endlich mal locker und hip“ zu sein, sondern weil es eben andere Erlebnisformen sind. Eine Bereicherung. Keine Alternative – und schon längst keine Konkurrenz zum normalen Konzert. Ich fordere Formate, die Musik intensiv hörbar machen. Und ich fordere, dass die Kritik an ganz normalen klassischen Konzerten endlich aufhört.

Konzerte sind großartig. Und bleiben es. Und wir sind in keiner Krise. Und wir sind nicht weniger hip als Popmusik.

Und die innovativen Konzertformen, die es inzwischen gibt, sollten wir als Ergänzung verstehen. Nicht als Konkurrenz.

„Krise der Klassik“: Bitte in meiner Gegenwart nicht mehr!

Arno

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet Arno Lücker als Musiktheater- und Konzert-Dramaturg.

3 Antworten

  1. Lieber Arno Lücker,
    von jemandem, der wie Sie in der Aura der klassischen Konzerte als Instrumentalist, als Komponist, als Teil eines Publikums, als Gestalter – und das alles in einer Person – von Kindes Beinen an zu seiner heutigen Haltung den Konzerten gegenüber gekommen ist und zumindest kaum mal Rückschläge dabei erlitten hat, kann man vielleicht das etwas trotzig wirkende Fazit des vierteiligen Beitrags nicht anders erwarten.

    Als Sie dazu kamen, die lauschende Welt mit einem Geburtsschrei zu begrüßen, war ich schon etwa 33 Jahre lang Publikum. Mein erstes klassisches Konzert, an das ich mich erinnere, war eine Streichquartettserenade unter freiem Himmel. Und in diesen Jahren und bis heute hat sich das Publikum „klassischer“ Musik natürlich geändert und damit auch vieles, das mit Inhalten und Formen von Konzerten zu tun hat. Dazu kommt bei mir eine musikalische Eigenentwicklung, die sicher auch in Interaktion mit Konzerterlebnissen stattgefunden hat. Publikum wurde mir bei all dem nicht liebenswerter, Musik schon.

    Dass Publikum nicht unbedingt liebeswert ist, hat Schönberg schon viel früher gewusst und seinen Verein gegründet, in dem das „Publikum“ kein Publikum sein durfte. Und gerade im Bereich der jeweils „Neuen Musik“ habe ich schon als Schüler und dann als Musikstudent hörend und spielend besondere Formen von Konzerten mit unterschiedlichstem Publikum erlebt. Wenn Sie also heute 2x-Konzerte veranstalten, dann wandeln Sie auf längst gebahnten Pfaden (siehe Schönberg).

    Übrigens: je älter ich wurde, desto weniger habe ich mich einem Konzertbesuch mit einem neben, vor, hinter und über mir sitzenden Publikum ausgesetzt.
    Kontemplation und Konzert – von Ihnen angestrebt und gerühmt – finden sie wirklich in bemerkenswertem Umfang statt? Oder bin nur ich alter Knacker dazu nicht fähig, beides zu vereinen?
    In den Fünfzigern hing ich täglich, nachdem ich als Fahrschüler kurz nach 14.00 Uhr nach Hause gekommen war, am Radio, hörte das klassische Konzert im AFN an und schlang dabei das von der Mutter seufzend servierte Mittagessen hinunter.

    Um es ganz einfach zu sagen: klassische Musik überlebt weiterhin auch ohne Konzerte, zumindest für den einen oder für den anderen Hörer.
    (Ihre 2x-Konzerte habe ich bezeichnender Weise auf Youtube kennengelernt)

  2. Kai Ludwig sagt:

    Das klassische Konzert im AFN – so etwas gab es bei denen also mal? Wäre heute schlicht undenkbar. Was natürlich für sich spricht.

    Könnte man es ein Überleben der klassischen Musik nennen, wenn nur noch die alten Archivbänder auf einen immer enger werdenden Nischenmarkt geworfen werden? Denn auf nichts anderes würde dieses Überlebensszenario hinauslaufen, das ich schon mehrfach in den dunklen Wald des Internets gepfiffen sah.

    Was Tröndle will, scheint mir doch ziemlich klar zu sein: Das Geld zu privaten Veranstaltern umlenken, weil die öffentlich-rechtlichen Institutionen zu doof (phantasielos, phlegmatisch, borniert, einfallslos &cet.) dafür sind, neue Leute anzulocken.

    Was sehe ich da noch bei der gelben Abhängerei: „Clubkultur“ – aaah-ja, das sind die, die nicht jeden reinlassen. Wer von der Türsteherkultur von Berghain und Konsorten weiß, hat auch deshalb die Befürchtung, in den Tempeln der Hochkultur zumindest schief angeschaut zu werden. Und nein, das ist kein Witz, nicht einmal Ironie. Man möchte hier fast schon davor warnen, sich mit dem Teufel zu verbünden.

  3. @Kai Ludwig
    Ja, die Amis in D begriffen die europäische Klassik als zu ihrer Kultur gehörig – und pflegten auch ihre daraus erwachsene klassische Tradition. Die amerikanischen (auch die aus D geflohenen) Komponisten hörte ich erstmals auf Schallplatten im Jugendzimmer des Amerikahauses in Nürnberg.
    Man wollte den Deutschen ja Kultur bringen. (Ich bekam in einem Carepaket u. a. eine Zahnbürste; meine Mutter: „Denken die denn, wir leben auf den Bäumen?“)

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