„Die Wende ging schief“ – ein Buch von H. Johannes Wallmann

Ich erinnere mich genau wie ich vor vielen Jahren mit Reinhard Schulz (Gott habe ihn selig) in Weimar beim via-nova-Festival bei einer Diskussion über DDR-Musik mitwirkte, und es doch eklatant wurde, wie wenig wir beide über das Musiksystem der ehemaligen DDR wussten, und wie viel zu wenig auch über die dort agierenden Komponisten und deren Probleme. Dieser Missstand – nämlich dass der Westen doch im Verhältnis weniger über den Osten weiß als umgekehrt, ist sicherlich weiterhin vorhanden – wie mache Kommentare und Empfindlichkeiten in diesem Blog aus jüngster Zeit belegen.

„Der Ostkomponist – das unbekannte Wesen“, könnte man also sagen, wenn es nicht Menschen wie den Kollegen Johannes Wallmann gäbe, die unermüdlich versuchen, diese Zeit zu dokumentieren und das gängige Bild zu differenzieren. Dabei ist Wallmann ganz sicher kein Ostalgiker – tatsächlich wendet er sich ganz bewußt gegen Tendenzen dieser Art, war er selber doch jemand, der in der DDR immer wieder auf Probleme mit der Obrigkeit stieß, wenn er die Musik machte, die ihn interessierte. Diese Reibung führte schließlich dazu, dass er mit seiner Familie einen Ausreiseantrag stellte, dem schließlich nach jahrelangen Schikanen stattgegeben wurde – ironischerweise kurz vor der Wende und dem Zusammenbruch des DDR-Systems. Im Folgenden musste er erleben, wie manche Mitläufer von früher ihre Karriere ungehindert im Westen fortsetzten, und er selber wiederum einerseits völlig neue Möglichkeiten für die Verwirklichung eigener Projekte bekam (als Bekanntestes ist sicherlich sein Glockenrequiem für Dresden zu nennen, das medial hohe überregionale Aufmerksamkeit erfuhr), andererseits aber auch immer wieder an neue Grenzen stieß, nämlich die der Modalitäten des „freien“ kapitalistischen Musiksystems mit seinen schwer zu durchschauenden Netz aus Verbindlichkeiten und Unverbindlichkeiten, das wir alle so gut kennen.

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Nun hat Wallmann hierüber ein Buch geschrieben: „Die Wende ging schief“, eine Art Mischung aus Autobiographie, Tagebuch und auch philosophischer Spielwiese, in der der Autor seine Erfahrungen fast minutiös und stets mit authentischen Dokumenten belegt schildert. In diesem Buch geht es viel um Wallmanns eigene Musik (was angesichts des autobiographischen Charakters verzeihlich ist), aber eben auch sehr viel um persönliche Erlebnisse mit dem DDR-System, die für jeden Komponisten hochinteressant zu lesen sind. Bizarr zum Beispiel der Moment, in dem sein eigener Kompositionslehrer (der Wallmann stets förderte und schützte) ihn nach außen hin heruntermachen muss, um seine eigene Position zu schützen, ihm dann aber letztlich „unter der Hand“ wiederum hilft, mit persönlichem Risiko. Diese Schizophrenie gehörte zum DDR-Künstleralltag wie der Trabi zum Straßenbild. Auch Wallmanns Zeit als Fagottist in verschiedenen Orchestern der DDR ist hochspannend zu lesen, einfach um zu verstehen wie sich der Alltag eines DDR-Orchestermusikers gestaltete. Angenehm bei diesem Buch ist, dass Wallmann zwar die Dinge beim Namen nennt und nicht beschönigt, andererseits aber auch stets sein Idealismus zu spüren ist, seine Emphase für Musik als eine Kunst, die auch eine Verantwortung zur Wahrheit in sich trägt.

Diese Buch ist daher sehr zu empfehlen – vermag es doch manche Wessi-Bildungslücke über diese Zeit zu schließen, gerade dadurch weil es ein persönlicher Erlebnisbericht, keine Abhandlung ist. Zu bestellen hier:

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

3 Antworten

  1. …das klingt spannend. Wir hatten schon mal 2002 den Verdacht, dass viel Kultur beim Wiedervereinigungs-Boom unter die Räder kommt. Deshalb starteten wir – zusammen mit MDR (damals noch „Kultur“) und BR die stets ungeliebte Reihe ++contrapunkt++.
    Mal reinhören, ist teils ganz aufschlussareich…:
    http://www.contrapunktonline.de/2002/index.php

  2. Sebastian Holzner sagt:

    Bin per absolutem Zufall auf das Buch „Die Wende ging schief“ gestoßen. Lag in Freising frei auf einer Bank von einer Initative für „Bücher zum Kostenlosen-Lesen und weiter geben“. Lag dann einige Tage unbeachtet bei mir in der Wohnung. Jetzt lässt es mich nicht mehr los. Ein hochinteressantes Buch für mich – in allen Bereichen. Als Interessierter für Politik, Gesellschaft und Musik. Noch nie so ein Buch in Händen gehabt! Das Buch ist ein MUSS! Mein aktuelller Stand als „Westgeborener“: sowohl der Westen als auch der Osten Deutschlands hat seine Vergangenheit nie richtige aufgearbeitet, geschweige den aufgeräumt. Wir stehen auf braunem und rotem Sumpf! Alte Seilschaften wurden und werden immer noch weiter „gepflegt“. Die im Widerstand waren, wurden und werden weiter unterdrückt bzw. benachteiligt. Deutschland = Bananenstaat: Im ersten Anschein nicht gleich offen, scheinbar subtil, aber mit etwas Lebenserfahrung und Interesse am Lesen, leicht erkennbar. Oder wer hat noch keine „Behördenerfahrung“ der tieferen Art gemacht?

  3. Roland Mey sagt:

    Am interessanten Buch „Die Wende ging schief“ von H. Johannes Wallmann kritisiere ich nur: Der Buchtitel ist leider falsch gewählt! „Wende“, dieses Wort wurde erstmals von Egon Krenz „verwendet“, schrecklich! Ich spreche von der ddR, der deutschen demokratischen Revolution! Schief ging damals sehr viel – und trotzdem: Wir (Ossis) wurden vom geistigen und wirtschaftlichen Elend befreit – Gott sein Dank! Eine neue Moral der Menschscheit, das war und ist (als Revolutionsergebnis) nicht zu erwarten. Aber dazu haben Johannes Wallmann und Susanne Wallmann jetzt ein noch besseres Buch geschrieben: „Kunst – Eine Tochter der Freiheit? Plädoyer für eine Kulturreformation“. Und die ist dringend nötig, wenn die Menschheit langfristig (komfortabel) überleben will!

    Das trivial-praktische Kernkriterium, um das die hochinteressanten kultur-philosophischen Gedanken des Berliner Komponisten H. Johannes Wallmann kreisen, ist unser aller Wiederverwendbarkeit für einen zukünftigen Diktator und sein Privilegiensystem. Wir (Akademiker) in der DDR waren quasi alle Opportunisten wider Willen, allerdings mit sehr unterschiedlichen Anpassungsgraden an die SED-Diktatur. Dazu empfehle ich das soeben erschienene Buch „Zwischen Humor und Repression – Studium in der DDR – Zeitzeugen erzählen“, Mitteldeutscher Verlag, von Rainer Jork und Günter Knoblauch.
    Wer aber wissen möchte, was gegenwärtig weit über den schwerwiegenden „Opferfall Wallmann“ hinaus an der Hochschule FRANZ LISZT in Weimar konkret falsch läuft und wer diese Verfehlungen zu verantworten hat, der kann das nachlesen im Buch „Defekte einer Hochschulchronik – Die Musikhochschule FRANZ LISZT in Weimar – eine Aufarbeitung“ von Günter Knoblauch und Roland Mey, Mitteldeutscher Verlag (128 S. – Br. – 9,95 €, ab Dezember 2017 im Buchhandel).
    Von der vom Ehepaar Wallmann zu Recht eingeforderten Kultur-Reformation ist die Menschheit leider meilenweit entfernt. Allein die deutschen Medien, die Kurt Masur während und nach seiner Tätigkeit als Kapellmeister der New Yorker Philharmoniker “als Gott in den Himmel geschrieben” haben, die wollen ihn noch immer nicht wieder mit Fähigkeiten und Fehlern “als Mensch auf die Erde zurückschreiben“. Die einfache Methode „Vergötterung eines Menschen“ ist aber hochgefährlich, denn sie führt bei Übertragung von der Kunst auf die Politik – nur ein winziger Schritt – sofort in die nächste gesellschaftspolitische Katastrophe.
    Wenn Sie mehr dazu lesen wollen, dann klicken Sie bitte hier:
    https://books.google.de/books?id=FaQkDwAAQBAJ&pg=PT175&lpg=PT175&dq=#v=onepage&q&f=false
    und hier (nach unten scollen):
    http://operetta-research-center.org/operette-hipp-oder-miefig-new-issue-osterreichische-musikzeitschrift/

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