Mustafa Güler – ein vergessener kurdischer Komponist des 19. Jahrhunderts (Folge 1)

Während einer Reise nach Ankara sichtete ich vor einigen Wochen Musikalien in der Cumhurbaskanligi Millet Kutuphanesi, der „Bibliothek der Nation“. Dort fiel mir ein Konvolut von gedruckten Partituren, aber vor allem handschriftlichen Noten in die Hände, die Mustafa Güler zugeschrieben werden. Über diesen offenbar völlig vergessenen Komponisten möchte ich in den nächsten Monaten hier berichten.
Mustafa Güler (auch kurz „Mustaf“ genannt) wurde am 21. März 1859 in Diyarbakir geboren. Diyarbakir gehörte seit 1515 zum Osmanischen Reich und wurde vor allem kulturell von der kurdischen Gemeinschaft geprägt. Aus einem kurdischen Haushalt stammte auch Güler. Mustafa Gülers Vater war Berham Güler – Mitglied einer Mevlevi-Loge (Tekke) und Kaufmann. Berham Güler wirkte als wirbelnder Derwisch und nahm regelmäßig an Sema-Zeremonien teil – und so ist davon auszugehen, dass der spätere Mustafa Güler von der Kultur der wirbelnden Derwische kompositorisch väterlicherseits geprägt wurde. Jedenfalls künden diverse Mittelsätze seiner fast elf Sinfonien davon. Doch davon später.
Außerdem prägten Mustafa Güler die kurdischen Dengbêj-Sänger, deren epische Gesänge auf den Märkten und bei Festen der Stadt erklangen. Schon als Kind zeigte Mustafa ein außergewöhnliches Gehör und vermochte lange Melodien nach einmaligem Hören nahezu fehlerfrei wiederzugeben. Im Alter von zehn Jahren erhielt er Unterricht bei einem angesehenen Musiklehrer der Stadt, der ihn in die Grundlagen der osmanischen Makam-Lehre, der Rhythmik (Usûl) sowie des Spiels auf der Tanbur und dem Klavier einführte. Das Klavier war in den wohlhabenderen Kreisen des Osmanischen Reiches inzwischen kein unbekanntes Instrument mehr und eröffnete ihm erstmals einen Zugang zur europäischen Harmonik, für die er sich brennend interessierte.
Gülers außergewöhnliches Talent sprach sich rasch herum. Auf Empfehlung örtlicher Gelehrter erhielt Mustafa im Alter von fünfzehn Jahren ein Stipendium, das ihm den Besuch einer Musikschule in Istanbul ermöglichte. Dort studierte er bei namhaften Lehrern Komposition, Kontrapunkt, Instrumentation und Dirigieren. Neben der osmanischen Hofmusik lernte er die Werke weiterer europäischer Komponisten kennen, die im kosmopolitischen Istanbul regelmäßig aufgeführt wurden. Besonders die sinfonischen Werke deutscher und österreichischer Meister hinterließen bei ihm einen tiefen Eindruck.
Während seiner Studienzeit verdiente Güler seinen Lebensunterhalt als Klavierlehrer, Korrepetitor und gelegentlich als Dirigent kleiner Theater- und Salonorchester. Diese praktische Tätigkeit verschaffte ihm wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Sängern und Instrumentalisten und schärfte sein Gespür für klangliche Feinheiten. Nach Abschluss seiner Ausbildung unternahm Mustafa Güler mehrere Studienreisen nach Wien und Leipzig, wo er Konzerte besuchte und den Austausch mit europäischen Musikern suchte. Die Verbindung der spätromantischen Orchestersprache mit den melodischen und rhythmischen Eigenheiten kurdischer und osmanischer Musik wurde zum bestimmenden Merkmal seines späteren Schaffens. Zeitgenossen beschrieben ihn als einen Komponisten, der zwei musikalische Welten miteinander verband, ohne einer von ihnen ihre Eigenständigkeit zu nehmen.
Spannend ist allein der Beginn von Gülers frühem Klavierquartett, das der hochtalentierte Künstler bereits 1875 – also mit 16 Jahren – zu Papier brachte.

Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2025 ist er Dramaturg an der Staatsoper Hannover. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

