Was Kunst ist

Was Kunst ist

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Künstlerinnen und Künstler, ich sage euch:

Macht keine Kunst, weil ihr ein Stipendium haben wollt.

Macht keine Kunst, um eine gute Kritik zu bekommen.

Macht keine Kunst, weil ihr bewundert werden wollt.

Hofft nicht auf die Gnade der Institutionen, denn deren Gnade hängt immer an einem seidenen Faden.

Biedert euch nicht an, bei niemandem. Seid laut und unbequem, wenn niemand laut und unbequem ist. Seid still, wenn die Stille wichtig wird.

Seid die Gegenwelt.

Lasst euch keiner „geregelten Arbeit zuführen“.

Seid das Andere, das Verrückte, das Fremde, das Unheimliche, das Beunruhigende, das Tröstende, das Heilende.

Macht Kunst genau dann, wenn alle sagen, dass niemand sie braucht.

Macht Kunst genau dann, wenn sie unmöglich ist.

Es wird Jahre geben, in denen ihr in Überfülle lebt und es noch nicht einmal merkt, in denen ihr dekadent, akademisch, selbstgefällig und satt werdet. Einige wenige werden dagegen ankämpfen mit ihrer Kunst, und das sind die, die bleiben.

Und es wird Jahre geben, die dunkel sind, in denen ihr an den Rand gedrängt werdet, euch der Mund verboten wird, ihr vielleicht fliehen müsst vor Krieg und Verfolgung, in denen das Überleben ein Kampf ist. Nicht allen wird es gelingen, ihre Stimme zu erheben, aber diese wird lauter hallen als alles andere.

Und das ist das, was bleibt.

Das, was dann gesagt wird ist das, worauf es ankommt.

Die Hohlköpfe kommen und gehen, ihre Namen sind flüchtiger als sie in ihrer erbärmlichen Selbstüberschätzung ahnen. Die Kunst dagegen ist da und wird immer da sein, solange es Menschen gibt.

Kunst ist kein einzelner berühmter Name. Kunst ist das, was unter anderem diesen berühmten Namen hervorgebracht hat.

Kunst ist utopisch.

Kunst ist pragmatisch, clever und frech.

Kunst ist möglich an den unmöglichsten Orten, und ja, man muss nicht dafür seine Seele verkaufen, auch wenn es verlockend scheint.

Kunst ist nicht fucking „völkisch“.

Kunst gehört allen und niemandem allein – nicht den Mächtigen, nicht den Demagogen, nicht der Industrie und vor allem nicht denjenigen, die eine genaue Vorstellung davon haben, was in der Kunst erlaubt sein soll und was nicht.

Wenn euch die Kunst zu „bunt“ ist, dann seid ihr zu grau.

Kunst überlebt alles.

Kunst ist lesbisch.

Kunst ist schwul.

Kunst ist bi, trans und was auch immer.

Kunst ist hetero.

Kunst ist ein Freak.

Kunst ist ein Flüchtling.

Kunst ist die Wahrheit.

Deal with it.

Wenn ihr euch eure Welt geordnet, geregelt und kontrolliert vorstellt, dann wird die Kunst genau das Gegenteil davon sein, ob ihr es wollt oder nicht. Kunst wird über jede Grenze dringen, wird euch verführen und verwirren, wenn ihr es am nötigsten braucht.

Verhängt die Bilder, erklärt uns als „entartet“ oder sittenwidrig, sperrt uns ein, bringt uns um. Am Ende sind wir die, die das letzte Wort haben.

Wir sind die Bitterkeit.

Wir sind die Freude.

Wir sind der Stachel, und wir sind die Rose.

Wir sind der Phönix aus der Asche.

Wir sind das Einzige, was Sinn macht, denn das Leben ist nur dort zu ertragen, wo es uns gibt.

Ihr denkt, ihr braucht uns nicht? Dann stellt euch ein Leben vor ohne Geschichten, ohne Träume, ohne Lieder, ohne Sehnsüchte, ohne Tanz, ohne Bilder, ohne Leidenschaften und ohne Hoffnung.

Stellt euch euer Leben als eine endlose Fließbandarbeit vor, als eine einzige und unerbittliche Existenz, die nichts ist als Existenz. Stellt euch vor, es gäbe nichts mehr zu Lachen, weil sich niemand mehr etwas ausdenkt, über das man lachen kann.

Wir sind nur Menschen, weil es Kunst gibt.

Es geht nicht darum, dass alle Kunst machen. Die, die lauschen und schauen und lesen sind Teil der Kunst genauso wie diejenigen, die die Kunst machen.

Egal, wie hart diese Zeiten sind: wir Künstlerinnen und Künstler müssen uns nicht legitimieren, nicht erklären, nicht entschuldigen. Wir müssen nie erklären, dass wir gebraucht werden, da wir auch nicht hinterfragen müssen, ob wir Beine zum Gehen, Augen zum Sehen oder Nasen zum Riechen brauchen.

Ohne uns ist es shit, so viel ist sicher.

Keine KI kann uns ersetzen, solange diese KI nicht – so wie wir – die Tragik der eigenen Existenz spürt.

Ihr könnt uns nicht bändigen und nicht zähmen. Wenn ihr uns ausrottet, wachsen wir an anderer Stelle nach. Wir sind unbesiegbar gerade dort, wo wir nicht erwünscht sind.

Ohne Kunst gibt es kein Leben, denn Kunst ermächtigt uns, lebendig zu sein.

Warum gibt es Tagträume? Warum beginnen wir auf einem Papier zu kritzeln, wenn wir uns langweilen? Weil wir es gar nicht aushalten würden, einfach nur zu existieren, und gleichzeitig der Flüchtigkeit dieser Existenz ausgesetzt zu sein.

Alles hat seine Zeit.

Aber alles, das vergeht, wird wiedergeboren: In einer Zeile, einer Melodie, einem Pinselstrich.

Kunst ist unser gemeinsames Gedächtnis der Sehnsucht.

Wir müssen uns immer wieder erinnern.

Und wir müssen uns immer wieder neu erträumen.

 

Für Martin Hufner

 

Moritz Eggert

 

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